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Ein Gang durchs Taubertal

Wilhelm Heinrich von Riehl: Ein Gang durchs Taubertal - Kapitel 12
Quellenangabe
typereport
authorWilhelm Heinrich Riehl
titleEin Gang durchs Taubertal
publisherEdition Europäische Kulturstätten
seriesLiterarische Landschaftsbilder
volume1
year1967
firstpub
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080812
modified20160809
projectid914720d9
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Die Kirche am Herrgottsbach

Man kann sagen: das Merkwürdigste von Creglingen überhaupt ist der Kirchhof. Die alten Grabsteine erzählen uns hier, wie viel vornehmer die Stadt einmal gewesen ist. Nicht bloß Pfarrersfrauen, sondern auch eine Schustersfrau des 17. Jahrhunderts steht fast lebensgroß auf ihrem Grabstein, als Relief gearbeitet, im Mantel und Faltenrock, fast wie eine Äbtissin anzuschauen. Der Kirchhof ist nicht groß, und die Kirche ist klein; sie ist aber ein reizendes Kunstgebilde und angefüllt mit allerlei Merkwürdigkeiten der Kunst, der Geschichte und der Sage, ein Mittelding zwischen Kirche und Museum. Auf dem Altar schreibt man sich ins Fremdenbuch; aber die vielen Sträuße und Kränze von künstlichen Blumen, welche vor dem Altar an einem Balken und an einer Seitenwand aufgehängt sind, erinnern uns, daß die Kirche auch noch Kirche ist. Es sind lauter Blumen von Kindersärgen; sie werden von den Paten auf den Sarg gelegt und dann zum Andenken in diese Kirche gestiftet, wo man die Leichengottesdienste abhält. Wie mir die Küsterin erzählte, kennen die Paten noch nach Jahren ihre Blumen und betrachten sich dieselben zeitweilig, um ihres verstorbenen Schützlings zu gedenken. Steht man vor diesen Kränzen, so erschließt sich ein wundervoller Blick ins Freie, umrahmt von dem offenen Kirchenportal, über den Vordergrund der Gräber und der verfallenen Kirchhofsmauer und über die enge Talschlucht des Herrgottsbaches hinauf zu den grünen Bergen und dem blauen Himmel. Und so werden wir von den verstaubten Altertümern zurückgeführt in die lebendige Gegenwart durch die Bilder des Todes.

Aber auch die verstaubten Altertümer können leben in der ewigen Jugend der Kunst. Das bezeugt uns der wundervolle Hochaltar des Kirchleins mit seinen Holzschnitzereien. Sie sind von berufeneren Männern längst gewürdigt und behaupten ihren Platz in der deutschen Kunstgeschichte. Ich will darum hier nicht näher auf dieses Werk eingehen. Nur eine Bemerkung sei mir erlaubt.

siehe Bildunterschrift

Creglingen. Kupferstich von Merian, um 1635

Als vor etlichen Jahren das Knabelsche Altarwerk in der Münchener Frauenkirche aufgestellt wurde, legten viele Künstler ihr eifrigstes Fürwort ein, daß man eine so edle und großartige Holzskulptur doch unbemalt lassen möge. Allein der Altar wurde bemalt und vergoldet, unter Berufung auf das kirchliche Herkommen und die Stimme des Volks, welche in Altbayern die unbemalten Heiligen »blinde Heilige« nennt. Der Creglinger Hochaltar stammt nun aber aus der besten alten Zeit und ist dennoch unbemalt; rein, wie sie von dem Messer des Schnitzers gekommen, treten seine Gestalten in der vollsten Klarheit der Linien vor uns, und der Gesamteindruck ist überraschend edel. Es findet sich aber auch zu Rothenburg in der Jakobskirche ein unbemaltes gotisches Altarwerk, und der Prachtaltar in der dortigen Spitalkirche entbehrt gleichfalls der Farben. Vielleicht sind noch mehr alte Altäre ohne »Faßmalerei« an der Tauber zu finden, und in Franken jedenfalls. Auch bei den Heiligenbildern an Häusern und Wegen liebt der Franke die bunte Farbe ungleich weniger als der Bayer und Tiroler, und es fragt sich, ob denn das katholische Volk immer und überall die geschminkten Heiligen den blinden Heiligen vorgezogen hat und ob nicht auch hier, wie überhaupt in der mittelalterlichen Kunst, örtliche Unterschiede wahrzunehmen sind, die der reinen Holzskulptur doch ein größeres Recht des Herkommens einräumen würden, als die Geistlichen den Künstlern zugestehen.

Die große Mehrzahl der Creglinger ist protestantisch, neben ganz wenigen Katholiken und ziemlich viel Juden. Archshofen oberhalb Creglingen war noch vor kurzem zum vierten Teil von Juden bevölkert, und in dem früher deutschherrischen Taubergebiet findet sich überall eine starke Judenschaft, wie denn auch die Juden in einen Teil des hohenlohischen Gebietes, von wo sie früher ausgeschlossen waren, durch einen Zwischenbesitz des Deutschordens eindrangen. In Rothenburg, der ehemaligen Reichsstadt, gibt es zwar eine Judengasse, aber keine Juden darin, weil man sie dort vor fünfhundert Jahren totgeschlagen und vor dreihundert Jahren ausgeplündert und fortgejagt hat. Wie so vieles andere, sind also auch die Juden in Rothenburg bloß monumental und historisch. Tauberabwärts dagegen sitzen sie noch wirklich und lebendig an warmen Sommerabenden vor dem Tor, oder wenigstens vor der Haustüre nach alttestamentlicher Weise.

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