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Ein Gang durchs Taubertal

Wilhelm Heinrich von Riehl: Ein Gang durchs Taubertal - Kapitel 3
Quellenangabe
typereport
authorWilhelm Heinrich Riehl
titleEin Gang durchs Taubertal
publisherEdition Europäische Kulturstätten
seriesLiterarische Landschaftsbilder
volume1
year1967
firstpub
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080812
modified20160809
projectid914720d9
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Landschaft gefallener Reichsgrößen

Inmitten eines regsamen Volks und einer ergiebigen Natur durchschreiten wir an der Tauber die Gebiete von lauter gefallenen Reichsgrößen. Das zeigt uns eben die alte Landkarte schon in den Grenzlinien aus der letzten Reichszeit, die siebenmal den nur dreißig Stunden langen Talgrund kreuzten. Zu oberst das Gebiet der annektierten Reichsstadt (Rothenburg); dann eine ausgestorbene Markgrafschaft (Ansbach) bei Creglingen; ein säkularisiertes Hochstift (Würzburg) bei Röttingen und Lauda; ein mediatisiertes Fürstentum (Hohenlohe) bei Weikersheim; das Land eines aufgehobenen Ritterordens (der Deutschherren) bei Mergentheim und ein ehemaliges halbes Reichsdorf (Althausen); eine weiland unmittelbare Reichsherrschaft (Gamburg); ritterschaftliche Besitzungen (in Archshofen, Edelfingen), verlassene Klöster, ein säkularisiertes geistliches Kurfürstentum (Mainz) bei Bischofsheim und endlich eine mediatisierte Grafschaft (Wertheim) im Mündungsgebiete des Flusses!

siehe Bildunterschrift

Mergentheim mit Burg Neuhaus. Holzschnitt von P. Illner, 1866

So war also das Taubertal zur Zeit des Reichs mindestens neunherrisch und jetzt gehört es nur noch dreien Herren: Bayern, Württemberg und Baden. (Die drei Länder kann der Wanderer schon mit den Füßen wahrnehmen ohne alle Landkarte: in Bayern ist die Talstraße leidlich gut, in Württemberg wird sie besser, in Baden am besten.) Obgleich sich nun also die Gebietsverhältnisse an der Tauber sehr vereinfacht haben, so ist das Tal als ganzes jetzt doch zerstückter, zerfallener, einheitsloser als früher.

Denn vordem trug es großenteils den Schwerpunkt in sich selbst, und seine drei Hauptgebiete gravitierten in drei Hauptgliederungen des Talgrundes. Reichsstädtisch war das obere Land, wo die Tauber noch rascheren Laufes und in engerer Rinne die Höhen des Keupers und Muschelkalks durchbricht, und Rothenburg herrscht hier als Hauptstadt; deutschherrisch war das Zentrum des mittleren, sanften, kulturfähigeren Beckens (im Muschelkalk), wo Mergentheim städtisch dominierte; reichsfürstlich endlich die Hauptmasse des unteren Gebiets, wo der Buntsandstein zu höheren Bergen ansteigt und die Main-Tauberstadt Wertheim (mit Würzburg in der Flanke) den maßgebenden Schlußpunkt des Verkehrs macht.

Die wichtigsten drei Städte des Flusses waren also zugleich Gebietshauptstädte, auch das hohenlohische Weikersheim war eine Residenz, und obwohl Ansbach, Kurmainz und Würzburg mit ihren Grenzwinkeln ins Tal hineinschauten, fand dasselbe samt den meisten Seitenhöhen und Seitentälern doch seine einigenden Mittelpunkte in sich selbst und bildete eine kleine reiche Welt für sich.

Hierin löst sich das Rätsel der früheren Kulturblüte und des jetzigen Verfalls. Nicht sowohl durch Handel und Gewerbe sind die größeren Tauberstädte im Mittelalter bedeutend geworden, als durch die Gunst der politischen Herrschaftsverhältnisse. Das gilt auch von Rothenburg. Darum sind es auch nicht sowohl die neuen Verkehrswege oder die neuen Formen der Industrie, was die moderne Blüte des Taubertales so bescheiden zurücktreten ließ neben den Denkmalen vergangener Pracht und Macht, sondern es ist der Sturz aller der alten Herrschaften, die früher hier gravitierten. Nicht mit dem ökonomischen Ruin des mittelalterlichen Städtewesens, sondern viel später, mit der politischen Zertrümmerung des Reichs, ging die selbständige Herrlichkeit des Taubertals zu Grabe.

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