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Wilhelm Heinrich von Riehl: Ein ganzer Mann - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
booktitleEin ganzer Mann
authorWilhelm Heinrich Riehl
firstpub1897
year1898
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleEin ganzer Mann
pagesIII-X, 1-415
created20040812
sendergerd.bouillon
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Fünftes Kapitel.

Umkehr und Rückzug.

Die Kunde von dem Testament des Herrn von Rohda mit seiner seltsamen Klausel flog des andern Tages wie ein Lauffeuer durch die Stadt. Die Wirkung war vorauszusehen.

Die meisten Einwohner Frankenfelds hatten sich bis dahin gar nicht um die Altertümer des wunderlichen Freiherrn bekümmert; wir wissen, daß sie dieselben nicht einmal aus Neugier in müßigen Sonntagnachmittagsstunden betrachtet hatten. Jetzt aber erklärte jeder Frankenfelder mit einemmal das Museum für überaus merkwürdig, großartig, für einen Juwel der Stadt. Die Leute würden zu Hunderten hingeströmt sein, wenn die Räume nicht von Gerichts wegen geschlossen gewesen wären.

Das Museum durfte um keinen Preis den neidischen Groß-Runensteinern zufallen, und der Preis, daß der Turm stehen bleiben solle, war ja eigentlich gar keiner. Viele, die den Haderturm bisher sehr häßlich gefunden, fanden ihn jetzt überaus romantisch, eine Zierde der Stadt.

Die geschlagenen Fledermäuse atmeten wieder auf; ihre Partei wuchs von Tag zu Tag. Verschämt verschwiegene Anhänger traten jetzt auf's tapferste laut hervor, Gleichgültige bekannten Farbe und Hunderte vordem sehr laute Mauerbrecher bekehrten sich unversehens ganz still zu den Fledermäusen.

So geht es in einer Kleinstadt? Ach nein! in den Großstädten geht es gerade so, und in den Staaten und Reichen desgleichen. Es waltet hier ein ehernes Naturgesetz von Ebbe und Flut des Parteilebens: nur kann man dasselbe im Kleinbilde noch klarer und angenehmer studieren als im großen.

Allgemeines Staunen herrschte über die ganz ungeahnte That des Freiherrn. Man zerbrach sich den Kopf, warum er sich bei Lebzeiten niemals zur Partei der Fledermäuse bekannt und ihnen doch nach seinem Tode so überraschend zum Siege verholfen habe.

Den wahren Grund wußte nur des Verstorbenen Schwester, aber sie sagte ihn jetzt noch nicht; sie hat ihn erst später gelegentlich ausgesprochen.

Ihr Bruder haßte alles Parteiwesen. Er sprach wohl manchmal: »Die charaktervollen Führer jeder Partei sind Karikaturen; ihre blinde Gefolgschaft pflegt dann um so charakterloser zu sein und kann diese Charakterlosigkeit wieder bis zur Karikatur steigern. Was Bedeutendes in der Welt geschaffen wird, das schaffen Einzelne. Die Stärke der Menschheit liegt in wenigen großen Persönlichkeiten, nicht in der Masse; aber die schöpferischen Führer müssen sich die Massen dienstbar zu machen wissen, gleichviel ob bei Lebzeiten oder erst Jahrhunderte nach dem Tode. Im Dreinschlagen ist die Masse respektabel, im Denken miserabel. Tausend gescheite Leute, von denen jeder Einzelne für sich das Gescheiteste thun könnte, sind, wenn sie als Masse denken und urteilen, nur ein großer Esel.«

So ungefähr lauteten die Bekenntnisse des alten Sonderlings, welche er nur gegen seine Schwester aussprach. Er hatte dabei so viel Humor, daß er versicherte, weil er alles Parteiwesen fliehe, so sei er selber auch wieder eine Karikatur.

Sein Herz hing an der Erhaltung des Haderturmes, der ihm neben seinem Museum die größte Merkwürdigkeit von ganz Frankenfeld dünkte. Er wußte, daß eine schlagende Thatsache stärker auf die Masse wirkt als alle Gründe; diese Thatsache hatte er mit seinem Testament geschaffen, und er war stolz darauf. Allein sein Stolz wäre doch beinahe zu schanden geworden, wenn ihm nicht das Glück zu Hilfe gekommen wäre, welches in aller großen und kleinen Politik eine so gewaltige Rolle spielt. Herr von Rohda war nämlich zu seinem und des Turmes Glück gerade dann gestorben, als sein trefflicher Einfall den Turm eben noch retten konnte. Hätte der Tod noch einige Wochen gewartet, so wäre das Testament nutzlos gewesen.

Der Vollzug des Testamentes ging seinen geweisten Weg. Der Magistrat hatte zunächst zu erklären, ob die Stadt das Vermächtnis unter der auferlegten Bedingung annehmen wolle. Diese Frage war keine Frage mehr; die Wucht der völlig umgewandelten öffentlichen Meinung zwang gebieterisch zur Annahme.

Der Bürgermeister, welcher in seinem stillen Sinn das Testament samt dem Testator dahin wünschte, wo der Pfeffer wächst, hatte die angenehme Aufgabe, seinen von der Staatsregierung bereits genehmigten Antrag auf Abbruch des Haderturmes wieder zurückzuziehen und vielmehr den Fortbestand des Turmes »für ewige Zeiten« zu befürworten.

Er entledigte sich dieser Aufgabe nicht ohne Anmut.

Zunächst hielt er nochmals alle Gründe aufrecht, die er früher für den Abbruch des Turmes geltend gemacht hatte. Denn eine Behörde muß bei ihren Anträgen stets recht gehabt haben, selbst wenn sie hintendrein bekennt, daß sie eigentlich unrecht hatte und nunmehr das Gegenteil beantragt. Des weiteren setzte dann der Bürgermeister ebensoviele Gegengründe gegen seine früheren Gründe, und Gründe wie Gegengründe findet man immer, wenn man sie nur suchen will. Das nennt man eben »findig« und dieses Wort ist heutzutage ein großes Lob. Zuletzt aber warf der Bürgermeister den Grund in die Wagschale, welcher der einzig aufrichtige war und dessen Wucht alle andern Gründe überflüssig machte, nämlich, daß man ohne den Turm das Museum nicht erhalten könne und daß man für diesen Schatz sogar drei weitere Türme stehen lassen würde, wenn solche noch vorhanden wären.

Das fünfunddreißig Folioseiten starke Aktenstück hatte den erwarteten Erfolg. Die Erbschaft wurde angetreten und trotz des herkömmlich langsamen Ganges solcher Geschäfte, konnte die Ueberführung des Museums in den Haderturm doch bereits für den Herbst in Aussicht genommen werden.

Um den hochherzigen Stifter noch besonders zu ehren, beschloß der hohe Rat, das alte winkelige »Hadergäßchen«, welches seitwärts auf den Turm zielte, in »Rohdastraße« umzutaufen, eine Ehrung, die eben so sinnig als billig war; denn sie kostete der Stadt nur zwei neue Straßenschildchen.

Die Häupter der Mauerbrecher hielten sich übrigens noch keineswegs für ganz geschlagen. Sie kamen zu geheimer Sitzung im Gartenhause des Herrn Saß zusammen und beschlossen, daß das Museum unbedingt nur durch einen der ihrigen im Turme aufgestellt und verwaltet werden dürfe. Die triumphierenden Fledermäuse hatten nämlich alsbald das Haupt ihrer Partei, den Professor Capelius, den gelehrtesten Altertumskenner der Stadt, als den einzig befähigten, als den schlechthin notwendigen Mann für diese Aufgabe bezeichnet, und Capelius war seiner Berufung so gewiß, daß er bereits einen Plan für die chronologisch-systematische, nach den neuesten Gesetzen der »Museologie« geordnete Einrichtung des Museums im Turme entworfen und im »Frankenfelder Tagblatt« hatte abdrucken lassen. Er konnte dies in der That einzig und allein, weil er einzig und allein unter seinen Mitbürgern die Schätze des Museums kannte.

Um so leidenschaftlicher protestierten die Mauerbrecher gegen den Anmaßlichen. Sie führten das entscheidende Wort auf dem Rathause und wollten nur den treuesten und mutigsten Mann aus ihrer eigenen Mitte an die Spitze stellen. Dieser »treueste und mutigste« Mann aber konnte nur derjenige sein, welcher unentwegt bis zuletzt für die Preisgebung des Vermächtnisses geeifert hatte, damit der Haderturm falle: – Alfred Saß.

Er war in vielem Betracht zum Vorstand eines Museums befähigt. Zwar hatte er sich bis dahin niemals um Altertümer bekümmert, dieselben vielmehr verachtet und gewiß keine Museologie studiert. Doch dies konnte nur nützlich sein: um so unbefangener trat er seiner neuen Aufgabe gegenüber. Es hat ja auch andere berühmte Museumsvorstände gegeben, die vorher in ihrem Leben an kein Museum gedacht hatten. Sie lernten schwimmen, nachdem sie ins Wasser geworfen worden waren.

Des ferneren war Alfred Saß sehr reich. Dem armen Professor Capelius hätte man ein kleines Gehalt geben müssen, von dem reichen Rentner dagegen erwartete man, daß er ehrenhalber nichts nehme, sondern noch recht viel schenke für sein Ehrenamt.

Herr Saß war völlig unabhängig, beruflos, er hatte im Grunde gar nichts zu thun und glühte doch von Thatendrang. Beim Museum konnte er ihn befriedigen.

Er stand im schönsten Mannesalter – vierzig Jahre – und war unverheiratet, ja er war noch niemals verliebt gewesen. Das gleiche erzählte man nur noch von einem einzigen älteren Herrn der Stadt, vom Freiherrn von Rohda, der mit siebzig Jahren starb ohne jemals verliebt gewesen zu sein. Vermutlich würde derselbe seine Altertümer gar nicht gesammelt haben, wenn er eine Braut oder eine Frau gehabt hätte, und ebenso vermutlich konnte man die treue Pflege dieser Altertümer von einem Manne erhoffen, dessen Herz sich niemals einem weiblichen Wesen erschlossen hatte.

Trotzdem besaß Alfred Saß unbestreitbar Geschmack und Kunstsinn. Er hatte sich das schönste Haus erbaut, den schönsten Garten angelegt, und sein Haus war in gewissem Sinne auch ein kleines Museum: wertvolle Gemälde lebender Künstler, gute plastische Werke schmückten die Räume; den Hausrat des Salons bildeten Meisterstücke des modernen Kunstgewerbes. Saß war viel gereist und kannte die Welt; er sprach englisch und französisch so gut wie deutsch und sah auch die Welt bei sich im Hause, indem er durchreisende Künstler, Schriftsteller und andere Berühmtheiten bei sich empfing und zur Tafel lud, die den meisten Gästen für noch etwas geschmackvoller galt als der Wirt und sein Haus. Mit dem Grafen Saint Simon, dem großen Sozialisten, hielt er es für die angenehmste Methode, den Geist aller Künste und Wissenschaften zu erforschen, indem man die bedeutendsten Vertreter derselben mit den köstlichsten Speisen und Weinen bewirte. Da löse sich ihnen die Zunge und man lerne mehr von ihnen als aus den Büchern.

So schien Herr Saß seinen Freunden in jedem Betracht vorzüglich geeignet, das Museum zu ordnen und zu pflegen. Das einzige Hindernis war, – daß er selber die ihm zugedachte Ehrenstelle gar nicht annehmen wollte.

Obgleich ein vom Glück verwöhntes Menschenkind, hatte er doch seine festen Grundsätze, kraft deren er mitunter hart und streng gegen sich selbst war. Seine Freunde, die ihn nicht verstanden, nannten das Eigensinn.

Sein Wahlspruch war:

»Ich weiß, was ich will und will nur, was ich kann: selbst ist der Mann.«

Saß aber sagte: »Wenn ich das Museum im Haderturm übernehme, so muß ich, meinen Wahlspruch umkehrend, vielmehr sprechen: ›Ich weiß nicht, was ich will, und will, was ich nicht kann, und weil ich jenes nicht weiß und dieses nicht kann, so bin ich der unselbständigste Mann. Dies will ich nicht werden, und also danke ich für die zugedachte Ehre.‹«

Vergebens suchten die Freunde seinen Sinn zu wenden. Der Oberst sprach zu Herrn Saß: »Ein Patriot muß immer opferbereit sein. Wir haben den schwer erkämpften Sieg über die Fledermäuse und ihren Haderturm geopfert, damit die Groß-Runensteiner das Museum nicht kriegen; opfern Sie doch auch, lieber Freund, ein paar kleine Grundsätze, damit die Fledermäuse mit dem Pedanten Capelius an der Spitze das Museum nicht regieren.«

Alfred Saß dankte dem alten Herrn mit verständnisvollem Lächeln für seinen ironischen Beweggrund, blieb aber unbewegt.

Der Bürgermeister zog die Sache hinaus in der Hoffnung, Saß werde doch noch einwilligen. Die übrigen Genossen, weniger optimistisch als das Oberhaupt der Stadt, waren in Verzweiflung.

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