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Ein freies Weib

Johannes Schlaf: Ein freies Weib - Kapitel 9
Quellenangabe
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typefiction
authorJohannes Schlaf
titleEin freies Weib
publisherErnst Keils Nachfolger (August Scherl) G.m.b.H.
printrunFünftes bis neuntes Tausend
year1922
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Dieses Gespräch und sein Ausgang hatte Cäcilie kaum noch in einer besonderen Weise berührt.

Wohl aber beschäftigte es sie bereits mit einer bangen Unruhe, daß Helmut von Löhrs Benehmen ihr gegenüber, wenn er auch niemals eine Gesellschaft vermied, in der er mit ihr zusammentreffen mußte, sich geändert hatte, und daß er sich auf eine Weise benahm, die ihre Grenzen zu streng einhielt.

Sie hatte nicht die entfernteste Ahnung, was sich hinter diesem Verhalten verbarg, und was für ein Ringen von peinigender Selbstüberwindung sie hehlte ...

Sie war tief unglücklich. Eine förmliche Angst überkam sie.

Ihr ganzer unseliger Zustand, wie er kurz vor jener ersten Begegnung mit ihm sie bis an die äußerste Grenze des Erträglichen getrieben hatte, drohte wieder über sie hereinzubrechen.

Sie hatte sich bisher durchaus noch nicht einer eigentlichen Leidenschaft für Helmut hingegeben. Der Verkehr mit ihm, der bei dem Anschluß, den er an Robert gewonnen, ein ziemlich häufiger war, hatte ihr lediglich überaus wohlgetan. Und Löhrs Verhalten ihr gegenüber war das einer unwillkürlichen freundschaftlichen Sympathie und bis zu einem gewissen Grade auch Mitteilung gewesen, die nun mit einem Male zu entbehren ihr unerträglich wurde...

Bei der eingeborenen klaren Naivität ihres Wesens war es ihr unmöglich gewesen, ihm ganz zu verhehlen, was sie durch sein verändertes Benehmen litt.

Sie zeigte sich, wenn sie mit ihm zusammentraf, in einer immerhin auffallenden Weise befangen, errötete leicht, war in Gedanken und zerstreut, sprach mit leiser Stimme oder ganz und gar gelegentlich wohl auch geradezu unbeholfen.

Sie ahnte nicht, daß die tiefere Sympathetik, in der er ein für allemal zu ihr stand, dies alles fühlte, und wie sehr es ihn betroffen machte, wie er darunter litt...

Aber da geschah es, daß er ihr eines Tages, ganz gegen seine Gewohnheit die letzte Zeit über, mitteilte, er werde in nächster Zeit für einige Tage verreisen. Auf sein heimatliches Gut in der Altmark, wo er mit seiner Mutter – sein Vater war gestorben – über wichtige Familienangelegenheiten Rücksprache zu nehmen hatte.

Er hatte dann für ein paar Augenblicke geschwiegen und vor sich niedergebückt.

Endlich aber hatte er, mit einem Blick, in Anbetracht der Art, wie er sich in letzter Zeit gegen sie benommen, so unvermutet, daß es ihr auf der Stelle alles Blut zum Herzen trieb, aufgeblickt, sie angesehen und seiner Mitteilung hinzugefügt:

»Die Reise hängt außerdem mit meiner Laufbahn zusammen. Es ist bereits so gut wie sicher, daß ich Ende November nach Berlin zum Generalstab kommandiert werde.«

Sie hatte Mühe gehabt, ihre Fassung zu bewahren.

Sicher aber war ihr das nicht so gut gelungen, daß ihr Verhalten ihm nicht mit hinreichender Deutlichkeit offenbart hätte, was er ihr war, und daß sie ihn damit nicht auf das tiefste berührt und ihm zugleich den ganzen Wert ihres bis zur Mädchenhaftigkeit klaren und naiv unschuldigen Wesens gezeigt hätte.

Er hatte all seine Selbstbeherrschung aufbieten müssen, um des Eindruckes Herr zu werden, den dieses unmittelbare Geständnis auf ihn übte.

Er hatte dann, doch ohne auch seinerseits seine Empfindung ganz verbergen zu können, das Gespräch auf gleichgültigere Dinge hinübergespielt: aber unwillkürlich insofern mit einer wärmeren Schattierung, als er sie an einen Wunsch erinnerte, den sie gelegentlich einmal, als sie über Rassehunde gesprochen hatten, geäußert.

Sie hatte damals gewünscht, einen russischen Steppenhund zu besitzen. Er war jetzt aber in der Lage, ihr einen zu vermitteln. Ein heimatlicher Gutsnachbar besaß ein Paar edelster russischer Steppenhunde, und er hatte die Nachricht bekommen, daß ein Wurf jetzt halbjähriger Hunde vorhanden war, von denen er sich selbst einen erstehen wollte.

Sie hatte sich interessiert und sich mit seinem Vorschlag einverstanden erklärt ...

Sie wußte kaum, wie sie die Zeit, die er abwesend war, hinbrachte.

Zu Hause litt es sie nicht. Täglich machte sie Ritte, von denen sie, bis zum Äußersten ermüdet, heimkehrte: eine Erschöpfung, die ihr eine Wohltat war.

Als Robert, dem ihr Verhalten auffiel, ihr aber Vorstellungen machte, ließ sie ihn, zum ersten Male während ihrer ganzen Ehe, unwirsch an.

Endlich kehrte Löhr zurück.

Sie hatte jede Woche einen bestimmten Nachmittag, an dem sie Teegäste bei sich sah. Gleich am ersten dieser Tage nach seiner Rückkehr brachte er ihr den Hund.

Er hatte nicht weniger unter der Trennung gelitten als sie.

Ja, sie hatte ihm den Umfang seiner Neigung zu Cäcilie erst ganz zum Bewußtsein gebracht.

Bis zu einer Unsinnigkeit, daß er ihr den Hund, bloß um so bald wie möglich mit ihr zusammenzutreffen, noch an diesem Tage brachte, obgleich eine dienstliche Angelegenheit ihm kaum dazu Zeit ließ und jede spätere bequemere Gelegenheit geboten gewesen wäre ...

Teils der dienstlichen Angelegenheit wegen, teils, um sie noch allein anzutreffen, kam er etwas vor der eigentlichen Zeit.

Sie hatte sich von einer Lektüre erhoben, mit der sie sich unterhalten, und vor Schreck über seine gänzlich unerwartete Ankunft war sie für einige Augenblicke außerstande, ihm entgegenzugehen und ihn zu begrüßen.

Fast nahm es sich aus, als sei sie ungnädig.

Den Hund, der vor ihm her in das Zimmer hereingesprungen war, sah sie gar nicht.

Auch Löhr blieb, von ihrem Verhalten betroffen, unwillkürlich unter einem tiefen Erröten stehen, seine lichtblauen Augen mit einem forschend bescheidenen Ausdruck auf sie gerichtet.

Als er ihr endlich aber langsam, wie zögernd und um Entschuldigung bittend, nahte, kam auch sie ihm, doch, da ihr heimlich die Knie bebten und sie mit einem leichten Schwindelanfall rang, langsamer, als die Höflichkeit es erforderte, entgegen.

»Verzeihung! Ich komme unerwartet und viel zu früh, gnädige Frau«, entschuldigte er sich, nicht recht geschickt, nachdem er sich zum Handkuß geneigt hatte. »Aber ich wollte Ihnen so gern gleich den Hund bringen; außerdem erlaubte mir eine dienstliche Angelegenheit nicht recht eine andere Zeit.«

»Oh ... Es könnte wohl gut sein, daß Sie nicht – der erste Besucher wären«, antwortete Cäcilie, noch immer außerstande, ihre Verwirrung zu verbergen. »Wie liebenswürdig von Ihnen!«

Während der letzten Worte gewahrte sie eigentlich erst jetzt den Hund, der inzwischen auf seiner Suche im Zimmer umher zu ihr hergekommen war und unter munter eifrigem Knurren angefangen hatte, mit ihrem Kleidsaum zu spielen.

»Sie sind wieder von Ihrer Reise zurück«, begann sie das Gespräch, nachdem sie sich mit gezwungenem Anteil zu dem Hund herniedergebeugt, ihn gestreichelt und ihre Freude geäußert und nachdem sie dann Platz genommen, und sie Löhr eine Tasse Tee gegeben hatte. »Sie haben ihn also ... Ach, so ein schönes Tier!«

Sie streichelte den Hund und suchte sich seiner, da er stürmisch an ihr in die Höhe sprang, zu erwehren.

»Mush!« rief er den Hund an, um sie von ihm zu befreien.

»Mush heißt er?«

»Ja. – Ein russisches Wort. Es bedeutet: Mann.«

»Herzlichen, herzlichen Dank! Ich freue mich so sehr!« sagte sie, ihm die Hand reichend.

»Ich kam gerade zur rechten Zeit,« berichtete er mit einem Versuch zu plaudern, »seine Geschwister waren schon fortgegeben, und er wäre wohl auch nicht mehr lange zu haben gewesen. Er ist zwar noch zu jung und hat noch keine rechte Form, aber er ist völlig fehlerfrei. Er wird seinen Eltern, wenn er herangewachsen sein wird, sicher an Schönheit nicht nachstehen. – Sie haben ja die Photographien gesehen. Es sind berühmte Exemplare. Direkt aus Rußland eingeführt. In zwei, drei Monaten werden Sie schon Ihre Freude an ihm haben.«

Da die Rasse, um durch die Staupe gebracht zu werden, eine besonders aufmerksame Behandlung und Nahrung erfordert, gab er ihr die nötigen Verhaltungsmaßregeln an.

Aber sie vernahm kaum, was er sagte.

Er zeigte sich unter seinen Mitteilungen ersichtlich zerstreut; und wie diese Zerstreutheit auf sie selbst überging, brachte sie gerade aus ihr heraus das Gespräch auf den Gegenstand, der in diesem Augenblick für sie beide der verfänglichste sein mußte: auf seine zukünftige Tätigkeit beim Generalstab in Berlin.

Mitten in diesem Gespräch erhob er sich plötzlich, um sich zu verabschieden.

Auch sie hatte sich erhoben.

Sie stand vor ihm mit schwer atmendem Busen und fast ohne auf das, was er noch sprach, eingehen zu können.

Da aber geschah es, daß sein Handkuß um einen Moment zu lange verweilte.

Sie erbleichte.

Sie war einer Ohnmacht nahe.

Vielleicht aus dem unwillkürlichen Trieb, in der Angst dieses Zustandes eine Stütze zu suchen, ließ sie ihre Hand zu lange in der seinen und mit einem merkbaren Druck.

Aber da fühlte sie, wie er diesen Druck erwiderte, wie auch er ihre Hand behielt; und sie fühlte seinen fragend aufleuchtenden Blick, hörte seinen schwer hinter zusammengepreßten Zähnen gehenden Atem.

»Cä ...«

Sie wußte nicht, hatte sich sein Atem in einem zufälligen Laut befreit, oder hatte er ihren Namen aussprechen wollen.

Hastig, wie zu sich kommend, entriß sie ihm ihre Hand.

Und er schwieg. Stand einen Augenblick. Verneigte sich. Ging ...

Sie fiel in ihren Sessel und brach in ein heftiges Weinen aus. – – –

Nicht ganz vierzehn Tage nach diesem Zusammensein mit Helmut erhielt sie einen merkwürdigen Brief von Helene Vorberg.

Helene teilte ihr mit, daß Robert seit einiger Zeit ein Verhältnis mit einer Chansonette vom Varieté habe. Sie wußte es von ihrem Bruder Otho, der es ihr aus »psychologischem Interesse« mitgeteilt hatte. Jeder Zweifel war ausgeschlossen. »Ich teile Dir das mit, Cilli,« schrieb sie, »auf jede Gefahr hin, selbst auf Deine eigene. Und ich teile es Dir mit, frischerhand, gleich wie ich es erfahren habe, weil ich Dir so gut bin, wie keinem zweiten Menschen mehr in der Welt, und – weil ich Dich kenne.– – Ich bitte Dich, mir das unter allen Umständen zu glauben, wenn ich Dir auch noch so sonderbar vorkomme. Du kannst diesen Brief übrigens, verstehst Du, auf jede Weise, die Dir gut dünkt, in Deinem eigenen Interesse verwerten

In der Anwandlung einer Art von wildem Humor zeigte Cäcilie diesen Brief kurz darauf Robert, ohne weiter ein Wort hinzuzufügen.

Er geriet zuerst in Verwirrung. Aber dann fing er, herzlich ungeschickt, an, in seiner hausbackenen dialektisierenden Weise sich zu entschuldigen, indem er zugleich versuchte, seine »Motive« ihrem »Verständnis nahezubringen«.

Sie hatte während seiner wortreichen Rede, ohne mit einer einzigen Silbe zu erwidern, in einer sonderbaren Haltung, die Beine in die Höhe auf die Chaiselongue gezogen, dagehockt und ihn unverwandt mit großen, starren Augen, den Mund von einem seltsamen, stummen Lächeln verzerrt, angesehen. Plötzlich aber war sie wortlos aufgesprungen und unter einem schallenden Gelächter aus dem Zimmer geeilt ...

Die nächste Zeit war ihr Wesen zuweilen geradezu unheimlich. Es kam hinzu, daß Helmut sich seither nie wieder hatte sehen lassen.

Sie fing an, Whisky zu trinken. Und es ereignete sich ein paarmal, was während ihrer damaligen Zusammenkünfte mit Helene nie geschehen war, daß sie sich direkt betrank ...

Mit Robert sprach sie überhaupt nicht mehr; oder selten ein paar Worte mit einem Humor, der ihm jede Gegenrede und jeden Versuch, sie umzustimmen, einfach abschnitt.

In dem Augenblick nun aber, wo ihr Zustand sich, übrigens beständig durch den Umstand verschärft, daß Löhr nach wie vor wegblieb, bis zu den Gedanken an Selbstmord verwirrte, erwachte in ihr, aus ihrer innersten und bestimmendsten Natur heraus, jener seltsam unwillkürliche Selbsterhaltungstrieb, der sich bereits damals eingestellt hatte, als sie zu jenem Nachmittagsritt aufgebrochen war, gelegentlich dessen sie Helmut zum erstenmal gesehen.

Und nun schlug ihr Zustand – die Zeit, wo Löhr seinen Aufenthalt nach Berlin verlegen würde, rückte ja immer näher – in ein verzweifeltes inneres Ringen mit dem Antrieb um – denn es handelte sich mehr um einen solchen als um irgendeine verstandesgemäße Überlegung –, Helmut persönlich in seiner Wohnung aufzusuchen.

Und der Augenblick kam, wo dieser Trieb zur äußersten Angst, wo er unausweichlich wurde, und sie begab sich wirklich – sie wußte selbst kaum, was sie tat und unternahm – zu ihm.

Er wohnte in einem Hause des großen Platzes, an welchem die Kommandantur gelegen war, im zweiten Stockwerk in Chambregarnie.

Es war ein trüber, regnerischer Spätherbstnachmittag.

Sie traf Helmut zu Hause an.

Bleich, das Gesicht von den Spuren des seelischen Leides verwüstet, das sie in dieser letzten entsetzlichen Zeit durchgemacht, wankte sie in das Zimmer herein und stand vor dem völlig Bestürzten, das Haupt krampfhaft erhoben, schweratmend, die Lider gesenkt, ein krampfiges Zucken um die bleichen, festgeschlossenen Lippen.

»Warum sind Sie ... Ich bin da ...«, stieß sie endlich, ihrer selbst kaum bewußt, leise, in dieser Haltung, hervor. Tränen stürzten ihr unter den gesenkten Lidern hervor, über die blassen Wangen auf die zuckenden Mundwinkel herab.

»Mein Gott! Was ist geschehen?« stammelte Helmut in unsinniger Angst und Bestürzung, denn er glaubte im ersten Augenblick, daß sie einer Geistesgestörtheit verfallen sei. Zugleich aber ergriff er mit liebevoller Behutsamkeit ihre Hand und führte sie, die das willenlos, aber mit einer deutlichen sofortigen Erleichterung ihres Zustandes geschehen ließ, zu einem Sessel hin, in den sie sich mechanisch niederließ.

Sie kam jetzt zum Bewußtsein dessen, was vorging. Sie richtete den Oberkörper auf, und mit Haltung sagte sie leise, aber bestimmt, den Blick gesenkt:

»Nein, nichts ist mir geschehen.« – Sie schwieg, ohne ihre Haltung und die Richtung ihres Blickes zu verändern. Dann aber sagte sie:

»Ich bin ganz allein. – Ich habe niemand mehr, – Schon lange habe ich niemand mehr. – Ich ... ich bin – gekommen ... ich bin nun – da ...«

Sie hatte unter ihren letzten Worten den Blick zu ihm aufgerichtet und sah ihn an mit großen, warm beseelten Augen, mit Augen, die ihm sofort alles sagten: daß sie sein Fortbleiben nicht ertragen, daß sie das, was sein Abschied damals unausgesprochen gelassen, verstanden, was sie alles unter seinem Verschweigen und unter seinem Fortbleiben gelitten: mit Augen, die jetzt, ohne ihren Blick abzulassen, über einem weh und weich zuckenden Mund von warmen Tränen, Tränen der Erlösung, Tränen eines scheuen, stillen, süß-bitteren Vorwurfs blinkten.

»Ich – bin – da ...«, wiederholte sie noch einmal, mit der ganzen unbeschreiblichen Anmut ihrer Naivität.

»Cäcilie!«

Er war zu ihr hingestürzt und ihr zu Füßen gesunken, außer sich, ihre Hände ergreifend und sie mit Küssen bedeckend, während ein hörbares Schluchzen seine Brust erschütterte, das auch in ihm alles zur Befreiung gelangen ließ, was er diese letzten Wochen her innerlich gekämpft und gelitten ...

Löhr hatte sofort um seinen Abschied nachgesucht, und als er ihn erhalten – fast in dem Moment, wo er hätte nach Berlin abreisen sollen, einer vielleicht bedeutenden, militärischen Laufbahn entgegen – verließ er die Stadt, um mit Cäcilie auf Reisen den Ausgang des Scheidungsprozesses abzuwarten.

Am Tag vor der Abreise hatte Cäcilie noch in der Kinderstube bei dem Kleinen geweilt, um einen stummen Abschied von ihm zu nehmen.

War es eigentlich ihr Kind? Konnte, durfte sie es ihr Kind nennen, hatte sie gedacht, und ein Schreck hatte sie übermannt, denn diese Frage hatte ein seltsames Gefühl von Bitterkeit und Fremdheit geboren.

Heftig hatte sie den Kleinen auf den Schoß genommen und ihn unter bitterlichen Tränen geküßt und liebkost. Als sie das Kind mit diesem Ausbruch aber erschreckte, hatte sie es still wieder sich selbst überlassen.

Mochte er es behalten! Mochte es sein Kind sein und bleiben! Mochte es ihm eine Erinnerung bleiben an das, was einstmals gewesen...

Nicht ohne daß dieser Abschied von dem Kleinen sich mit einer wunderlichen kleinen Unruhe in das Gefühl, das sie ihm entgegenbrachte, eingeschlichen hätte, war sie dann mit Helmut abgereist.

Da ihre Gesundheit unter den beständigen Aufregungen des letzten Jahres gelitten hatte und sie einmal auf längere Zeit einen gründlichen Ortswechsel nötig zu haben schien, hatten sie eine Reise nach dem Süden beschlossen und fuhren zunächst einem Aufenthalt an der Riviera entgegen.

Sie wählten Mentone.

Aber es war vielleicht doch kein recht glücklicher Einfall gewesen, gerade diese Reise zu unternehmen.

Denn es zeigte sich bald, daß diese Umgebung Cäcilie fremd berührte, daß sie unruhig wurde und eine zunehmende Reizbarkeit zeigte.

Anfangs zwar hatte sie Gefallen an der ihr so ganz neuen südlichen Welt gefunden. Eine stürmisch hingerissene Bewunderung hatte sie gezeigt, die sie zuweilen fast in Ekstase versetzte.

Doch war es bereits wie ein nervöser Schauer, als sie eines Tages gelegentlich eines Spazierganges am Gestade, fest an Helmuts Arm geschmiegt, als suche sie, allzu überwältigt, eine Stütze, ausrief:

»O Helmut, wie merkwürdig das ist, daß es hier gar keinen Winter gibt!«

»Und wie gefällt dir das?« hatte er lachend gefragt.

»Oh, sehr, sehr! Aber ich weiß nicht: ich kann's nicht sagen. Es ist so merkwürdig«, hatte sie leise und versonnen geantwortet, eng an ihn angeschmiegt mit erschauernd weiten Augen aus diese ungeheure, tiefblaue, sonnige Meerweite hinausblickend. »Ich hab nur erst die Nordsee gesehen«, hatte sie hinzugefügt. »Das ist so anders. Man fühlt sich da freilich mehr zu Hause. – Aber dafür sind wir ja in der Fremde.«

»Wie ›anders‹?«

»Ich weiß selber nicht.«

»Was für eine Luft hier ist«, hatte sie ein andermal ausgerufen.

»Und was für eine?«

»Ich weiß nicht! Es ist, als ob man einen zu leichten Atem hätte«, hatte sie in ihrer oft so originellen Ausdrucksweise gesagt. »Das ist so sonderbar! Es ist wie im Paradiese, fast zu schön.«

Und die Wunder der südlichen Vegetation zu dem weißen, sonnengleißenden Strand, den blauen waldigen Bergen, dem Azur des Südhimmels, der mit der Kimme der blauen Meerweite zu einer einzigen magisch-ätherischen, so seltsam unwirklichen Einheit ineinanderzugehen schien, daß man gar nicht mehr unterscheiden konnte, was Erde und was Himmel war, und daß es einen so seltsam taumlig machte.

Die lichtblauen Massen der Eichenhaine auf den Höhen, der Kastanienwälder auf den Berglehnen, die Oliven-, Orangen- und Zitronenhaine, die ernsten, dunklen Pyramiden der Zypressen, die Pinien und die Palmen, die Cäcilie ganz besonders erregten. In den Gärten die Agaven und Kakteen. Myrte, immergrüner Kreuzdorn und Mastix. Lavendel, Thymian, Ginster und der harzige Naskaduft. Nelken, Skabiosen, Levkojen freiwachsend, der goldgelbe Mohn und die vielen weißfilzigen Gewächse im weißen Sand des Gestades. Die rosafarbenen Gewinde der Winden und die Wolfsmilch, die hier Baumhöhe erreichte.

Dann das internationale, elegant belebte Treiben der großen Hotels, auf der Promenade du Midi an der Westbucht. Der Jardin Public. Das Cap Martin mit seinen Olivenhainen. Der herrliche Ausblick vom Boulevard de Garavan aus.

Aber es kam zu alledem noch Wichtigeres und Ausschlaggebenderes, das Cäcilie unruhig machte und in beständiger, wenn auch Helmut verhehlter, innerer Erregung hielt. Vor allem der Scheidungsprozeß. Es war ihr etwas Unerhörtes und Furchtbares, mit den Gerichten zu tun zu haben und zu wissen, daß dort über die vertraulicheren Angelegenheiten ihrer Ehe verhandelt wurde. Und nicht weniger schrecklich war es ihr übrigens, mit Helmut, wenn auch nur vorderhand – immerhin aber auf eine Zeit, deren Andauer vorderhand noch nicht abzusehen war – »nur so«, in solch einem freien, unverheirateten Zustand zu leben.

Die kirchliche Trauung damals hatte auf sie mit all ihrer Weihe und Zeremonie einen tiefen, ernsten Eindruck gemacht, war ihr nicht bloß so eine Äußerlichkeit gewesen, denn ihre Frömmigkeit war eine bis zur Naivität gewissenhafte; die etwaigen freieren religiösen Auffassungen, die sie bei der Frau Justizrat kennengelernt, hatten daran nichts ändern können. Kaum brachte ihre Neigung zu Helmut, ihr Temperament und der Trieb ihrer gesunden Weibnatur sie über die beständigen Bedenken ihrer frommen Gewissenhaftigkeit hinweg.

Doch selbst ihre Neigung zu Helmut war nicht ohne Unruhe.

Ohne daß sie sich dessen freilich recht bewußt war, ging ihr Fühlen keineswegs mit der Entschiedenheit in seinem Wesen auf, wie es seinerzeit am Anfang ihrer Bekanntschaft und in den ersten Monaten der Ehe in Roberts Wesen aufgegangen war.

Helmut, den sie bis zum äußersten beglückte, bis zu einem Grade, daß ihm, trotz seines starken militärischen Ehrgeizes und der Aussichten auf eine bedeutende Laufbahn, die sich ihm eröffnet hatte, sein Abschied vom Militärdienst nicht nachging, umgab sie mit einer aufmerksamen Ritterlichkeit, die vielleicht zuweilen seiner Leidenschaft zuviel Rücksicht, zuviel Zartheit, zuviel Verehrung auferlegte.

Cäcilie war sich zwar in keiner bewußteren Weise darüber klar, aber es konnte schon sein, daß gerade diese Ritterlichkeit Helmuts sie in einer gewissen Blödigkeit und Zurückhaltung hielt, die gerade im gegenwärtigen Augenblick, wo sie meist so bedürftig war, sich bis zum äußersten hinzugeben und mitzuteilen, bedenklich war ...

Helmut verstand sie nicht ganz, im Grunde verstand er ihr eigentliches Wesen, wenn auch in einem anderen Sinne als dieser, so wenig wie Robert es je zu verstehen vermocht hatte: er sah und lebte Cäcilie viel zu ausschließlich im Lichte des Idealbildes, das er von ihr und von dem Wesen eines geliebten Weibes in der Seele trug.

Es geschah nun freilich, daß sie sich ihm gegenüber von dieser seltsamen Blödigkeit bedrückt fühlte, und daß sie ihn dann, um vor diesem ihr dunklen Gefühl zu fliehen, mit einer stürmischen Hingabe beglückte, die ihm alles schenkte, was ein Weib einem Manne gewähren kann, doch war in dieser Hingabe zugleich etwas wie eine unbewußte Triebüberlegenheit, etwas, das, gerade weil es seiner Liebe mit unbewußt triebhafter Kraft und Naturanlage überlegen war, ohne daß Cäcilie das auch nur entfernt wußte, wieder von Helmut fortstrebte ...

Sie konnte in ihrer Unruhe zuweilen auf Einfälle geraten, die direkt schon etwas Launenhaftes hatten, etwas von der Nuance jener seinen »kultivierten Sensibilität«, die Robert und den Seinen so bedenklich an ihr gefallen hatten.

So kam sie z. B. eines Tages gelegentlich eines Ausfluges nach Monaco auf den Einfall, ihr Glück an der Roulette zu versuchen. Und sie spielte mit einer geradezu ekstatisch hingenommenen Leidenschaft, mit einem hinreißend bezaubernden Übermut, der das Glück siegreich auf ihre Seite zwang.

Sie gewann eine erstaunlich ansehnliche Summe.

Und sie war dieser Stimmung bis zu einem Grade hingegeben, daß sie Helmut, der mit weit weniger Glück gespielt hatte, nötigte, einige Tage mit ihr in Monaco zu bleiben.

Plötzlich ergriff sie dann aber ein heftiger Widerwille gegen das Spiel.

Es war ganz der gleiche Trieb, der sie seinerzeit so entschieden von Helene entfernt hatte.

Als man aber eines Tages in den Anlagen die Leiche eines Selbstmörders gefunden hatte, entsetzte sie sich bis zum äußersten, so daß sie einen förmlichen Nervenanfall hatte und Helmut schnell mit ihr wieder nach Mentone zurückreisen mußte.

Dies Erlebnis wirkte dann aber noch nach. Es trieb die Abneigung, die sie der Rivieranatur von Anfang an unwillkürlich und zuerst ohne ihr eigentliches Wissen entgegengebracht hatte, jetzt erst in einer bestimmteren Weise hervor.

Immer mehr fühlte sie sich entsetzlich fremd. Der Umstand, daß sie Helmut bei sich hatte, konnte daran nichts ändern.

Nichts, schlechterdings nichts gab es hier, was ihr wirklich vertraut wurde. Selbst Helmut wurde ihr in manchen Augenblicken fremd, weil er sich in dieser Welt, mit der er von früherem Aufenthalt her völlig bekannt war, heimisch fühlte. Es war ihr dann, als wenn selbst er ihr zu dieser Umgebung hin entglitte; im besonderen auch zu dieser eleganten internationalen Menschheit hin, die hier ihr Treiben hatte.

Von Tag zu Tag erregten ihre Nerven sich bedenklicher.

Helmut dachte deshalb an einen Ortswechsel. Er schlug eine Reise nach Süditalien und Griechenland vor. Aber auch dagegen sträubte sie sich. Und eines Tages, Ende Februar, geschah es, daß sie ihm förmlich verzweiflungsvoll zurief:

»Oh, laß uns nach Deutschland zurückkehren, Helmut! Ich halt' es ja hier nicht mehr aus! Ich glaube, ich komme um. Ich weiß nicht: mir ist, als ob ich gar nicht mehr in der Welt wäre, als ob ich auseinandergehen müßte. Als ob ich gang zu ewig und immer nur blauer Luft und lauter ganz, ganz leichtem, leichtem blauen Meer werden müßte, zu lauter Luft und Duft und Farbe.«

Daraufhin schrieb Helmut denn, ernstlich ihres Zustandes wegen besorgt, an seine Mutter, daß er mit Cäcilie nach Hause kommen, dort den Ausgang des Scheidungsprozesses mit ihr abwarten und für die Dauer Aufenthalt nehmen werde.

Seine Mutter antwortete denn auch auf diesen Brief, wie er vorausgesehen hatte, in zwar zustimmender, liebevoller Weise, aber doch nicht ohne Zurückhaltung.

Das war nun schon etwas, was er Cäcilie zu verheimlichen hatte.

Es erfüllte ihn mit Sorge, wie die beiden Frauen sich einander gegenübertreten würden, obgleich er Mamas Gutherzigkeit und ihrem guten Takt vertrauen durfte und nicht weniger Cäciliens liebreizendem und gutartigem Wesen.

Er schrieb Mama in dieser Sorge noch einmal, so ausführlich und eindringlich wie möglich. Nachdem ihre Antwort, die ihn den Umständen nach diesmal mehr befriedigte, eingetroffen war, reisten sie dann in die Heimat zurück ...

*

Je weiter der Zug in nördlicher Richtung vordrang, um so entschiedener besserte sich Cäciliens Befinden, und sie konnte sich zuweilen kaum genug tun, Helmut ihre Dankbarkeit zu bezeigen.

Glücklich aber war sie erst, als sie sich wieder auf deutschem Gebiet befanden und das Badensche durchfuhren.

»Ach, nun sind wir endlich wieder in Deutschland!« rief sie. »Mir ist zumut, als ob ich aus einem Traum erwachte. Er hat mich so bedrückt. Er war nicht schön, weil er wohl viel zu schön war.«

Es kam hinzu, daß anhaltend milde Witterung herrschte.

Das liebliche Blaßblau des schon ganz frühlingsmäßigen Himmels tat Cäcilie gegen das Dunkelblau des Südhimmels, das ihr so unnatürlich vorgekommen war, unaussprechlich wohl. Und die herbere Luft atmete sie mit schier unersättlichen Zügen ein.

Die Fluren, in der Ferne von den blauen Schwarzwaldbergen begrenzt, weiteten sich in einem milden, freundlichen Sonnenschein, der die grünen Flächen der Wintersaaten erhellte und die roten Dächer der Dörfer.

»Helmut, sieh'! Kätzchen und Schäfchen! Der Frühling kommt ins Land!« jauchzte sie, wenn sie zwischen hohen, nah gegeneinander hertretenden Bahndämmen hinfuhren, die mit Gebüsch bestanden waren und deren Graswuchs sich unter der anhaltenden Sonnenwärme hier und da schon zu beleben anfing, während die Büsche von Kätzchen und dem zierlichen Schmuck baumelnder Schäfchen illuminiert waren.

»Ach, ist das schön! Ach, ist es gut, daß wir wieder in der Heimat sind!«

Gelegentlich fühlte sie wohl aber, daß sie dem guten Helmut, der wohl gemeint hatte, ihr mit einer Südreise etwas Besonderes zu bieten und dem sie statt dessen so viel sorgenschwere Tage gemacht, immerhin eine Enttäuschung bereitet hatte. Und dann sagte sie, um zu beweisen, daß er ihr mit einer Reise gar wohl Freude machen könnte:

»Wollen wir im Sommer nicht mal nach Norwegen reisen? Der Süden tut mir ja nicht gut, aber nach dem Norden habe ich immer Sehnsucht gehabt. Ein Sommeraufenthalt in Norwegen, an solch einem schönen Fjord, soll ja so herrlich sein. Wir wollen dann aber auch mal, ehe wir dort Sommerfrische nehmen, nach Schottland fahren und nach dem Nordkap hinauf. Das möchte ich in meinem Leben unbeschreiblich gern mal sehen.«

In Frankfurt nahmen sie für ein paar Tage Aufenthalt.

Helmut zeigte ihr die Stadt und ihre Sehenswürdigkeiten, und sie hatte Freude daran.

Dann fuhren sie von Frankfurt nach Magdeburg und von dort in die Altmark.

Als sie in der kleinen Mittelstadt anlangten, die die letzte Bahnstation vorm Ziel war, fanden sie vorm Bahnhof den Kutschwagen, den die Baronin geschickt hatte, sie abzuholen.

Sie hatten noch eine Stunde Fahrt bis nach Hause.

Sie fuhren durch das fruchtbare Gelände zwischen Elbe und Uchte, das die Wische heißt.

Das Wetter war das beste und schon vollständig frühlingsmäßig.

Am blaßblauen Himmel zogen große weiße Wolken, die ganz schon Frühlingswolken waren und bald freundliche Sonnenblicke, bald trauliche Schatten über grüne Wintersaatbreiten. Wiesen und sattbraunes Ackerland hinschweifen ließen.

Die milde Luft war köstlich zu atmen, und die tiefe ländliche Stille über dem Gefild tat wohl. Am Horizont hin zog sich in lichten Ferndünsten der dunkle Strich des Kiefern- und Tannenwaldes. Hier und da standen Bauerngruppen im Gelände, ein Gehölz, ein Hain. Schwärme von Saatkrähen belebten die Luft und den Ackerboden und ließen ihren fröhlichen Lärm erschallen. In einiger Entfernung sahen sie die in der Sonne funkelnde breite Fläche des Elbstromes, auf dem langsam Frachtkähne mit weißgebauschten Segeln sich dahinbewegten.

»Hier fahren wir schon durch unser eigenes Gebiet. All das Gelände da gehört zum Gut«, machte Helmut Cäcilie aufmerksam.

»Ach, so schön!« antwortete sie leise. Seit sie den Kutschwagen bestiegen, zeigte sie sich still und versonnen.

»Ich freue mich darauf, das nun alles selbst zu verwalten«, fuhr Helmut fort. »Ich habe immer Neigung zur Landwirtschaft gehabt. Ich denke, ich habe auch Anlage zum Landwirt.«

Es blieb ein kleines Schweigen.

»Wärst du aber nicht mit mir zusammengetroffen,« unterbrach sie es plötzlich, »so würdest du nicht Landwirt, sondern wärst jetzt in Berlin beim Generalstab und würdest einmal General.«

»Ich kenne kein Glück in der Welt, liebes Herz, als das, was mir an deiner Seite blüht, und werde ewig kein anderes und höheres Glück kennen«, sagte er, indem er mit leidenschaftlichem Nachdruck ihre Hand ergriff und drückte.

Sie erwiderte diesen Händedruck mit einer unbewußten Wärme.

Sie teilte seine Freude und Zuversicht nicht ganz.

Es bangte ihr im stillen vor dem ersten Zusammentreffen mit der Baronin, Helmuts Mutter. Auch bedrückte sie in etwas der Umstand, daß eine entfernte Verwandte Helmuts, eine Baronesse Erika von Lindbach, zur Zeit bei der Baronin auf Besuch weilte.

Die Baronesse war ein Jahr älter als Helmut.

Besonders aber beschäftigte es Cäcilie, daß er ihr erzählt hatte, es sei früher mal ein Lieblingsgedanke seiner Mutter, die übrigens seit drei Jahren Witwe war, gewesen, daß er Erika von Lindbach heiraten sollte.

Helmut hatte ihr diese Mitteilung zwar in einer Weise gemacht, die deutlich erkennen ließ, daß er der Baronesse keine Neigung zugewandt hatte, die zu einer Ehe mit ihr hätte führen können, und daß die Eltern ihm diese Ehe auch niemals ernstlich aufgedrängt hätten, aber er hatte sie trotzdem nicht ganz beruhigt, wenn sie sich auch auf keine Weise merken ließ, daß sie von seiner Mitteilung tiefer berührt war ...

Jedenfalls verursachte es ihr eine gewisse Beklemmung, jetzt einer Dame gegenüberstehen zu sollen, die einmal als Helmuts Gattin in Aussicht gestanden hatte und die sich zu dem Hause, als erklärter Liebling von Helmuts Mutter, nach wie vor in naher und vertrauter Beziehung befand.

»Unsere Wirtschaft erweitert sich gerade jetzt«, fuhr Helmut fort, Cäcilie von den häuslichen Angelegenheiten zu berichten. »Wir haben eine Zuckerfabrik gebaut. Die Gegend ist ja eine gute Rübenbaugegend. Das Gebäude ist fertig, und auch die innere Einrichtung und die Aufstellung der Maschinen. Dazu haben wir einen recht tüchtigen Ingenieur aus Vuckau bei Magdeburg. Henrik Wichmann. Ein Ostfriese.«

»Ach, ein Ostfriese?«

Es traf sie. Sie dachte sofort an ihren damaligen Sommeraufenthalt mit Robert in Norderney.

»Ja, ein Ostfriese. Ein solider, gewissenhafter Schlag.«

»Ja«, bestätigte sie, aus ihrer Nachdenklichkeit heraus. »Helmut!« fuhr sie aber plötzlich auf, ihre Augen mit einem tiefen, dunklen Leuchten geweitet, mit einer leidenschaftlich aufpulsenden Zärtlichkeit. »Küsse mich noch einmal, eh' wir ankommen!«

»Süße!«

Er umarmte sie, zog sie fest an sich und küßte sie. Sie aber hielt und erwiderte diesen Kuß lange mit ungewöhnlich leidenschaftlicher Glut.

Dann blieb ein langes Schweigen. Sie hatte sich dicht an ihn geschmiegt, und er hielt ihre Hand.

»Was wird deine Mutter aber zu der Schwiegertochter sagen, die du ihr da mit einem Male so unerwartet anbringst?« fragte sie plötzlich leise, und in ihrer Stimme war ein Beben.

»Sei unbesorgt, liebes Herz!« beruhigte er sie. »Du darfst ganz versichert sein, daß Mama dich mit aller Liebe empfangen wird.«

Endlich fuhr der Wagen auf das offenstehende Portal einer langen, soliden Steinmauer zu, vor dem zwei Nußbäume standen, und durch das Portal über einen mit Anlagen bestandenen Vorplatz auf das Schloß zu.

Das Schloß war ein großes, zweistöckiges Gebäude, schmucklos, aber reiner, alter Baustil, solid aus grauen Steinen.

Zu einem Portal mit zwei Säulen davor führten ein paar breite Steinstufen hinauf.

Cäcilie hielt das graue, alte Gebäude mit einem starren Blick unverwandt im Auge. Sie war still und bleich.

Als sie aber ausstiegen, zeigte sie eine gute Haltung ...

Wenige Zeit darauf stand sie mit Helmut vor der Baronin von Löhr und der Baronesse von Lindbach.

»Hier bring' ich dir Cäcilie, Mama!« sagte Helmut. »Baronesse von Lindbach«, stellte er dann vor.

Baronin von Löhr war eine mittelgroße Dame am Ausgang ihrer Vierziger.

Sie zeigte eine volle, aber gut gegliederte aufrechte Gestalt. Ihr aschblondes, leicht ergrautes Haar war von einer schönen klaren Stirn aus wellig aufwärts frisiert und umrahmte ein ovales, gesund-bräunliches Gesicht mit zwei klaren, klug-lebhaften, grauen Augen und einer eher etwas langen, schmalrückig feinen Nase und einem angenehmen rotlippigen Mund.

Der Ausdruck von Charakterentschiedenheit, den das runde volle Kinn bot, ward durch ein Grübchen gemildert, das eine Eigenschaft von Humor und schlagfertigem Mutterwitz verriet.

Die Baronesse war eine übermittelgroße Erscheinung – sie war um etwas größer als Helmut – von schlanker Fülle. Aus ihrem mehr sympathischen als eigentlich hübschen Gesicht blickten zwei dunkelbraune Augen mit einem verständigen und zugleich gutherzigen Ernst.

Aber da geschah etwas, das allseitig auffiel, um schließlich alle auf das angenehmste zu berühren.

Die Baronin hatte Cäcilie zuerst unverwandt mit einem scharfen Ausdruck ihrer klugen, grauen Augen angeblickt. Dann aber, als Cäcilie auf sie zukam, war auch sie ihr mit einem Male lebhaft entgegengegangen, hatte herzlich ihre Hand ergriffen, um dann, während ihre Augen einen freundlichen, gerührten Ausdruck annahmen, auszurufen: »O Gott, seien Sie herzlich willkommen, liebes Kind! Sie sehen bleich aus. Die lange Reise hat Sie angegriffen«, wobei sie Cäcilie gegen sich heranzog und sie auf den Mund küßte.

Helmut hatte dabei bemerkt, daß Mamas Augenwinkel gezuckt hatten: bei ihrem resoluten und temperamentvollen Wesen das sichere Anzeichen, daß sie herzlich gerührt war.

Alle waren für einen Augenblick – Cäcilie hatte feuchte Augen und atmete heftig – von diesem überraschenden Verhalten der Baronin tief gerührt. Nicht nur Helmuts, sondern auch die Mienen der Baronesse erhellte ein unwillkürliches Lächeln.

Zum zweitenmal war Cäcilie dieser unmittelbar herzliche Empfang geworden.

Doch im Laufe des nächsten Vormittags suchte die Baronin die Baronesse in deren Zimmer auf.

Sie traf sie in einer nachdenklichen Stimmung an, die sie jedoch, ganz von ihrer eigenen Angelegenheit in Anspruch genommen, nicht bemerkte.

»Ich komme,« sagte sie, nachdem sie ein kleines gleichgültiges Gespräch geführt hatte, unter einem kleinen Seufzer, »um mich vor dir ein wenig meiner Sorgen zu erleichtern, liebe Erika.«

»Aber sie ist doch wirklich so sehr angenehm«, antwortete die Baronesse, in halber Verlorenheit gegen das Fenster hingewandt, an dem sie saßen, als wolle sie ihre Miene verbergen. »Ich habe genau den gleichen Eindruck wie du von ihr, Tante Flore. Ich glaube auch sicher nicht, daß sie dich enttäuschen wird. – Ich kann Helmut durchaus verstehen. Sie ist ja so bezaubernd schön. Aber ich bin überzeugt, daß sie auch wertvollere Eigenschaften besitzt. Sie wird Helmut vollkommen glücklich machen. Ich glaube auch, daß du auf die Dauer mit ihr gut auskommen wirst. Sie ist ganz sicher nicht selbstsüchtig und unverträglich.«

Die Baronin hatte der Baronesse aufmerksam zugehört.

Gegen Ende ihrer Rede hin aber hatten sich ihre klugen, grauen Augen von einem wärmeren Gefühl belebt, und sie rief in ihrer temperamentvollen Weise:

»Ach, Erikachen! Du Seele, du Seele! – Ja, ja, ich will das alles ja herzlich gern selber glauben. Sie hat mich ja selbst gleich beim ersten Anblick so unmittelbar für sich eingenommen, und ich glaube nicht, daß mich ein im Grunde falsches Kätzchen hätte so hinreißen können ... Aber ... Liebes Gottchen, na ja!« Sie lachte mit Humor. »Aber ich kann mir nicht helfen: ich habe eigentlich niemals Sinn für solche romantischen Angelegenheiten gehabt.« Sie ließ einen kleinen, doch ernst gemeinten Seufzer hören. »Und diese Scheidungsklage, die da noch schwebt! Sie ist ja ganz sicher nicht der schuldige Teil: aber eine Scheidung ist und bleibt doch eine Scheidung. – Sie stammt übrigens aus gutbürgerlicher, aber total verarmter, wohl auch sonst etwas reduzierter Familie.

Aber das alles ist noch nicht mal das Eigentliche, was mir Sorge macht. Es mag ja Aberglaube sein, aber ich kann mir nicht vorstellen, daß ein Weib, das ihrem Mann mit einem anderen durchgegangen ist, in sich wirklich ruhig und glücklich ist. Es ist ja ein ganz unbestimmter, gar nicht recht greifbarer Eindruck, den ich da von ihr habe, der mich doch aber bis zu einem gewissen Grade beunruhigt. – Nun ja, ich bin mal so: mir floß das Herz über, wie ich sie sah, ich konnte mir nicht helfen, ich mußte sie küssen. Aber es ist so wunderlich: es war Mitleid, Rührung, aber es war vielleicht auch so eine Art von Schreck, was mich dazu trieb.«

»Wie seltsam!« sagte die Baronesse, noch immer ihren Gedanken hingegeben, die übrigens eigentlich nicht ganz bei dieser Sache waren.

»Nun? Du auch, Erikachen?! Hab' ich recht?« rief die Baronin lebhaft.

Die Baronesse schwieg.

»Schreck!« wiederholte die Baronin. »Es ist ja ein etwas zu starker Ausdruck ... Aber – du verstehst. – Ich weiß nicht, aber ich habe in solchen Dingen so meine Sensibilität. – Ach Gott, nein, nein, nein! So recht will und will es mir nicht gefallen! – Wie merkwürdig! Und doch bin ich ihr gut. Aber sicher: sie ist ein Problem. – Sie ist und bleibt ein Wesen für sich, ein Wesen aus einer anderen Welt als die unsere!«

»Ja, eine Ausnahmenatur ist sie wohl«, bestätigte die Baronesse. »Vielleicht in einem ganz besonderen Grade von Natur und Bestimmung Weib.«

»Ja, ja!« machte die Baronin halb zerstreut. Aber dann fügte sie lebhaft hinzu: »Nun, nun, Erikachen! Genies haben mich von jeher kritisch gestimmt. Ich habe den Schwarm junger und alter Weibchen für sie niemals mitmachen können. Und ich habe doch keine sicher orientierte Empfindung dafür, ob unser Helmut auf die Dauer mit solch einem ›Genie‹ wirklich glücklich fahren kann. – Ach mein Gott, nein, nein, nein! Und seine Laufbahn! Aber doch seine Laufbahn! Das ist nun alles so ganz kurzerhand abgebrochen! Oh, darüber kann man denn doch nicht so ganz ohne weiteres hinauskommen. – Bei seinen Anlagen! Vor allem aber, was mir geradezu ein Rätsel ist: bei seinem Ehrgeiz, Erikachen! Bedenke: bei seinem so ausgeprägt militärischen Ehrgeiz!«

Die Baronesse schwieg.

»Ja«, sagte sie endlich leise. »Wie merkwürdig das ist! Was muß sie für einen Eindruck auf ihn geübt haben! – Aber gerade das ist es, was mich beruhigt«, fuhr sie dann, sich aus ihrer Nachdenklichkeit aufraffend, fort. »Helmut ist nie und nimmer ein Mann, der sich bloß von einer Schönheit, von einem wirklich bloß problematischen Weib hinreißen läßt, hinreißen lassen kann, Tante Flore! Sein Wesen ist dazu zu gut, zu gesund, zu tüchtig! – Nein, er hat sicher das Glück gefunden. Und – warum sollte man für ein großes Glück denn nicht selbst auf eine glänzende Laufbahn verzichten, warum sollte nicht selbst ein stark ausgeprägter Ehrgeiz hinter ihm zurückgestellt werden können? Ein Ehrgeiz, der hier stärker wäre, würde vielleicht eher pathologisch sein. – Nein, das gefällt mir an Helmut, das begreif ich von ihm: er ist nicht Sklave seines Ehrgeizes; er ist mehr, besser, gesunder als bis zur kalten Dämonie wohl gar, ehrgeizig: er ist ein gesunder, warmfühlender Mann! – Und das alles gibt denn doch zugleich das Gewähr, daß sie mehr als ein bloß mit Leidenschaft und Leidenschaft beglückendes Weib ist: sie muß doch wohl eine gediegene Natur sein.

Die Baronesse hatte mehr und mehr mit einer leisen, etwas unruhigen Zerstreutheit gesprochen.

»Nun, gebe Gott, daß du recht hast, Erikachen! – Du Seele! Du gutes, kluges Mädchen!«

Die Baronin blickte vor sich nieder und ließ einen kleinen Seufzer hören. Sie dachte, welche Freude ihr Helmut gemacht haben würde, wenn er eines Tages so anstatt mit dieser Cäcilie mit Erika vor sie hingetreten wäre.

»Aber verzeih, Tante Flore!« Die Baronesse ließ ein munteres Lachen hören, das den bisherigen Gegenstand des Gespräches abbrach. »Wenn ich jetzt von mir sprechen muß. Auch ich hatte vor, dir heute eine Mitteilung zu machen. Ich habe übrigens schon die letzte Woche daran gedacht. Du hast ja Helmut jetzt auf die Dauer wieder hier. Da muß ich denn endlich wohl an meine Abreise denken. Es wären diese und jene nicht unwichtigen Angelegenheiten, die ja meine Anwesenheit zu Hause wieder vonnöten machen.«

»Wie denn? – Aber nein, nein, nein! O Gott, Erikachen! Du willst mich verlassen? – Oh, tu' es nicht! Tu' es – jetzt noch nicht!«

Die Baronin blickte in einer Art seltsamer Verwirrung und Ratlosigkeit hin und her.

»Nein, nein, mein Herzchen! – Erikachen: du darfst noch nicht fort! Ich bitte dich: tu' mir den besonderen Gefallen: bleib noch! Bleib' noch ein paar, eine Woche.«

Sie hatte sich erhoben und war zu der Baronesse hingeeilt, hatte sie umfaßt und sich zärtlich zu ihr niedergebeugt.

»Hörst du? Ich weiß selber nicht, warum ich dich noch nicht fortlassen kann.« – Sie seufzte. – »Aber bitte, bitte: noch zwei Wochen, eine Woche wenigstens.«

Die beiden Frauen blickten sich einige Zeit Auge in Auge an.

»Ja, Tante Flore, ich werde noch bleiben«, sagte die Baronesse endlich

*

Sie Baronin hatte gewußt, warum sie von einem ganz besonderen Gefallen gesprochen hatte, den ihr die Baronesse mit ihrem ferneren Verbleiben erweisen sollte. Doch gerade dieser Umstand und die sonstige Dringlichkeit der Bitte hatte die Baronesse bewogen, ihr nachzugeben.

Sie selbst fühlte sich von einer unbestimmten Sorge erfaßt.

Denn wenn es vor Jahren der Herzenswunsch der Baronin gewesen war, daß sie die Gattin Helmuts werden sollte, so war die Neigung der Baronesse diesem Wunsche, obgleich er in einer direkten Weise niemals zum Ausspruch gelangt war, durchaus entgegengekommen.

Sie liebte Helmut und hatte im Laufe der letzten fünf Jahre, obgleich es ausgeschlossen schien, daß er ihr je einen Antrag machte – er hatte überhaupt nicht an seine Verheiratung, sondern einzig an seine militärische Laufbahn gedacht –, zwei anderweitige Anträge abgewiesen, gedachte überhaupt ledig zu bleiben.

Das bedeutete aber einen Entschluß, der auf einen selten starken Charakter hinwies.

Denn die Lindbachs verfügten zwar über ein ansehnliches Vermögen, das aber, da die Familie eine kindergesegnete war, in die Teile ging. Die Baronesse wäre also wohl darauf angewiesen gewesen, eine gute Partie zu machen. Außerdem wurde ihr allgemein Wirtschaftlichkeit zugesprochen, so daß es ihr keineswegs an Bewerbern fehlte.

Ihre Lage war, wenn sie jetzt, mit Cäcilie unter einem Dach, noch ferner blieb, eine ziemlich peinliche.

Sie bedachte das wohl. Aber die Sorge, die sie selbst hegte und die ihr die Baronin noch verstärkt hatte, und ihre selbstlose Neigung zu Helmut überwanden ihre Bedenken.

Auch sie fühlte sich durch gewisse Züge von Cäciliens Wesen oder vielmehr durch Cäciliens Lage beunruhigt.

Sie war gerecht, verständig, selbstlos und zugleich mitfühlend genug, daß sie nicht ein unmittelbares Wohlgefallen an Cäcilie gefunden hätte, doch war Cäcilie auf alle Fälle eine Ausnahmenatur, und das bedeutete eine gewisse Problematik ihres Wesens, durch welche die Baronesse sich vielleicht bis zu einem gewissen Grade angezogen fühlte, da sie selbst ja, wenn auch in anderer Hinsicht als Cäcilie, die Eigenschaften eines ungewöhnlichen Charakters besaß, wobei aber eine gewisse Bangigkeit und Sprödigkeit Cäcilie gegenüber mit unterlief, eine Sprödigkeit, die in manchen Augenblicken wohl sogar bis zu einer innerlich zurückhaltenden Blödigkeit gehen konnte.

»Vielleicht hat Tante Flore übrigens doch nicht so ganz unrecht«, dachte sie. »Helmut ist ja eine so feinselige Natur. Und – er verehrt sie in dieser Weise, er beschäftigt sich beständig viel zu sehr mit ihr. Das ist unmöglich ein wirklich echtes Gleichgewicht zwischen ihnen, ist kein ganz gesundes Zusammenstimmen. Und wie sollte gerade sie gerade das nicht empfinden?«

Ausschlaggebend aber war, um die Sorge der Baronesse noch zu mehren, daß Cäcilie sich nicht in der rechten Weise an die Baronin und sie anschloß.

Obgleich die Baronin ihr entgegenkam; und obgleich die Baronin, wenn Cäcilie eine wirkliche Liebe zu Helmut auch auf seine Mutter übertragen hätte, bei der unbegrenzten Gutherzigkeit, die ihrem lebhaften Temperament eignete, ihre Sorgen sofort drangegeben und Cäcilie ein für allemal in ihr Herz geschlossen haben würde.

Es war durchaus nicht der Fall, daß die Baronin ihre Sorge Cäcilie mit irgendwelcher kühleren Zurückhaltung hätte durchblicken lassen oder anders als mit einer gewissen Ängstlichkeit, die die mitleidig sympathische Teilnahme färbte, die sie Cäcilie erwies, als diese sich in der ersten Zeit, wohl noch von der Reise und dem Aufenthalt im Süden, der ihr nicht gut bekommen war, leidend zeigte. In jedem Falle hatte die Baronin die beste Absicht, sich mit Cäcilie in ein gutes Einvernehmen zu setzen.

Doch Cäcilie blieb zurückhaltend.

Die Baronesse merkte sofort heraus, daß sie sich zwischen ihnen beiden und Helmut, der sich übrigens, wie es sich den jetzigen Umständen nach schon von selbst gebot, mit großer Freudigkeit den landwirtschaftlichen und sonstigen wirtschaftlichen Angelegenheiten hingegeben hatte, in der Schwebe fühlte.

Was aber konnte das anders bedeuten, als daß sie auch zu Helmut selbst nicht das richtige Verhältnis besaß? ...

Und sie täuschte sich in all diesen Beobachtungen tatsächlich nicht.

Es verhielt sich wirklich so: Cäcilie fühlte sich zwischen Helmut und den beiden Frauen in der Schwebe.

Eine Zuflucht zu Helmut und ein einseitiger Anschluß an ihn war ja ausgeschlossen. Diese Zuflucht war, ganz gewiß für Cäciliens Empfinden selbst, ausgeschlossen, wenn sie keinen Anschluß an ihre Schwiegermutter gewann. Zu allem kam natürlich rein äußerlich hinzu, daß sie mit dem überdies stark wirtschaftlich beschäftigten Helmut hier so ganz anders zu verkehren genötigt war, als sie bisher an der Riviera mit ihm gelebt hatte ...

Eins hatte die Baronin nun aber freilich nicht in Betracht gezogen und konnte sie wohl auch nicht in Betracht ziehen: daß nämlich dieser ganze Zustand Cäciliens vor allem durch das weitere Bleiben Erikas verursacht wurde.

Es war von Helmut eine Unüberlegtheit gewesen, oder es bedeutete einen mangelhaften Einblick in Cäciliens Wesen, daß er mit ihr davon gesprochen hatte, seine Mutter habe vor Jahren einmal daran gedacht, ihn mit Erika zu verheiraten.

Wäre die Baronesse nicht geblieben, so hätte Cäcilie, zumal ihr die Baronin ja entgegenkam, zweifellos den rechten Anschluß an die Baronin gefunden; so aber erhielt ihre Neigung zu Helmut einen höchst bedenklichen Bruch ...

Denn ihre Stellung im Hause öffnete ihr über eins die Augen: daß nämlich ihr Gefühl für Helmut sich von Anfang an im Grunde einer Täuschung hingegeben hatte; daß sie in all der Zeit seit ihrem Bruch mit Robert in einem Zustand gewesen war, der einer wirklichen Liebe zu Helmut gar keinen Raum gelassen hatte. Nämlich in dem Zustand eines Herausgerissenseins aus all ihren bisherigen Lebensverhältnissen, einer jähen, unruhigen, wirren, allerdings suchenden Schwebe. Wohl hatte sich ja ihre Neigung für Helmut nicht geirrt, aber es war mehr Verzweiflung, es war ihre suchende Angst gewesen, nicht Liebe, nicht jene Liebe, jene unbedingte Hingabe ihrer besten und eigentlichsten Natur, nach welcher ihre Triebe sich sehnten ...

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