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Wilhelm Heinrich von Riehl: Ein ganzer Mann - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
booktitleEin ganzer Mann
authorWilhelm Heinrich Riehl
firstpub1897
year1898
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleEin ganzer Mann
pagesIII-X, 1-415
created20040812
sendergerd.bouillon
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Achtes Kapitel.

Die Ehrendame.

Der Ratsdiener fing sich in der eigenen Schlinge. Gerade weil er den Katalog Amaliens verbrannt hatte, führte er sie mit Saß um so näher zusammen.

Nachdem nämlich die Aufzeichnungen Amaliens trotz allen Suchens nicht gefunden werden konnten und Saß trostlos darüber war, erklärte das Fräulein, dienstbeflissen wie immer, daß der Verlust doch nicht unersetzlich sei: sie habe die wichtigeren Notizen alle im Kopfe und sei gern bereit, jeden gewünschten Aufschluß zu geben.

Saß ergriff das Anerbieten mit freudigem Danke und fügte die Bitte hinzu, daß ihm die gütige Helferin bei seinem neuen Amte überhaupt fördernd und belehrend zur Seite stehen möge. So nur sei er sicher, überall den Absichten ihres seligen Bruders zu entsprechen.

Beide verabredeten nun gemeinsame Arbeitsstunden im Haderturm, wohin die sämtlichen Gegenstände verbracht worden waren.

Da der Ratsdiener inzwischen auf Antrag von Saß das Nebenamt eines Museumsdieners erhalten hatte, so stellte Amalie nur die einzige Bedingung, daß Kaspar Zuckmeyer jedesmal bei ihrer gemeinsamen Arbeit zugegen sein müsse, teils zu mancherlei Handreichungen, dann aber auch als Ehrendame.

Und so sah und sprach Saß in der That das Fräulein wochenlang immer nur in Gegenwart Kaspars, der mit grimmigem Gesichte wie ein knurrender Kettenhund seinen Dienst versah und erschreckt zusammenfuhr, so oft sich Amalie zufällig der Folterbank näherte, wo die Kriminalakten lagen.

Kaspar fand es übrigens sehr unschicklich, daß die zwei »ledigen Personen« so regelmäßig zusammensaßen und beschloß, dies dem Fräulein schon deutlich zu machen und andern Leuten dazu, damit der vertraute Verkehr aufhöre.

Schon am ersten Tage trug Saß seinen Plan vor, eine stattliche neue Eingangsthüre zum ersten Stock im romanischen, eine Ausgangsthüre im gotischen Stile machen zu lassen, fand aber damit bei Amalien keinen Anklang.

Sie meinte: »Bei einem großartigen Neubau, der in weiten Räumen reiche Schätze birgt, dürfte man vielleicht so verfahren. In unserm engen alten Turm wird das romanische Portal vorn und das gotische hinten nur wie eine gesuchte Spielerei erscheinen. Am besten läßt man wohl die Räume wie sie sind, reinigt sie, bessert aus und ergänzt, wo es fehlt. Sind sie auch nicht schön, so sind sie doch echt und lassen die bescheidene Sammlung gleichfalls echt und dennoch wirksam erscheinen.«

Kaspar, der in der Ecke auf einer alten Hochzeitstruhe saß und nicht bloß neugierig, sondern auch naseweis war, fiel plötzlich ein: »Da muß ich Herrn Saß doch recht geben. Die neue romantische Thüre wird wunderschön sein, besonders wenn unser Zeichenlehrer, Herr Chlodwig Stiefel, den Plan dazu verfertigt: vergoldete Säulen mit Engeln und Nymphen, alles vergoldet! Und die gotische Thüre mit zwei Kandelabern, auf welche man die Büsten des Landesvaters und der Landesmutter in Gips setzen könnte – –«

Saß befahl ihm zu schweigen.

Als Amalie dem Freunde noch tiefer ihre Gründe entwickelte, mußte er sich zuletzt besiegt geben.

Kaspar saß unterdessen stumm und regungslos auf seiner Hochzeitstruhe, – auf der Trutztruhe, wie sie Saß später nannte –; aber seine Gedanken tummelten sich um so lebendiger.

»Dieses Frauenzimmer,« so sprach er in sich hinein, »beherrscht meinen Herrn; das sollen die Leute erfahren und sollen's ihm unter die Nase reiben. Und wenn er nun erfährt, daß ihn alle Welt nur für die Puppe des Fräuleins hält, dann wird er sich von ihr losreißen; denn an Stolz fehlt es ihm nicht.«

Die Portale hatte sich Saß von Amalien ausreden lassen, um so eigensinniger beharrte er dagegen auf seinem Vorhaben, die zwei Geschenke Herminens an die Spitze der beiden Haupträume zu stellen.

Er hatte sich die Sache so schön ausgedacht. Ein mit dunkelrotem Samt verhängter Sockel sollte das romanische Rauchgefäß tragen und der Glassturz darüber mit vergoldeten Metallstäben verziert sein. Für die Dose des Prinzen Eugen aber wollte er einen reichgeschnitzten Rokokotisch stiften und auf diesen Tisch ein altes Kästchen mit eingelegter Boule-Arbeit, welches die kostbare Dose tragen solle. Die Vorderseite des Kästchens sollte dann eine erläuternde Inschrift in echter Rokoko-Fraktur erhalten.

Saß war nicht wenig stolz auf diesen seinen ersten Versuch, Museumsstücke zur wirksamen Geltung zu bringen, und Kaspar Zuckmeyer fand den roten Samt und den geschnitzten Tisch ganz wunderschön.

Amalie hingegen war anderer Ansicht, obgleich sie die Erfindungsgabe des Herrn Direktors lobte. Allein sie meinte, es passe doch keineswegs in den Grundplan eines Stadtmuseums im Haderturme, zwei so nebensächliche und fremdartige, wenn auch recht kostbare Gegenstände, so vordringlich in den Vordergrund zu rücken.

»In der That! an Grundplan und Stadtmuseum und Haderturm habe ich nicht gedacht,« rief Saß. »Sie selber sagten mir ja, daß man bei Altertümern zuerst nach der ›Provenienz‹ fragen müsse. Nun gut! die Provenienz ist hier für mich entscheidend und der Vorzug der Provenienz jener beiden Stücke vor allen andern Herrlichkeiten des Museums besteht für mich darin, daß sie von Fräulein Hermine Aweling herrühren.«

Auf diese Worte folgte eine Zwiesprach zwischen Beiden, die leiser und immer leiser wurde, so daß Kaspar gar nichts mehr davon verstehen konnte, worüber er sich sehr ärgerte. Und dazwischen fragte er sich, warum ihm denn diese beiden guten Leute so verhaßt seien, die ihm doch immer freundlich und wohlwollend begegnet waren? Fast wollte er ihnen Abbitte thun. Allein sie waren seine Feinde, ihre bloße Anwesenheit bedrohte seine Existenz, sie mußten fort aus dem leidigen Haderturm.

Jetzt hörte er, wie sie wieder lauter redeten und immer wieder auf Amaliens zuerst ausgesprochenen Worte: »fremdartig« und »nebensächlich« zurückkamen.

»Nebensächlich und fremdartig wären diese beiden Kapitalstücke!« rief Saß zuletzt, erregt aufspringend. »Im Mittelalter herrschte die Kunst der Kirche, in der Folgezeit die Kunst der prunkenden Fürstenhöfe. Was versinnbildet das Mittelalter besser als ein kirchliches Weihrauchgefäß und das Rokoko besser als eine fürstliche Schnupftabaksdose?«

Amalie lächelte und sprach: »Man kann in jedem Gegenstande eine Idee finden, wenn man selber Ideen im Kopfe hat. Und so erscheint mir Ihre Idee fast noch anmutiger als der dunkelrote Samt und der geschnitzte Tisch, und Ihre andere Idee von der Provenienz reizt mich zu tiefem Sinnen! Wichtiger aber wäre es doch, wenn wir uns jetzt über die Gesamtidee des Museums verständigten und diese in einem klaren Plan zur Aussprache brächten.«

Saß entgegnete: »Den leitenden Gedanken haben wir ja bereits; er soll in großen Buchstaben über der Außenthüre geschrieben stehen: ›Ein Kind, das seinen Vater nicht ehrt, darf auch nicht hoffen, von seinen Kindern geehrt zu werden.‹«

»Das ist ein Wahlspruch, der Gedanken wecken mag,« fiel Amalie ein, »aber kein Plan. Als mein Bruder über das erste Sammelfieber hinausgekommen war, welches sammelt um zu sammeln, begann er sich zu beschränken und in der Beschränkung fand er den Plan. Er trachtete fortan nur solche Gegenstände zu erwerben, die sich auf die Geschichte unserer Stadt und unseres Gaues bezogen, wenn er auch fremde wertvolle Sachen zur Vergleichung daneben stellte, wie er's gewiß auch mit der Dose und dem Rauchgefäß gethan hätte.«

Amalie fuhr dann fort, beredt, zuletzt begeistert zu schildern, wie schön und nützlich es sei, wenn der Haderturm, der ja selber ein Denkmal der Geschicke Frankenfelds, auch durch sein Museum zur lebendigen Chronik der Stadt würde, wenn man in seinen Räumen nicht bloß ein Bild gewinnen könne von der Kunst, dem Gewerbe und den Sitten der Bürger in vergangenen Zeiten, sondern auch durch Urkunden und Akten Nachricht von den Ursprüngen und Wandelungen der städtischen Familien.

Saß mußte zustimmen, so packend hatte Amalie ihre Gedanken dargelegt. Nachdenklich sprach er: »Wir Alle wissen in der That viel zu wenig von der Geschichte unserer Stadt und unserer Geschlechter. Ich selbst gehöre einem alten Frankenfelder Bürgerhause an; dennoch weiß ich von meinem Urgroßvater nur sehr wenig und von meinem Ururgroßvater gar nichts. Und wissen Sie, Zuckmeyer, etwa auch nur, wer Ihr Urgroßvater war?«

Kaspar fuhr auf, als habe ihn eine Natter gestochen und warf im Schrecken zwei Hellebarden um, welche weiland die Nachtwächter getragen hatten.

»Das weiß ich nicht und will es auch nicht wissen,« rief er hastig, in jeder Hand eine der wieder aufgehobenen Hellebarden haltend. »Aber Sie hatten ganz recht, Herr Saß, wenn Sie die schönsten Sachen im Museum vornhin setzen wollen; das wird den Leuten gefallen. Stellt man dagegen allen alten Plunder voran, den man aus den Bürgershäusern zusammenbettelt, und legt gar noch alte Akten und Urkunden dazu, wie das gnädige Fräulein will, dann wird unser kostbares Museum eine Rumpelkammer, die kein Mensch sehen will. Ja ich meine, man solle solchen Trödel von Familienstücken zerschlagen und verbrennen – –«, hier fuhr er sich über den Mund, als ob er ihn sich selbst verbrannt habe – –; »ich meine zerschlagen oder in die Gewölbe werfen, damit unser Museum sich ausnehme nicht wie eine alte Nachteule, sondern wie eine saubere, schön geputzte Jungfer.«

An dem Gelächter, in welches Herr Saß ausbrach, bemerkte Kaspar, daß seine Rede nicht den gewünschten Eindruck auf ihn gemacht habe, während derselbe gegenteils mehr und mehr auch hier zu Amaliens Ansicht bekehrt wurde. Nur die Schmückung des Rauchgefäßes und der Schnupftabaksdose ließ er sich in keiner Weise ausreden.

Saß und Amalie trennten sich für heute in heiterster Stimmung. Kaspar aber zog sich höchst aufgeregt in seine Stube zurück, wo er noch lange mit dröhnenden Schritten auf und nieder ging.

Wußte Saß etwas vom Ewigen Juden, oder war es nur ein Zufall, daß er ihn nach seinem Urgroßvater gefragt hatte?

Es war dunkel geworden.

Kaspar verwünschte das Unglücksmuseum, welches zu seinem Unglück in den Unglücksturm gekommen war, und den Ewigen Juden dazu. Er fragte, warum sich denn der gütige Gott so ungütig gegen ihn erwiesen, daß er ihm gerade diesen Ururgroßvater gegeben habe?

Da hörte er ein fernes, dumpfes Rollen über seinem Kopfe. Er schrak zusammen. Gespensterfurcht befiel ihn. War es der Ewige Jude, der da droben bei der Folterbank geistete?

Kaspar stieß einen kräftigen Fluch aus; das brachte ihn wieder zur Besinnung. Er verwünschte sich selbst, daß er ein solcher Einfaltspinsel sei, aber stärker noch verwünschte er, daß er zu seiner eigenen Marter Museumsdiener geworden, was er kurz vorher doch noch so eifrig erstrebt hatte. Er verwünschte die ganze Familie Rohda – –

Da wiederholte sich das dumpfe Rollen stärker, näher; es kam von oben, aber nicht aus dem Turm, es kam von außen. Kaspar trat ans Fenster, – da leuchtete ihm ein fahler ferner Blitz ins Gesicht: – es war ein heranziehendes Gewitter. In dieser Jahreszeit, zu dieser Stunde! Das mußte etwas ganz Unerhörtes bedeuten.

Kaspar rief: »Unser Herrgott sei bei uns!« Der fromme Spruch brachte ihn wieder zur Besinnung, und so fügte er denn gleich hinzu: »Hol' der Teufel alle verjährten Kriminalakten und alle Narren, welche sie aufheben!«

Er versank in ein langes Selbstgespräch.

All seine Lebtage war er treu und redlich gewesen, und jetzt hatte er einen Akt gestohlen und vernichtet! Stets von heiliger Ehrfurcht vor jedem Aktenbündel erfüllt, hatte er jetzt einen solchen zerstückt, geplündert. Das war offenbar ein Verbrechen im Amt, zuchthauswürdig; und doch konnte er nicht bereuen, dieses Verbrechen begangen zu haben. Er redete sich ein, daß er's gar nicht aus persönlicher Eitelkeit, sondern nur um seines Sohnes willen verübt habe, dem kein Prügel in seine geistliche Laufbahn geworfen werden solle. Damit kein Mensch erfahre, daß des künftigen Pfarrers Ururgroßvater ein Landstreicher, Gauner und Dieb gewesen, war der Vater selbst zum Dieb geworden.

Als Kaspar diesen Satz so oft und gründlich bedachte, daß ihm die Gedanken verschwanden, rollte der Donner in kurzen Pausen näher und immer näher.

»Gerade so wird es im Museum geschehen,« rief er. »Wir werden, die abscheulichen Altertümer ordnend, der Folterbank mit den Kriminalakten von Tag zu Tag einen Schritt näher kommen, wie jetzt der Donner immer näher heranrückt, zuletzt werden wir sie erreichen, unabwendbar und ich – –«

Hier zuckte ein greller Blitz durch die Stube, ein furchtbarer Donnerschlag krachte nieder.

Kaspar stand eine Weile wie versteinert, dann faltete er die Hände und sprach:

»Lieber Gott! wenn du einschlagen willst, wenn du gar in den Haderturm einschlagen willst, dann verschone doch meine arme Stube, aber laß deinen schneidigsten Blitz mitten ins Museum schlagen, daß er all den alten Plunder zerreiße und zerschmettere und durcheinander werfe.«

Der liebe Gott that dem Kaspar diesen Gefallen nicht. Im Gegenteil, es donnerte gar nicht weiter und nur der Regen prasselte stärker wider die Fensterscheiben.

»Die Zeiten der Wunder sind vorbei,« sprach Kaspar nun bei kühlerem Blute und meinte, wenn unser Herrgott das Museum zerschlagen hätte, um die edle Untreue seines getreuesten Ratsdieners zu decken, so sei dies ja nur ein ähnliches Wunder gewesen wie vor Zeiten das Rosenwunder, welches der liebe Gott zur Deckung der edlen Lüge der heiligen Elisabeth gewirkt habe.

Doch fand Kaspar Zuckmeyer selbst, daß er außerdem der heiligen Elisabeth etwas unähnlich sei.

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