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Ein Gang durchs Taubertal

Wilhelm Heinrich von Riehl: Ein Gang durchs Taubertal - Kapitel 8
Quellenangabe
typereport
authorWilhelm Heinrich Riehl
titleEin Gang durchs Taubertal
publisherEdition Europäische Kulturstätten
seriesLiterarische Landschaftsbilder
volume1
year1967
firstpub
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080812
modified20160809
projectid914720d9
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Die Stadt macht den Bürger

Zu diesem Zug des äußeren Gesichtes gesellt sich ein Zug der inneren Physiognomie der Stadt, durch welchen Rothenburg ganz besonders als ein versteinertes Stück Mittelalter inmitten der Gegenwart erscheint: die Masse der öffentlichen Gebäude erdrückt gleichsam die Privathäuser; fast alles, was uns monumental bedeutend, was uns altertümlich anziehend entgegentritt, zielt auf die politische oder kirchliche Gemeinde, und selbst die historisch merkwürdigen Privathäuser sind doch zumeist nur deswegen merkwürdig, weil sie Trümmer älterer öffentlicher Gebäude in sich schließen oder weil eine Erinnerung aus dem öffentlichen Leben der Stadt auf ihren Mauern ruht. Wenn man alle reinen Privathäuser von Rothenburg wegnähme, so bliebe Rothenburg doch im wesentlichen stehen.

Man kennt jene wunderlichen Städteprospekte in Büchern des 16. und 17. Jahrhunderts, auf welchen wir fast nur Festungswerke, Kirchen, Klöster, Rat- und Zunfthäuser und dergleichen hochaufragend erblicken und daneben dann so beiläufig ein kleines Häuflein von niederen Dächern der eigentlichen Wohnhäuser. Diese Prospekte sind ohne Zweifel naturalistisch ungenau, wie aus dem Gedächtnis gezeichnet, sie versinnbildlichen aber sehr treffend den wahren Charakter einer mittelalterlichen Stadt. Damals machte die Stadt den Bürger, während in unserer Zeit die Bürger die Stadt machen.

siehe Bildunterschrift

»Prospect des Marcktes gegen Abend« mit Rathausfassade und Marienapotheke zu Rothenburg. Radierung von J. F. Schmidt, 1762

Wie den Zeichnern jener alten Prospekte, so geht es uns heute noch bei Rothenburg. Solange wir durch die Straßen wandern, sehen wir freilich Privathäuser genug; entwerfen wir uns aber nachher ein Bild des Ganzen aus dem Gedächtnis, so ist es, als ob Rothenburg aus lauter öffentlichen Gebäuden bestünde, mit einer bedeutungslosen Zutat von Wohnhäusern. Rothenburg besitzt im Vergleich zu seiner Größe mehr monumentale Bauwerke als Nürnberg oder Augsburg, aber ihm fehlen jene Häuser, welche an große Bürgergeschlechter erinnern, deren Ruhm, wie bei den Fuggern und Welsern, den Glanz der Stadt selbständig gehoben, ja zeitweilig überstrahlt hätte. Das Rothenburger Patriziat war bedeutend in und mit der Gemeinde, nicht über dieselbe hinaus.

So sanken denn auch die Bürger in der neueren Zeit zu sehr mäßigem Wohlstand herab, während die Gemeinde reich blieb. Rothenburg hat ein größeres Gemeindevermögen als München, und das Kapital seiner Wohltätigkeitsstiftungen belief sich im Jahr 1861 bei einer Bevölkerung von nur 5049 Seelen auf die Summe von 1 389 900 Gulden. Nürnberg und Augsburg sind berühmt wegen ihres Reichtums an milden Stiftungen, allein Nürnberg besaß in demselben Jahre bei 62 787 Einwohnern nur 4 967 062 Gulden, Augsburg bei 45 389 Einwohnern 4 252 503 Gulden Stiftungskapital; diese reichen Städte erfreuen sich also im Vergleich zu ihrer Volksmasse bei weitem keines so großen Stiftungsvermögens wie das arme Rothenburg.

Die alten Geschlechter in Rothenburg wurden reich durch die Stadt, und die Stadt war reich durch den Grundbesitz und die grundherrlichen Rechte ihres großen Gebiets. Umgekehrt werden in unserer Zeit hier die Armen ernährt und beschäftigt durch die Stadt: mehr als ein Drittel sämtlicher Familien zählt zu den Taglöhnern oder den konskribierten Armen, und von 349 Taglöhnerfamilien nährten sich im Jahr 1855 nicht weniger als 214 von städtischem Taglohn. Das ist auch ein Stück versteinertes Mittelalter.

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