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Wilhelm Heinrich von Riehl: Ein ganzer Mann - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
booktitleEin ganzer Mann
authorWilhelm Heinrich Riehl
firstpub1897
year1898
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleEin ganzer Mann
pagesIII-X, 1-415
created20040812
sendergerd.bouillon
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Drittes Kapitel.

Der Zeitlose.

In unserm gehetzten Zeitalter hat die eine Hälfte der Menschheit zu viel zu thun, die andere Hälfte zu wenig oder gar nichts. Die seltenen Glücklichen, welche gerade genug zu thun haben und mit Arbeit und Muße in harmonischem Ebenmaße wechseln können, und denen es dabei vollends vergönnt ist, ihre Thatkraft dauernd auf einen Punkt zu sammeln, müssen mit der Laterne des Diogenes gesucht werden.

Und doch waren es fast immer nicht diese, sondern die gehetzten Leute, welche das Größte leisteten.

So hätte Alfred Saß denken und sich trösten können, wenn er überhaupt Zeit zu derlei Betrachtungen gefunden hätte.

Die Wellen schlugen ihm über den Kopf, dennoch wußte er immer wieder den Kopf oben zu halten. Das lernte er allmählich, wie es auch Größere gelernt haben.

Qualvoll nagte an ihm die Unruhe, nirgends fertig zu werden. Welcher Sterbliche wird überhaupt fertig? Selten gelingt es uns im Einzelnen, im Ganzen niemals. Das ist die tiefe Tragik des Menschenlebens, daß der Mensch in seinem Leben niemals fertig wird. Wollten wir Alles ausführen, was wir vorhaben, so könnten wir so alt werden wie Methusalem und würden doch nicht fertig.

Das Aergerlichste und zugleich Lustigste aber ist, daß andere Leute dem mit Arbeit Ueberlasteten zwar zurufen, er thue zu viel, er reibe sich auf, er solle sich Ruhe gönnen, – dann aber in demselben Atem meinen, der Unglückliche, welcher keine Zeit hat, habe wenigstens für sie noch Zeit die Fülle, sobald sie ihn mit ihren eigenen Anliegen belästigen.

Das spricht sich so oft höchst anmutig in Briefen aus, welche ein allbekannt vielbeschäftigter Mann von wildfremden Menschen zu erhalten pflegt. Im Eingange heißt es da, man bitte sehr zu entschuldigen, daß man die Muße des Vielbeschäftigten auf »einen Augenblick« zu stören wage, man wisse wohl, daß er gar keine Muße habe, unerbetene Briefe zu beantworten, ja nur zu lesen, allein man bitte doch – – und nun kommt auf acht Seiten ein ganzes Dutzend Anfragen, die der Schreiber beantwortet wünscht. Und bleibt die Antwort aus, so wird er sehr böse auf den bekannten Unbekannten, der sich so »ungebildet« gegen ihn benommen hat.

In ähnlicher Lage befand sich neuerdings Alfred Saß. Nachdem man ihn kaum gepriesen, daß er das Museum übernommen habe, tadelte man ihn jetzt, daß er's nicht wieder abgebe, nachdem man kaum gerühmt, daß er sich in das Chaos der Geschäfte seines Bruders gestürzt, sagten ihm jetzt Freunde und Fremde, das seien zu viele Aufgaben, er müsse einen Teil wieder abschütteln, wenn er nicht erliegen wolle, hinterdrein aber ersuchten sie ihn freundlichst, doch noch ein halbes Dutzend anderer Geschäfte in ihrem Interesse zu übernehmen.

Es ging eine mächtige Bewegung durch die Bürgerschaft, daß man einem berühmten Frankenfelder ein Denkmal setze; – die Stadt hatte – unglaublich! – noch kein Denkmal. Man besaß einen prächtigen Platz dafür vor der Kleinkinderschule; aber man suchte den Mann, welchem das Denkmal gesetzt werden sollte. Die Stimmen waren hierüber sehr geteilt. Da forderte man Herrn Saß auf, den Entscheid zu geben und den berühmtesten Frankenfelder zu bezeichnen, dessen Kolossalbüste das gesuchte Denkmal für den vorhandenen Platz gäbe.

Ein Pfarrer aus der Nachbarschaft, welcher Stimmen über die damals brennende Frage der Zivilehe sammelte, schrieb Herrn Saß bereits den dritten Brandbrief, daß er ihm seine Ansicht über die Zivilehe mitteile.

Der Cäcilienverein wollte Rombergs »Lied von der Glocke« einstudieren. Er ersuchte Herrn Saß, daß er die Solopartie des »Meisters« übernehme und schickte ihm gleich die Noten ins Haus.

Der Säckelwart des Vereins zur Unterstützung armer Wöchnerinnen war gestorben: man trug Herrn Saß wiederholt die Stelle an.

Der Bach, welcher bekanntlich die Hauptstraße von Frankenfeld durchströmt, war überdeckt worden zur Freude aller Einwohner, deren Kinder fortan nicht mehr ins Wasser fallen konnten. Man wollte diese Freude nach dem Vorbilde von Marburg durch ein »Bachfest« verewigen, wie es in jener Stadt alle fünf Jahre drei Tage lang gefeiert wird, zum Gedächtnis der Ueberdeckung des Ketzerbachs. Die Mitbürger bestürmten Herrn Saß, der mit einem Marburger Professor befreundet war, diesen brieflich um genaue Auskunft zu bitten über das Bachfest. Und der arme Saß fand doch nicht einmal Zeit, alle seine drängenden Geschäftsbriefe zu schreiben!

Es ist gewiß sehr erhebend, allgemein für den gescheitesten Mann einer Stadt zu gelten; allein dieser Ruhm kann dem Kleinstädter auch sehr verhängnisvoll werden. In einer großen Stadt gibt es so viel gescheite Leute und so viel Dummköpfe, die sich für gescheit halten, daß man gar nicht weiß, wer dort der Gescheiteste ist.

Alfred Saß war nun aber neuerdings so gescheit geworden, daß er all jene lockenden Anträge ablehnte und die müßigen Briefe unbeantwortet ließ.

Nur in einem einzigen Falle gab er nach, und zwar aus ganz eigenartigen Gründen.

Eines Tages besuchte ihn der Bürgermeister und bat ihn inständig, sich an die Spitze eines neu zu gründenden Vereins zu stellen. Es handle sich um eine scheinbar kleine und dennoch hochwichtige Sache: – um die Schaffung einer einheitlichen Mittagessensstunde für ganz Deutschland. Welcher Ruhm für Frankenfeld, wenn diese nationale Bewegung von hier ausgehe! Die einheitliche Mittagessensstunde werde segensreich für unser soziales wie für unser nationales Leben sein, sie werde die Stände einigen wie die Staaten und sei jetzt schon besonders lebhaft von allen Handlungsreisenden gefordert.

Saß bat sich Bedenkzeit aus.

Als der Bürgermeister gegangen war, mußte er jedoch herzlich darüber lachen, daß er, der gar keine Zeit mehr hatte, sich nun noch eine neue Art derselben – »Bedenkzeit« – erbeten habe.

Allein er ward bald sehr ernsthaft gestimmt. Bis vor kurzem war er völlig zeitlos gewesen und hatte darum Zeit für Alles, ohne an die Zeit zu denken. In seinem eigenen Hause hatte er's niemals zu einer einheitlichen Mittagessensstunde gebracht, und jetzt sollte er sie für ganz Deutschland begründen helfen.

Und doch war er hierfür vielleicht der rechte Mann. Seit dem Tode seines Bruders hatte er arbeiten gelernt, und während er vordem nur darauf gesonnen, wie er sich im feinsten Lebensgenusse die Zeit vertreibe, suchte er jetzt die fliehende Zeit zu haschen und festzubannen. Erst widerstrebend, dann immer williger war er zu einer geregelten Zeiteinteilung gekommen. Ein jeder Tag hat seine Plage, aber die Plage wird zuletzt zur Lust, wenn wir auch jeder Stunde ihre besondere Plage geben. Nun ist das Mittagessen zwar keine Plage, allein Alfred Saß fühlte sich doch wie ein Sieger über Zeit und Plage, wenn er jetzt Tag für Tag Punkt ein Uhr zu Mittag aß.

Neubekehrte dünken sich am berufensten, die Welt zu bekehren. Also fand unser Freund am späten Abend noch ein paar Minuten Zeit, um dem Bürgermeister zu schreiben, daß er in den Verein für eine einheitliche deutsche Mittagessensstunde eintreten und, wenn das Vertrauen seiner Mitbürger ihn dazu berufe, sogar die Organisation und Führung desselben übernehmen wollte.

Seltsamerweise mußte er wieder an Hermine Aweling denken, als er den Brief zusammenfaltete.

War sie, die Flüchtige, Unstete nicht noch zeitloser als er selber es gewesen? Würde sie Freude an ihm haben, wenn sie sein jetziges geplagtes Leben sähe, wie er ordnete, sparte, wie er mit der Zeit rang, – sie, die Geld und Zeit zu verachten schien, wie nur wenige Sterbliche, weil sie Beides immer in Fülle hatte? Am Ende konnte er sie gar noch bekehren. Aber nein! Die Freiheit ihres Lebens war die Poesie, welche ihr Haupt umstrahlte.

Bei diesen Gedanken lächelte Alfred Saß melancholisch in sich hinein.

Was ging ihn denn die rätselhafte Unbekannte an, welche ja doch nur als Traumbild seiner eigenen Einbildungskraft so leibhaftig vor ihm stand? Er wußte so wenig von ihr; er wußte nicht einmal, ob sie etwas von ihm wissen wolle.

Täglich suchte er das Luftgebilde zu verscheuchen und täglich trat es ihm wieder nahe und näher.

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