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Ein gefährlicher Ausflug

Arthur Conan Doyle: Ein gefährlicher Ausflug - Kapitel 10
Quellenangabe
authorArthur Conan Doyle
titleEin gefährlicher Ausflug
publisherVerlag von J. Engelhorn
yearo.J.
translatorF. Mangold
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Zehntes Kapitel

Der letzte Reiter des die Araber verfolgenden Kamelcorps war an den befreiten Gefangenen vorüber, und diese waren einige Augenblicke allein. Jetzt aber rief sie eine muntere Stimme an, ein roter Turban erschien zwischen den Felsen, und darunter lächelte das breite Gesicht des Geistlichen aus Birmingham. Da er wegen seines verletzten Beines einer Stütze bedurfte, trug er eine starke Lanze, und diese mörderische Krücke in Verbindung mit seiner friedlichen Erscheinung brachte ein widerspruchvolles Bild hervor, wie das eines Schafes, dem plötzlich Krallen gewachsen sind. Ihm folgten zwei Neger mit einem Korbe und einem Wasserschlauche.

»Kein Wort, kein Wort!« rief er, während er auf die Gruppe zu hinkte. »Ich weiß ganz genau, wie Ihnen zu Mute ist, denn ich habe es selbst durchgemacht. Bring das Wasser, Ali! Nur einen halben Becher, Miß Adams; nach einer Weile sollen Sie mehr haben. Nun kommen Sie an die Reihe, Mrs. Belmont. Du meine Güte, ihr armen Kinder, wie mein Herz für euch blutet! Hier in dem Korbe ist Brot und Fleisch, aber Sie müssen zuerst sehr mäßig sein,« schloß er, vor Vergnügen kichernd und seine dicken Hände reibend, während er den Essenden zusah.

»Aber die andern?« fragte er, wobei sein Gesicht wieder ernst wurde.

»Wir haben sie bei den Quellen zurückgelassen,« antwortete der Oberst, den Kopf schüttelnd. »Ich fürchte, es ist aus mit ihnen.«

»Ach was!« rief der Geistliche mit barscher Stimme, woraus aber doch der Ausdruck der Besorgnis herauszuhören war. »Sie haben doch gewiß gedacht, daß auch mit mir alles aus wäre, aber hier bin ich trotz alledem. Man darf niemals die Hoffnung aufgeben. Ihres Gatten Lage war bei weitem nicht so verzweifelt als meine.«

»Als ich Sie da oben auf dem Felsen stehen sah, meinte ich, es sei ein vom Fieberwahn hervorgerufenes Trugbild,« sagte der Oberst, »und wenn die Damen Sie nicht auch erkannt hätten, würde ich niemals gewagt haben, meinen Augen zu trauen.«

»Ja, ich muß mich wohl recht einfältig benommen haben. Kapitän Archer hat mir auch Vorwürfe gemacht und gesagt, ich hätte fast seinen Plan vereitelt und verdiente, vor ein Kriegsgericht gestellt und auf dem Fleck erschossen zu werden, aber als ich die Araber unter mir hörte, vergaß ich alles über meinem Verlangen, zu sehen, ob ihr noch am Leben wäret.«

»Ich wundere mich nur darüber, daß Sie nicht ohne Kriegsgericht erschossen worden sind,« antwortete der Oberst. »Aber wie, in aller Welt, sind Sie denn hierher gelangt?«

»Zu der Zeit, als ich preisgegeben wurde, war uns die Abteilung von Halfa dicht auf den Fersen, und die hat mich aufgefunden. Ich muß einen heftigen Fieberanfall gehabt haben, denn die Leute sagten mir später, sie hätten mich schon aus weiter Entfernung singen hören, und daß nächst der Führung Gottes mein Gesang sie zu mir geleitet habe. Sie hatten zum Tragen von Verwundeten ausgerüstete Kamele bei sich, und am nächsten Tage war ich ganz wieder hergestellt. Nachdem wir die Abteilung von Sarras getroffen hatten, blieb ich bei der, weil ein Arzt bei ihr war. Meine Wunde ist ganz unbedeutend, und der Doktor ist der Ansicht, daß dieser Aderlaß einem Manne von meiner Lebensweise nur zuträglich sei. Und nun, meine Freunde,« – das Zwinkern verschwand aus seinen großen braunen Augen, und sie wurden sehr feierlich und demütig – »wir sind alle dem Tode sehr nahe gewesen, und unsre lieben Gefährten hat er vielleicht wirklich ereilt, aber dieselbe Macht, die uns errettete, kann auch sie bewahren. Deshalb lasset uns beten, daß das geschehen möge, wobei wir aber nicht vergessen wollen, daß wir Gottes unerforschlichen Ratschluß als das Beste und Weiseste hinnehmen müssen, wenn sie trotz unsres Gebetes nicht gerettet werden.«

So knieten die Geretteten denn zwischen den schwarzen Felsen nieder und beteten, wie einzelne von ihnen noch nie im Leben gebetet hatten. Auf dem Verdeck des Korosko war es so unterhaltend gewesen, oberflächlich und weltweise über das Gebet zu sprechen, dort auf den bequemen Deckstühlen war es so leicht gewesen, sich stark zu fühlen und auf die eigene Kraft zu pochen, während der leichtfüßige arabische Kellner Kaffee und Liqueure herumreichte, aber sie waren mit rauher Hand aus diesem gemächlichen Dasein herausgerissen und gegen die furchtbaren, harten Thatsachen des Lebens geschleudert worden. Zerschlagen und erschüttert, wie sie waren, mußten sie jetzt etwas haben, woran sie sich halten konnten. Ein blindes, unerbittliches Schicksal war ein zu furchtbarer Glaube. Nein, es mußte eine läuternde Macht geben, die vernünftig und mit einem bewußten Zwecke handelt – eine lebendige und thätige Kraft, die sie aus ihrem alten ausgefahrenen Gleise gerissen, ihnen die Bedeutungslosigkeit ihrer kleinlichen sektirerischen Anschauungen gezeigt und sie auf einen besseren Weg gezwungen hatte – das war es, was zu erkennen sie diese letzten Schreckenstage gelehrt hatten. Schwere Hände waren plötzlich auf sie herniedergefallen, hatten sie in neue Formen gepreßt und sie zu neuen Zwecken geeignet gemacht. Ließ sich eine solche Kraft durch menschliche Bitten beeinflussen? Wie dem auch sein mag, sie alle beteten, wie ein Liebender betet, wie ein Dichter dichtet: aus dem tiefsten Grunde ihrer Seele, und als sie sich erhoben, erfüllte sie das wunderbare, unerklärliche Gefühl innern Friedens und innerer Ruhe, das nur das Gebet uns verschaffen kann.

»Still!« rief Cochrane plötzlich. »Hört ihr?«

Die enge Schlucht hinan hallte das Knattern einer Salve und dann wieder und wieder eine. Der Oberst trippelte unruhig umher, wie ein altes Soldatenpferd, das das Schmettern der zur Attacke rufenden Trompete vernimmt.

»Wo können wir sehen, was vorgeht?«

»Kommen Sie mit, wenn ich bitten darf. Hier führt ein Pfad auf die Spitze, und wenn mir die Damen folgen wollen, wird ihnen jeder peinliche Anblick erspart bleiben.«

Der Geistliche geleitete sie so, daß sie die Leichen, die in großer Zahl auf dem Boden der Schlucht lagen, nicht zu sehen bekamen. Zwar war das Gehen auf dem steinigen Pfade sehr beschwerlich, aber sie erreichten endlich doch den Gipfel. Nun lag die ungeheure wellige Ebene der Wüste unter ihnen, und im Vordergrunde entrollte sich ein Bild, das wohl keins von ihnen je vergessen wird. In der vollkommen klaren und trockenen Luft und von dem Hintergrunde der gleichmäßig braunen harten Wüste hob sich jede Einzelheit so deutlich ab, als wären Bleisoldaten innerhalb Handbereichs auf einem Tische vor ihnen aufgestellt.

Die Derwische, das heißt, was von ihnen noch übrig war, ritten in einiger Entfernung in einem wirren Haufen dahin, wobei ihre mit den bekannten braunen Lappen besetzten Kaftane und ihre roten Turbane bei jedem Schritt der Kamele schwankten. Den Eindruck von Besiegten machten sie jedoch keineswegs, denn ihre Bewegungen waren sehr überlegt, aber sie sahen sich um und veränderten ihre Stellung, als ob sie unsicher wären, wie sie verfahren sollten. Daß sie verblüfft waren, konnte nicht Wunder nehmen, denn bei der Erschöpfung ihrer Kamele war ihre Lage so hoffnungslos, als man sie sich nur vorstellen kann. Die Abteilung von Sarras war aus der Schlucht hervorgebrochen und abgesessen, während ihre Reittiere in Trupps von je vieren gehalten wurden und die Schützen in einer langen Linie, über der eine wollige, gekräuselte Wolke von Rauch schwebte, im Sande knieten und Salve auf Salve auf die Araber abgaben, die das Feuer von ihren Kamelen aus in planloser Weise erwiderten. Aber es war weder die Gruppe der Derwische, noch die lange Linie der knieenden Schützen, worauf die Augen der Zuschauer gerichtet waren. Weit draußen in der Wüste erschienen drei Schwadronen des Kamelcorps von Halfa in einer geschlossenen Masse, die sich, als sie sich näherte, ruhig wie auf dem Uebungsplatze entwickelte und einen Halbkreis bildete, so daß die Araber zwischen zwei Feuer genommen wurden.

»Seht ihr das?« rief der Oberst.

Jetzt knieten die Kamele der Derwische alle gleichzeitig nieder, und die Reiter sprangen ab. Vor ihnen stand eine stattliche Gestalt, die nur der Emir Wad Ibrahim sein konnte, und die Zuschauer sahen, wie er einen Augenblick knieend betete. Dann erhob er sich, nahm etwas von seinem Sattel, legte es mit großer Sorgfalt auf den Sand und stellte sich darauf.

»Ein braver Mann!« rief der Oberst. »Er steht auf seinem Schaffell.«

»Was wollen Sie damit sagen?« fragte Stuart.

»Jeder Araber führt auf seinem Sattel ein Schaffell bei sich. Wenn er einsieht, daß seine Lage vollkommen hoffnungslos, er aber doch entschlossen ist, bis zum Tode zu kämpfen, so nimmt er dieses Schaffell und stellt sich darauf. Seht ihr, sie alle stehen auf ihren Schaffellen. Jetzt nehmen sie weder Schonung an, noch gewähren sie welche.«

Das Trauerspiel, das die Gesellschaft vor Augen hatte, näherte sich rasch seinem Höhepunkte. Die Abteilung von Halfa rückte vor, und ein Ring von Feuer und Rauch umgab das Häuflein der knieenden Derwische, die das Feuer so gut erwiderten, als sie konnten. Viele von ihnen waren bereits gefallen, aber der Rest lud und schoß mit dem unerschütterlichen Mute, der sie stets zu würdigen Gegnern gemacht hat. Ein Dutzend am Boden liegende sandfarbige Uniformen bewiesen, daß der Sieg für die Aegypter nicht ohne Opfer erkauft war. Jetzt ertönte ein schmetterndes Trompetensignal bei der Abteilung von Sarras, das sogleich von den Halfaern beantwortet wurde. Auch deren Kamele hatten sich gelagert, und die Leute bildeten eine einzige lange, gebogene Linie. Eine letzte Salve, und dann rannten sie von beiden Seiten mit dem hinreißenden Geschrei vorwärts, das die Schwarzen aus ihrer mittelafrikanischen Heimat mitgebracht haben. Einen Augenblick lang sah man einen tollen Wirbel von Gestalten, erhobenen und niedersausenden Gewehrkolben und blitzenden Lanzenspitzen, die in der rollenden Staubwolke hin und her schossen. Jetzt schmetterte abermals die Trompete, die Aegypter zogen sich zurück und sammelten sich mit der Raschheit vorzüglich geschulter Truppen, und nun sah man, wie im Mittelpunkte des von ihnen gebildeten Kreises der tapfere Barbar und seine Reiter jeder auf seinem Schaffell lagen. Das neunzehnte Jahrhundert war am siebenten gerächt!

Vom Entsetzen gelähmt und doch unwiderstehlich angezogen, hatten die drei Frauen auf das aufregende Bild unter ihnen hinabgeschaut, und jetzt schluchzten Sadie und ihre Tante zusammen. Der Oberst hatte sich ihnen mit einigen ermutigenden Worten zugewandt, als seine Blicke auf Mrs. Belmonts Antlitz fielen. Wie aus Elfenbein geschnitzt, so weiß und fest waren ihre Züge, und ihre großen Augen hatten einen Ausdruck, als ob sie in einer Art von Verzückung sei.

»Gerechter Himmel, Mrs. Belmont, was fehlt Ihnen denn?« rief der Oberst.

Statt aller Antwort wies sie über die Wüste, und dort, jenseits des Schlachtfeldes erschien Meilen und aber Meilen entfernt eine kleine Abteilung von Berittenen, die auf sie zukam.

»Wahrhaftig ja, da ist jemand! Wer mag das nur sein?«

Sie alle strengten ihre Augen an, aber die Entfernung war so groß, daß man weiter nichts erkennen konnte, als daß es etwa ein Dutzend Kamelreiter waren.

»Das sind die Teufel, die im Palmenhain zurückgeblieben waren,« sagte Cochrane. »Es kann niemand anders sein, aber wir haben wenigstens einen Trost: sie können nicht wieder entkommen: sie laufen dem Löwen geradeswegs in den Rachen.«

Allein Mrs. Belmont schaute noch mit derselben gespannten Aufmerksamkeit und demselben Elfenbeingesicht nach den Kommenden, bis sie plötzlich mit einem Jubelschrei die Hände in die Luft hob.

»Sie sind's! Sie sind's!« schrie sie dabei. »Sie sind gerettet! Oberst, sie sind's! O, Miß Adams, Miß Adams, sie sind es ja!« schloß sie und tanzte mit funkelnden Augen wie ein aufgeregtes Kind auf der Felsplatte umher.

Anfänglich vermochten ihre Gefährten ihr nicht zu glauben, denn sie sahen nichts, aber es gibt Augenblicke, wo unsre sterblichen Sinne schärfer sind, als sich Leute, die sie niemals mit ihrem ganzen Herzen und ihrer ganzen Seele gebraucht haben, vorstellen können. Mrs. Belmont war bereits den felsigen Pfad hinabgerannt, um zu ihrem Kamel zu gelangen, bevor die andern das unterscheiden konnten, was ihre frohe Botschaft schon lange verkündet hatte. An der Spitze der sich nähernden Gesellschaft schimmerten drei weiße Punkte in der Sonne, was nur drei europäische Hüte sein konnten. Die Reiter trabten flott, und als sich ihre Gefährten in Bewegung setzten, um ihnen entgegenzueilen, vermochten sie deutlich zu sehen, daß es wirklich Belmont, Fardet und Stephens nebst dem Dragoman Mansoor und dem verwundeten sudanesischen Soldaten waren. Als sie näher kamen, erkannten die Wartenden, daß ihre Begleitung aus Tippy Tilly und den andern ehemaligen ägyptischen Soldaten bestand. Belmont eilte voraus, seinem Weibe entgegen, aber Fardet hielt an und ergriff die Hand des Obersten.

»Vive la France! Vivent les Anglais!« schrie er aus vollem Halse. »Tout va bien, n'est ce pas, Colonel? Ah, canaille! Vivent la croix et les Chrétiens!«

Während Fardet seiner Freude in unzusammenhängenden Worten Luft machte, war auch der Oberst so begeistert, als es sein angelsächsisches Temperament zuließ. Mit den Armen in der Luft herumfuchteln konnte er freilich nicht, aber er lachte in der nervösen, gackernden Weise, die bei ihm der Ausdruck der höchsten Aufregung war.

»Mein lieber Junge, ich bin höllisch froh, euch alle wiederzusehen, denn ich hatte euch schon aufgegeben und habe mich nie im Leben so über etwas gefreut, als daß ich mich geirrt habe. Wie seid ihr denn entkommen?«

»Das ist alles Ihr Werk.«

»Mein Werk?«

»Ja, mein Freund, und ich habe mich mit Ihnen gezankt – ich undankbarer Mensch, der ich bin!«

»Aber wie habe ich euch denn gerettet?«

»Sie waren es, der die Verabredung mit diesem prächtigen Tippy Tilly und den andern getroffen hat, daß sie so und so viel haben sollten, wenn sie uns alle wieder lebendig nach Aegypten brächten. Als es dunkel wurde, schlichen sich Tippy Tilly und seine Freunde beiseite und versteckten sich im Palmenhain. Nachdem sich dann der Haupttrupp entfernt hatte und wir zurückgeblieben waren, kamen sie mit ihren Gewehren zum Vorschein und schossen die Leute nieder, die den Befehl hatten, uns zu ermorden. Daß sie auch den verfluchten Mulah erschossen haben, thut mir eigentlich leid, denn ich glaube, es wäre mir noch gelungen, ihn zum Christentum zu bekehren. Und jetzt will ich mich mit Ihrer Erlaubnis beeilen, Miß Adams zu umarmen, denn Belmont hat seine Frau, und Stephens hat Miß Sadie, folglich muß ich den mir gebührenden Anteil an Teilnahme bei Miß Adams holen.«

*

Vierzehn Tage waren dahingegangen, und das Boot, das den befreiten Vergnügungsreisenden zur Verfügung gestellt worden war, befand sich schon weit nördlich von Assiout. Am nächsten Morgen erwarteten sie, Baliani zu erreichen, von wo sie den Schnellzug nach Kairo benutzen wollten, so daß es also der letzte Abend ihres Zusammenseins war. Mrs. Schlesinger und ihr Kind, denen es gelungen war, unverletzt zu entrinnen, waren schon von der Grenze hinabgeschickt worden. Miß Adams war nach den ausgestandenen Mühseligkeiten, Aufregungen und Entbehrungen sehr krank gewesen und hatte erst heute vom Arzt die Erlaubnis erhalten, nach dem Diner an Deck zu gehen. Jetzt saß sie magerer, ernster und gütiger als je in einem großen Stuhle, während Sadie an ihrer Seite stand und ihr eine warme Decke um die Schultern legte. Mr. Stephens brachte den Kaffee und stellte ihn auf ein neben den Damen stehendes Tischchen. An der andern Seite des Decks saßen Belmont und seine Frau in stillem Glück beisammen. Monsieur Fardet lehnte sich gegen die Brüstung und beschuldigte die englische Regierung der Nachlässigkeit, weil sie ihre Herrschaft an der ägyptischen Grenze nicht strenger handhabe, während der Oberst stramm aufgerichtet vor ihm stand, wobei das rote Ende einer Cigarre unter seinem Schnurrbarte hervorleuchtete.

Aber was war nur mit dem Oberst vorgegangen? Wer, der nur den zusammengebrochenen alten Mann in der Libyschen Wüste gesehen hatte, würde ihn wiedererkannt haben? Vielleicht zeigten sich in seinem Schnurrbarte ein paar graue Härchen, aber das Haupthaar war wieder von dem glänzenden Schwarz, das auf der Ausreise so viel bewundert worden war. Mit steinernem Gesicht und in wenig entgegenkommender Weise hatte er bei seiner Rückkehr nach Halfa die vielen Beileidsbezeigungen über die furchtbare Art, wie die ausgestandenen Entbehrungen ihn alt gemacht hätten, entgegengenommen. Dann war er in seiner Kajüte verschwunden und nach einer Stunde genau so wieder erschienen, wie er vor dem furchtbaren Augenblick ausgesehen, der ihn von den mannigfachen Hilfsmitteln der Zivilisation getrennt hatte. Und dabei schaute er sich mit so drohend fragender Miene um, daß niemand den sittlichen Mut hatte, eine Bemerkung über dieses moderne Wunder zu machen. Allein von dieser Zeit an konnte man wahrnehmen, daß der Oberst, und wenn er auch nur hundert Schritte in die Wüste zu reiten hatte, seine Vorbereitungen stets damit begann, daß er ein kleines schwarzes Fläschchen in die Rocktasche steckte. Diejenigen jedoch, welche ihn in den Jahren am genauesten kannten, wo sich ein Mann von seiner besten Seite zeigt, sagten, der alte Soldat habe das Herz und das Gemüt eines jungen Mannes, und wenn er auch das Aussehen eines jungen Mannes bewahren wolle, so sei das im Grunde genommen nicht so unvernünftig.

Hier oben auf dem Verdeck war es sehr erfrischend und gemütlich, und kein Geräusch außer dem leisen Plätschern des Wassers an den Seiten des Dampfers störte die Stille. Die rote Nachglut färbte noch den westlichen Himmel und spiegelte sich purpurn in dem breiten, glatten Flusse. Auf den Sandbänken konnte man die schattenhaften Umrisse großer Reiher sehen, und etwas weiter vom Ufer entfernt glitt eine Gruppe von majestätischen Dattelpalmen vorüber. Wieder erschienen die silbernen Sterne, dieselben hellen, gelassenen, unerbittlichen Sterne, zu denen sich die müden Augen unsrer Freunde so oft in den langen Nächten ihres Wüstenmartyriums erhoben hatten.

»Wo werden Sie denn in Kairo absteigen, Miß Adams?« fragte Mrs. Belmont endlich.

»In Shepheards Hotel, glaube ich.«

»Und Sie, Mr. Stephens?«

»O, entschieden in Shepheards Hotel.«

»Wir gehen nach dem Hotel Continental, aber ich hoffe, wir werden einander nicht aus den Augen verlieren.«

»Ich möchte Sie nie wieder aus den Augen verlieren, Mrs. Belmont,« rief Sadie. »Ach, Sie müssen nach Amerika kommen, und Sie sollen mal sehen, wie schön wir Sie unterhalten werden.«

Mrs. Belmont lachte in ihrer angenehmen, weichen Art.

»Wir haben unsre Pflichten in Irland zu erfüllen, und wir sind schon zu lange fern davon gewesen. Mein Mann hat sein Geschäft, und ich habe meinen Haushalt, und sie beide gehen ohne uns zu Grunde. Außerdem,« fügte sie schelmisch hinzu, »wäre es gar nicht unmöglich, daß wir Sie gar nicht dort antreffen würden, wenn wir nach Amerika kämen.«

»Jedenfalls müssen wir uns alle einmal wieder zusammenfinden,« sagte Belmont, »und wenn es auch nur wäre, um unser Abenteuer noch einmal durchzusprechen. Das wird in einem oder zwei Jahren leichter sein, als jetzt, wo das Erlebte uns noch zu nahe liegt.«

»Und doch wie fern und traumartig kommt einem alles vor!« bemerkte seine Frau. »Die Vorsehung ist sehr gütig, daß sie unangenehme Erinnerungen in unserm Geiste verwischt. Ich habe jetzt das Gefühl, als ob mir alles in einem früheren Dasein zugestoßen wäre.«

Fardet hielt sein mit einer Binde umwickeltes Handgelenk in die Höhe.

»Der Körper vergißt nicht so leicht, als der Geist. Dies kommt mir gar nicht traumartig vor, Mrs. Belmont.«

»Wie hart ist es, daß einige gerettet worden sind, und andre nicht. Wenn Mr. Brown und Mr. Headingly jetzt bei uns wären, würde ich auch nicht den geringsten Kummer in der Welt haben,« rief Sadie. »Warum sind sie dahingerafft worden, und wir nicht?«

Mit einem offenen Buche in der Hand und einem dicken Stocke bewaffnet, womit er sein verletztes Bein unterstützte, kam jetzt auch Mr. Stuart aufs Verdeck gehumpelt.

»Warum wird die reife Frucht gepflückt, und die unreife am Baume gelassen?« sagte er als Antwort auf den Ausruf des jungen Mädchens. »Wir wissen nichts über den geistigen Zustand dieser beiden lieben jungen Leute, aber der große Gärtner pflückt seine Früchte seiner Kenntnis gemäß. Hier habe ich einen Satz gefunden, den ich euch gern vorlesen möchte.«

Auf dem Tische stand eine Laterne, neben der er sich nun niederließ. Das gelbe Licht beschien seine dicke Wange und den roten Schnitt seines Buches, und die feste, kräftige Stimme erhob sich über das Rauschen des Wassers: »›Saget Dank, die ihr erlöset seid durch den Herrn, die er aus der Not erlöset hat; und die er aus den Ländern zusammengebracht hat, vom Aufgang, vom Niedergang, von Mitternacht und vom Meere; die irre gingen in der Wüste, in ungebahntem Wege, und fanden keine Stadt, da sie wohnen konnten, hungrig und durstig und ihre Seele verschmachtet; und sie zum Herrn riefen in ihrer Not, und er sie errettete aus ihren Aengsten, und führete sie einen richtigen Weg, daß sie gingen zur Stadt, da sie wohnen konnten; die sollen dem Herrn danken um seine Güte, und um seine Wunder, die er an den Menschenkindern thut.‹ Psalm 107, Vers 2–8. Es klingt, als hätte der göttliche Sänger unsern besonderen Fall im Auge gehabt, und dabei ist es doch vor zweitausend Jahren geschrieben worden,« fuhr der Geistliche fort, indem er das Buch schloß. »In jedem Zeitalter ist der Mensch gezwungen worden, anzuerkennen, daß ihn eine führende Hand leitet. Ich meinesteils glaube nicht, daß die göttliche Eingebung vor zweitausend Jahren aufgehört hat. Als Tennyson mit solcher Innigkeit und Ueberzeugung schrieb:

›Doch hoffen wir, daß irgendwie,
Das Gute sei des Bösen Ziel,‹

da hat er eine Botschaft wiederholt, die ihm eingegeben worden war, gerade wie Micha und Hesekiel eine rauhere und urwüchsigere Botschaft wiederholt haben, als die Welt noch jünger war.«

»Das ist alles ganz schön und gut, Mr. Stuart,« warf der Franzose ein, »daß Sie mich auffordern, Gott zu preisen, weil er mich aus der Gefahr errettet und vor Leiden bewahrt hat, aber was ich wissen möchte, ist, warum er, wenn er alles anordnet, was geschieht, mich überhaupt diesen Gefahren und Leiden ausgesetzt hat? Meiner Ansicht nach habe ich eher Veranlassung zum Tadel, als zum Lobe. Sie würden sich nicht bei mir bedanken, daß ich Sie aus dem Flusse ziehe, wenn ich es war, der Sie vorher hineingeworfen hatte, nicht wahr? Das Höchste, worauf Sie für die Vorsehung Anspruch erheben können, ist, daß sie die Wunde geheilt, die sie selbst vorher geschlagen hat.«

»Daß das eine schwierige Frage ist, ziehe ich gar nicht in Abrede,« antwortete der Geistliche langsam, »und niemand, der sich nicht selbst täuscht, kann es in Abrede ziehen. Das ist das Geheimnis aller Geheimnisse – die Frage der Sünde und des Leidens, die eine ungeheuere Schwierigkeit, die der Grübler lösen möchte, um die Handlungen Gottes zu rechtfertigen. Aber nehmen Sie einmal unsern eigenen Fall als Beispiel. Ich meinerseits bin mir ganz klar über das, was unsre Erfahrung mich gelehrt hat. Mit aller Demut spreche ich es aus, daß ich jetzt eine klarere Erkenntnis meiner Pflichten habe, als je zuvor. Unsre Erfahrung hat mich gelehrt, daß ich weniger zurückhaltend sein soll, das auszusprechen, was ich für wahr halte, und weniger träge, das auszuführen, was zu thun ich als meine Pflicht erkannt habe.«

»Und mich,« rief Sadie, »hat sie mehr gelehrt, als mein ganzes früheres Leben zusammengenommen. Ich habe so viel gelernt und so viel, was ich früher gelernt hatte, als falsch erkannt, daß ich ein ganz andres Geschöpf geworden bin.«

»Ich habe früher meine eigene Natur nicht verstanden,« sagte Stephens, »und ich kann kaum behaupten, daß ich eine Natur hatte, die zu verstehen der Mühe wert war. Ich habe für Dinge gelebt, die ganz unwesentlich sind, und wesentliche darüber vernachlässigt.«

»O, es schadet niemand etwas, wenn er einmal ordentlich zusammengerüttelt wird,« bemerkte der Oberst. »Ein Leben, worin einem alle Annehmlichkeiten als selbstverständlich auf dem Präsentierteller gereicht werden, muß dann und wann eine Unterbrechung erleiden; sonst ist es jedem Menschen schädlich.«

»Mein fester Glaube ist es,« sagte Mrs. Belmont ernst, »daß sich nicht ein Einziger unter uns befindet, der während dieser Tage in der Wüste sich nicht auf eine größere Höhe emporgeschwungen hätte als je zuvor. Wenn einst unsre Sünden gewogen werden, wird uns dieser selbstlosen Tage wegen viel vergeben werden.«

Eine Zeitlang blieben sie alle in nachdenklichem Schweigen sitzen, während sich die scharlachroten Streifen am Himmel zum Karmin vertieften, die grauen Schatten schwarz wurden und die wilden Vögel in dunkeln, V-förmigen Linien über die matte, metallische Fläche des großen, leise strömenden Nils strichen. Ein kalter Ostwind hatte sich erhoben, und einige von der Gesellschaft standen auf, um das Deck zu verlassen. Stephens beugte sich zu Sadie hinüber.

»Entsinnen Sie sich noch, was Sie mir versprochen haben, als Sie in der Wüste waren?« flüsterte er.

»Was war das?«

»Sie sagten, wenn Sie gerettet würden, wollten Sie versuchen, in Zukunft einen andern glücklich zu machen.«

»Dann muß ich wohl Wort halten.«

»Sie haben schon Wort gehalten,« antwortete er, und ihre Hände fanden sich im Schatten des Tisches.

 

Ende.

 

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