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Ein gefährlicher Ausflug

Arthur Conan Doyle: Ein gefährlicher Ausflug - Kapitel 2
Quellenangabe
authorArthur Conan Doyle
titleEin gefährlicher Ausflug
publisherVerlag von J. Engelhorn
yearo.J.
translatorF. Mangold
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20181216
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Zweites Kapitel

Der junge Amerikaner zögerte eine Weile und überlegte, ob er nicht hinuntergehen und seine Eindrücke in dem Tagebuche, das er für seine zu Hause gebliebene Schwester führte, aufzeichnen solle. Aber die Cigarren des Oberst Cochrane und Cecil Browns glühten noch in der fernen Ecke des Verdecks, und der Student war von einem großen Wissensdurst und einem eifrigen Streben erfüllt, seine Kenntnisse zu erweitern. Wie er das Gespräch auf den fraglichen Gegenstand bringen sollte, wußte er freilich nicht, aber der Oberst kam ihm sehr bald auf halbem Wege entgegen.

»Kommen Sie her, Headingly,« rief er, indem er ihm einen Deckstuhl zuschob, »hier ist der Ort für ein Gegengift. Ich sehe, daß Ihnen dieser Fardet Politik eingetrichtert hat.«

»Ich erkenne es immer an der vertraulichen Neigung seiner Schultern, wenn er la haute politique behandelt,« meinte der Oxforder Diplomat. »Aber das ist doch in einer Nacht wie diese geradezu ein Frevel! Zu welch einem herrlichen Nokturn in Silber und Blau könnte einen der über der Wüste aufsteigende Mond begeistern! In einem von Mendelssohns Liedern kommt ein Satz vor, der ein solches Bild vollkommen auszudrücken scheint – ein Gefühl des Unendlichen, des Alten, ewig Neuen, das Seufzen des Windes über einer grenzenlosen Fläche liegt darin. Die feinsten Empfindungen, die in Worten nicht wiederzugeben sind, lassen sich immer noch in Accorden und Harmonieen andeuten.«

»Heute abend erscheint das Bild noch wilder und gewaltiger als sonst,« bemerkte der Amerikaner. »Es erweckt in mir dieselbe Empfindung einer erbarmungslosen Kraft, die der Atlantische Ocean an einem düsteren, kalten Wintertage hervorruft. Vielleicht ist es das Bewußtsein, daß wir hier an der Grenze stehen, wo jede Spur von Ordnung und Gesetz aufhört. Wieweit sind wir wohl noch von den Derwischen entfernt, Herr Oberst?«

»Nun, an der arabischen Seite liegt das ägyptische verschanzte Lager von Sarras etwa vierzig Meilen südlich von uns. Dahinter kommen sechzig Meilen eines sehr wilden Landes, ehe man den ersten Derwischposten bei Akasheh erreicht. Dort auf der andern Seite aber liegt nichts zwischen uns und ihnen.«

»Und Abousir liegt auf der andern Seite, nicht wahr?«

»Ja, und deshalb war der Ausflug nach dem Felsen von Abousir auch während des letzten Jahres verboten, allein jetzt ist es ruhiger.«

»Was hindert sie denn, an dieser Seite herabzukommen?«

»Nicht das Geringste,« entgegnete Cecil Brown in seiner teilnahmlosen Stimme.

»Nichts, außer ihrer Furcht. Das Kommen wäre ja natürlich sehr einfach die Schwierigkeit beginnt erst, wenn es sich darum handelt, wieder abzuziehen. Falls ihre Kamele ermüdet sind, werden sie finden, daß das ein schweres Stück Arbeit ist, namentlich wenn ihnen die Besatzung von Halfa mit frischen Tieren auf den Fersen ist. Das wissen sie ebenso gut, als wir, und das hat sie bis jetzt wohl auch davon abgehalten, es zu versuchen.«

»Mit der Furcht der Derwische zu rechnen, erscheint mir aber doch gewagt,« bemerkte Brown. »Wir dürfen nicht aus den Augen verlieren, daß sie nicht denselben Beweggründen folgen, wie andre Leute. Viele von ihnen suchen geradezu den Tod, und sie alle glauben unbedingt und unerschütterlich an das Kismet, das Schicksal. Ihr bloßes Dasein ist eine reductio ad absurdum jeder religiösen Uebertreibung, ein Beweis, wie sicher und unfehlbar sie zur Barbarei zurückführt.«

»Demnach sind Sie der Ansicht, daß diese Leute eine wirkliche Gefahr für Aegypten bedeuten?« fragte der Amerikaner. »Darüber sind nach allem, was ich gehört habe, die Ansichten doch geteilt. Monsieur Fardet, zum Beispiel, scheint nicht zu glauben, daß die Gefahr sehr dringend sei.«

»Ich bin kein reicher Mann,« antwortete Oberst Cochrane nach einer kurzen Pause, »aber ich bin bereit, alles, was ich besitze, darauf zu wetten, daß drei Jahre nach Abzug der englischen Besatzung die Herrschaft der Derwische bis an die Küste des Mittelländischen Meeres reichen würde. Wo bliebe dann die Zivilisation Aegyptens, wo die Hunderte von Millionen Pfund, die in dieses Land gesteckt worden sind? Was würde aus den Baudenkmälern, die alle Nationen als die köstlichsten Ueberlieferungen aus der Vergangenheit ansehen?«

»O, o, Herr Oberst!« rief Headingly lachend, »Sie wollen doch nicht sagen, daß sie die Pyramiden wegschleppen würden?«

»Was sie thun würden, entzieht sich jeder Berechnung. Kein Mensch kommt als Bilderstürmer einem fanatischen Mohammedaner gleich. Das letzte Mal, da sie über dieses Land herfielen, haben sie die Bibliothek von Alexandria verbrannt. Sie wissen doch, daß durch den Koran alle Darstellungen der menschlichen Züge verboten sind; demnach ist eine Statue in ihren Augen stets ein Frevel gegen die Religion. Was liegt diesen Kerlen an den Gefühlen Europas? Je empfindlicher sie diese verletzen können, um so angenehmer ist es ihnen. Die Sphinx, die Kolosse, die Statuen von Abou-Simbel, alles müßte fallen, gerade wie in England die Heiligenbilder vor den Scharen Cromwells in den Staub sanken.«

»Gut,« erwiderte Headingly in seiner langsamen, nachdenklichen Weise, »wenn ich auch zugebe, daß die Derwische Aegypten überwältigen könnten und daß ihr Engländer es seid, die sie daran hindern, so komme ich doch nie über die Frage ins reine, welche Gründe ihr habt, eure Millionen und das Leben eurer Soldaten dafür zu opfern. Was bekommt ihr mehr dafür, als Frankreich oder Deutschland oder irgend ein andres Land, das sich keiner Gefahr aussetzt und keinen roten Heller dafür ausgibt?«

»Es gibt sehr viele Engländer, die sich dieselbe Frage vorlegen,« bemerkte Cecil Brown, »und auch ich bin der Meinung, daß wir jetzt lange genug die Polizisten der Welt gespielt haben. Wir haben die Meere von Seeräubern und Sklavenhändlern gesäubert, und nun thun wir Polizeidienst auf dem Lande gegen Derwische, Briganten und alle möglichen Feinde der Zivilisation. Niemals taucht auf diesem Planeten ein toller Priester oder Wunderdoktor oder sonstiger Fanatiker auf, der seine Anwesenheit nicht dadurch bemerklich machte, daß er den nächsten britischen Offizier niederschießt. Das wird man doch endlich müde. Wenn in Kleinasien die Kurden morden und sengen und brennen, dann will die Welt wissen, weshalb Großbritannien sie nicht im Zaum hält; wenn in Aegypten ein Militäraufstand ausbricht oder ein Jehad im Sudan, dann ist es wieder Großbritannien, das die Geschichte in die Reihe bringen soll, und das alles unter Begleitung von Flüchen von allen Seiten, wie sie ein Polizist zu hören kriegt, der einen Spitzbuben inmitten seiner Spießgesellen greift. Wir bekommen die Rippenstöße und keinen Dank, also warum thun wir es? Europa kann seine schmutzige Arbeit selbst verrichten.«

»Nein,« sagte der Oberst, indem er die Beine übereinanderschlug und sich mit der Entschiedenheit eines Mannes vorbeugte, der seine eigenen, bestimmten Ansichten hat, »da bin ich gar nicht mit Ihnen einverstanden, Brown, und wer ein solches Verfahren befürworten kann, zeigt, daß er doch eine sehr beschränkte Auffassung von unsern nationalen Pflichten hat. Ich bin der Meinung, daß hinter den nationalen Interessen und der Diplomatie und alle dem eine gewaltige führende Macht steht, eine Vorsehung, die immer das Beste aus jeder Nation herausschlägt und es zum Nutzen des Ganzen verwendet. Hört eine Nation auf, diesem Rufe zu folgen, dann ist es Zeit, daß sie sich auf ein paar Jahrhunderte ins Krankenhaus zurückzieht, wie Spanien oder Griechenland – ihre sittliche Kraft hat sie verlassen. Menschen oder Nationen sind nicht in die Welt gestellt worden, um nur das zu thun, was angenehm und nutzbringend ist. Oft sind sie dazu berufen, etwas auszuführen, was sowohl unangenehm, als auch ohne Nutzen für sie ist. Wenn es aber unverkennbar recht ist, es zu thun, dann ist es einfach eine Pflichtvergessenheit, wenn sie es ungethan lassen.«

Headingly nickte zustimmend.

»Jede Nation hat ihren besonderen Beruf,« fuhr der Oberst fort. »Deutschland herrscht auf dem Gebiete des abstrakten Gedankens, Frankreich auf dem der Kunst, der Litteratur und des Schönen, aber wir und ihr – denn die englisch sprechenden Nationen gehören zusammen, mag auch die New York Sun noch so sehr darüber zetern – wir und ihr finden bei unsern besten Männern eine höhere Auffassung der sittlichen Verantwortlichkeit und der Pflichten gegen das Ganze, als sie in irgend einer andern Nation anzutreffen ist. Das sind aber gerade die beiden Eigenschaften, die zum Führen einer schwächeren Rasse erforderlich sind. Denen kann man weder durch abstrakte Gedanken, noch durch die schönen Künste helfen, sondern nur durch den sittlichen Sinn, der die Wage der Gerechtigkeit im Gleichgewicht hält. Auf diese Weise regieren wir Indien. Wir sind durch eine Art von Naturgesetz dahin gekommen, wie sich die Luft in einen luftleeren Raum stürzt. An allen Ecken und Enden der Welt werden wir unsern Interessen und wohl überlegten Absichten entgegen in dieselben Geschichten verwickelt, und so wird es euch ebenfalls ergehen. Der Druck des Geschicks wird euch zwingen, ganz Amerika von Mexiko bis zum Kap Horn in Verwaltung zu nehmen.«

Headingly stieß ein leises Pfeifen aus.

»Was Sie da sagen, würde unsern Jingoes gefallen, Herr Oberst,« sagte er. »Die würden Sie in den Senat wählen und Sie zum Mitglied des Ausschusses für die auswärtigen Angelegenheiten machen.«

»Die Welt ist klein und wird jeden Tag kleiner. Sie ist ein einziger lebendiger Körper, und sowie eine Stelle vom Krebs angefressen wird, so genügt das, den ganzen Leib krank zu machen. Für unehrliche, spitzbübische und tyrannische Regierungen ist kein Platz darauf. Solange deren vorhanden sind, werden sie immer Quellen der Unruhen und Gefahren sein, aber es gibt viele Rassen, die der Verbesserung unfähig zu sein scheinen, und wir können nicht erwarten, daß sie sich aus sich selbst heraus eine gute Regierung geben. Was ist da zu machen? In früheren Zeiten war es der Plan der Vorsehung, sie durch irgend eine lebensfähigere Rasse zu vernichten – es erschien ein Attila oder ein Tamerlan und schnitt die abgestorbenen Aeste aus; jetzt ist an dessen Stelle das barmherzigere Verfahren getreten, daß den schwächeren Nationen Herrscher oder sogar nur Ratgeber aus einer mehr fortgeschrittenen Rasse gesetzt werden. Das ist der Fall mit den centralasiatischen Khanaten und bei den Schutzstaaten in Indien. Wenn diese Arbeit gethan werden muß, und wenn wir die dazu geeignete Rasse sind, dann wäre es meiner Ansicht nach eine Feigheit und ein Verbrechen, wenn wir uns darum herumdrücken wollten.«

»Wer aber soll darüber entscheiden, ob ein bestimmter Fall für eure Einmischung geeignet ist?« warf der Amerikaner ein. »Unter einem solchen Vorwande könnte sich ein raubsüchtiges Land jedes andern bemächtigten.«

»Ereignisse, unerbittliche und unvermeidliche Ereignisse werden das entscheiden. Nehmen Sie doch einmal diese ägyptische Geschichte als Beispiel. Im Jahre 1881 dachte unser Volk an nichts weniger, als an eine Einmischung in Aegypten, und doch sah uns das folgende Jahr 1882 im Besitze des Landes, und in der Kette der aufeinanderfolgenden Ereignisse war uns niemals freie Wahl gelassen. Ein blutiger Aufstand in den Straßen von Alexandria und das Aufstellen von Geschützen zur Vertreibung unsrer Flotte – die, wie Sie nicht vergessen dürfen, in Erfüllung feierlicher Vertragsverpflichtungen dort anwesend war – führte zur Beschießung. Diese veranlaßte die Landung, um die Stadt vor der Zerstörung zu retten, und die Landung bewirkte eine Ausdehnung der militärischen Maßnahmen, und – da sind wir und haben das Land am Halse. Damals, als die Unruhen ausbrachen, baten und beschworen wir Frankreich und andre Mächte, zu kommen und uns zu helfen, Ordnung zu schaffen, aber alle ließen uns im Stiche, solange es Arbeit zu verrichten gab, obgleich sie jetzt sehr bei der Hand sind, auf uns zu schimpfen und uns Schwierigkeiten zu machen. Als wir Anstalten trafen, Aegypten zu räumen, brach diese wilde Derwischbewegung aus, und wir saßen fester, denn je. Wir haben nie nach der Aufgabe verlangt, aber jetzt, wo sie uns aufgehalst worden ist, müssen wir sie auch vollständig durchführen. Wir haben Gerechtigkeit, Ehrlichkeit der Verwaltung und Schutz für die Armen im Lande eingeführt, so daß es in den letzten zwölf Jahren größere Fortschritte gemacht hat, als während der langen Zeit seit dem Einfall der Moslem im siebenten Jahrhundert. Mit Ausnahme des Gehaltes für ein paar hundert Beamte, die ihr Geld im Lande verzehren, hat England weder unmittelbar, noch mittelbar auch nur einen Schilling dabei verdient, und ich glaube nicht, daß Sie in der Geschichte eine erfolgreichere und selbstlosere Arbeit finden werden.«

Nachdenklich vor sich hinblickend, stieß Headingly den Rauch seiner Cigarette aus.

»An der Back Bay zu Boston befindet sich in der Nähe des unsern ein andres Haus, das das ganze Straßenbild verdirbt,« sagte er. »Auf dem Beischlag stehen alte Stühle unordentlich umher, die Dachschindeln sind lose, und der Garten ist eine Wildnis, aber ich wüßte doch nicht, ob die Nachbarn das Recht hätten, dort einzudringen, darin umherzulaufen und es nach ihrem Geschmack in Ordnung zu bringen.«

»Auch nicht, wenn es in Brand geriete?« fragte der Oberst.

Lachend erhob sich Headingly von seinem Deckstuhle.

»Ja, sehen Sie, Herr Oberst, es paßt nicht zur Monroe-Doktrin,« entgegnete er. »Jedoch fängt mir an klar zu werden, daß das moderne Aegypten ganz ebenso interessant ist, als das alte, und daß Ramses der Zweite nicht das letzte lebende Wesen in diesem Lande war.«

Die beiden Engländer erhoben sich und gähnten.

»Ja, es ist eine launenhafte Grille des Geschicks, Leute von einer kleinen Insel im Atlantischen Ocean in das Land der Pharaonen zu schicken, um es zu verwalten,« bemerkte Cecil Brown. »Auch wir werden es wieder verlassen, und keine Spur von uns wird unter den Zeichen der verschiedenen Rassen zurückbleiben, die dieses Land beherrscht haben, denn es ist nicht die Gewohnheit der Angelsachsen, ihre Thaten in Felsen einzugraben. Die Ueberbleibsel der Kanalisierung von Kairo werden wohl das dauerndste Merkmal unsrer Anwesenheit hier sein, es sei denn, daß in tausend Jahren irgend ein Gelehrter bewiese, daß sie das Werk der Hyksoskönige war.«

Von der Kajüte drangen Mrs. Belmonts weiche irische Laute und die tiefe Stimme ihres Gatten, des grauhaarigen Scharfschützen, herauf. Mr. Stuart, der dicke Geistliche aus Birmingham, feilschte um einige Piaster mit einem lärmenden Eseljungen, und die andern mischten sich mit Neckereien und Ratschlägen in die Verhandlungen. Dann erstarb der Lärm, die Gesellschaft, die auf Deck gesessen hatte, kam die Treppe herab, es wurde allerseits gute Nacht gewünscht, dann hörte man noch das Schließen von Thüren, und nun lag der kleine Dampfer schweigend, dunkel und regungslos im Schatten des hohen Ufers von Halfa. Und jenseits dieses letzten Vorpostens der Zivilisation und ihrer Bequemlichkeiten dehnte sich strohfarbig und träumerisch die grenzenlose, wilde, unveränderliche Wüste im Mondschein aus, auf der die Schatten der Hügel große schwarze Flecken bildeten.

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