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Wilhelm Heinrich von Riehl: Ein ganzer Mann - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
booktitleEin ganzer Mann
authorWilhelm Heinrich Riehl
firstpub1897
year1898
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleEin ganzer Mann
pagesIII-X, 1-415
created20040812
sendergerd.bouillon
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Viertes Kapitel.

Wetterleuchten.

Eines schönen Morgens brütete Saß eben über der Aufgabe, wie ein ganzer Berg von Rechnungen zu bezahlen sei, die sich im Nachlasse seines seligen Bruders gefunden hatten, als ihn sein Neffe Friedrich, der Gymnasiast, mit einem Briefe des Professors Capelius überraschte, welcher mitteilte, daß der Junge für heute Hausarrest erhalten, weil er einen Mitschüler geohrfeigt habe – glücklicherweise unter mildernden Umständen.

Auf Befragen gestand der Bestrafte, daß er in der That seinem besten Freunde eine Ohrfeige gegeben und nur bedauere, daß er nicht noch elf weitere hinzugefügt habe, dann seien es gerade ein Dutzend gewesen.

»Der Freund,« so fuhr er fort, »erzählt der halben Klasse unter dem Siegel strengster Verschwiegenheit, du werdest nächstens Bankerott machen, das ganze Vermögen unseres Vaters sei so gut wie verkracht und werde das deinige in den Krach nachreißen. Als ich dies von ungefähr hörte, habe ich den Freund sofort durch die kräftigste Ohrfeige eines Bessern belehrt.«

Der Oheim verwies dem Neffen sehr streng sein Verfahren und sagte ihm, daß ein deutscher Mann in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts überhaupt keine Ohrfeige mehr geben solle, – hatte aber doch seine stille Freude über den thatkräftigen Familiensinn des Jungen.

Als Saß wieder allein war, geriet er in hellen Zorn über den Stadtklatsch und hätte selber gleich die halbe Stadt Frankenfeld ohrfeigen mögen.

Also soweit war es gekommen, daß man bereits auf den Schulbänken von seiner mißlichen Geschäftslage sprach! Das Gerücht übertrieb ja wie gewöhnlich. Und doch ist in solchen Fällen auch die bloße Sage, welche durch die Luft schwirrt, an sich schon eine schwer schädigende Thatsache, selbst wenn sie bare Lüge wäre.

Die bisherige Hoffnungsfreudigkeit des geplagten, so redlich bemühten Mannes machte der trübsten Auffassung Platz. Ganz besonders aber ärgerte er sich über seine Mitbürger, welche von ihm jedwede Gefälligkeit erbaten, ihm selber dagegen nur die Gefälligkeit erwiesen, daß sie ihn vor der Zeit bankerott sagten.

Saß kannte die Menschen noch sehr wenig. Es wäre ja gewiß interessant gewesen, wenn Herr Saß den Meister in Rombergs Glocke gesungen, wenn er das Marburger Bachfest nach Frankenfeld verpflanzt, wenn er einen berühmten Mann für den schönen Denkmalsplatz gefunden und sich der armen Wöchnerinnen und der einheitlichen deutschen Mittagessensstunde angenommen hätte, aber ein weit spannenderes und unterhaltenderes Schauspiel würde doch der Sturz des Herrn Saß und der Zusammenbruch seines ganzen Hauses gewesen sein. Nicht für alle Frankenfelder, aber doch für manche.

Alfred Saß war aber fest entschlossen, dieses Schauspiel nicht zu geben. Sein Geschäftseifer wuchs Tag für Tag, seine Spannkraft steigerte sich in dem Maße, als die Lage schwieriger wurde.

Er schien fast nur mehr an Geld und Gut zu denken; allein er dachte doch auch noch an etwas Anderes: – an das Museum im Haderturm. Er kannte dieses zwar immer noch nicht; dafür hatte er neuerdings wenigstens den Turm kennengelernt, und in Gedanken richtete er sich nun ein in dessen Gemächern.

Der Haderturm besaß im ersten und zweiten Stock je zwei größere Stuben, eine Kammer und einen Vorplatz, im dritten Stock nur zwei brauchbare Kämmerchen.

Alle diese Räume waren jedoch ganz wüst und öde mit grob gezimmerten Thüren und roh getünchten Wänden. Sie mußten schön und stilvoll hergerichtet werden, bevor man die Sammlungen würdig darin aufstellen konnte. Saß war bald mit einem Plane fertig, dessen Ausfeilung mit seinen Comptoirarbeiten in wunderlicher Kreuzung sich verwob.

Wir versuchen ein Bild dieses Gewebes zu geben. Alfred Saß dachte also:

Ins erste Turmgeschoß muß der Beschauer durch ein Portal des spätromanischen Stiles treten, – natürlich; denn das romanische Rauchgefäß wird ja dort aufgestellt; – – die Aktienziegelei, für welche der Bruder große Summen gezeichnet hatte, droht im Entstehen zu Grunde zu gehen; –

– – auch Decken und Wände des ersten Stockes sind romanisch zu ornamentieren; – wenn sich unter den hinterlassenen Staats- und Industriepapieren des Seligen nur nicht gar so viele unheilbar »Kranke« befänden! – –

– – die Ausgangsthüre des ersten Stockes wird gotisch, gleichwie die Gotik ans dem Romanismus erwachsen ist;– das Oekonomiegut Fliegenhof, welches Bruder Otto vor zehn Jahren teuer kaufte, warf nach der letzten Jahresbilanz kaum mehr ein Prozent Rente ab; –

– – den Eingang zum zweiten Stockwerk muß ein reiches Renaissanceportal bilden, schon im Hinblick auf die Schnupftabaksdose des Prinzen Eugen; – der »Hephästos« leidet unter Mangel an Aufträgen, unter übermäßigen Betriebskosten, ungeregelter Verwaltung, Unfrieden der Arbeiter und einigem Anderem; – –

– – die zwei Kammern des obersten Geschosses sind im Ornament durchaus modern zu halten; sie sollen »Vermischtes« und Kuriositäten bergen, welche anderswo schlechterdings nicht unterzubringen sind (und über deren Bestand Herr Saß einiges vom Hörensagen wußte), wie eine Folterbank, ein Klavier, eine Nürnberger Puppenküche, einen Giftschrank mit staats- und sittengefährlichen Bildern und Büchern und mehr dergleichen; – – die Passiva waren sehr ansehnlich und berechneten sich in impertinent genauen Ziffern, die Aktiva konnten vorerst nur mehr geschätzt als berechnet werden.

In solchem Reigentanz mit bunter Reihe bewegten sich die Gedanken des Herrn Saß, wenn er überhaupt einmal Zeit fand, seine Gedanken tanzen zu lassen.

Wer aber sollte die Kosten der stilvollen Ausstattung der Innenräume des Haderturmes tragen? Die Zinsen der von Herr von Rohda gestifteten Summe waren nur für die Erhaltung und Mehrung der Sammlungen bestimmt.

Alfred war entschlossen, den ganzen architektonischen Schmuck auf eigene Kosten zu übernehmen, wie sich's für einen Ehrenbeamten ziemt. Und würde ihm nicht huldvoller Beifall Herminens zu teil werden, wenn sie im nächsten Frühjahr das Ganze so künstlerisch schön durch ihn vollendet sähe?

»Das Wetter kühlt sich ab«: so sagt der Bauer, wenn es am dunklen Abendhimmel in weiter Ferne wetterleuchtet, und er fürchtet kein Gewitter mehr für die kommende Nacht. Doch geschieht es nicht immer so. Das Wetterleuchten kann ebensogut das Herannahen der drohenden Gefahr verkünden wie das Verschwinden derselben.

Dachte Alfred Saß an sein Museum, so war es ihm, als kühle das Wetter sich ab; dachte er an die Geschäfte seines Hauses, so glaubte er schon den nah und näher kommenden Donner zu hören, der aus dem Wetterleuchten hervorwuchs.

Es war höchste Zeit für ihn, das Museum in aller Form zu übernehmen. Er hatte es verachtet, als er's noch nicht kannte; jetzt kannte er es zwar immer noch nicht und doch fesselte es ihn mit dunkler, magischer Gewalt, ja er fand einen Trost darin, von dem Museum zu träumen.

Rasch faßte er seinen Entschluß: er wollte für die nächsten Tage alles Uebrige beiseite setzen; er ging zum Bürgermeister und forderte ihn auf, Bevollmächtigte für die Aufzeichnung und Uebernahme der Sammlungsgegenstände zu ernennen und Fräulein von Rohda zu melden, zu welcher Zeit und Stunde die Uebernahme beginnen solle. Denn es befand sich ja noch alles in dem freiherrlichen Hause.

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