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Wilhelm Heinrich von Riehl: Ein ganzer Mann - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
booktitleEin ganzer Mann
authorWilhelm Heinrich Riehl
firstpub1897
year1898
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleEin ganzer Mann
pagesIII-X, 1-415
created20040812
sendergerd.bouillon
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Fünftes Kapitel.

Sedanfeier.

Das große Ereignis von Sedan wurde in Frankenfeld sofort volksfestlich gefeiert. Am Nachmittage war die märchenhafte Kunde eingetroffen, und schon am nächsten Vormittage bewegte sich ein Festzug durch die Straßen, an welchem Alt und Jung, Vornehm und Gering teilnahmen.

Die Stadtmusik und der Magistrat eröffneten den Zug, die Jugend aller Schulen beschloß ihn; jedes Haus war beflaggt, wehende Fahnen wurden im Zuge getragen, kriegerische Märsche und patriotische Lieder verkündeten das Nahen der begeisterten Menge, welche auf weiten Umwegen endlich zum Rathaus gelangte, wo der Bürgermeister die oberste Stufe der Freitreppe bestieg und in kurzer, aber packender Rede alle Deutsche glücklich pries, welchen Gott vergönnt habe, diesen Tag zu erleben, und all den Helden den Dank des Volkes aussprach, die solchen Tag heraufgeführt. Da der Redner wußte, was er sagen wollte, und dies gerad' heraus sagte, so sprach er auch gut. Denn beides ist das Grundgeheimnis aller Redekunst.

Man hatte anfänglich gewünscht, der Bürgermeister möge nach alter Sitte vom Balkon des Haderturmes herab sprechen, allein aus Gründen, die wir kennen, behauptete Jener, der Balkon sei nicht günstig für die Beredsamkeit, und zog die Ratstreppe vor, auf welcher er noch niemals gesprochen hatte und also auch noch niemals stecken geblieben war.

Auch die Frauen und Mädchen – vornehme Damen wie die geringsten Bürgerskinder – nahmen teil an dem Feste. Im Zuge gingen sie nicht mit, aber sie hatten sich gruppenweise an freien Plätzen und Straßenkreuzungen aufgestellt und begrüßten den Zug, um dann von allen Seiten zum Rathause zu strömen und die Rede mit anzuhören. Das konnte auch das feinste Fräulein; denn in Frankenfeld gab es noch keinen Pöbel und keine Gassenbuben, und Jeder fühlte sich auf offener Straße so sicher wie im eigenen Hause. War doch die kleine Stadt das große Haus aller Bewohner.

Nur Hermine Aweling wurde in dem bunten Treiben vermißt. Vor Beginn des Festzuges war sie in ein kleines Haus an der Sterngasse geschlüpft. Dort wohnte eine arme Frau, die sich heute als die Aermste in der ganzen Stadt fühlen mußte, die Krämerswitwe Barbara Ludorf. Von den Söhnen Frankenfelds, welche in den Krieg gezogen, war bis vor kurzem noch keine Todeskunde zurückgekommen bis auf – einen Einzigen, den einzigen Sohn dieser armen Frau. Am 22. August erhielt sie eine mit verwischten Bleistiftzügen kaum lesbar geschriebene Postkarte, auf welcher der Hauptmann ihr mitteilte, daß ihr Sohn Paul, der bravste Soldat seiner Compagnie, in einem Plänklergefechte bei Metz gefallen sei. Der nachfolgende Brief eines Kameraden berichtete das Nähere. Am späten Abend hatte die letzte Kugel des mit großer Uebermacht heranrückenden Feindes Paul durch den Kopf getroffen, daß er auf der Stelle tot zusammenstürzte. Man mußte die Leiche liegen lassen, und erst am nächsten Morgen konnten etliche Mann zurückkehren, um sie zu bestatten. Es war unfern eines alten Weidenbaumes, und die Soldaten hieben zwei starke Aeste ab, die sie in Kreuzesform zusammenbanden und in das Grab an der Todesstätte steckten.

Hermine Aweling hatte dies Alles gehört, und als sie heute an dem Häuschen der Witwe vorüberging, kam es ihr heiß zu Sinne, wie qualvoll für die Verlassene der Jubel des auch durch diese Straße ziehenden Festzuges sein müsse, wenn derselbe in ihre einsame Kammer schalle, wo sie allein in der ganzen Stadt das einzige Opfer des Krieges betraure.

Herminens gutes Herz ließ ihr keine Ruhe; sie mußte hinein in das Haus, um die Unbekannte zu trösten und ihr teilnahmvoll Gesellschaft zu leisten, bis die Jubellaute draußen verklungen waren.

Sie fand Frau Ludorf in der That allein, denn alle Mitbewohner des Hauses waren hinausgeeilt, das große Schauspiel zu sehen, und erklärte ihr, daß sie gekommen sei, ihren Schmerz in dieser bittersten Stünde zu lindern.

Die Witwe begriff anfangs gar nicht, was die vornehme Dame eigentlich wolle, erklärte dann aber barsch, daß sie keine Gesellschaft brauche. »Ich bin nicht allein,« fügte sie hinzu, faßte Hermine an der Hand, führte sie vor ihr Bett und deutete dort auf ein aus zwei zusammengebundenen Weidenzweigen gebildetes Kreuz, welches am Fußende befestigt war.

»Dieses Kreuz,« sprach sie, »stand zuerst auf dem Grabe meines Paul. Die Zweige sind von dem Weidenbaum geschnitten, bei welchem er seinen Tod und seine letzte Ruhestätte fand. Die Kameraden ersetzten es nachher durch ein besseres Holzkreuz; denn sie hatten ihn Alle lieb. Des Stiegelschusters Franz aber, welcher vorige Woche wegen Krankheit und Gebrechlichkeit aus dem Felde heimgeschickt wurde, hat mir die zwei Zweige mitgebracht, und ich habe sie wieder zum Kreuze gefügt und hier an meinem Bette aufgestellt, daß ich Tag und Nacht bei meinem Kinde bin. Die Zweige bedeuten mir das Kreuz, welches meinen Paul heimgesucht, daß er so früh sterben mußte, sie bedeuten mir dann das Kreuz, welches mir selber auferlegt wurde, dazu erinnern sie mich aber auch an das Kreuz unsers Herren Jesu Christi, welches uns erlöst von allem Kreuz und aller Pein. Den Gefallenen pflegt man ins Grab zu singen: ›Jesus meine Zuversicht‹; – meinem armen Paul konnten sie das Lied nicht ins Grab singen; aber jeden Morgen, sowie ich aufgestanden bin, spreche ich das Lied vor seinem Grabkreuze. Da bin ich dann nicht allein, sondern mein Kind ist bei mir. Und so werde ich auch heute nicht allein sein und auch nicht trostlos; denn wenn sie draußen blasen und jubeln und singen, werde ich vor diese zwei Weidenzweige treten und neben mir wird mein Kind stehen.«

Bei diesen Worten lenkte eben der Zug in die Straße ein, und sie sangen und bliesen in mächtigem Chor: »Deutschland, Deutschland über Alles!« und die Witwe blickte nach oben mit Thränen im Auge, und auch Herminens Augen blieben nicht trocken. Sie hatte das arme Weib trösten und erheben wollen und fand zuletzt die kindliche Aussprache des Schmerzes einer Mutter so erhebend, daß sie gar keine Trostesworte mehr nötig fand.

Dennoch wollte sie der Trauernden noch eine schmerzlich süße Freude bereiten, während die Festklänge weiter an dem Hause vorbei rauschten. Sie bat, daß Frau Ludorf ihr noch weiter erzählen möge von ihrem Sohn. Und da hatte sie das Richtige getroffen. Teilnehmend zuhören ist oft ein weit größerer Trost, als teilnehmend zureden. Die Mutter wurde nicht müde, in allerlei kleinen Zügen und Geschichten darzustellen, wie gut und tüchtig der Verstorbne von Kindesbeinen an gewesen, und wie er zuletzt bereits ihre Stütze geworden, deren sie nun beraubt sei. Das Andenken des Geschiedenen verherrlichend, erhob sie sich über ihren Jammer und freute sich, auch dann noch immer der guten vornehmen Dame von ihrem Paul fortzuerzählen, als die letzten Klänge des Festes schon längst verhallt waren.

Die beiden Frauen schieden voll herzlicher Teilnahme füreinander, und Hermine freute sich dieser ihrer stillen Sedanfeier und dachte, das schönste Siegesfest sei doch, wenn man der Toten gedenke, die für die Macht und Ehre des Vaterlandes gefallen sind.

Die Frankenfelder verlangten freilich mehr. Zu dem Volksfeste, welches der augenblicklichen Begeisterung entsproßt, so rasch ins Werk gesetzt und so schön gelungen war, begehrten sie auch noch eine feinere, vorbereitete Feier. Und so beschloß man auf Anregung des Obersten Sickenwolf, einen patriotisch-dramatischen Abend zu veranstalten, der zugleich Gelegenheit böte, die fünf Schauspieler der höheren Gesellschaft Frankenfelds vorzuführen, soweit für letztere Platz war im Saale der »Schwedischen Krone«, wo die alte Liebhaberbühne stand.

Leider fand sich im Spielplan jener Künstler kein einziges vaterländisches Stück, welches der Bedeutung des Tages entsprochen hätte. Allein was man nicht hat, das macht man sich. Die Frist war freilich kurz. Jeden Tag konnten ungeahnte neue Ereignisse sich überstürzen. Also setzte man fest, daß die Feier spätestens in fünf Tagen stattfinden solle. Bis dahin mußte ein Festspiel geschrieben, einstudiert und ausgestattet werden.

Ein Bühnenfestausschuß, natürlich mit dem Obersten an der Spitze, nahm die Sache sofort in die Hand, wobei sich alle Mitglieder die tiefste Verschwiegenheit gelobten, damit die Ueberraschung in jedem Punkt vollständig sei.

Assessor Hinterborn erhielt den geheimen Auftrag, das Stück zu schreiben, wofür ihm ein Tag und eine Nacht vergönnt wurde. Den Tag widmete er dem Entwurf, die Nacht der Ausführung. Um während der Nachtarbeit nicht einzuschlafen, stellte er ab und zu seine Füße in eine Wanne mit kaltem Wasser und trank dann wieder den heißesten schwarzen Kaffee. So gelang es ihm, das Werk – es war ein allegorisches Festspiel – am nächsten Morgen fertig abzuliefern. Nur einen Titel hatte er trotz Fußbad und Kaffee durchaus nicht finden können. Schreibt doch auch Mancher leichter ein ganzes Buch, als daß er den richtigen Titel dazu findet.

Nachdem der Ausschuß das Stück gelesen und gleichfalls keinen Titel dazu gefunden hatte, erklärte ein Mitglied, – dessen Namen natürlich nicht verraten werden durfte, – er würde der Dichtung den Titel geben: »Deutsche Kraft und deutsches Recht«, wofern es ihm gestattet würde, einen Prolog dazu zu dichten, der diesen Titel verdiene. Wenn letzterer dann auch nicht ganz auf das Festspiel passe, so könne er doch für dasselbe mitgelten, so daß es gleichsam unter dessen Flagge mitsegele. Und nach einem Satze des Seerechtes deckt die Flagge die Ladung. Der Vorschlag ward dankbar angenommen.

Handelnde Personen des Hinterbornschen Stückes waren: die Edeltraut als Germania, die Montmorenci als Gallia, Herr Schneider als der Krieg und Frau von Landfried als Friede. Für den Komiker, Herrn Zwiebelmann, hatte der Dichter trotz allen Nachdenkens keine passende Rolle ersinnen können. Zum Ersatz sollte Zwiebelmann unterirdisch mitwirken, unsichtbar, aber leider, wie sich nachher herausstellte, nur allzu hörbar – im Souffleurkasten. Zur Versart hatte der Dichter die Nibelungenstrophe gewählt, welche man sonst auf der Bühne nicht zu vernehmen pflegt. Allein die fünffüßigen Jamben Schillers oder gar die sechsfüßigen des Sophokles waren Herrn Assessor Hinterborn als klassisch zu undeutsch erschienen.

Die Beschaffung der Gewänder für die allegorischen Personen machte bei der Kürze der Zeit große Schwierigkeit. Der Ausschuß war jedoch so gescheit gewesen, hierfür die thätige Hilfe von allerlei »Spitzen der Gesellschaft« in Anspruch zu nehmen, wodurch zugleich das günstigste Vorurteil für das Unternehmen erwuchs; denn Jeder glaubte, daß er zum Gelingen desselben wesentlich beigetragen, ja den patriotisch-dramatischen Abend eigentlich miterfunden habe. Das Geheimnis des Planes wurde dabei allerdings vielfach zerstört mit Ausnahme der Autorschaft des Prologs, weil der Verfasser selber schwieg.

Der Erfolg übertraf die gespannten Erwartungen. Frau von Landfried sprach den Prolog mit einer Klarheit und Ruhe und doch zugleich mit einer Wärme und Tiefe des Ausdrucks, die man der naiven Soubrette gar nicht zugetraut hätte. Auch ihre äußere Erscheinung war frei von jedem theaterhaften Aufputz. Sie erschien im einfachsten, aber geschmackvollen Gesellschaftskleide, einem Geschenk Herminens.

In volksmäßigen kurzen Reimversen erzählte der Prolog den Gang des Krieges bis zum furchtbaren Zusammenbruch der napoleonischen Macht bei Sedan. Das Alles hatte man ja eben erst erlebt; aber so lebensfrisch geschildert, so scharf und schlaghaft ausgesprochen, wirkte doch auch das Bekannte wieder neu. In atemloser Spannung lauschten die Hörer: war es doch, als ob die Sage erzähle, als ob die Gegenwart bereits Geschichte geworden und dennoch allgegenwärtig sei. Und nachdem der Dichter den Flug der wunderbaren Kunde von Sedan durch alle deutsche Gaue berichtet, deutete er in ergreifenden Versen auf das Weltgericht der Weltgeschichte, welches sich vor unsern Augen vollziehe. Jetzt habe die große Stunde geschlagen, wo der Raub des vierzehnten Ludwig an Deutschland wieder zurückgegeben, wo das alte Unrecht gesühnt werden müsse. Deutsche Kraft, die sich endlich ermannt, werde Deutschland sein Recht verschaffen. Die Geister der Helden der Befreiungskriege umschwebten uns, und man dürfe fortan von den Gefallenen jener Tage nicht mehr – wie ehedem – verzweifelnd singen: »Wohl euch, daß ihr erschlagen, – daß ihr erschlagen seid!« denn die geeinigte deutsche Kraft werde nicht rasten, bis das Ziel erreicht, bis dem deutschen Rechte sein volles Recht geworden sei. Das Wort des alten Arndt erschalle auch heut' aufs neue:

»Der Gott, der Eisen wachsen ließ,
Der wollte keine Knechte.«

Bei diesen Schlußversen fiel die Musik im stärksten Vollklang mit der markigen Weise des alten Befreiungsliedes ein, die Zuhörer erhoben sich ganz unverabredet von ihren Sitzen und sangen mit, und stürmischer Jubel erfüllte den Saal, als die letzten Töne verklungen waren.

Minutenlang rief man nach dem Dichter. Es erschien keiner. Einige behaupteten, der Oberst habe die trefflichen Verse verfaßt, Andere rieten auf Professor Capelius oder den Pfarrvikar Quentel oder den Notar Feininger oder auf Alfred Saß; auf den Stadtpoeten, Herrn Hinterborn, aber riet kein Mensch. Die Meisten behaupteten zuletzt, nur Fräulein Aweling könne so schön gedichtet, zugleich aber ihre Person in einen so undurchdringlichen Schleier verhüllt haben. Dem Obersten machte dieser Wirrwarr einen königlichen Spaß und er suchte ihn nach Kräften noch mehr zu verwirren.

Man hätte meinen können, die zündende Kraft des Prologs würde das folgende Hauptstück, das allegorische Drama, vernichten. Sie rettete es vielmehr. Das Publikum hatte vorerst gehört, was es an diesem Tag zu hören erwartete, und trug nun die Bilder und Gedanken, von welchen Jeglicher erfüllt war, in die Oede des Dramas hinüber: man hatte etwas zu denken, während die hochtönende Rhetorik der Nibelungenverse verworren und gedankenarm dahin brauste, und das Publikum ist immer dankbar, wenn man ihm sagt, was es sich denken soll.

Einzelne Stimmen wagten zwar, das allegorische Drama langweilig zu nennen, allein Oberst Sickenwolf belehrte sie, daß unsere heutigen Theater- und Konzertbesucher eine Virtuosität im Ertragen der Langenweile gewonnen hätten wie nie zuvor; denn in der hohen modernen Kunst sei das Langweilige ein notwendiges Fundament des Erhabenen und wir müßten darum lernen, die Erhabenheit der Langenweile zu erfassen. Andere nannten den Prolog einen Genuß, die Allegorie eine Qual. Doch Oberst Sickenwolf überzeugte sie, daß eben darum Beides zusammen sich zum wahrhaft künstlerischen Ganzen gefügt habe. Eine vergangene Zeit habe in der Kunst den Genuß gesucht, das sei oberflächlich gewesen; jetzt griffen wir tiefer und fänden nur denjenigen Kunstgenuß genießenswert, der zugleich ein noch viel größeres Stück Kunstqual in sich schließe.

Jedenfalls war das allegorische Drama nicht durchgefallen. Die Schauspieler spielten so gut sie konnten, und kein Mensch kann mehr verlangen. Frau von Landfried als Friede überstrahlte ihre Genossen bedeutend: man begrüßte in ihr bereits den »Stern der Saison«. Als der Dichter gerufen wurde, erschien Herr Assessor Hinterborn in Frack und Nankinghosen äußerst geschwind und sprach »unvorbereitete« Dankesworte.

Nach der Vorstellung blieben die Zuschauer noch gesellig beisammen und waren stolz auf ihre Stadt, froh über das gelungene Fest und zufrieden mit sich selbst. Die nächste Zukunft des Theaters war gesichert, zumal sich alsbald weitere versprengte und brotlose Künstler den Fünfen anschlossen.

Hermine Aweling hatte in der That nicht geahnt, daß sie mit ihrem edeln Vorhaben, Arbeitern Arbeit zu schaffen, zunächst den Frankenfeldern zu einem Wintertheater verhelfen würde.

Hermine und Amalie zogen sich sofort nach dem Schlusse des Festspiels zurück.

Auf dem Heimweg begann Amalie die Eindrücke des Abends angeregt zu erörtern, fand aber kein Echo bei der Freundin, die schweigend neben ihr herging und, im Rohdaschen Hause angelangt, nach kurzem Nachtgruße alsbald ihr Zimmer aufsuchte.

Amalie, überrascht von dem plötzlichen Verstummen und Erstarren Herminens, nahm sich die Freiheit, nach längerem Harren zu ihr zu schleichen.

Sie fand dieselbe weinend und schluchzend in ihrem Lehnstuhle, das Gesicht mit den Händen verhüllend.

Auf das Befragen, was ihr denn fehle, fuhr Hermine wie aus einem Traume empor, umarmte dann aber Amalie herzlich und sprach:

»Ich hatte heute zwei Witwen zu trösten, die eine, weil sie ihr Kind verloren hat, welches sie auf Erden niemals wiedersehen wird, die andere, weil sie von ihrem Kinde getrennt ist, welches sie zu verlieren fürchtet. Heute nachmittag hatte ich Marie Landfried zu mir gebeten, um die Rolle des Friedens noch einmal mit ihr durchzugehen, in der That aber, um noch tiefer als bisher in die Friedlosigkeit ihrer Seele zu blicken. Aber die Friedlosigkeit meiner eigenen Seele trat mir dabei viel herzzerreißender vor Augen. Wie unedel haben die Landfrieds an dieser armen Frau und ihrem Kinde gehandelt! Wie drängt es mich, diesen Frevel gut zu machen! Und doch – – ich kann dies gerade am allerwenigsten. Ich kann nicht thun, wozu ich zur eigenen Buße und Sühne berufen wäre, – Mutter und Kind zu ihrem Recht in der Familie zu verhelfen; denn je mehr ich darüber sinne, um so schärfer wird mir bewußt, wie unedel ich selbst gegen Wolfgang Landfried gehandelt habe. Ich muß schweigen.«

Amalie wußte, daß hier kein Trost, keine Gründe verfingen. Sie lenkte darum das Gespräch von den düsteren Eindrücken des Tages auf die heiteren des Abends und glaubte die Freundin mit der Nachricht zu überraschen, daß Alfred Saß und kein Anderer der Dichter des schönen Prologes sei.

Doch Hermine nahm die Mitteilung sehr gleichgültig hin und fügte hinzu, sie habe dies schon während des Vortrages erraten.

Amalie hielt das Thema krampfhaft fest: »Saß ist ja kein Dichter, und doch hatten die Verse dichterische Kraft. Allein wenn Sedan das Wunder wirkte, daß der Bürgermeister in seiner Rede nicht stecken blieb, so konnte Sedan ja auch Herrn Saß einmal zum Dichter machen.«

Amalie beobachtete bei diesen Worten, die ihr nicht recht ernst waren, die Freundin mit scharfem Blick. Doch Hermine bemerkte ganz kalt und mit einer Miene, welche zeigte, daß ihre Gedanken eigentlich wo anders waren: »Alfred Saß ist eine künstlerische Natur, weil er ein harmonischer Mensch ist: warum soll er also nicht auch gelegentlich dichten können?«

Sie verfiel dann wieder in ihr starres Schweigen.

Amalie sah die Schweigende eine Zeitlang mit großen Augen an, begann dann aber wieder von Herrn Saß zu reden; denn dieses Thema wollte sie sich nun einmal nicht entreißen lassen.

»Unser Freund ist ein Poet von eigener Art. So ganz im stillen dichtet er die schönsten Verse, und so ganz im stillen ist er vom Korrespondenten zum Prokuristen des Hephästos aufgestiegen und soll auch bereits wieder Teilhaber des Geschäftes geworden sein; denn von seinem Vermögen hat er – ganz im stillen – doch mehr gerettet, als man anfangs glaubte. Am Ende dichtet er sich wohl gar wieder zum Besitzer der Fabrik empor. Seine Verluste ertrug er mit der Weltverachtung eines Dichters und seine Wohnung in der Hasengasse ist ein Idyll. Den Verkauf seines prächtigen Hauses hat er längst verschmerzt, nur der Verlust seines Gartens thut ihm wehe.«

»Welch glücklicher Mensch!« rief Hermine, »dessen einziger Schmerz der Verlust eines Gartens zu sein scheint. Er kann sich ja einen neuen kaufen, wenn es ihm besser geht: ich aber kann mir den verlorenen Frieden meiner Seele niemals wiederkaufen. Ich habe viel gefehlt, viel bereut, vieles an Andern wieder gut zu machen gesucht. Was ich gegen meinen Vater gesündigt, das hat er mir großherzig vergeben, und wenn ich unrecht gethan, indem ich Wolfgang Landfried gegen meine Ueberzeugung das Jawort gab, so that ich es doch nur meinem Vater zuliebe. Wollte ich aber trotzdem mein Wort wieder zurücknehmen, so hätte ich's thun müssen, bevor ich es am Altar besiegelte. Daß ich es dann erst that, übermannt vom fürchterlichsten Sturm des Seelenkampfes, nannte ich anfangs toll: jetzt nenne ich es unehrenhaft und gottlos. Ich habe mich schwer versündigt gegen einen edeln Mann –«

– »War er ein edler Mann?« unterbrach Amalie –

»gegen einen edeln Mann, der mich liebte und den ich nur nicht wieder lieben konnte, – und gegen Gott. Dies schafft mir immer neue Qualen, die eine Zeitlang schlummern, dann – wie heute – um so vernichtender wieder hervorbrechen. Und nun verstricke ich noch einen Dritten, Herrn Saß, in diesen tragischen Konflikt, indem ich ihm das Wort abnahm, daß er zu Wolfgang Landfried gehe und seinen starren Sinn beuge zu gunsten der armen Marie Armgard und ihres Kindes. Er wird es thun und dabei Unglück haben und unglücklich werden wie ich.«

»Das Letztere wird er nicht!« fiel Amalie ein. »Saß wird vielmehr mit gewohntem Geschick sein Versprechen zu erfüllen wissen, ohne daß ihm ein Nachteil daraus erwüchse. Er trifft überall den Nagel auf den Kopf, – nur muß man ihm dabei mitunter ein bißchen den Arm führen,« fügte sie leise und lächelnd hinzu und fuhr dann mit erhobener Stimme fort: »Sei unbesorgt. Dieser Mann versteht in wunderbarer Weise zu handeln und zu gestalten, und was er thut, hat Hand und Fuß. Zum ganzen Manne fehlt ihm nur Eines: – die Originalität.«

Hermine fuhr erstaunt auf. Bisher gleichgültig bei Allem, was Amalie über Saß gesagt hatte, geriet sie jetzt in leidenschaftlichen Eifer und rief: »Die Originalität? Gerade dies gefällt mir an Alfred Saß ganz besonders, daß er durchaus Original ist. Vorab um deswillen, weil er gar nicht strebt, ein Original zu sein. Die Originalitätssucht ist die allgemeine Krankheit unserer Zeit in Kunst und Leben, und wer sie zeigt, der ist schon darum kein Original. Käme heute ein Künstler, der Großes schüfe, ohne in jedem Zuge ein Original sein zu wollen, er würde ein Erlöser unserer verbesserten Kunst sein. Saß ist aber auch ein Original, weil er bescheiden ist und Ueberraschendes leistet, ohne irgend seine Person in den Vordergrund zu drängen. Das ist hohe Originalität in einer Zeit, welche die Bescheidenheit ein deutsches Nationallaster zu nennen wagt. Sein Charakter stand nicht von Anfang fest wie in Holz geschnitten. Er hat sich vor unsern Augen entwickelt, wie es das Leben forderte, wie die Pflicht es ihm gebot, und doch ist er seines Glückes Schmied, ein Mann seiner selbst. Und wo es ihm schlecht ging, klagte er nicht die ganze Welt an und unsere verkehrten Gesellschaftszustände – das thut gegenwärtig auch der geringste Arbeiter –, sondern er war so originell, immer nur zu sinnen, wie er sich selbst bessere. Weltschmerz ist keine Originalität mehr, wohl aber Weltzufriedenheit und – Zufriedenheit mit dem eigenen Lose. Mich haben viele Leute für ein Original gehalten, während ich es doch gar nicht bin; zu Alfred Saß aber blicke ich hinauf, weil er ein echtes Original ist, ohne es zu scheinen.«

»Aber seine Welt- und Selbstzufriedenheit,« fiel Amalie ein, »hat doch eine klaffende Lücke, welche du nicht zu kennen scheinst. Er hat sich in zielloser Liebesschwärmerei verzehrt. Ist das auch so selten, daß es zu deinem Originale paßt? Er dichtete sich einen Liebesroman, in welchem die Geliebte nur als sein Phantasiebild auftrat; denn sie wußte gar nichts von seiner Leidenschaft – das haben, glaub' ich, auch schon andere Leute gethan –, und als er auf der Höhe seiner Schwärmerei mehr und mehr inne wurde, daß alle äußeren Verhältnisse der Erfüllung seiner heißesten stillen Wünsche entgegenstanden, entsagte er mannhaft. Ob er aber seinen Frieden in dieser Entsagung gefunden hat –?«

»entsagte er mannhaft,« so nahm Hermine den Satz auf und fügte sehr aufgeregt hinzu: »und die Liebe verwandelte sich in den innigsten Freundesbund, und nun offenbarte der Freund sein ganzes Geheimnis der Freundin, die er so lange und so verschwiegen geliebt, und diese Freundin, liebe Amalie, – bist du selber.«

Amalie mußte laut auflachen und beteuerte, Hermine sei auf völlig falscher Spur; aber diese ließ sich nicht stören und fuhr fort: »Ich sehe gar nicht ein, warum mein Original nicht auch hier noch den Gipfel der Originalität erklimmen könnte, indem ihr Beide trotz des Altersunterschiedes und der Welt zum Trotz den glücklichen Freundschaftsbund zu einem noch glücklicheren Ehebunde steigertet.«

Amalie erkannte aus dem Ton, in welchem die Freundin, glühenden Antlitzes, diese Worte sprach, daß sie dieselbe erst recht und aufs neue aufgeregt habe, statt sie zu beruhigen. Was sie hätte sagen können, das durfte sie nicht sagen, ja sie hatte ohnedies schon zuviel gesagt, und ihre heilige Versicherung, daß nicht sie selbst, sondern eine Andere, die sie nicht nennen dürfe, das von Saß vordem so heiß und still geliebte Wesen sei, goß nur Oel ins Feuer.

Hermine erschrak vor sich selbst. War es ihr doch, als würden ihr mit einemmal Geheimnisse des eigenen Herzens klar, an die sie bis dahin gar nicht zu denken gewagt hatte!

Sturmvoll im Innersten bewegt, brach sie das Gespräch ab und trennte sich von der Freundin, einer noch stürmischeren Nacht entgegensehend.

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