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Ein Gang durchs Taubertal

Wilhelm Heinrich von Riehl: Ein Gang durchs Taubertal - Kapitel 16
Quellenangabe
typereport
authorWilhelm Heinrich Riehl
titleEin Gang durchs Taubertal
publisherEdition Europäische Kulturstätten
seriesLiterarische Landschaftsbilder
volume1
year1967
firstpub
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080812
modified20160809
projectid914720d9
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Eine Großstadt im Taschenformat

Mergentheim ist nicht erstarrt wie Rothenburg, nicht verfallen wie Creglingen, es ist ein lebendiges, aufblühendes Städtchen, dabei aber durchaus nicht modernen Gepräges, sondern etwas altfränkisch. So etwa sah es vor dreißig Jahren in unseren mittleren Städten aus, wie heute noch in dieser kleinen Stadt. Man hat die Schwächen unserer Kleinstädterei oft und grell geschildert, allein aus den kleinen Städten gingen unsere meisten großen Männer hervor, und die unendliche Fülle mannigfaltigster Bildungsstoffe auf engem Raum und im verjüngten leicht erfaßbaren Maßstab ist ein Vorzug der deutschen Kleinstädte, um welchen uns andere Nationen beneiden können. Gerne erinnern wir uns in der gemütlich poetischen Szenerie Mergentheims daran, daß Mörike hier längere Zeit lebte und dichtete. Man muß das Schwabenland kennen, um Mörike ganz zu verstehen, und in Schwaben wiederum insbesondere die vielen kleinen eigenartigen Städte, um sich von Mörikes Humor recht warm angeheimelt zu fühlen.

Man betrachte dieses Mergentheim: es hat Kirchen und Klöster aus dem Mittelalter und der Rokokozeit, ein Renaissanceschloß innerhalb der Mauern, eine Burgruine nahe vor dem Tor, ein merkwürdiges Archiv, ein berühmtes Naturalienkabinett, reiche alte Spitäler und Pfründnerhäuser und ein modernes Mineralbad mit 800 und mehr Kurgästen, eine Lateinschule und Realschule, einen öffentlichen Park; die Stadt beherbergt zuzeiten einen Hof und allezeit Beamte, Bürger und Bauern, Feldbauern sowohl als Weinbauern, wie auch mancherlei Spezialisten unter den Handwerkern, Messerschmiede, Orgelbauer, Instrumentenmacher, das alles und noch mehr besitzt die kleine Stadt und zählt doch nur 3000 Einwohner. Es fehlen nur die Soldaten, allein das ganze Taubertal ist unmilitärisch: ich habe nirgends einen Soldaten gesehen und bin nirgends einem Reiter begegnet. Es gibt in Deutschland Kleinstädte, welche bloß große Bauerndörfer sind oder große Fabrikkolonien, es gibt aber auch, und namentlich in Mitteldeutschland, Kleinstädte, die sich von der Großstadt nur mehr quantitativ als qualitativ unterscheiden, Großstädte im Taschenformat, und ein guter Auszug eines Buches ist oft lehrreicher als das dicke Original.

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