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Wilhelm Heinrich von Riehl: Ein ganzer Mann - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
booktitleEin ganzer Mann
authorWilhelm Heinrich Riehl
firstpub1897
year1898
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleEin ganzer Mann
pagesIII-X, 1-415
created20040812
sendergerd.bouillon
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Zweites Kapitel.

Du kannst, weil du sollst.

Die ersten Tage der Trauer um den geliebten Bruder waren vorüber.

Früher hatte Alfred Saß, wie wir sahen, dem Grundsatze gehuldigt: »Ich weiß, was ich will, und will nur, was ich kann.« Jetzt fügte er noch den Satz hinzu: »Ich kann, was ich soll.«

Im Geiste dieses ehernen Pflichtgebotes trat er mutig an die zwei großen Aufgaben, welche ihm gegenüber standen und die er als ein heiliges Vermächtnis des Verstorbenen zu erfüllen sich gelobte.

Es galt, den Vermögensnachlaß des Bruders zu klären und die Zügel der Fabrikleitung zu ergreifen. Es galt aber auch, den zwei verwaisten Söhnen den Vater zu ersetzen, nicht bloß, indem Saß äußerlich ihr Vormund wurde, sondern indem er sich auch ihrer Erziehung väterlich annahm.

Alltäglich schon am frühen Morgen begann er mit einem Rechtsanwalt und einem gewiegten Geschäftsfreunde des Verstorbenen zu arbeiten, welche Beide eine schwere und verworrene Aufgabe vorfanden. Denn der Bruder hatte sich, wie nachträglich hervortrat, in eine Menge von finanziellen Wagespielen eingelassen, um sein Vermögen noch über die Fabrik hinaus rasch und mächtig zu steigern, wobei er den »Hephästos« vielfach vernachlässigte. Und es wurde bald klar, daß er hierbei weit mehr verloren als gewonnen hatte.

Wir wollen die herrschende Verwirrung gar nicht schildern; denn da wir sie selber nicht verstünden, so würde der verehrte Leser auch unsere Schilderung nicht verstehn.

So verbrachte Saß die Vormittage in angestrengter, nicht sehr erfreulicher Thätigkeit. Er sah sich bald genötigt, das reizende Studierzimmer seines Hauses zu verlassen und während der Arbeitszeit in die Fabrik überzusiedeln.

Es war ihm dabei, als sei er mit einem Schlage nicht bloß in ein fremdes Haus, sondern auch in ein ganz anderes Land, in ein ganz anderes Klima versetzt, und als sei er um zehn Jahre älter geworden.

Erst am späten Abend kehrte er in seine trauten Wohnräume zurück, und da fand er sich dann wieder in seiner Heimat, in seinem lieben Frankenfeld und fühlte sich wieder um zehn Jahre jünger als am Vormittage.

Zu dieser Zeit schrieb er zwei Briefe.

Man sollte meinen, die seien an einem Abend fertig zu bringen gewesen. Allein Herr Saß schrieb zwei Wochen lang jeden Abend daran und wurde doch nicht fertig. Denn zwischendurch schrieb er auch gar nicht, sondern dachte bloß ans Schreiben mit der Feder in der Hand.

Der eine Brief sollte sehr kurz werden und geriet immer zu lang; der andere sollte recht lang sein und geriet bei jedem Versuche zu kurz.

Alfred Saß hatte nämlich erkannt, daß es seine sofortige erste Aufgabe als Museumsvorstand sein müsse, der ersten großmütigen Schenkerin, Fräulein Hermine Aweling, den Dank der Verwaltung auszusprechen und zwar in einem amtlichen Schreiben auf einem Kopfbogen, – kurz, lapidar, höchstens zehn Zeilen – und doch keine gewöhnliche Dankquittung, wie man sie nach der Schablone an ein Dutzend von Personen abschreiben läßt, sondern originell, durchleuchtet von einer gewissen Wärme zwischen den Zeilen.

Nun wollte es aber dem unglücklichen Schreiber nie gelingen, die offizielle Kälte mit der persönlichen Wärme ungezwungen zu verschmelzen. Das Aktenstück, oftmals entworfen und wieder zerrissen, war einmal zu kalt, das andere Mal zu warm, aber jedesmal zu lang.

Neben dieser amtlichen Urkunde in Folio wollte Saß aber auch noch einen Privatbrief in niedlichem Oktav abschicken. Und auch hier versagten ihm alsbald Gedanken und Worte, sodaß er niemals über die erste Seite hinauskam, welche dann wieder durchstrichen wurde.

Was wollte er denn eigentlich dem Fräulein schreiben? Hatte er sie doch nur zweimal flüchtig gesprochen! oder richtiger, sie hatte gesprochen, und er, sonst so redefertig, hatte schweigend zugehört. Aber sie hatte ihn erkoren, – das Museum im Haderturm zu übernehmen und glänzend neu zu gestalten, und er folgte ihr, wie der Ritter seiner Dame, er erfaßte als heilige Pflicht, was sie nur lächelnd gewünscht hatte.

Diesen schönen Gedanken wollte er recht schwungvoll im Eingang des Briefes aussprechen und fand ihn doch höchst lächerlich, sobald er die Feder dazu ansetzte. Dachte er aber länger nach, so wurde er von demselben Gedanken wieder tief und ernst bewegt.

Was war ihm denn »das Mädchen aus der Fremde«? Ein Phantasiegebild! mehr Dichtung als Wahrheit, ein Phantom, welches er sich selbst erschuf und welches ihm täglich um so leibhafter vor die Seele trat, je ferner ihm die wirkliche Erscheinung rückte.

Sollte er dies schwarz auf weiß aussprechen? Sollte er ihr sagen, daß er besonders darum für sie zu schwärmen beginne, weil er eigentlich nichts rechtes von ihr wisse und folglich die volle Freiheit habe, sich ihre Erscheinung so edel, so schön, so groß wie nur möglich zu malen?

Wenn es ihm zunächst nur gelungen wäre, überhaupt einen Briefwechsel mit der unstet Reisenden anzuknüpfen! Das beabsichtigte er ganz bestimmt. In seiner neuen Lage bedurfte er so sehr eines Wesens, dem er sein Herz ausschütten konnte. Und er glaubte dieses Wesen nicht anderswo zu finden als am Nordkap oder sonstwo in der dortigen Nachbarschaft.

Der Tag hatte Arbeitslast und Arbeitsqual für Alfred Saß, wobei er jedoch manches fertig brachte; der späte Abend bot ihm melancholischen Genuß, bei welchem er nichts fertig bringen konnte. Zur Entschuldigung des sonst so gewandten Mannes, der so leicht in jedem Sattel zu reiten verstand, müssen wir jedoch daran erinnern, daß er in seinem Leben noch kein Schreiben im Kanzleistil verfaßt hatte. Da war es nun kein Wunder, daß er beim ersten Versuch angesichts der Adressatin mitunter in den zärtlichen Stil verfiel. Er war aber auch, wie wir wissen, noch nie verliebt gewesen und hatte also auch noch niemals einen empfindungsvollen Brief an eine im Stillen verehrte Dame geschrieben. Da war es dann wieder kein Wunder, daß er beiderlei Schreibweisen mitunter vermischte und das Kanzleischreiben zu gefühlvoll und den tief empfundenen Brief zu kanzeleimäßig ansetzte, zumal beide an dieselbe Adresse gingen.

Der Aermste! »Ich kann, was ich soll!« Allein da Herr Saß diesmal nicht recht wußte, was er wollte, so konnte er auch nicht, was er sollte.

Als die beiden Briefe zuletzt wirklich fertig geworden waren, gab es nur einen Weg, sie an die Dame zu befördern, deren augenblicklichen Aufenthaltsort er ja nicht kannte. Er mußte diesen bei Fräulein von Rohda erfragen. Und er hätte ohnedies schon längst mit ihr in Verkehr treten sollen wegen der fortwährend hinausgeschobenen Uebergabe des Museums.

Unbegreiflicherweise fürchtete er sich, sie zu besuchen. Sonst so rasch und entschlossen, eher zu kühn als zu zaghaft, schwankte er mit einemmal in dieser einzigen Sache ratlos hin und her, verschob den Besuch von einem Tag zum andern, und die Briefe blieben liegen.

Arbeitsvolle Stunden, wie Stunden qualvoll süßen Träumens pflegen getrennt und verbunden zu werden durch Frühstück, Mittag- und Abendessen.

Herr Saß hatte vordem seine Tafel so heiter zu beleben gewußt durch frohe und anregende Gäste. Seit seines Bruders Tode lud er Niemand mehr zu Tisch; dafür frühstückte und speiste er täglich mit seinen zwei jungen Neffen. Er wollte sie ja erziehen, und da ihm außerdem wenig Zeit während des Tages blieb, so widmete er die Essensstunden zugleich der Pädagogik, womit er aber den zwei Jungen die Speisen nicht besonders würzte. Geht es doch auch in mancher Ehe so, daß die Ehegatten keine andere Zeit finden, ihre Kinder und sich selber gegenseitig zu erziehen als bei Tisch.

Der ältere Neffe, Georg, sechzehn Jahre alt, hatte sich technischen Studien zugewandt, um später in das väterliche Geschäft einzutreten. Er war ein braver Bursch und äußerst phantasievoll, nur hegte er, gleich andern Söhnen reicher Eltern, die Ansicht, da sein Vater viel gearbeitet und das Leben wenig genossen habe, so wolle er das Leben viel genießen und wenig arbeiten.

Der Oheim benützte gern die Frühstücksstunde, um Georg den Kopf zurechtzusetzen, nicht indem er ihm Moralpredigten hielt; denn dafür war Alfred Saß zu gescheit und zu geschmackvoll. Er erzählte vielmehr dem leichtlebigen Jüngling schlicht und mit kluger Auswahl von dem fraglichen Stand der väterlichen Unternehmungen und des Vermögens, er schilderte ihm den Ernst der Lage und machte ihm solchergestalt deutlich, daß er ebensoviel, ja noch weit mehr zu arbeiten haben werde als sein Vater, um sich dereinst zu behaupten.

Georg hörte das Alles scheinbar sehr aufmerksam an, dachte aber im Stillen, es sei doch recht langweilig, wenn er täglich beim Kaffee das Butterbrot – statt mit einem Stückchen Schinken – mit der Geschäftsnot des Hauses belegt kriege.

Der andere Neffe, Friedrich, im vierzehnten Lebensjahre, besuchte das Gymnasium. Er besaß eine wunderbar scharfe Beobachtungsgabe, die seinen Blick beständig auf alle umgebenden Dinge lenkte, nur nicht auf die griechische und lateinische Grammatik. Folglich blieb er ein über das anderemal sitzen und verwünschte die göttlichen Klassiker von Hellas und Rom zusamt dem Professor Capelius; denn jene hatten doch offenbar nur geschrieben, damit dieser sie grammatisch anatomieren könne. Der Junge fürchtete sich vor seinem Homer und Virgil, statt daß er sich gesehnt und gefreut hätte, sie zu lesen. Die Klasse wurde im Eifer gehalten durch die Furcht vor den schlechten Noten, nicht durch Begeisterung für das Hohe und Schöne, was die Antike bot.

Beim Mittagessen zwischen Suppe und Nachtisch suchte nun Alfred Saß diese Begeisterung zu wecken, indem er Friedrich unter den blauen Himmel Griechenlands führte und in das Weltreich Roms. Er sprach dabei griechische und lateinische Namen manchmal mit falschem Accent, wofür das Ohr selbst eines mittelmäßigen Gymnasiasten äußerst empfindlich ist. Darum meinte Friedrich im Stillen, der klassische Schulsack des Oheims habe mit der Zeit doch einige Löcher erhalten, und es sei recht langweilig für ihn, auch bei Braten und Salat wieder von denselben Dingen hören zu müssen, die ihn vorher in der Schule gelangweilt hatten.

Beim Abendthee mit kaltem Aufschnitt pflegte Saß dann die Themen zu kreuzen und sprach mit den beiden Neffen herüber und hinüber bald von den Frankenfelder Geschäften, bald von Hellas und Rom.

Nach einiger Zeit aber machte er dabei eine höchst erschreckende Wahrnehmung: Seine Schilderung von der Herrlichkeit der humanistischen Studien hatte bei dem Techniker, dem phantasievollen Georg, gezündet, und seine Erzählungen vom Stand der Geschäfte des Hauses waren von dem scharfen Beobachter Friedrich leuchtenden Auges verschlungen worden, – und Beide kamen jetzt in ihrem Lernen noch etwas schlechter vorwärts als bisher, indem der künftige Geschäftsmann begeistert die – allerdings verdeutschte – Odyssee las, und der Gymnasiast ganz erstaunliche Berechnungen über Fabrik- und Kapitalanlagen entwarf.

Trotzdem hatten die überqueren Tischreden eine gute Frucht für Beide: sie gewannen ihren trefflichen Oheim von Herzen lieb, indem sie merkten, wie lieb er sie habe, und wie er sich täglich zu ihrem Besten plage.

So verflossen arbeitsvolle, nach allen Seiten aufregende Tage für Alfred Saß.

Erst die Nacht brachte dem gequälten Manne Frieden. Aber auch dann noch beschäftigte er sich in schlaflosen Stunden sehr eifrig mit dem Grundplan zum neuen Museum, trotzdem er dessen Schätze immer noch nicht angesehen hatte.

Er dachte aber, wie die Sammlung des Herrn von Rohda aus einem Thürklopfer hervorgewachsen sei, so solle die neue Ausstellung aus dem romanischen Rauchgefäß und der Schnupftabaksdose des Prinzen Eugen hervorwachsen. Die beiden Stücke allein waren ihm Museum genug und er sann darüber, wie er ihnen, als den vornehmsten Cimelien, den besten, Alles beherrschenden Platz geben solle. Die Stockwerke des Turmes gliederten sich ganz naturgemäß, ganz chronologisch nach diesen beiden Stücken: unten das Mittelalter mit dem Rauchfaß, und oben die neuere Zeit mit der Dose.

Und so schweiften seine Träume weiter und weiter und trugen ihn – Hand in Hand mit der rätselhaften Schenkerin – von der Dose des Prinzen Eugen bis zum Nordkap.

Dort angelangt, schlief er dann gewöhnlich ein.

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