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Wilhelm Heinrich von Riehl: Ein ganzer Mann - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
booktitleEin ganzer Mann
authorWilhelm Heinrich Riehl
firstpub1897
year1898
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleEin ganzer Mann
pagesIII-X, 1-415
created20040812
sendergerd.bouillon
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Sechstes Kapitel.

Ein standesmäßig warmes Herz.

Am 25. Oktober hielt ein Zug mit Kranken und Genesenden im Frankenfelder Bahnhofe, den er eigentlich hätte durchfahren sollen. Es befand sich in demselben ein höherer Offizier, von schwerer Verwundung genesend, auf der Heimreise. Scheinbar hergestellt, war er jedoch durch die Anstrengungen der Fahrt rückfällig geworden und sein Zustand hatte sich plötzlich derart verschlimmert, daß der den Zug begleitende Arzt erklärte, auch nur eine Stunde weiterer Fahrt könne dem Manne den Tod bringen.

Auf Befragen, ob es noch Platz gebe im Lazarett der Frankenfelder Bürger, wurde die Antwort, daß noch ein einziges Zimmer und zwar das beste zur Verfügung stehe. Der Leidende wurde bewußtlos dorthin getragen.

Das freie Zimmer war das schönste in der von Hermine Aweling gestifteten und aufs reichste bedachten Abteilung.

Als der Hausarzt eben den Kranken untersucht hatte, kam Alfred Saß, der im Auftrage Herminens auf ihrer Abteilung fleißig nachsah, ob allen Bedürfnissen genügt werde. Er erkundigte sich nach dem Namen des neuen Ankömmlings. »Es ist der Major Freiherr Wolfgang von Landfried zu Schadeck,« lautete die Antwort.

Saß stand starr und sprachlos da, wie wenn ein Blitzstrahl vor ihm niedergefahren wäre, faßte sich aber nach einer Weile, besann sich rasch, nahm den Arzt beiseite und erklärte ihm, der Major dürfe unter keinen Umständen erfahren, daß er sich in der Abteilung von Fräulein Aweling befinde, es könne und werde dies den Schwerkranken in eine Aufregung versetzen, deren schlimme Folgen gar nicht abzusehen; denn Fräulein Aweling sei des Freiherrn geschiedene Frau.

Der Arzt, sehr überrascht, daß ein Fräulein eine geschiedene Frau sein könne, bat um näheren Aufschluß, und es blieb Saß nichts übrig, als ihn, so weit nötig, in das Schicksal Herminens einzuweihen. Hierauf gelobte der Doktor tiefste Verschwiegenheit und verpflichtete auch den Wärter Landfrieds, daß er diesem niemals ein Wort von Fräulein Aweling als der Stifterin der Abteilung sage.

Als Saß sodann noch Näheres über den Zustand des Kranken erfragt hatte, welchen der Arzt nicht ganz hoffnungslos fand, eilte er zu Herminen, um ihr mitzuteilen, durch welch seltsame Fügung Wolfgang Landfried ihr Pflegbefohlener geworden sei, und beschwor sie – zugleich im Namen des Arztes –, jedes Zusammentreffen mit demselben zu vermeiden, ja für die nächste Zeit ihre Besuche im Krankenhause überhaupt zu unterlassen.

Widerstrebend versprach es Hermine.

Zwiegeteilten Sinnes verbrachte sie lange Tage in schweren innern Kämpfen und fand nur einige Ruhe, wenn sie mit ihrer Freundin die ganze Lage offen besprach. Bald schauderte es ihr, den Mann in so naher Nähe zu wissen, der ihr das drohende Gespenst der eigenen Verfehlung geworden war, bald fand sie eine Genugthuung darin, daß dieser schwergekränkte Mann gleichsam unter ihrem Dache Schutz und Rettung gefunden habe.

Inzwischen besserte sich der Zustand des Kranken langsam aber stetig und nach vier Wochen stellte ihm der Arzt in Aussicht, daß er in naher Frist seine Heimreise werde vollenden können.

Saß besuchte den Major täglich, und dieser fand bald Gefallen an dem weltkundigen, anregenden Manne, der ihm so vieles zu erzählen wußte und doch vom Nächstliegenden so klug zu schweigen verstand.

Beide Männer hätten sich befreunden können, allein dies war schon darum nicht gut möglich, weil Saß den Freiherrn im stillen täglich über alle Berge wünschte.

An einem der letzten Tage des November fand Saß den wieder erstarkten Patienten, seine Cigarre rauchend, im Lehnstuhle sitzen, die neueste Nummer des Frankenfelder »Stadt- und Landboten« in der Hand.

Der Freiherr begrüßte den Eintretenden und sagte dann so recht vornehm gleichgültig von oben herab: »Es spielt ja hier eine Truppe wandernder Komödianten, von der Sie mir noch gar nichts berichtet haben. Ich las soeben die Kritik der vorgestrigen Aufführung eines Kotzebueschen Lustspiels, in welchem eine Frau von Landfried die Rolle der schnippischen Kammerjungfer besonders naturgetreu wiedergegeben haben soll. Ich kenne diese Person, die sich erdreistet, unsern Namen zu führen; man hielt sie früher für ein Talent, und Manche verhießen ihr eine künstlerische Zukunft. Jetzt hat sie es also glücklich so weit gebracht, bei einer Wandertruppe Kammerjungfern naturgetreu darzustellen.«

Nach diesen Worten hob der Freiherr den Kopf hoch in die Höhe und blies sehr kunstvoll gekräuselte Rauchwölkchen in die Luft.

Saß schwieg und sah aufmerksam den gekräuselten Wölkchen nach, obgleich es in ihm brannte, den vornehmen Herrn über die Umstände zu belehren, welche Frau von Landfried nach Frankenfeld verschlagen hatten, und ihm eine bessere Meinung von ihren künstlerischen Gaben beizubringen.

Der Major fuhr in seiner Weise fort, höchst ruhig, wie mit sich selbst redend und jedes Wort gleichsam durch die Nase quetschend: »Dieses Frauenzimmer verstand es frühe schon, junge Leute durch ihr Komödienspiel vor und hinter den Kulissen zu bestricken. So lockte sie auch meinem Neffen Hugo ein Eheversprechen ab, und die Ehe soll wirklich geschlossen worden sein, obgleich unsere ganze Familie Einsprache dagegen erhob und die Mißheirat auch niemals anerkennen wird. Ich sage dies nur, um Ihnen zu erklären, wie unser alter Name nunmehr gar auf den Frankenfelder Komödienzettel kommen konnte.«

Saß vermochte nicht länger an sich zu halten, verbarg aber klug genug seine tiefe Erregung und sprach im leichten Gesprächstone wie von einem Gegenstand, der ihn nur so obenhin berühre:

»Ich bekenne, daß ich mit andern achtbaren Leuten bemüht war, der jungen Künstlerin und ihren Genossen eine Beschäftigung in unserer Stadt zu verschaffen, welche sie in diesen Kriegszeiten anderswo nicht finden konnten. Es gelang uns, und die Frankenfelder werden durch das improvisierte Theater noch für etliche Monate eine ganz angenehme Unterhaltung haben. Bei diesem Anlaß lernte ich Frau Marie von Landfried etwas näher kennen und erfuhr mancherlei über ihr früheres Schicksal. Sie, Herr Major, kennen die Verkettung des letzteren ohne Zweifel genauer als ich. Dennoch möchte ich Ihnen gerne erzählen, was mir von dieser Frau bekannt wurde, was ich an ihr beobachtet habe, wie mir ihr Wesen erschienen ist.«

Der Major erklärte sich artig bereit zuzuhören, nur müsse er sich vorher noch eine frische Cigarre anzünden und bot auch Saß eine solche an. Doch dieser dankte dafür und begann.

Kurz und schlicht berührte er die Geschichte der Liebe, der Ehe, der Witwenschaft Mariens; er schilderte die Notlage der verlassenen Frau und ihren Gram wegen des Kindes, welches sie nicht bei sich behalten, nicht erziehen könne. Er pries den Adel ihres Gemütes, die Reinheit ihrer Sitten, die Naturkraft ihres Talentes, wobei der Freiherr lächelnd in sich hinein murmelte: »Also hat es die kleine Hexe auch diesem gesetzten Manne angethan!« Allein Saß hörte das nicht, er wurde immer wärmer, immer beredter und legte zuletzt dem Freiherrn in ergreifenden Worten die Bitte ans Herz, bei der Familie Landfried versöhnend ins Mittel zu treten und so der Verlassenen eine würdigere Stellung zu schaffen und ihrem Kinde eine günstige Zukunft zu eröffnen.

Wolfgang von Landfried hatte ruhig und aufmerksam zugehört, dann sprach er sehr ernsthaft:

»Ich bin nicht kalt gegen fremde Not, selbst wenn sie verschuldet wäre; ich habe ein warmes Herz, und man soll mir nicht nachsagen, daß ich karge, wenn es gilt, einer bedrängten Witwe Hilfe zu bringen und ihr Leid zu lindern. Wie groß müßte das Kapital sein, dessen Jahreszinsen genügten, jener Frau Armgard, die sich Landfried nennt, und ihrem Kinde ein anständiges Auskommen auf Lebensdauer zu sichern?«

Saß atmete auf. Das Eis war also doch geschmolzen! Schien ihm auch die Geldfrage nicht Hauptsache, so war doch schon viel gewonnen. Er sann und sann, bevor er antwortete; er durfte die Summe nicht zu niedrig greifen.

Endlich sprach er: »Dem heutigen niederen Zinsfuße von vier Prozent entsprechend, würde ein Kapital von 50 000 Thalern eine jährliche Rente von 2000 Thalern sichern, und dies wäre genug für den gedachten Zweck.«

»Nun gut!« erwiderte Landfried. »So werde ich ein Kapital von 100 000 Thalern stiften mit der Bestimmung, daß die Zinsen als dauernde Jahresrente an zwei bedürftige Witwen von guter adeliger Abkunft gegeben werden. Eine Pflegschaft, aus den Häuptern mehrerer altadeliger Häuser gebildet, soll über die Standesbefähigung und persönliche Würdigkeit der Bewerberinnen entscheiden. Sie sehen, ich habe ein warmes Herz. Marie Armgard aber erhält von mir keinen Pfennig. Mein Neffe, welcher öffentlich Komödie gespielt hat, wird als ›Hugo der Entartete‹ in unsern Stammbaum eingetragen werden; von seiner Frau und seinem Kinde aber wird nichts darin stehen. Wäre diese Marie Armgard seine Maitresse gewesen, so würde ich ihr und ihrem Kinde ein gutes Auskommen sichern; als seine Witwe erhält sie gar nichts.«

Saß stand wie versteinert. Ohne ein Wort zu erwidern, ergriff er seinen Hut und empfahl sich.

Er beschloß, den Freiherrn nicht wieder zu besuchen. Ein Buch, welches ihm derselbe geliehen, schickte er durch Kaspar Zuckmeyer wieder zurück.

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