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Ein Gang durchs Taubertal

Wilhelm Heinrich von Riehl: Ein Gang durchs Taubertal - Kapitel 18
Quellenangabe
typereport
authorWilhelm Heinrich Riehl
titleEin Gang durchs Taubertal
publisherEdition Europäische Kulturstätten
seriesLiterarische Landschaftsbilder
volume1
year1967
firstpub
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080812
modified20160809
projectid914720d9
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Im stillen Tal der unteren Tauber

Wie man sagen kann, daß rheinische Natur bis Heilbronn neckaraufwärts steigt und also der Rhein gleichsam ein Stück Wegs ins Neckartal hineinschaut, so schaut auch der Main bis gegen Werbach ins Taubertal. Die Hauptflüsse assimilieren sich gern die Mündungsgebiete ihrer Nebenflüsse wie das Meer den Mündungslauf der Hauptflüsse: das gilt nicht bloß vom Charakter der Landschaft, sondern auch vom Charakter des Volkslebens.

Der unterste Teil der Tauber ist der einsamste: die Dörfer liegen weit auseinander, die Hauptstraßen lenken seitab ins Land hinein, die Berge rücken enger, höher zusammen, rechts und links bis zur Talsohle mit Wald bedeckt, während sonst an der Tauber meist nur die Höhen des linken Ufers mit Wald bekrönt sind. Diese zunehmende Stille, je mehr wir uns der größeren Verkehrsader des Mains nähern, befremdet uns; sie ist gegen die Regel. Wer ein Flußtal durchwandert, um das Volk zu sehen, der geht am besten talab von der Quelle zur Mündung, den Weg aus der Einsamkeit ins immer reichere Kulturleben; wer dagegen Landschaften sehen will, der geht besser talaufwärts, weil die Naturschönheit der mittleren und oberen Flußbecken so gerne zunimmt im umgekehrten Verhältnis zur Fülle der Siedlungen und des Verkehrs. Bei der Tauber könnte aber der Volksforscher ganz füglich auch einmal unten anfangen und der Maler oben, und sie hätten das Tal doch gerade so gut am rechten Zipfel gefaßt wie umgekehrt.

Das regste Leben in der Vergangenheit gehörte der oberen Tauber, das regste Leben in der Gegenwart gehört der mittleren, die unterste Strecke war zu allen Zeiten die einsamste. Freilich ist Wertheim, die Mündungsstadt, weitaus volkreicher und wirtschaftlich entwickelter als alle anderen Städte an der Tauber. Allein das ist sie als Mainstadt, nicht als Tauberstadt. Der beste Wertheimer Wein wächst am Main, und Schiffahrt und Handel folgen dem größeren Fluß. Zwischen Werbach und Wertheim dagegen können wir noch stundenlang durch ein enges Wald- und Wiesental wandern und sehen nichts als idyllische Naturschönheit. An der ganzen übrigen Tauber fesselt uns vorab der Reiz der Staffage, der malerischen Dörfer und Städtchen, und dann erst der Hintergrund der Landschaft. Die Ursache der Vereinsamung des unteren Tals aber habe ich angedeutet, als ich von den Straßenzügen sprach.

Doch muß man sich diese Einsamkeit nicht gar zu einsam vorstellen – dafür sind wir in Mitteldeutschland, und die Idylle nicht gar zu idyllisch – dafür sind wir im Großherzogtum Baden. Es zieht eine treffliche Landstraße durch das stille Tal, auf den Wegweisern lesen wir in Dezimalen, wie weit es zum nächsten Dorfe ist, und die Bauern wissen also hier ohne Zweifel schon sämtlich, daß 6,6 Stunden nicht 66 Stunden sind. An der württembergischen Tauber rechnet der Wegweiser noch volkstümlich nach der Uhr zu Viertel- und halben Stunden, und an der bayrischen Tauber rechnet er gar nicht.

Die Kulturzone der numerierten Apfelbäume beginnt zwar schon bei Mergentheim, allein doch erst sporadisch; an der badischen Tauber wird die Sache rationell und zum System. Unter Werbach, wo der rote Sandstein zutage bricht und seine Waldberge quer gegen den Talkessel schiebt – hier, wo der Wanderer aufatmet bei dem Bilde reiner Naturromantik, trägt jeder Chausseebaum seine eigene Nummer, schwarz auf weiß in Ölfarbe und die Nummern nach den Dezimalsteinen der Straßenlänge geordnet. Denn der moderne Staat verschenkt seine Äpfel nicht, sondern er versteigert sie.

Die Wiesen des einsamen unteren Tauberwaldtals sind gut gepflegt, vielfach kunstvoll bewässert; bei Bischofsheim hat man den ganzen Fluß zugunsten der Wiesenkultur in einen geradlinigen Kanal verwandelt und bei Bronnbach sogar einen Bach über die Tauber geführt, damit er hier noch einmal die Wiesen wässere und also am rechten Ufer münde, während er am linken Ufer entspringt. Das ist doch Kunst in der Natur.

Kräftige weitgedehnte Eichenbestände bilden den Wald dieses unteren Taubertals; sie erinnern schon an den nahen Spessart. Allein die forstwirtschaftliche Pflege schaut uns überall aus dem Dickicht entgegen, und wir denken darum hier im Eichenschatten weit eher an die wunderschönen eichenen Faßdauben und Bohlen, welche im Wertheimer Hafen verladen werden, als an den germanischen Eichwald. Dieser Gegensatz überraschender Kultureindrücke inmitten der schweigenden, reinen Naturschönheit wird sich aber noch viel schärfer zuspitzen, wenn einmal die Eisenbahn fertig sein wird, welche hier mit Tunnels, Durchstichen und Dämmen das Tal gar mannigfach durchschneidet. Allein, wenn dann auch der Weg durch den Berg führt, wie der Bach über den Fluß, und wenn neben den numerierten Apfelbäumen Bohnen an allen Telegraphenstangen sich aufranken, so wird doch mit der einsam schönen Landschaft ein Drittes sein Recht noch immer behaupten: allerlei verstohlener Schmuck von Kunst und Geschichte. Gamburg mit seinem Schloß und seiner alten Mühle wird malerisch bleiben; Niklashausen historisch denkwürdig, und Bronnbach wird wohl gar noch mehr als jetzt eine Quelle des Studiums und der Erbauung für den Architekten und Kunsthistoriker werden. Diese Reliquien wirken aber um so poetischer, weil sie so heimlich versteckt liegen.

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