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Ein Gang durchs Taubertal

Wilhelm Heinrich von Riehl: Ein Gang durchs Taubertal - Kapitel 4
Quellenangabe
typereport
authorWilhelm Heinrich Riehl
titleEin Gang durchs Taubertal
publisherEdition Europäische Kulturstätten
seriesLiterarische Landschaftsbilder
volume1
year1967
firstpub
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080812
modified20160809
projectid914720d9
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An der Tauber sitzen Franken

Vergleichen wir die Gegenwart mit jener vergangenen Zeit. Wie ist da alles von Grund aus anders geworden! Alles Land an der Tauber hat neue Herren bekommen: der obere Teil ist neubayrisch, der mittlere (der Taubergrund) neuwürttembergisch, der untere (der Taubergau) neubadisch. Und diese drei Stücke sind lauter fremdartige kleine Eck- und Grenzzipfel größerer Staaten. Ich sage fremdartig, denn Württemberg und Baden haben sonst gar keinen Anteil am Maingebiet außer durch ihr Stückchen Tauber.

Das ostfränkische Volk des badischen Taubergaues bildet eine ethnographische Exklave im äußersten Nordosten des Großherzogtums, sein natürlicher städtischer Mittelpunkt ist das bayrische Würzburg, nicht Karlsruhe oder Heidelberg. Württemberg besitzt keine rein fränkische Bevölkerung, außer im Taubergrund und in den angrenzenden weiland ansbachischen und hohenlohischen Ämtern. Der Tauberwein ist ein Fremdling unter den altwürttembergischen Neckarweinen, wie außerdem nur noch der Seewein am südlichsten Gegenpol des Königreichs. Zu Weikersheim und Mergentheim spricht man gut fränkisch in der Bauernstube der Wirtshäuser und gut schwäbisch im Herrenstüble, wo die Beamten sitzen. Das soll, wie der patriotische Württemberger meint, schon vorgedeutet gewesen sein durch die Hohenstaufen, als dieselben das Herzogtum Rothenburg an der Tauber mit ihrem Herzogtum Schwaben verbanden. Allein die Hohenstaufen schoben Rothenburg nicht in die Ecke, sondern legten vielmehr den Grundstein zu seiner selbständigen Macht als einer fränkischen Stadt und künftigen (1274) deutschen Reichsstadt ob der Tauber, als der Beherrscherin des Quellengebiets und oberen Flußlaufes. Nun ist aber Rothenburg an der Tauber nicht bloß eine bayrische Provinzstadt geworden, worüber es sich mit Nürnberg und Augsburg trösten könnte, sondern eine Grenzstadt, die ganz außer der Welt liegt, ein vergessenes Trümmerstück des Mittelalters. Auch sein Gebiet, früher so groß (es umfaßte 163 Dörfer und 40 Burgen) und wohl abgerundet, ist zwischen zwei Herren geteilt, und vielleicht haben es die Rothenburger minder schmerzlich empfunden, daß sie 1802 ihre politische Selbständigkeit verloren, als daß 1810 ihr Gebiet zerrissen wurde – ihr Gebiet, welches die Quelle ihrer Macht und ihr Stolz gewesen war – und daß die Hälfte ihrer ehemaligen Gebietsuntertanen jetzt nicht einmal mehr nach Rothenburg zu Amt und zu Gericht geht, sondern ins Württembergische nach Mergentheim und gar nach dem obskuren Oberamtsdorf Gerabronn.

Und dazu mußte Rothenburg selber einem Kreise zufallen, dessen Hauptstadt Ansbach ist! Wenn noch Nürnberg die Kreishauptstadt Mittelfrankens geworden wäre, wie es ja ganz natürlich erscheint; aber Ansbach, das sich an historischem Rang durchaus nicht mit Rothenburg messen kann, still und stillestehend, die unpopulärste Stadt bei allen Handlungsreisenden – unpopulärer sogar als das noch stillere und stillstehendere Rothenburg! Denn nach Ansbach kommen diese Peripatetiker, um wenig Geschäfte und noch weniger Unterhaltung dort zu finden, nach Rothenburg kommen sie in der Regel überhaupt nicht.

Allein zeigt denn das Taubertal mit seinen drei neuen Gebietsbruchstücken im Kleinen nicht genau dasselbe Bild wie ganz Ostfranken, der ehemalige fränkische Reichskreis, im Großen? Im Großen: Ja! aber groß und klein ist eben zweierlei. Freilich sind alle alten Herrschaften des fränkischen Kreises untergegangen und lauter neues Land geworden, in der Hauptmasse neubayrisch. Allein wenn Ansbach, Bayreuth, Würzburg, Bamberg, Nürnberg neubayrisch wurden, so wird durch solchen Zuwachs andererseits auch Altbayern ein neues Bayern, und das alte Frankenland trägt trotz München immer noch seine eigenen Kulturmittelpunkte in sich selbst. Franken greift selbsttätig in die innere politische Bewegung Bayerns, wenn es auch seine äußere politische Selbständigkeit verloren hat. Dergleichen kann man aber doch nicht von den abgelegenen Grenzwinkeln des Tauberlandes behaupten.

Man ist hier im Kleinen unzufrieden und klagt über allerlei Ungunst und Vernachlässigung, die Vergangenheit zeigte große politische Schauspiele, die Gegenwart ein rührendes Familienstück. In Rothenburg meinen viele Leute: Württemberg behandle seine alten Reichsstädte mit größerer Vorliebe als Bayern und würde einer Stadt wie der ihrigen doch wenigstens ein Stückchen Eisenbahn gegönnt haben; im württembergischen Creglingen dagegen, dessen kunstberühmte Herrgottskirche nur notdürftig erhalten wird, vernahm ich, daß man in Bayern doch mehr tue für die Kunstaltertümer, und König Ludwig I. habe den Creglingern schon 20 000 Gulden für ihren Hochaltar geboten, die biete in Württemberg kein Mensch. Die Badener beneiden nicht gerne das Ausland, aber sie beneiden sich untereinander, und in Tauberbischofsheim klagte man (früher wenigstens) oft und bitter, daß der badische Taubergau des Segens von Amts- und Behördensitzen, Garnisonen, Zuchthäusern und anderen nahrhaften Anstalten lange nicht so reichlich teilhaftig werde wie die übrigen Gegenden des Großherzogtums.

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