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Wilhelm Heinrich von Riehl: Ein ganzer Mann - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
booktitleEin ganzer Mann
authorWilhelm Heinrich Riehl
firstpub1897
year1898
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleEin ganzer Mann
pagesIII-X, 1-415
created20040812
sendergerd.bouillon
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Neuntes Kapitel.

Enthüllung

Wochenlang führten Saß und Amalie ihr Werk ruhig und gewissenhaft weiter und es gelang ihnen allmählich, die Grundlage zu einer guten Ordnung der Gegenstände zu gewinnen.

Für Saß waren es friedliche und befriedigende Feierstunden, die er solchergestalt in dem alten Turme verbrachte. Die echtesten Feierstunden sind nicht die Stunden müßigen Ausruhens, sondern beglückender Arbeit voll stillen Behagens – und vollends in angenehmer Gesellschaft.

Saß hatte sich wöchentlich zwei Museumsnachmittage herausgespart. Hin und her geworfen von aufreibenden Geschäften sehnte er sich nach diesen wie die Schulkinder nach einem Ferientag. Er hätte nie gedacht, daß er sich zwischen den Mauern des Haderturmes noch einmal so vergnügt und zufrieden fühlen sollte.

Mit der Zeit hauszuhalten hatte er, wie wir wissen, neuerdings bereits gelernt. Jetzt lernte er unter Amaliens milder Führung eine andere noch schwerere Kunst, die Kunst – sich belehren zu lassen. Er lernte lernen.

Bringen wir's doch mehrenteils im Leben überhaupt nicht viel weiter, als daß wir lernen gelernt haben, bis wir sterben müssen, was Jeder – gut oder schlecht – fertig bringt, auch wenn er's nicht gelernt hat.

So wurde Alfred Saß unter der Hand ein ganz neuer Mann.

Die scharfblickenden Frankenfelder erkannten dies gleichfalls und sprachen es aus. Nur faßte die »öffentliche Meinung« den »neuen Mann« in ganz eigenem Sinne.

Oberst Sickenwolf machte darüber seine allezeit treffenden Glossen.

Er sagte – doch ganz im Stillen –:

»Unsern guten Mitbürgern sinkt Freund Saß um so tiefer, je höher er in sich selber steigt. Er plagt sich, seine Neffen zu erziehen – welche Zeitverschwendung! Warum hält er ihnen nicht einen Erzieher? Er plagt sich, die geschäftlichen Verpflichtungen seines Bruders redlich zu lösen: – der reiche Saß wird bald der arme Saß heißen; jammerschade, daß es so kommen muß. Ob er sein prächtiges Wohnhaus mit dem schönen Garten noch lange wird behaupten können? Er verzichtet auf die Freuden der Geselligkeit – wie tadelnswert, daß der vordem so lebensfrohe Mann plötzlich solch ein Philister geworden ist! Als er noch glänzende Feste gab, nannte man ihn den Berufensten zur Leitung des Museums; obgleich er gar nichts davon verstand! jetzt bemüht er sich eifrig etwas verstehen zu lernen, und doch erkennt alle Welt, daß er ganz unwissend in der Altertumskunde ist – hält er doch keine offene Tafel mehr! – – Doch nein!« rief der Oberst plötzlich nach einigem Besinnen, »man sagt, für Ein Altertum habe Alfred Saß ein tiefes, stets wachsendes Verständnis gewonnen, – für Fräulein von Rohda, die nahezu seine Mutter sein könnte. Ich würde mich krank lachen, wenn es wahr wäre, was Kaspar Zuckmeyer als Augen- und Ohrenzeuge bestätigt, daß die Beiden heimlich verlobt seien und sich recht bald heirateten. Der Haderturm als Heiratsstifter! Fräulein Amalie besitzt ein Kapital von 500 000 Gulden und stattliche Liegenschaften dazu. Wie würde das Blatt sich wenden, wenn sie mit ihrem Gelde den Gemahl wiederherstellte in der Gesellschaft! Die Frankenfelder müßten dann allen Tadel, welchen sie jetzt über Freund Saß ausschütten, in Lob umkehren, und der verkrachte Mann wäre wieder ein gemachter Mann.«

So ungefähr und noch ärger brodelte und zischte es in dem Hexenkessel der öffentlichen Meinung von Frankenfeld. Man sollte denken, die Frankenfelder seien recht böse Menschen gewesen. Das waren sie aber ganz und gar nicht; sie waren vielmehr zum größten Teil recht gute, brave Leute, sie waren nur – sehr menschlich.

Durch seine unverdrossene Arbeit und schweigende Entsagung hatte aber Alfred Saß bereits den Segen gewonnen, daß ihm in seinem Stilleben von all dem neidischen Gezische fast gar nichts zu Ohren kam, wie auch Amalie des gleichen Glückes teilhaftig ward. Und so arbeiteten sie in Frieden gemeinsam weiter.

Am 25. November erhielt Saß einen Brief mit dem Poststempel »Athen«. Zitternd öffnete er ihn: er war von Hermine Aweling.

Mit fester, fast männlicher Hand geschrieben, bestand der Brief nur aus fünf sehr höflichen Zeilen, in welchen die Dame dem »hochgeehrten Herren« »verbindlichst« dankte für den unverdienten Dank, welchen er ihr in zwei Briefen gespendet habe, und mit der Aussprache »vorzüglicher Hochachtung« unterzeichnete.

Unsern armen Freund überlief es eiskalt. Er hatte Anderes erwartet. Aber nach seiner Weise nahm er die Enttäuschung anfangs sehr ruhig hin, um des nächsten Tags desto aufgeregter zu werden.

Eine erfreuliche Nachricht zündete bei ihm sofort, die helle Freude entflammend. Was ihn dagegen betrübte, drückte, ärgerte, das trug er eine Weile gelassen mit sich herum, bis er's hinterdrein erst in leidenschaftlicher Heftigkeit, dann aber auch um so verbitterter und nachhaltiger erfaßte.

So geschah es bei Herminens Brief. Am Tage des Empfangs war Saß gelassen, am nächsten Tage wehmütig, am dritten Tage höchst unglücklich, obgleich er sich an allen drei Tagen sagen mußte, daß er eigentlich gar keine Ursache gehabt habe, einen andern Brief zu erwarten, und sich fragen mußte, was er denn eigentlich von Herminen wolle?

Er fühlte sich um so trostloser und einsamer, da Amalie plötzlich erkrankt war. Zwei Wochen lang konnte er nur durch Kaspar täglich nach ihrem Befinden fragen lassen; – seinen eigenen Bedienten hatte er längst verabschiedet. Doch in der dritten Woche ließ sie ihm sagen, ihr Befinden habe sich soweit gebessert, daß sie sich freuen würde, seinen Besuch zu empfangen.

Er eilte zu ihr.

Amalie begrüßte den Freund, zwar noch etwas bleich und leidend, doch fröhlich gehobenen Mutes.

»Ich habe neue Briefe erhalten von Hermine Aweling,« sagte sie nach den ersten Worten. »Das Herz wird mir weit, die Welt geht mir auf, es weht Frühlingsluft durch mein Stübchen, wenn ich die Schriftzüge der Freundin lese und wieder lese.«

»Also sind das wohl sehr große und inhaltvolle Briefe?« fragte Saß. »Ich hörte einmal, Fräulein Aweling pflege nur ganz kurz, in wahrem Lapidarstil zu schreiben.«

»Ganz und gar nicht! Sie füllt Bogen um Bogen, sie ergeht sich mitunter in weitauslaufenden Längen, aber es sind ›göttliche Längen‹, wie sie Franz Schuberts Bewunderer von seiner großen Symphonie rühmen. Von Woche zu Woche geschrieben, sind ihre Briefe ein vollständiges Tagebuch. Sie hat mich angesteckt: ich schreibe ihr gleichfalls die längsten Briefe – wir Frauen verstehen uns ja darauf – gleichfalls ein Tagebuch.

»Hermine weilt noch immer in Athen und durchstreifte von dort schon einen großen Teil von Griechenland, zumeist zu Pferde, und scherzt über einige kleine Unfälle, welche ihr dabei begegneten. Bei einem Ritt über das Schlachtfeld von Marathon stürzte sie und im schäferlichsten Thale Arkadiens wurde sie von Wegelagerern geplündert. Allein beidemale kam sie noch gut davon, – im ersten Falle mit einer leichten Prellung, im andern mit Verlust von Uhr und Börse. Hermine hat eben überall großes Glück in kleinen Dingen, und unter diesen stehen drei voran: sie ist reich, sie ist frei und kann thun, was sie will – und sie ist immer frisch und gesund.«

»Wenn das kleine Dinge sind,« rief Saß, »dann möchte ich wohl wissen, wie die großen heißen, in welchen das Fräulein etwa minder glücklich ist.«

»Sie heißen: Friede in sich selbst und Versöhnung mit Gott und der Welt,« entgegnete Amalie.

»Und Beides fehlte ihr?« fragte Saß.

Amalie schwieg, lange sinnend. Dann erhob sie sich plötzlich und sprach: »Ich will Ihnen eine Geschichte erzählen, lieber Saß. Sie wird kurz sein, aber inhaltreich. Wollen Sie geduldig zuhören?«

Saß versprach es und Amalie begann:

»Es war einmal ein alter Edelmann, der Freiherr Hans von Aweling. In seinen besten Jahren war er Soldat gewesen, er hatte die Freiheitskriege mitgekämpft und war im Frieden bis zum Generalmajor gestiegen. Dann nahm er seinen Abschied, verheiratete sich noch als Fünfziger und zog sich auf einen Landsitz am Rheine zurück.

»Die glückliche Ehe wurde schon nach wenigen Jahren durch den Tod der Frau wieder gelöst, nachdem sie ihrem einzigen Kinde, einem Mädchen, das Leben gegeben hatte. Es erhielt nach seiner Mutter den Namen Hermine.

»Als es heranwuchs, gab der vereinsamte Witwer das Kind zur Erziehung nach Düsseldorf, wo es im Hause einer befreundeten Familie ein trautes Heim fand und, früh herangereift, bis zum zwanzigsten Lebensjahre verblieb.

»Der Vater liebte sein Kind von Herzen und that alles Mögliche, ihm eine glückliche Zukunft zu sichern.

»Allein Vater und Tochter sahen sich doch nur selten und auf kürzere Zeit. Hermine wurde in Gehorsam und Verehrung für ihren Vater erzogen, den sie so wenig kannte. Der alte Soldat besaß die Kunst nicht, sich einer Kindesseele innig zu nähern, und so erwachte auch bei Hermine die volle Kindesliebe nicht. Elternliebe pflegt überhaupt meist tiefer und opferfreudiger zu sein als Kindesliebe.

»Eine reizend erblühte Jungfrau kehrte Hermine wieder heim, um dem Vater, nun schon einem hohen Siebziger, die Abendsonne zu werden, welche seine letzten Lebenstage verkläre.

»So schien es auch. Hermine, als ein gutes Kind, pflegte und erheiterte treulich ihren Vater.

»Mit ihrem Herzen aber war und blieb sie in Düsseldorf. In den anregenden geselligen Kreisen der reizenden Künstlerstadt hatte sie vor einem Jahre einen jungen Maler kennengelernt, der durch sein glänzendes, eigenartiges Talent allgemeines Aufsehen erregte und nachmals ein berühmter Mann geworden ist. Wie er heißt? Das kann ich nicht sagen. Hermine, die mir sonst ihr ganzes Herz öffnete, hat selbst mir seinen Namen verschwiegen; wir nannten ihn nur Heribert, weil er ganz gewiß nicht so heißt.

»Sie hatte ihn kennengelernt. Das will sagen: er war ihr vorgestellt worden, sie hatte ihn manchmal unter vielen Menschen gesehen, sie hatte gleichgültige, flüchtige Worte mit ihm gewechselt, sie hatte seine Bilder mit Begeisterung betrachtet, aber am genauesten und begeistertsten das Bild seiner selbst, das Bild, welches sie sich von ihm machte nach seiner gewinnenden Erscheinung, seinem feinen, ritterlichen Wesen, seiner geistsprühenden Rede – Alles verschönt und erhöht, zum Kunstgebilde erhoben in ihrer glühenden Phantasie.

»Sie wagte niemals, ihm entgegenzukommen, ihn ihre Schwärmerei merken zu lassen. Dafür war sie zu streng erzogen, zu jungfräulich stolz, – und Heribert gar zu schnurgerecht höflich gegen sie. Doch nein. Einmal brach sie vor ihm in so leidenschaftliches Lob über sein neuestes Gemälde aus, wie nur die Liebe zu loben weiß. Heribert aber nahm ihre heißen Worte ganz kühl hin, er dankte verbindlichst und meinte, so hohes Lob sei unverdient – –«

»Er dankte verbindlichst?« fragte Saß, der mit steigender Spannung zuhörte, und wiederholte die Frage mit seltsam schwerem Nachdruck.

»Nun ja! wie man schicklicherweise zu danken pflegt,« antwortete Amalie und fuhr fort: »Ich glaube, ein tiefes, zartes Gemüt kann lieben, ohne sich dem Geliebten zu offenbaren, ohne Gegenliebe zu finden und zu fordern. Sagt nicht Goethe: ›Wenn ich dich liebe, was geht's dich an?‹ Und doch wird die geisterweis Liebende sich verzehren in der Sehnsucht nach Gegenliebe! So geschah es auch bei Herminen. Sie sah sich nicht zurückgestoßen, sie sah sich nur unbeachtet. Unnahbar war ihr das geliebte Wesen, welches sie fast nur vom Hörensagen kannte, welches sie stündlich in sich und so selten sich gegenüber erblickte. Sie lebte mit ihm in derselben Stadt, und er weilte ihr doch so ferne. Da fand ihre Einbildungskraft den breitesten Spielraum, jeden Zug seines Wesens zum Ideal zu steigern. Tausende haben so nur in Gedanken geliebt und werden so lieben. Ob aber nicht vielleicht nur Frauen so entsagend, so rein geistig auf die Dauer lieben – im Paradies eines dichterischen Traumbildes wandelnd?

»Und dieser schöne Traum zerrann nicht, er wurde vielleicht noch farbenglühender, als Hermine ins Vaterhaus zurückkehrte. Die Entfernung läßt eine schwache Liebe einschlafen, eine starke weckt sie erst recht.

»Ernste Aufgaben traten an Herminen heran. Der Vater war kränklich geworden, er heischte ihre aufopfernde Pflege; er konnte seinen weitverzweigten Privatgeschäften nicht mehr ganz vorstehen: Hermine, die Zwanzigjährige, mußte das Meiste besorgen. Und ein langes Leben schien dem Vater nicht mehr vergönnt. Als ein treues, gutes Kind erfüllte Hermine mit Eifer die neuen Pflichten, allein ihre Gedanken blieben doch bei Heribert, von dem sie nichts mehr sah noch hörte.

»Da sagte ihr eines Tages der Vater, er sehe seinem Ende entgegen und wünsche sehnlich, sein einziges Kind vorher noch versorgt zu wissen. Der Freiherr Wolfgang Landfried zu Schadeck, ein angenehmer und höchst achtbarer junger Mann, hatte in der letzten Zeit fast täglich in Awelings Hause verkehrt, auch von Hermine freundlich aufgenommen, und hatte zuletzt beim Vater um ihre Hand geworben.

»Hermine weigerte sich, seine Werbung auch nur anzuhören. Der Vater dagegen setzte seinen ganzen eisernen Willen ein, die Verbindung durchzusetzen, endlich zu erzwingen.

»Es kam zu erschütternden Auftritten zwischen Vater und Tochter. Hermine blieb standhaft. Von ihrer phantastischen Liebe für einen Andern, der gar nichts von ihr wissen wollte, sagte sie kein Wort. Der alte Soldat hätte den Roman dieser Liebe für Verrücktheit gehalten. Sie aber wollte den Schwur der Treue – gegen sich selber – ebenso heilig halten, wie wenn sie ihn zugleich in Heriberts Hand geleistet hätte.

»Da verschlimmerte sich die Krankheit des Vaters plötzlich derart, daß die Aerzte ihm nur noch eine Lebensfrist von wenigen Tagen zusprachen. Der Todkranke bot seine letzte Kraft auf, er wurde sogar weich und mild, um den Sinn der Tochter zu wenden: nur das eine Opfer verlange er noch von ihr, auf daß er beruhigt scheiden könne.

»Zerrissenen Herzens, von Stürmen durchbraust, die sie bis zur Grenze des Wahnsinns trieben, sagte Hermine Ja!

»Das Unerwartete geschah: der Kranke besserte sich, wenn auch sein Zustand hoffnungslos blieb. Allein es war ihm doch eine kurze neue Lebensfrist vergönnt.

»Seit Hermine ihr Wort gegeben, erschien sie völlig verändert. Der leidenschaftliche Kampf schien erloschen, starr und kalt ließ sie Alles mit sich machen, was man wollte.

»Ihr Bräutigam liebte sie und war kein unedler Mensch. Er wußte ja sehr gut, daß Hermine seine Neigung nicht erwidere, daß sie nur ihrem todkranken Vater ein Opfer der Pflicht gebracht habe. Allein er dachte, wie schon Tausende in ähnlicher Lage, die Liebe Herminens werde dennoch erwachen, wenn sie einmal ihm gehöre und seiner ganzen Liebe inne werde.

»In drängender Hast wurde die Heirat vorbereitet. Es war noch so Vieles zu ordnen.

»Hans von Aweling war der Letzte seines Stammes. Sein Trachten stand dahin, daß wenigstens in seiner Tochter noch der Name und Reichtum des Hauses wie in einem verhallenden Nachklang gewahrt werde. Der Schwiegersohn sollte sich fortan ›Landfried zu Schadeck-Aweling‹ schreiben; seiner Gattin solle nach des Vaters Tode das ganze große Awelingsche Vermögen ungeschmälert zufallen; der künftige Gatte war reich genug, um auf Gütergemeinschaft mit der noch reicheren Gemahlin verzichten zu können.

»Alles gelang nach Wunsch.

»So erschien der Hochzeitstag. Die Vermählung sollte still im engen Kreise gefeiert werden. Um 11 Uhr fand die Trauung statt.

»Hermine war totenbleich; starr, wie willenlos that sie Alles, was zu thun war; laut und kalt sprach sie das Jawort am Altare.

»Sie zog sich auf ihr Zimmer zurück, wo ihr eine zweistündige Pause der Ruhe und Sammlung vergönnt war, bevor sie bei dem einfachen Festmahl erschiene, zu welchem nur einige Nächstbefreundete geladen waren.

»Sie erschien aber nicht.

»Man wartete; – man suchte nach ihr; – sie war mit ihrer Dienerin verschwunden.

»Auf einem zurückgelassenen Blatt besagte sie in kurzen Worten, daß sie, des Vaters Willen gehorchend, einen Mann, den sie nicht lieben könne, geheiratet habe, daß sie nunmehr aber – und für immer –, ihrem eigenen Willen getreu, für sich allein leben wolle.

»In Schreck und Staunen ging die Festgesellschaft auseinander.

»Der Vater brauste in hellem Zorne auf, um bald, von Gram betäubt, in sich zusammenzusinken.

»Der verlassene Bräutigam suchte die Spur der Entflohenen.

»Es gelang ihm anfangs nicht, weil Hermine ganz in der Nähe geblieben war, während man sie in der Ferne vermutete, vielleicht auf dem Wege nach Düsseldorf.

»Allein hilflos und ohne zu wissen, wohin sie sich eigentlich wenden solle, war sie nur auf eines der nahegelegenen väterlichen Güter gegangen und hatte dort bei der Pächtersfamilie Zuflucht gesucht.

»Ihr Aufenthalt wurde erst am dritten Tage entdeckt. Der arme Pächter konnte ihr keinen weiteren Schutz geben. Das war aber auch nicht nötig.

»Starr und unbeugsam widerstand sie allem Andringen des Vaters wie des angetrauten Bräutigams. Um Schlimmeres zu verhüten, mußte man sie einstweilen in dem Bauernhause lassen, wo sie sich in ihr Stübchen verschloß und einsam die Tage und die schlaflosen Nächte verbrachte.

»Nach einigen Wochen erklärte der Freiherr von Landfried, daß auch er eine erzwungene Ehe nicht wolle, daß er auf Hermine verzichte und da eine letzte Unterredung, die er mit der Entflohenen gehabt, ihm nur das Unabänderliche ihres Entschlusses bestätigt habe, eine gerichtliche Scheidung einleiten werde.

»Der Vater, dessen Leiden sich unter den furchtbaren Erschütterungen zum schlimmsten gewendet hatte, ließ den Notar kommen und setzte mit ihm eine Urkunde auf, kraft deren er seine ungehorsame Tochter enterbte.

»Als ihm der Notar den Akt zum Unterzeichnen vorlegte, wollte Aweling eben die Feder ansetzen, da hielt er plötzlich inne, blickte lange nach oben in den blauen Himmel, der zum weit offenen Fenster so hell hereinleuchtete, ergriff die Urkunde und – zerriß sie in hundert kleine Stücke.

»Dann sprach er zum Notar mit wunderbar erstarkter Stimme: ›Ich lasse meiner Tochter ihr volles Erbe und gebe ihr meinen väterlichen Segen!‹

»Dies war sein letztes Worte. Er redete den ganzen Tag nichts weiter. Am nächsten Morgen war er tot.«

Mit bebender Stimme hatte Amalie zuletzt erzählt. Sie machte eine lange Pause; auch Saß schwieg. Dann hub sie wieder an:

»Ich erzähle, ich schildere nicht. So will ich auch von dem Zustande Herminens nach der Kunde von des Vaters letztem Tage nur ganz kurz berichten. Ihr Seelenleiden war schwerer noch als an jenem entsetzlichen Hochzeitmorgen. Allein sie ist ein frommes Gemüt. Der Segen des verklärten Vaters im Aufblick zum Himmel erschien ihr wie eine unmittelbare Erleuchtung Gottes, und indem sie den Vater mit Gott versöhnt erblickte, sah sie ihn auch mit ihr versöhnt und ahnte den aufsteigenden Dämmerschein inneren Friedens.

»Ein Jahr lang lebte sie einsam im verwaisten Vaterhause, eifrig bemüht, zu helfen, wohlzuthun, mitzuteilen. Sie schien der Welt abgestorben. Fernerstehende sagten sogar, sie sei eine Pietistin geworden. Das war sie jedoch ganz und gar nicht. Sie fand nur ihren Trost in edlen Thaten und kindlichem Glauben.

»Da erwachte mit einemmal die mächtige Spannkraft ihres Geistes wieder. Sie raffte sich auf. Sie kannte die Menschen noch so wenig, sie hatte so wenig noch gesehen von Gottes schöner Erde. Sie war des Sinnens und Brütens und Bücherlesens müde, sie wollte in dem reichsten Buche lesen, was Gott selbst vor uns aufschlagen hat: sie wollte hinaus in die Welt. Nicht um sich zu zerstreuen, nicht um, durch die Länder jagend, ihre innere Unruhe zu verjagen, sondern um schauen, bewundern und lieben zu lernen, was schön und herrlich ist. Sie wollte wieder lebendig leben. Im Körper und Geist für die große Welt geboren, bewegte sie sich alsbald in derselben mit jener natürlichen Sicherheit, die sie nicht gelernt hatte, und die nicht erlernt werden kann.

»So begann vor neun Jahren ihr Reiseleben, welches die Pilgerin nicht zerstreute, sondern erstaunlich reifte und in sich festigte. Sie kennen es zu einem kleinen Teil.

»Dazwischen aber bedurfte die Freundin der Ruhe und Sammlung. Und die fand sie während der letzten Jahre in unserm Frankenfeld, dessen friedliche Umgebung ihr um so mehr gefiel, je weniger sie die Frankenfelder kennen lernte. Von ihrem Manne längst geschieden, nahm sie ihren Mädchennamen wieder an, wenn auch nicht in seiner aristokratischen Fassung, und wurde bei uns – das Mädchen aus der Fremde.«

»Und Heribert?« warf Saß dazwischen.

»Er ist heute ein hochberühmter Künstler und schon lange verheiratet mit einer schönen Düsseldorferin und der glückliche Vater von fünf Kindern.«

»Und der Freiherr Landschaden von Schadeck?« fragte Saß weiter.

»Nicht Landschaden, sondern Landfried,« verbesserte Amalie. »Er ist nach der kränkenden Verlassung ehelos geblieben. Weiteres weiß ich von ihm nicht zu berichten.«

»Lösen Sie mir noch einen Widerspruch,« bat Saß. »Vor einiger Zeit erklärten Sie, mir das Geheimnis nicht verraten zu dürfen, welches die Person Ihrer Freundin umschwebt, und jetzt haben Sie mir es doch verraten. War es die Freundin, welche Ihnen inzwischen gestattete, mich ins Vertrauen zu ziehen?«

»Keineswegs!« entgegnete die Befragte. »Ganz aus eigenem Antrieb teilte ich Ihnen mit, was Sie gehört haben, weil mich Ihre warme Teilnahme für die Freundin rührte, weil ich Sie für einen feinfühligen und verschwiegenen Ehrenmann halte, und weil ich – – weil – –; doch genug der Gründe! Kommt Hermine wieder einmal hierher, dann werde ich meinen Vertrauensbruch zu rechtfertigen wissen.«

Saß reichte ihr schmerzbewegt die Hand, und sie ließ die ihrige eine Weile in der seinen ruhen.

Da hörten sie ein leises Räuspern am andern Ende des Zimmers und fuhren erschreckt auseinander.

Kaspar Zuckmeyer stand bolzgerade an der Thüre. Er räusperte noch einmal beträchtlich lauter. Dann trat er vor und bat um Entschuldigung. Nachdem er dreimal erfolglos angeklopft habe, sei er eingetreten und habe eine Weile gewartet, um die Herrschaften nicht zu stören. Er bringe einen eilenden eingeschriebenen Brief an seinen Herrn, den er nicht gewagt habe, länger liegen zu lassen.

Saß warf ihm einen zornigen Blick zu und erbrach hastig das Schreiben.

»Ihr hättet zu Haus bleiben, und der Brief hätte warten können,« fuhr er den Ratsdiener an und hieß ihn gehen. Dann sprach er zu Amalien:

»Dennoch bringt mir der Brief eine wichtige Entscheidung: – den Abschluß eines Vertrags. Ich habe mein Haus verkauft mit aller Einrichtung und den Garten dazu. Das Geschäft ist vollendet; – von dem Kaufpreis werde ich keinen Pfennig erhalten; – ich bin jetzt ein armer Mann; – ich werde demnächst mit meinen zwei Neffen eine kleine Mietwohnung in der Hasengasse beziehen.«

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