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Wilhelm Heinrich von Riehl: Ein ganzer Mann - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
booktitleEin ganzer Mann
authorWilhelm Heinrich Riehl
firstpub1897
year1898
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleEin ganzer Mann
pagesIII-X, 1-415
created20040812
sendergerd.bouillon
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Achtes Kapitel.

Mein Besuch in Frankenfeld.

Im September 1872 führte mich mein Weg nach Frankenfeld.

Es war schon dämmerig, als ich im Gasthaus zur »Schwedischen Krone« ankam. Auf die Frage, ob ich ein Zimmer haben könne, maß mich der Oberkellner von Kopf zu Fuß – ich war bestaubt von einem Fußmarsch, mit Plaid und Reisetasche über der Schulter – und führte mich drei Treppen hoch nach hinten auf No. 48, ein niederes Mansardstübchen, dessen kleines Fenster die schönste Aussicht auf das große Ziegeldach des Nachbarhauses bot. Als Fußwanderer, der sein Gepäck selber trägt, konnte ich nichts besseres erwarten. Ich war zufrieden.

Ins Gastzimmer hinabgestiegen, glaubte ich mein Abendbrot ungestört verzehren zu können; allein der Wirt, Herr Blödel, setzte sich vertraulich zu mir und fragte mich, woher ich komme, wohin ich gehe und was ich denn eigentlich in Frankenfeld suche?

Auf die letztere Frage antwortete ich: »Ich suche Frankenfeld.«

Er meinte, das habe ich vorhin ja bereits gefunden, als ich zum Thore hereinmarschiert sei.

Ich aber erwiderte ihm: »Bei meinen vielen Wanderungen durch Deutschland habe ich Frankenfeld bis jetzt immer umgangen. Ich bin noch niemals hier gewesen. Unbekannt ist mir darum Ihre merkwürdige Stadt jedoch nicht. Ein Freund, der längere Zeit hier lebte, hat mir von ihr und ihren Bewohnern viel erzählt, und so beschloß ich das Versäumte nachzuholen: ich suche Frankenfeld, um mit eigenen Augen zu schauen, was ich nur vom Hörensagen kenne.«

Bei diesen Worten wurde Herr Blödel sehr aufmerksam und musterte mich mit großen Augen. »Uebergangen?« wiederholte er, – »das Versäumte nachholen? – in der That, unsere Stadt darf sich beschweren, daß man bis jetzt noch gar keine Notiz von ihr genommen hat in den Reisebüchern trotz eines sehr schönen Reklamebildes, welches wir vor drei Jahren in alle Welt versandten.«

Ich fuhr fort: »Morgen früh möchte ich zunächst den Haderturm besteigen und das Museum besichtigen.«

»Der Haderturm besteht nicht mehr!« sprach Herr Blödel feierlich.

»Wie? so wurde er dennoch abgebrochen trotz des Rohdaschen Testaments?« fragte ich betroffen.

Lächelnd antwortete Blödel: »Der Haderturm heißt jetzt der ›Friedensturm‹; – der alte Name ist abgeschafft und verpönt. Hören Sie, wie das kam. Am 15. Mai vorigen Jahres feierte unsere Stadt den fünf Tage vorher erfolgten glorreichen Friedensschluß mit einem herrlichen Feste. Die ganze Bevölkerung, Jung und Alt, zog hinaus in die Kuranlagen, wo die Friedenseiche gepflanzt wurde; die Schulkinder sangen und der Herr Stadtpfarrer sprach ein frommes Wort. Dann aber ging es zurück in die Stadt zum Platze vor dem Rathaus und dem Haderturm. Hier sollte nach altem Brauch vom Balkon des Turmes herab die Festrede vor versammeltem Volke gehalten werden. Der Bürgermeister aber, welchem dies zukam, war am Vorabend stockheiser geworden. Er hatte seine Rede sorgfältig aufgeschrieben und sandte sie Herrn Alfred Saß, der den besten Baß in der ganzen Stadt besitzt, daß er sie statt seiner vorlesen möge. Saß aber that dies nicht; er sann sich über Nacht eine eigene Rede aus und sprach sie vom Balkon mit weithallender Stimme ganz frei aus dem Kopfe. Es war eine Prachtrede. Was er zuerst sagte über Krieg und Frieden, deutsches Land und deutsches Volk, Kaiser und Reich, das will ich nicht wiederholen; denn ich weiß es nicht mehr. Ueberraschend aber war der Schluß. Der Redner forderte auf, daß man den Haderturm von heut' ab den Friedensturm nennen möge. Der Krieg habe Deutschland den ruhmvollsten Frieden gebracht, der seines Gleichen nicht wieder finde in der deutschen Geschichte, und den wir jetzt vor diesem Turme, dem ehrwürdigsten Geschichtsdenkmale der Stadt feierten. Der Krieg habe aber auch Frankenfeld den inneren Frieden gebracht; denn während die Kämpfe draußen getobt, habe im Innern aller Hader geschwiegen, und alle Bürger seien einig gewesen im Wetteifer patriotischer Liebesthat. Er schlug dann vor, zwei offene Hallen rechts und links neben dem Turme anzubauen. Bildwerk und Schrifttafeln sollten in denselben von der Geschichte der Stadt und von der letzterlebten großen Zeit erzählen, daß das Ganze, Vergangenheit und Gegenwart verbindend, als ein so eigenartiges Friedensdenkmal erscheine, wie es keine andere deutsche Stadt besitzt. Der Vorschlag zündete; er wurde binnen Jahresfrist ausgeführt. Sie werden das wohlgelungene Werk morgen sehen.«

»Wohnt denn Herr Alfred Saß noch Hasengasse No. 16?« fragte ich, in mein Notizbuch blickend.

»Die Hasengasse besteht nicht mehr,« rief der Wirt, »sie heißt jetzt Hasenstraße. Frankenfeld strebt Großstadt zu werden. Wir hatten früher Straßen und Gassen. Ausgleichende Gerechtigkeit ist der Wahlspruch unserer Zeit: darum verfügte der Magistrat, daß alle Gassen fürderhin gleichfalls Straßen heißen sollten, damit die Straßen sich nicht mehr hoffärtig erhöben über die Gassen, und die Gassen nicht mehr neidisch aufblickten zu den Straßen, und so ist selbst das Hebammengäßchen mit seinen drei Häusern zur Hebammenstraße nobilitiert worden. Gescheite Leute meinten zwar, das sei einfältig; allein andere Leute, die auch nicht dumm sind, erklärten: in Wien sind die Straßen Gassen, und in Berlin die Gassen Straßen. Im neuen Deutschen Reich aber müssen wir uns nach der Reichshauptstadt richten. – Uebrigens wohnt Herr Alfred Saß, nach welchem Sie fragten, während des Winters noch immer Hasenstraße 16; er hat das Hans gekauft und neu herrichten lassen. Im Sommer dagegen wohnt er in der Villa seines Gartens vor dem Steinthor. Er ist wieder ein reicher Mann geworden, Haupteigentümer und Leiter des Hephästos.«

Hierauf empfahl mir der gesprächige Wirt, diese Fabrik zu besuchen und zählte mir noch ein ganzes Dutzend sehenswerter Oertlichkeiten seiner Vaterstadt auf, die ich morgen betrachten müsse. In einem der merkwürdigsten Gebäude befinde ich mich jedoch bereits, in der »Schwedischen Krone«, in welcher Gustav Adolf übernachtet habe.

Ich bemerkte mir zwischendurch Einzelnes in meinem Notizbuch; Herr Blödel spähte eifrig, was ich da schreibe, konnte es aber doch nicht lesen.

Es hatte sich inzwischen in der entferntesten Ecke des Zimmers eine Gruppe von Stammgästen an einem großen runden Tische niedergelassen, worunter sich, wie ich später erfuhr, der Ratsapotheker Fink, der Maler Stiefel, der Notar Feininger und der Oberst Sickenwolf befanden. Ich betrachtete den Stammtisch nur von weitem mit ehrfurchtsvoller Scheu, da ich wohl wußte, daß sich der Profane einem solchen Heiligtum nicht nahen darf.

Der Wirt aber ging nun hinüber, die Herren zu begrüßen und unterhielt sich mit ihnen, während ich verschiedene Beobachtungen des heutigen Wandertages in mein Notizbuch eintrug.

Bei einem zufälligen Blick auf die Stammgäste glaubte ich zu bemerken, daß ich der besondere Gegenstand ihrer Aufmerksamkeit sei; denn sie spähten wechselnd mit forschendem Auge zu mir herüber, und es schien mir, als ob der alte Soldat, den man als solchen sofort erkannte, mich ganz besonders aufs Korn genommen habe.

Der Wirt rief den Oberkellner und gab ihm eine Weisung, worauf er wieder zu mir zurückkehrte.

Sein Benehmen war jetzt wesentlich verändert. Er setzte sich nicht wieder unerbeten, sondern sprach stehend und auffallend höflich mit mir und nahm erst Platz, nachdem ich ihn dazu aufgefordert hatte. Er fragte mich, ob ich Herrn Alfred Saß besuchen wolle, worauf ich dies bejahte, da ich einen Empfehlungsbrief abzugeben habe.

»Sie werden Herrn Saß mit seiner Frau Gemahlin am sichersten um sechs Uhr abends in der Villa seines herrlichen Gartens treffen.«

»Also ist Saß verheiratet?«

»Allerdings, seit vorigem Jahre.«

»Und mit wem?«

»Das ist leichter gefragt als gesagt. Die Dame kam jahrelang als Kurgast hierher, und wir nannten sie nur ›das Mädchen aus der Fremde‹, sie selbst aber nannte sich Fräulein Aweling. Das soll jedoch nicht ihr ganz richtiger Name gewesen sein, sie führte anderswo auch noch andere Namen, und man wußte zuletzt nicht, wie man sie eigentlich nennen solle. Da war es nun gut, daß sie heiratete; denn jetzt hat sie doch nur Einen und zwar ganz sicheren Namen: sie ist und bleibt eben – Frau Saß. Uebrigens führen mitunter auch höchst ehrenwerte Männer zeitweilig falsche Namen aus den ehrenwertesten Gründen – –«

Hier sah mich Herr Blödel scharf und fragend an und schmunzelte. Es schien fast, als erwarte er eine Erklärung von mir. Ich schwieg jedoch, und nach einer Weile nahm er sein Geplauder wieder auf.

»Die Verlobung erfolgte im Mai vorigen Jahres beim Friedensfest, die Vermählung im Juni. Man hatte eine glänzende Hochzeit erwartet, hier in meinem Hause; denn jede große Hochzeit wird in der Schwedischen Krone gefeiert. Das junge Paar aber ließ sich ganz in der Stille trauen; Fräulein von Rohda stellte gleichsam die Brautmutter dar und gab dann auch ein bescheidenes Frühstück für acht Personen in ihrem Hause. Von den Verwandten der Braut kam Niemand. War demnach die Hochzeit gering, so war die Hochzeitsreise um so großartiger: – das neue Ehepaar reiste nach dem Nordkap. Und die Braut hat dem Bräutigam ein Hochzeitsgeschenk dargebracht, welches seines Gleichen sucht. Da sie nämlich erfahren hatte, wie tief ihren künftigen Gemahl der Verlust seines herrlichen Gartens, eines alten Familienbesitztums, schmerzte, den das Kölner Konsortium für Kurzwecke erworben, so kaufte sie ganz in der Stille den Garten samt der darin neu erbauten Villa zurück und machte den stattlichen Besitz am Vorabend der Hochzeit ihrem überraschten Bräutigam zum Geschenk. Es ereignet sich viel Merkwürdiges in unsrem kleinen Frankenfeld; aber es fragt sich, was merkwürdiger war, diese ebenso sinnige als kostbare Hochzeitgabe oder die Umwandlung des alten Haderturms in ein Friedensdenkmal für 1871.«

Der Wirt wurde abgerufen. Ich benützte die Pause, um mich auf mein Zimmer zu begeben. Als ich mit dem voranleuchtenden Kellner im ersten Stocke angelangt war, öffnete derselbe ein Zimmer mit Flügelthüren, damit ich eintrete.

»Ich habe No. 48, hoch oben,« bemerkte ich.

»Sie haben No. 1,« entgegnete er.

Ich wiederholte 48, und er wiederholte 1. »Machen Sie keine Verwirrung in später Nacht,« rief ich. »Stören Sie nicht den Inhaber dieses Zimmers, ich habe 48.«

»Sie haben No. 1; Herr Blödel hat Ihr Gepäck schon hierher bringen lassen.« Bei diesen Worten leuchtete er in einen Salon mit Schlafkabinett hinein, und ich erblickte allerdings mein Täschchen, meinen Plaid, Stock und Schirm.

Trotz allen Widerstrebens mußte ich mir's gefallen lassen, hier zu schlafen und schickte mich ebenso zufrieden in den vornehmen Raum wie früher in den geringen.

»In diesem Zimmer hat Gustav Adolf geschlafen,« rief der Kellner und deutete auf die Aufschrift über der Thüre: »Gustav Adolf 1632.«

»Ist mir sehr angenehm,« erwiderte ich, schob den Kellner hinaus, verriegelte die Thüre, legte mich zu Bett und schlief gerade so gut wie ich vermutlich auf No. 48 geschlafen hätte.

Als ich am andern Morgen beim Frühstückskaffee saß, kam Herr Blödel alsbald herbei, begrüßte mich sehr achtungsvoll, setzte sich auch nicht vertraulich neben mich, sondern blieb ehrerbietig in gemessener Entfernung stehen und fragte, wie ich geschlafen habe.

Ich erwiderte: »Vortrefflich, wie eben ein gesunder Mensch mit gutem Gewissen zu schlafen pflegt. Aber ich bitte, mir zu sagen, warum Sie mich gestern von No. 48 aus No. 1 hinab oder richtiger hinaufbefördert haben?«

Der Wirt stammelte Entschuldigungen, daß er und der Oberkellner anfangs nicht gewußt, wen sie vor sich hätten. Es sei ja bekannt, daß ich häufig unter falschem Namen reise, um der Zudringlichkeit der Gastwirte zu entgehen. Das sei bei ihm jedoch nicht nötig gewesen. Sein Gasthof sei unbestritten der erste in der Stadt trotz dem neuen »Kaiserhof«, den das Kölner Konsortium erbaut habe. – »Die Schwedische Krone verdient unbedingt den Stern –«

Ich unterbrach ihn mit der Bitte, mir zu sagen, für wen er mich denn eigentlich halte?

Herr Blödel erwiderte: »Höchst ehrenwerte Männer verstecken sich mitunter, wie ich schon gestern abend sagte, hinter einem falschen Namen, und zwar aus den ehrenwertesten Gründen. Sie würden Ihre Forschungen in der That nicht so parteilos anstellen können, wenn Sie überall unter Ihrem berühmten Namen aufträten, und so schrieben Sie den obskuren Namen ›Riehl‹ in mein Fremdenbuch –«

Ich unterbrach ihn wiederum. »Mag mein Name obskur sein, so ist es doch mein wirklicher, ehrlicher Name, dessen ich mich nicht schäme. Ich habe niemals einen falschen Namen geführt, und Falschmeldungen in Fremdenbüchern sind strafbar. Nun will ich aber entschieden wissen, für wen Sie mich halten!«

Blödel fuhr fort: »Sagten Sie nicht gestern abend, Sie hätten Frankenfeld bis jetzt immer übergangen und hätten beschlossen, das Versäumte nachzuholen? Das ist ein löblicher Vorsatz, dessen Ausführung ganz Frankenfeld entzücken wird. Ich habe Sie bereits auf viele unserer Sehenswürdigkeiten aufmerksam gemacht; gestatten Sie, daß ich heute Ihr Führer durch die Stadt sei und Ihnen alles zeige, was würdig ist, in Ihrem Reisehandbuche erwähnt zu werden.«

»In meinem Reisehandbuche? Ich habe niemals ein solches geschrieben und gedenke auch keines zu schreiben. Und nun zum letztenmale – für wen halten Sie mich?«

»Für den hochverdienten Verfasser der berühmten Reisehandbücher, den Verlagsbuchhändler Herrn Karl Bädeker aus Koblenz. Verzeihen Sie, wenn ich es eine auffallende Lücke zu nennen wage, daß unser Frankenfeld in Ihren sonst so vollkommenen Büchern bis jetzt noch gar keine Erwähnung gefunden hat.«

Ich sprang auf und rief: »Erschrecken Sie mich nicht! Machen Sie mich zu keinem pseudonym reisenden Geiste aus jener Welt! Ich fühle mich noch ganz bei lebendigem Leibe. Der allerdings sehr verdiente Karl Bädeker ist schon vor mehr als zehn Jahren gestorben, doch setzen seine Söhne erfolgreich das Geschäft fort. Ich aber bin der Professor Wilhelm Heinrich Riehl aus München: darf ich Ihnen meine Paßkarte vorzeigen?«

Nun wurde Herr Blödel doch stutzig, und es gelang mir endlich, ihn zu überzeugen, daß ich nicht Karl Bädeker sei.

Auf meine Frage, wie er denn auf diesen Einfall gekommen, beichtete er mir etwas kleinlaut, indem er sich nun wieder vertraulich neben mich setzte. Meine Fragen über die Sehenswürdigkeiten der Stadt und mein Notizbuch hatten ihn überrascht; ein so wißbegieriger Gast, der in Frankenfeld gar nichts suchte als Frankenfeld, war ihm noch nicht vorgekommen. Das erzählte er den Herren am Stammtische und diese zerbrachen sich den Kopf darüber, wer ein so seltsamer Mensch wohl sein möge. Da sagte Oberst Sickenwolf, der Schalk, ihm scheine, ich sei Karl Bädeker, der meist incognito zu reisen pflege und der bisher immer vergessen habe, Frankenfeld in seinem Reisehandbuche anzuführen. Welch ein Glück für die Stadt, daß ich jetzt eingestandenermaßen das Versäumte nachzuholen gekommen sei, welch ein Glück für die Schwedische Krone, die unbedingt den einzigen Stern unter den Gasthäusern bekommen müsse trotz des Kaiserhofs.

So berichtete Herr Blödel und meinte, der Oberst sei immer ein Spötter. Er leide jetzt an der Gicht, und Viele behaupteten, dieselbe komme von seinen kleinen Bosheiten, die ihm in die Beine führen. Und wirklich, als er gestern Abend den Stammtisch so schön angeführt, sei er aufgefahren wie von einem Stich und habe schmerzlich gestöhnt.

Ich fragte Herrn Blödel, ob er mich nunmehr wieder auf No. 48 zurückbefördern werde? Das that er aber nicht, und die historische Thatsache, daß ich vier Tage lang auf No. 1 wohnte, steht jedenfalls ebenso fest, als daß Gustav Adolf eine Nacht dort geschlafen hat.

Daß Herr Blödel mein Führer durch die Stadt sein wollte, hatte er nunmehr vergessen. Ich war froh darüber und machte allein einen sehr lohnenden Rundgang.

Der gewaltige alte Bau des Friedensturmes entzückte mich und ich freute mich zugleich über den neuen Anbau, vor welchem mir etwas gebangt hatte. Die zwei Hallen rechts und links, welche sich nach vorn in je drei Spitzbogen öffnen, ganz im Stile des Turmes gehalten, wirken vorzüglich und geben dem mitten ansteigenden alten Bau noch mehr Masse und Majestät. An der Rückwand der östlichen Halle sind zwei reich verzierte Tafeln eingelassen mit den Hauptdaten aus der Geschichte des Herren- und Haderturmes; die Rückwand des Westflügels zeigt zwei gleiche Tafeln, deren eine die neue Bestimmung des Friedensturmes als Friedensdenkmals verkündet, während die andere die Namen der aus Frankenfeld in den Krieg Gezogenen enthält und – der Gefallenen. Weiterer plastischer Schmuck war noch unvollendet. Ueber dem Balkon des Turmes aber war bereits eine mächtige Steintafel in die Mauer gelassen mit dem neuen deutschen Reichsadler.

In das Museum warf ich vorerst nur einen flüchtigen Blick. Es ist geschmackvoll und doch sachgemäß geordnet, und ich staunte über die Fülle des Fesselnden in so geschickter Auswahl bei so kleinem Raum.

Bis gegen Abend hatte ich, gemütlich schlendernd und beobachtend, die ganze Stadt gesehen, im Gesamtbild wie im Einzelnen. Wie beruhigend wirkt es doch, daß man eine Kleinstadt rasch beherrscht, während wir mit der Großstadt niemals fertig werden. Ich kannte die Häuser und Straßen und die nächste Umgebung; nur die Menschen fehlten mir noch.

Um so gespannter war ich auf den Besuch bei Alfred Saß. Mit dem Schlage sechs Uhr trat ich in seinen Garten und fand ihn in einem Hainbuchengange, mit seiner Frau lustwandelnd. Nachdem ich ihm meinen Empfehlungsbrief überreicht, hieß er mich aufs freundlichste willkommen. Ungleich dem Wirt zur Schwedischen Krone kannte Saß meinen Namen und Einiges von meinen Büchern; Frau Hermine hatte sogar das Meiste gelesen. Sie zeigten mir den herrlichen Park, der in seiner früheren Art, nur noch viel schöner, wiederhergestellt war. Der Herbstabend war wundermild; die Nähen leuchteten so farbenkräftig im Abendsonnenschein, die Fernen waren duftig verklärt, die ganze Natur atmete stillen Frieden; – es war die echte Feierabendstimmung. Und ich wandelte neben zwei glücklichen Menschen und konnte mich nicht satt sehen an dem prächtigen Paar. Er, ein Bild der Kraft, von stattlicher Gestalt, die edlen Formen des Gesichts durch einen dunkelbraunen Vollbart gehoben; sie, mit dem Schnee auf dem Haupte und dem Frühling im Antlitz, eine junonische Gestalt und doch so frisch bewegt, so elastisch leicht einherschreitend.

Ich brachte bald das Gespräch auf das Museum und rühmte den günstigen Eindruck, welchen es mir gemacht.

Saß lehnte alles Lob für sich ab und pries dagegen die Verdienste seiner treuen Mitarbeiterin, des Fräuleins von Rohda. »Ich arbeitete nur geschäftlich,« fuhr er fort, »sie aber waltete mit künstlerischer Hand und brachte den Geist und die Poesie der alten Zeit zur fesselnden Aussprache. Nun bin ich jedoch von der Leitung des Museums zurückgetreten und habe sie an Professor Capelius abgegeben: das war auch ein Friedensschluß, ein Versöhnungsfest.

»Schade, daß Sie heute früh ein unersetzliches Inventarstück des Museums nicht mehr vorfanden: – den Ratsdiener Kaspar Zuckmeyer. Wir haben ihn vor acht Tagen begraben. Nachdem er eine einzige große Untreue begangen, deren wir ihn, Fräulein von Rohda und ich, ebenso sanft als zwingend überführten, wurde er der tadellos treueste Diener, der für uns Beide durchs Feuer gegangen wäre. Gott hab' ihn selig.

»Das Museum übte an ihm eine erziehende Kraft; – es hat sie auch an mir geübt. Es lehrte mich Gerechtigkeit. Früher nur für neueste Kunst und neues Schrifttum begeistert, wurde ich's jetzt auch für unserer Väter Werke. Als Hüter meiner Altertümer wurde ich zuletzt so gerecht gegen die alte Zeit, daß ich auf dem Punkte war, ungerecht zu werden gegen die neue. Da trat meine Hermine dazwischen, ein echtes Kind der Gegenwart wie die meisten Frauen, und indem ich für sie schwärmte, begann ich auch wieder für die Gegenwart zu schwärmen, ohne meiner Freude am Alten untreu zu werden.«

»Und auch in mir,« sprach Hermine, »vollzog sich die gleiche Wandlung, allerdings weniger durch das Museum, als durch den Museumsdirektor.«

»Und meine Frau,« fügte Saß hinzu, »machte dann die reizendste Nutzanwendung von dieser ihrer neuerrungenen Gerechtigkeit. Sie hat unser kleines Haus in der Hasengasse, wo ich lernte, in der Beschränkung glücklich zu sein, ganz echt aber schlicht altbürgerlich ausgestattet – mir zuliebe.«

»Und mein Mann hat die neue Villa dieses Gartens mit Werken der modernen Kunst und des modernen Gewerbes reich und vornehm geschmückt – mir zuliebe,« ergänzte Hermine.

Sie zeigten mir dann die Villa und führten mich auch des andern Tages in das alte Haus – das Idyll in der Hasengasse, wie sie's nannten. Sie waren glücklich miteinander wie die Kinder, und mir war so wohl in ihrer Gesellschaft.

Ich habe während der Zeit, die ich noch in Frankenfeld blieb, alltäglich mit ihnen verkehrt. Ich kam dabei zur immer festeren Erkenntnis, wie gesammelt, geklärt und in sich befriedet Herminens stürmischer Geist geworden war, und wie erfrischt, gestählt und erhoben der Lebensmut ihres geliebten Mannes. Ich sah die prächtig aufblühenden Neffen von Alfred Saß, deren Jeder seinen rechten Weg gefunden hatte, dem trefflichen Oheim wie seiner Gattin zur Freude.

Daß ich im Saßschen Hause auch bald mit Amalie von Rohda bekannt wurde, versteht sich von selbst. Glücklich im Glücke ihrer Freundin und ihres Freundes fühlte sie sich verjüngt und blieb die treue, edelfeine, bescheidene Seele, welche sie immer gewesen.

Von ihr erfuhr ich, daß Marie Armgard, durch Herminens großherzige Hilfe aus ihrer Not erlöst, ein rasch aufsteigendes Gestirn am deutschen Bühnenhimmel geworden. Wollte sie anfangs, als sie noch klein war, den Namen Landfried aus berechtigtem Stolze nicht ablegen, so verschmähte die Gefeierte jetzt diesen Namen aus gleichem Stolze und trat unter einem Bühnennamen auf, den heute das ganze kunstliebende Deutschland kennt und preist.

Als ich gleich am zweiten Tage zufällig an die Thüre des Obersten Sickenwolf kam, konnte ich's nicht lassen anzuklopfen und ihm meinen humoristischen Dankbesuch dafür zu machen, daß er mir durch seinen Humor das beste Zimmer in der Schwedischen Krone verschafft hatte. Es gibt Menschen, die gerne Spaß machen, aber keinen Spaß verstehen. Der Oberst gehörte nicht zu den letzteren. Er nahm meinen Dankbesuch sehr artig auf, und wir waren bald in so lebhaftem Gespräche, als ob wir uns schon seit Jahren gekannt hätten.

Als die Rede auf die Umtaufe des Haderturmes kam, bemerkte er: »Unser Freund Saß hat zwei Gründe angegeben, weshalb der alte Turm den neuen Namen des Friedensturmes verdiene – wegen des Reichsfriedens und wegen des Stadtfriedens. Einen dritten Grund aber verschwieg er öffentlich. Hat er Ihnen denselben nicht bereits gesagt?«

Ich verneinte.

»Nun ja!« fuhr der Oberst fort, »er spricht nicht gerne davon; aber unter Freunden ist die Sache kein Geheimnis. Saß feierte an jenem Tage auch einen Friedensschluß mit Hermine Aweling. Beide hatten sich bei einem – ›zufälligen‹ – Zusammentreffen in Wiesbaden im Januar vorigen Jahres heimlich verlobt. Aber schon nach einigen Tagen entzweiten sie sich wieder. Es war eine seltsame Geschichte. Major von Landfried, der geschiedene frühere Gemahl Herminens, hatte verwundet hier im Spital gelegen; er glaubte sich während dieser Zeit von Saß hintergangen. Dieser wollte den Major vor dessen Abreise noch aufklären und sich rechtfertigen. Hermine bat ihn dringend dies nicht zu thun; Saß ging dennoch zum Major, ohne seinen Zweck zu erreichen. Beide Männer setzten dann ihre Aufklärungen brieflich fort, was die Folge hatte, daß der Major immer gröber wurde, ja unserm Saß unehrenhaftes Betragen vorwarf. Hierauf forderte Saß – zur weiteren Aufklärung – den Major auf Pistolen. Hermine hatte vorher Alles aufgeboten, daß dies nicht geschehe, sie hatte ihren Bräutigam flehentlich gebeten und sie war gewohnt, daß ihre Bitten für Befehle galten. Saß forderte dennoch den Major. Seltsam! Hermine, die Generalstochter aus altadeligem Hause hält selbstverständlich Zweikämpfe für notwendig; nur in diesem einzigen Falle hielt sie die Herausforderung für höchst überflüssig. Saß dagegen, eine durchaus bürgerliche Natur, hatte stets jeglichen Zweikampf für unvernünftig und unsittlich erklärt, nur in diesem einzigen Falle hielt er ihn für höchst notwendig. So kippen selbst die charakterfestesten Männer und Frauen um, wenn sie verliebt sind, Hermine tief gekränkt durch ihres Verlobten eigenwilliges Vorgehen brach vollständig mit ihm. Die Verlobung war aus und vorbei.

»Nach meiner Meinung stand Hermine Aweling in der That vor zwei entsetzlichen Möglichkeiten. Schoß Herr Saß den Herrn von Landfried tot, so konnte sie schicklicherweise gleich nachher doch den Mann nicht heiraten, der ihren geschiedenen Gemahl getötet hatte, und erschoß dieser ihren Verlobten, dann konnte sie den letzteren wiederum nicht heiraten.

»Saß reiste an den Niederrhein, und das Duell erfolgte mit dem tragischen Ausgang, welchen man ahnen konnte. Landfried hatte den ersten Schuß und fehlte den Gegner; hierauf schoß dieser sein Pistol in die Luft, und Beide reichten sich – nunmehr völlig aufgeklärt – versöhnt die Hand. So hatte Saß die Hand des Herrn von Landfried gewonnen und die Hand Herminens verloren. Das war der tragische Ausgang.

»Ein Vierteljahr lang sahen und hörten die ehedem Verlobten nichts von einander. Beide litten schwer darunter, Hermine vielleicht am meisten; jedenfalls war ihr aber auch die selbstgeschaffene Qual am gesündesten.

»Im Anfang Mai kehrte Hermine auf ein paar Tage nach Frankenfeld zurück, um ihre hiesigen Angelegenheiten rasch zu ordnen und dann wieder in die weite Welt zu gehen, Gott weiß wohin. Da kam die Nachricht vom Abschluß des Frankfurter Friedens. Jedem Deutschen schlug das Herz höher, überall sonnte man sich in Friedens- und Frühlingsstimmung, Friedensgeläute durchzitterte die Luft, und mancher fromme Christ sang mit den Engeln im Weihnachtsevangelium: ›Ehre sei Gott in der Höhe, Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!‹

»In der Rückschau auf so große Ereignisse von der Hochwarte dieser Friedenstage darf man nirgends klein denken, so sprach Hermine zu sich selbst und überwand sich zu thun, wozu sie schon längst ihr Herz gedrängt, und schloß auch ihren Frieden mit dem verstoßenen Geliebten, mächtig gefördert durch Amaliens milden Sinn, der so versöhnlich ist und so gerne Versöhnung stiftet.

»Es war am 14. Mai, dem Vorabend unsres Friedensfestes, wo die beiden Liebenden, nun für immer, das gelöste Verlöbnis wieder erneuerten. Man sagt, hierdurch noch besonders begeistert, habe Alfred Saß am folgenden Tag seine Rede so frei und gewaltig sprechen können. Er konnte uns so Schönes sagen, weil er das Schönste, was ihm daneben das Herz bewegte, nicht gesagt hat. Ein schwacher Redner wäre über solche unausgesprochene Gedanken gestolpert und stecken geblieben; dem starken Redner gab das Geheimnis, welches in seiner Seele sympathisch mitklang, gesteigerte Kraft und umstrahlte seine Rede mit gedoppeltem Lichtglanz, sättigte sie mit gesteigerter Wärme.

»Zur Vollendung des Friedenstages bat Alfred Saß seine Braut, daß sie am Abende mit ihm den Friedensturm besteigen möge – natürlich in Begleitung von Fräulein Amalie, die immer dabei sein muß, – auf daß sie vom Wächterstübchen die Stadt in ihrem Festschmuck überschauten.

»So geschah es. Was die Beiden da oben gesprochen haben, im herrlichen Ausblick schwelgend, das weiß ich genau; denn Fritz Krumper, der Turmwächter, hat hinter der Thüre gelauscht und mir Alles getreulich berichtet. Ich muß es nur aus seinem Deutsch frei in unsere Sprache zurück übersetzen.

»Saß erinnerte daran, wie er hier oben die Nachricht von seines Bruders jähem Tode erhalten und seit dieser Stunde erst in Arbeit und gesammelter Thatkraft sich selbst gefunden habe.

»Hermine gedachte, wie sie hier angesichts der Siegeskunde von Wörth ihrem Alfred zuerst näher getreten sei und ihn nie wieder aus den Augen verloren und steigend erkannt habe, wie selbstlos dieser spröde Mann danach strebe, ein ganzer Mann zu werden.

»›Das that ich,‹ erwiderte Saß. ›Doch immer mächtiger wuchs dabei in mir dann noch ein anderer Gedanke empor, der sich jetzt beseligend erfüllt: – Zu einem ganzen Mann gehört auch – eine ganze Frau!‹

»Bei diesen Worten sahen sie sich tief ins Auge und drückten sich die Hände und küßten sich und legten auch die Hände Amaliens in die ihrigen.

»Nach vier Wochen war die Hochzeit.«

Ich stand eine Weile schweigend.

»Was sinnen Sie?« fragte der Oberst.

»Mir schwebt eine schöne Strophe von Emanuel Geibel vor. Ich suche die Verse im Gedächtnis zusammenzubringen. – Jetzt hab' ich's gefunden!

›Ein Segen ruht im schweren Werke;
Dir wächst, wenn du's vollbringst, die Stärke;
Bescheiden, zweifelnd fingst du's an,
Und stehst am Ziel – ein ganzer Mann.‹«

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