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Wilhelm Heinrich von Riehl: Ein ganzer Mann - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
booktitleEin ganzer Mann
authorWilhelm Heinrich Riehl
firstpub1897
year1898
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleEin ganzer Mann
pagesIII-X, 1-415
created20040812
sendergerd.bouillon
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Viertes Kapitel.

Das Testament.

Da stürmte plötzlich der Notar Feininger den Gartenweg herauf zu der fröhlichen Gesellschaft und rief: »Triumph! Ein großes Glück ward unsrer Stadt zu teil! Es lebe der selige Freiherr von Rohda!« – und ergriff ein Glas Champagner und leerte es auf einen Zug.

Dann fuhr er fort: »Das Testament des Freiherrn wurde heute nachmittag eröffnet. Der Mann war weit reicher als wir Alle glaubten. Seine hinterlassenen Kapitalien betragen rund 800 000 Gulden. Hiervon erbt seine Schwester Amalie 500 000 Gulden nebst dem Herrenhause, dem Park und allen sonstigen Liegenschaften.«

Ein leises Beifallsgemurmel erhob sich: »Das ist brüderlich, wenn er seine Schwester so reich bedenkt.«

»Zum zweiten!« rief nun der Notar, »100 000 Gulden werden an zwei alte Diener des Hauses und an zwei wohlthätige Stiftungen verteilt.«

»Das ist christlich!« rief der Bürgermeister unter steigendem Beifallsgemurmel.

Der Notar erhob seine Stimme zur höchsten Kraft: »Zum dritten! Freiherr von Rohda vermacht sein kostbares Museum der Stadt Frankenfeld zum ewigen Eigentum.«

Nun brachen Alle in stürmischen Beifall aus. »Ein edler Mann! der beste Bürger!« tönte es aus dem Kreise, und die Buben vor dem Gartengitter riefen Hoch und Hurrah!

Der Notar aber schrie mit sich überschlagender Stimme: »Zum vierten vermacht der hochherzige Verblichene die Barsumme von 200 000 Gulden gleichfalls unsrer Stadt mit der Bestimmung, daß die Zinsen zur Erhaltung und Mehrung des Museums verwendet werden sollen.«

Lautester Jubel. – »Wie großartig, wie patriotisch erscheint uns doch dieser wahrhaft adelige Herr nach seinem Tode! Wie manchmal haben wir ihn bei Lebzeiten verkannt!«

Der Notar bat noch um einen Augenblick Gehör und sprach dann, bedeutend gemäßigteren Tones, langsam, jedes Wort wägend: »Die einzige Bedingung, welche der Erblasser mit diesem großartigen Vermächtnisse verknüpft hat, lautet: ›Das Museum muß für alle Zeiten im Haderturm aufgestellt werden, und die Zinsen des als Beigabe gestifteten Kapitals von 200 000 Gulden sind während der ersten drei Jahre dafür zu verwenden, daß der Turm ausgebessert und wieder in dauerhaft guten Stand gesetzt werde.‹«

»Unglaublich! unmöglich!« riefen die verblüfften Zechgenossen; der Notar aber bat nochmals um Gehör, erhob seine Stimme wieder und sprach so scharf und gemessen, als ob er ein Strafmandat verkündige: »Nimmt die Stadt das Vermächtnis unter diesen Vorbedingungen nicht an, ja würde sie auch nur in einem einzigen Punkte von denselben abweichen, so soll das ganze Museum samt der dazu gehörigen Summe bedingungslos der Stadt Groß-Runenstein als Erbe zufallen.«

Wie versteinert schwiegen Alle minutenlang.

Da trat der Ratsdiener Kaspar Zuckmeyer vor Herrn Saß und fragte, ob er jetzt das Feuerwerk anzünden solle?

Saß fand die Sprache wieder, indem er ihm donnernd zurief: »Geh zum Teufel mit deinem Feuerwerk!«

»Der Teufel hat Feuerwerk genug bei sich zu Hause, der braucht das unsrige nicht,« brummte Zuckmeyer.

»Das ganze Testament ist ein Bubenstreich der Fledermäuse,« rief Saß; »die haben es dem kindischen alten Manne abgelistet!«

»Aber Herr von Rohda gehörte ja gar nicht zu den Fledermäusen,« entgegnete der Apotheker. »Er hat keine einzige ihrer Petitionen unterschrieben und man konnte nie erfahren, was eigentlich seine Ansicht von dem alten Turme sei.«

»Er war ein Narr!« rief Saß. »Sonst hätte er sich nicht von aller Welt abgeschlossen und bloß mit seinen Altertümern gelebt, die er die beste Gesellschaft nannte. Wäre er gescheit gewesen, so würde er das alte Zeug überhaupt nicht gesammelt haben, welches man jetzt ein Museum nennt.«

»Und welches doch, wie wir erst vorhin erkannten, so wertvoll ist für den Fremdenverkehr,« warf Gastwirt Blödel etwas schüchtern dazwischen.

»Uns ist es gar nichts wert!« rief der Bürgermeister. »Aber die Groß-Runensteiner dürfen das Museum noch weniger haben. Wir müssen das Testament anfechten, und wenn es umgeworfen wird, und wir dann schließlich nichts kriegen, so kriegen die Groß-Runensteiner auch nichts.«

Der Maler Stiefel fragte: »Können wir denn das Museum nicht bekommen und uns über die leidige Klausel mit dem Turm hinwegsetzen?«

Der Notar aber erwiderte: »Das geht nicht; entweder wir fügen uns Allem oder wir verzichten auf Alles.«

»Das Museum hat einen so wunderschönen Platz im Herrenhause,« sprach der Oberst sehr ruhig. »Könnte man es denn nicht wenigstens dort lassen und Fräulein Amalie von Rohda, die alte Jungfer – sie steht, glaub' ich, hoch in den Fünfundfünfzigen – in den Haderturm setzen?«

Der Notar aber entgegnete sehr ernst, fast in seiner Amtsehre beleidigt: »Ueber Testamente sollte man keinen Spaß machen!«

»Mann des Rechtes!« zürnte Saß und faßte den Notar an der Brust, – »wozu taugt denn deine ganze Rechtsgelehrsamkeit, wenn sie nicht einmal das Testament eines Narren in den letzten Willen eines gescheiten Mannes verwandeln kann?«

Der Bürgermeister aber erhob sich mit Würde und sprach: »Mitbürger, Freunde! Seien wir Männer, bleiben wir uns selber treu! Verzichten wir eher auf das ganze Vermächtnis, als daß wir uns zwingen lassen, den Haderturm zu erhalten. Wir zeigen dann wenigstens, daß wir Herren in unserem Hause sind. Die Laune eines Einzelnen soll nimmer den Mehrheitswillen einer ganzen Gemeinde über'n Haufen werfen!«

Alle stimmten bei, – die Einen laut, die Andern kleinlaut.

Nur der Oberst war schon vorher zur Seite geschlichen. An den Stamm einer großen Linde gelehnt, betrachtete er mit gekreuzten Armen und spöttischem Blick die Gruppe und reichte zwischendurch den Buben hinter dem Zaungitter etliche Gläser Champagner hinaus, worauf jedesmal gellende Hochrufe vom Chorus des Hintergrundes in die Zwiesprache der ratlosen Männer hineintönten.

Die so friedlich und fröhlich begonnene Sitzung wurde endlich in Sturm, Zorn und Aerger aufgehoben. Die Genossen schritten, heftig durcheinander schreiend, die Gartenwege hinab; mehrmals aber blieben sie stehen und gelobten sich gegenseitig, nicht zu wanken und lieber das Museum, ja die ganze Stadt preiszugeben als ihren schwer erkämpften Sieg über die Fledermäuse.

Da erhellt plötzlich rotes und grünes bengalisches Licht den Garten; die Raketen steigen und sausen, die Feuerräder zischen, die Donnerschläge krachen, die Frösche knattern, die Buben und Mädchen jubeln.

Der Oberst hat Zuckmeyer befohlen, das Feuerwerk nunmehr abzubrennen. Mit gekreuzten Armen steht er immer noch unter seinem Lindenbaum, und während die Enttäuschten in bengalischer Beleuchtung zum Thor hinausgehen, spricht er feierlich vor sich hin:

»Senatus populusque Francofeldensis – Senat und Volk von Frankenfeld wird sich groß zeigen wie die Römer: das Vermächtnis wird angenommen werden und der Haderturm wird stehen bleiben.«

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