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Ein freies Weib

Johannes Schlaf: Ein freies Weib - Kapitel 7
Quellenangabe
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typefiction
authorJohannes Schlaf
titleEin freies Weib
publisherErnst Keils Nachfolger (August Scherl) G.m.b.H.
printrunFünftes bis neuntes Tausend
year1922
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Für alles hatte sie ein unermüdliches Interesse. Für den Wechsel von Ebbe und Flut; für Quallen, Seesterne, Muscheln, Fische, den Fischfang, für Stürme und Botschaften von Unglücksfällen auf See – von denen während des Aufenthaltes sich ein paar ereigneten –, für Regatten, die verschiedenen Arten der Fahrzeuge, für die Tatsache, daß diese Halligen hier alle ein dem Untergang durch das Meer geweihter Boden sind; und mochte Gott wissen – Robert machte sich darüber weiter keine Gedanken – was ihr dies alles innerlich bedeutete und was für Vorstellungen und Willenstriebe es ihr anregte ...

Besonders nahm sie auch Anteil an der Bevölkerung und ihrer rauhen, einfachen Lebensweise.

Diese ruhigen blonden Friesen mit ihren braunverwitterten, lichtäugigen Seemannsgesichtern schienen einen förmlichen Bann auf sie auszuüben.

Es machte einen tiefen Eindruck auf sie, daß sie hier dem Meer gegenüber beständig auf einem verlorenen Posten aushalten müssen und daß in gewisser Hinsicht jede ihrer Handleistungen ein stilles, schlichttragisches Heldenwerk ist.

Sie war eine andere, Stillere, Nachdenklichere, wenn sie sich gelegentlich Robert gegenüber über die Halligenbevölkerung aussprach. Und sie pflegte ihn in der Regel damit zu verwirren, wenn er auch in seiner etwas hausbacken und altklug theoretisierenden und dialektisierenden Weise auf ihre Gedankengänge zuweilen einging.

Aber es hatte für ihn etwas Dunkles, Problematisches, wenn sie auf diesen Gegenstand kam, zumal sie hier oft Gedanken äußerte, die ihn durch eine Reife und Tiefe erstaunten, die mit der gewöhnlichen Schlichtheit ihrer Äußerungen nichts mehr gemein zu haben schien ...

»Wie still sie sind!« pflegte sie manchmal zu sagen. »So ruhig und sicher in ihren Bewegungen. Und wie wenig sie sprechen!«

Es konnte aber zuweilen vorkommen, daß ihr jetzt mit einemmal auffiel, wie sehr gesprächig Robert in letzter Zeit, ganz besonders, seit sie hier weilten, sich zeigte, während er doch in der ersten Zeit viel weniger und eigentlich auch verständiger gesprochen hatte. Doch jetzt schien er ihr manchmal geradezu redselig. Zumal, wenn er viel mit dem Badeverkehr zusammengekommen war, den sie pflegten.

»Wer nicht weiß, wie sie sind, könnte sich vielleicht vor ihnen fürchten«, sagte sie wohl auch und wurde dann ernst.

»Ach, nanu! Wieso?«

Robert lachte belustigt.

Aber sie errötete. Ein Erröten, das vielleicht eine flüchtige kleine Ungeduld und Mißbilligung einschloß.

»Ja, ja, ich weiß ja! Ich verstehe sie ja ganz und gar, ganz und gar!« fuhr sie eifrig fort. »Ich weiß, daß sie brav und ehrlich und bieder und daß sie sehr gut sind. Aber – ich weiß selber nicht. Ich muß manchmal denken, wie sie wohl sein mögen, wenn sie bös werden. Das müßte etwas Furchtbares, Erschreckliches sein. – Sie haben sich ja doch in früheren Jahrhunderten auch so tapfer gegen die dänischen Könige gewehrt und sich ihre Selbständigkeit erkämpft. – Sie gefallen mir so gut. Sie sind mir so angenehm. Förmlich wohltuend sind sie einem. Ich könnte immer hier am Meer, auf der Hallige, mit ihnen leben. Und dann würde ich sicher genau so wie sie. Ganz sicher!«

Dann gab es Boot- und Dampferfahrten, die sie unternahmen. Es gab auch eine Regatta, die sie auf die Einladung eines Bremer Konsuls hin, der zu dem Haus Voges in geschäftlicher Beziehung stand, mitmachten.

Auch die Sommergäste fesselten Cäcilie.

Von allen möglichen Gegenden Deutschlands, auch vom Ausland her, waren sie hier in dem beliebten und angesehenen Seebad zusammengekommen.

Auch bekannte und berühmte Persönlichkeiten waren unter ihnen.

Weniger aber machte sie sich etwas aus diesem Verkehr, weil sie, zu Roberts Genugtuung, bald ihrer ungewöhnlichen Schönheit wegen aufgefallen war und weil ihr in dem Kreise, dem sie sich angeschlossen hatten, der Hof gemacht wurde, obgleich sie davon wohl zuweilen ein gewisses Vergnügen erfuhr. Aber das Stück Weltverkehr, den diese Welt für sie bedeutete, führte ihre Gedanken und Triebe in einer so noch nie geahnten Weise in die Weite ...

Doch die wichtigste Frage dieses ganzen Seebad-Aufenthaltes wurde eine ganz gewisse Veränderung in Cäciliens Verhältnis zu Robert.

Zum erstenmal, seit sie ihn kannte, ihn, der für sie nächst ihrem verstorbenen Vater der einzige Mann war, den sie für einen solchen ansah, geschah es, daß sie Gelegenheit bekommen hatte. Robert zu vergleichen. Und um so mehr, als er sich selbst, seit sie hier weilten, in einer auffallenden Weise geändert hatte.

Es waren aber wahrhaftig nicht die Sommergäste, an welche sich für Cäcilie dieser Vergleich anknüpfte: es war die besondere Beziehung, in die weniger ihr bewußtes Urteilen und Überlegen, als vielmehr ihr unwillkürlicheres Empfinden, Robert zu der Sonderwelt setzte, die ihr setzt aus ihren früheren Träumen hervor zur Wirklichkeit geworden war.

Es war auch von Wichtigkeit, daß sie jetzt gewisse seiner Charakterzüge kennenlernte, die ihr bisher verborgen geblieben waren, weil sie keine Gelegenheit gehabt hatten, sich zu äußern.

Es handelte sich zwar nur um Kleinigkeiten; aber nichts ist ja oft in seiner Nachwirkung folgenschwerer als derartige Kleinigkeiten.

Es war ihr schon aufgefallen, daß er so gesprächig geworden war.

Am meisten wohl durch den Gegensatz, in dem er damit zu den ruhigen, schweigsamen Halligbewohnern stand.

Doch war das noch nicht mal das eigentliche, um was es sich handelte.

Wenigstens nichts, wodurch sie in einer besonders starken Weise berührt wurde.

Sie begriff, daß das der Seebadverkehr mit sich brachte. Sie selbst war ja fröhlicher und lebhafte geworden.

Aber sie entdeckte zum erstenmal, wie sehr seine Stimmung von äußeren alltäglichen Bequemlichkeiten abhängig war.

Alle Augenblicke hatte er etwas zu mäkeln.

Am Essen, an der Hotelordnung, an der Gesellschaft, an einer Partie, der man sich angeschlossen und die nicht ganz nach seinen Wünschen verlaufen war.

Er konnte dabei geradezu nervös werden, wenn er seine Mißstimmung meist auch unter einem krittelnden Humor verbarg.

Es brachte sich mit alledem eine verwöhnte Weichlichkeit seines Wesens zum Ausdruck, die Cäcilie betroffen machte.

Ihr nächstes Gefühl dagegen war allerdings vorwiegend die Unruhe, daß sie ihm hier solche Unbequemlichkeiten nicht, wie zu Hause, selber fernhalten konnte; trotzdem aber blieb ein Befremden mit im Spiel ...

Außerdem kam aber die Wahrnehmung hinzu, daß er nicht nur gegen all die Eindrücke, die sie hier empfing und die ihrem Innenleben so sehr viel bedeuteten, blasiert war, sondern daß er überhaupt keinen Sinn für Natureindrücke besaß, und daß das einzige Vergnügen, das er aus dem Aufenthalt zog, ihm der gesellige Anschluß gewährte, den sie pflegten, und der Eindruck, den sie selbst auf diesen Anschluß machte.

Doch auch die ernsteren Gespräche gleichgültigeren Inhaltes, die sie miteinander führten – es mochte übrigens sogar sein, daß er mit ihnen versuchte, sie noch zu »erziehen« –, etwa gelegentlich eines Spazierganges zu zweien am einsameren Gestade oder in der Landschaft, befremdeten Cäcilie.

Es war die theoretische dialektisierende Art, wie er sie von seinem Jugendbund her gewohnt war, die in diesem Fall einen Stich ins selbstbewußt belehrend Schulmeisterliche bekam.

Doch das hätte noch angehen mögen, da sie sich durch solche Gespräche wirklich über allerlei unterrichtet fühlte, was ihr noch unbekannt war, das sie anzog und ihr wohl auch von Nutzen sein konnte.

Was ihr aber gerade in ihrer augenblicklichen Stimmung im Innersten widerstrebte, das war die kalt verstandesmäßige Art, wie er diese Gespräche führte; vor allem aber war es die skeptische und pessimistische, wenn nicht geradezu nörgelnde Weltanschauung, die er verriet.

Sie hatte sich, seit sich die Bestrebungen des Jugendbundes als Illusionen erwiesen, nur noch mehr bestärkt gefühlt. Wenn sie wenigstens so etwas wie einen ernstlicheren Konflikt, eine Art persönlichen Leidens bedeutet hätte! Als ein Anzeichen wertvoller Mannheit hätte sie das auf der Stelle durchgefühlt, und es hätte sie Robert näher gebracht. Aber so war es nicht mehr als eine dialektische Formel, die leider nur zu sehr seiner eigentlichen Naturanlage entsprach ...

Nichts aber konnte einer solchen Weltanschauung entgegengesetzter sein als Cäciliens tätig praktisches Wesen, ihr gesunder unmittelbarer Blick für das Wirkliche, ihr gänzlicher Mangel an jeder gegen die Welt, die Menschen, oder gar gegen sich selbst gerichteten Grübelei, ihr triebkräftiges und triebsicheres Gefühlsleben, ihre naive Lebensfreude, die sich durch nichts enttäuschen ließ, ihre Liebe zu Robert und das, was sie für ihr Teil bis jetzt mit ihm gelebt hatte ...

Sie war außerstande, auf diese Gespräche, sobald sie ihre gewisse Wendung genommen hatten, einzugehen. Sie wurde nur still und in einer unbestimmten Weise innerlich unruhig.

Dann aber fühlte Robert sich wohl gar als der »überlegene Mann«, und sie war ihm in ihrer »rührenden, naiven Hilflosigkeit« das »liebe, reizende Frauchen«. Ein Standpunkt, der sich ihm durch Cäciliens naive, fröhliche Aufgeschlossenheit während dieser Zeit erst recht zu rechtfertigen schien ...

Doch das direkt Schlimme war, daß diese Auffassung von ihrem Wesen gleichbedeutend damit wurde, daß in Robert ihr gegenüber wieder der Lebemann erwachte! ...

Zwar wandte er nicht einen Augenblick seine Neigung von ihr ab anderen Weibern zu – glaubte er doch jetzt erst seine ganze Liebe zu ihr zum wahren Durchbruch gelangt –, aber der Ehemann ließ jetzt den Lebemann aufkommen, und es änderten sich seine ehelichen Beziehungen zu ihr ...

Die Gattin wurde – ungeachtet übrigens, daß sie ja eigentlich schon guter Hoffnung war – ihm jetzt zum erstenmal seit ihrer Verheiratung zur Geliebten, nein – zur Kurtisane; was leider seiner Auffassung von »Kultur« oder gar »höherer differenzierter Kultur« nur zu sehr entsprach ...

Die Aufmerksamkeiten und Zärtlichkeiten, die er ihr jetzt erwies, änderten in diesem Sinne ihren Charakter. Er fing an mit ihr zu tändeln.

Zuerst noch mit einer gewissen Unsicherheit. Denn sie zeigte sich sofort beirrt.

Aber das nötigte ihn, sich »theoretisch« zu rechtfertigen. Es kam diesen theoretischen Rechtfertigungen zugute, daß er dabei einen gewissen ernsten und verständigen Ton hatte, hinter dessen Hausbackenheit sie noch nicht gekommen war, und ferner, daß die wirkliche Neigung, die er, wenn eben auch auf seine Weise, für sie nach wie vor empfand, einen gewissen Unterton gab, der auf sie Eindruck machte, ihre Unruhe verwischte und sie ihrer selbst unsicher machte.

Als er aber erst so weit mit ihr war, entwickelte seine ihm selbst unbewußt jetzt trübere Leidenschaft erst recht ihre Kasuistik, und das führte endgültig zu einer sehr bedenklichen Umgestaltung ihrer ehelichen Vertraulichkeiten ...

Cäcilie, die ja mit Robert ihre erste Liebeserfahrung gemacht hatte und vollständig naiv in die Ehe eingetreten war, empfand zwar im Grunde den Unterschied ihres jetzigen ehelichen Verkehrs mit Robert gegen ihren anfänglichen nach wie vor mit einer sehr feinen Fühlsamkeit: da sie indessen in einer bewußteren Weise, zumal Roberts »Belehrungen« in einem so ernsten, verständigen, zutrauenerweckenden Ton gehalten waren, die Regungen dieser Fühlsamkeit nicht zu werten wußte, und da sie Robert noch immer zugetan war und ihm vollständig vertraute, so ließ sie ihn gewähren. Und nicht nur das: sondern sie erwiderte auch. Womit sie dann freilich wieder ihn jetzt im höchsten Grade »beglückte« ...

Aber es war nicht mehr die alte Liebe. Die hatte jetzt angefangen, ohne daß sie noch etwas davon ahnte, den Todesstoß zu bekommen. Jedenfalls: Sie für ihr Teil war nichts weniger als »glücklich« bei diesem ehelichen Verkehr: sie war nur unruhig, wie ja im Grunde jede Kurtisane, und gerade die bezauberndste, nur unruhig ist. –

Und diese Unruhe fing an, den Verlauf und die Entwicklung zu nehmen, die sie ihrer innersten Natur nach nehmen mußte ...

Und in einem solchen Zustand und Verhältnis zueinander kehrten sie dann aus dieser Sommerfrische nach Hause zurück ...

*

Als sie den Bahnhof verließen, gewahrten sie das Automobil des alten Herrn, das auf sie wartete.

Cäcilie fühlte sich sofort sehr angenehm überrascht. Es berührte sie wie ein gutmütig jovialer Gruß und als eine besondere Aufmerksamkeit, die der alte Herr ihr erwies.

»Ach, das Automobil!« rief sie. »Wie nett von Papa!«

Doch als sie in das geräumige, elegante Fahrzeug eingestiegen waren, zeigte sie sich schweigsam und nachdenklich.

Sie glitten durch die Stadt, über den Strom zur Villenvorstadt hinaus und gelangten zu Hause an.

Gegen Ende der Fahrt war Cäcilie immer schweigsamer und innerlich unruhiger geworden ...

Sie fanden den Eingang mit einer Blumengirlande und einem Willkommengruß geschmückt.

Zu Hause! – Sie war nun doch in eine weiche, herzklopfende Stimmung geraten.

Sie war den Tränen nah.

Doch empfand sie eine wunderliche Unmöglichkeit, sich mit dieser Stimmung, die sie mit einer so plötzlichen Erinnerung an die Erlebnisse der ersten Monate ihrer Ehe übermannte, Robert mitzuteilen.

Sie fühlte plötzlich mit einer seltsamen Deutlichkeit, daß das der Art, wie sie jetzt mit Robert verkehrte, gänzlich entgegen war, daß sie ihm mit einer solchen Gefühlsmitteilung jetzt unverständlich sein würde. Er erwartete ja sicher, daß sie »Freude« zeigte; eine »Freude«, die ihr, ach! in diesem Augenblick so ganz unmöglich war ...

Zu Hause! – Und doch erschrak sie fast über die freundliche, bunte Blumengirlande da. Sie verursachte ihr nur eine wunderliche Bangigkeit ...

Sie reichte Robert, nachdem er ausgestiegen war, ohne ihn anzublicken, leicht die behandschuhte Hand, stieg aus und huschte dann gesenkten Blickes mit kleinen eiligen Schritten durch den Vorgarten in den Hausflur herein.

Hier empfing sie und Robert, als er nachgekommen war, der Willkommengruß der Dienerschaft, den sie freundlich, aber kurz erwiderte, es Robert überlassend, mit einem gewissen gemütlich-patriarchalischen Ausdruck ein weiteres zu tun – es hing das weniger mit seinem Charakter als mit seinen Jugendbundprinzipien zusammen –, während sie, so wie sie war, noch den Staubmantel über, eilig durch den Flur hinter in ihr Zimmer huschte ...

Hier fand Robert sie dann, wie sie, ihren Gedanken hingegeben, am Fenster stand und in den Garten hinausblickte, der in seinem schönsten Rosenflor prangte und aus dessen Hintergrund der Strom herüberfunkelte ...

Als er zu ihr hintrat, fuhr sie mit einem Schreck gegen ihn herum.

Ihre Augen waren feucht.

Sie hatte geweint.

Er stellte sich, ohne zuerst etwas sagen zu können, in einiger Betroffenheit neben sie und blickte gleichfalls zu den Rosen hinüber.

Ihre Tränen schob er auf den Zustand ihrer Mutterschaft und auf die Reizbarkeit, die er ihr zuweilen verursachen mochte.

»Es ist eine eigene Stimmung, nicht wahr?« sagte er endlich. »Wieder zu Hause! Ich empfinde das ganz gewiß auch. Jeder Fleck so warm von Erinnerungen, die mittlerweile gewartet haben und einen nun willkommen heißen.«

»Hier hast du – über Champagnerkelche gesprochen«, stieß Cäcilie, als er ausgeredet und ein kleines Schweigen geherrscht hatte, plötzlich hervor. Sie hatte hastig und schnell, ohne eine eigentliche Nuance gesprochen und Robert dabei nicht angesehen, sondern unverwandt zu den Rosen hinübergestarrt.

Sie hatte selbst nicht gewußt, wie sie gerade zu dieser Äußerung gekommen war. Sie hatte bloß das Bestreben gehabt, seine Aufmerksamkeit von dem Umstand, daß sie und aus welchem Grunde sie geweint hatte, abzulenken.

»Wie denn?! Über – Champagnerkelche?«

Er lachte. Jenes Gespräch war gänzlich seinem Gedächtnis entfallen.

Doch sie antwortete nicht.

»Aber das ist nun vergangen«, fuhr er fort, ihrem Schweigen und ihren Worten vorhin keine weitere Wichtigkeit beimessend. »Es war sicher die schönste Zeit, die wir miteinander gelebt haben ...«

Er bemerkte nicht, wie sie in diesem Augenblick wie unter einem jähen, nervösen Schreck zusammenzuckte ...

»... Eine Zeit unserer Ehe, die ja nie wiederkehren kann. Aber das liegt in der Natur der Dinge. Alles hat eben seine Zeit«, redete er in seiner hausbackenen Weise weiter. »Es ist auf der anderen Seite auch wieder, wie das gleichfalls nicht anders sein konnte, eine Zeit gegenseitigen Suchens, Sich-erst-Ertastens gewesen ... Wie?«

Es war gewesen, als hätte Cäcilie in diesem Augenblick etwas sagen wollen. Aber als sie schwieg und seine hierauf bezügliche Frage nicht weiter beachtete, fuhr er fort:

»Und das ist ja wohl, freilich eine besonders tiefe und reizvolle, Schattenseite dieser ersten Monate einer Ehe. Du warst noch nicht ganz du zu mir, konntest es noch nicht sein, vielleicht weniger als du's zur Zeit unseres Brautstandes warst, und ich war wohl auch noch nicht ganz ich selbst zu dir. Das war, so wie es war, nur ganz natürlich. Aber die Zeit, der wir jetzt inmitten der Spuren all unserer ersten Erinnerungen entgegengehen, in die wir jetzt schon eingetreten sind, ist, denk ich, auch was wert, Cecil, und sie wird ganz gewiß sogar eine noch bessere sein. Denn jetzt erst haben wir uns ja ganz gefunden, ganz zueinander hingefunden.«

Plötzlich schrak er zusammen und wandte ihr betroffen seine Aufmerksamkeit zu.

Sie hatte einen seltsamen dumpfen Ton, etwas wie einen wunderlich abgebrochenen, unartikulierten Schrei ausgestoßen. Sie sah überaus bleich aus. Ihre Augen waren weit und starr geöffnet und dunkelten in einem tiefen Blau. Es schien ihm, als überlaufe ihre Schultern ein Zittern.

»Cecil! Ist dir was?« fragte er mit einem Ton aufrichtiger Besorgnis.

Sie blickte ihn, wie noch in irgendwelchen Gedanken abwesend, mit einem Blick an, der Verwunderung auszudrücken schien. Wohl in Nachwirkung der Anteilnahme und Besorgnis, die seine Frage zum Ausdruck gebracht hatte, hob sich ihre Brust jetzt von heftigeren Atemzügen.

Es war für einen Augenblick, als wollte sie, während sie ihn noch immer anblickte, etwas sagen, doch schwieg sie und sagte nur mit einem ungewissen Lächeln:

»Weiter nichts.–Ich glaube, ich bin von der Reise etwas angegriffen.«

Sie strich mit der Hand, die leise bebte, über die Stirn.

»Nein, es wird weiter nichts zu sagen haben«, beruhigte er sie und sich selbst, indem er, noch immer halb erschrocken, sanft den Arm um sie legte. »Es hängt sicher nur mit deinem Zustand zusammen. Jedenfalls mußt du dir jetzt recht viel Ruhe gönnen, Herzchen! Darfst dich unbedingt auch nicht mehr soviel wie früher mit der Wirtschaft beschäftigen. Du hast übrigens, wie ich gemerkt habe, unsere Rosalie mit deiner Kochkunst sowieso eifersüchtig gemacht.«

Er lachte.

»Die Wirtschaft? – Ach so! – Ja, ja!«

Auch sie ließ ein etwas wunderliches, halbes Lachen hören –

»Na! – Aber – wir haben geredet und geredet und uns darüber ja noch nicht mal einen Wiederdaheimkuß gegeben, Gattin!« scherzte er, vielleicht durch den Umstand, daß er den Arm noch immer nicht von ihr entfernt hatte, an diese Unterlassung erinnert.

Er zog sie zu sich heran und gab ihr einen Kuß, den sie aber kaum erwiderte. Plötzlich entwand sie sich, sonderbarerweise lachend, seiner Umarmung und rief:

»Ich habe ja noch nicht mal meinen Mantel abgelegt!«

Einen Augenblick lachte sie ihn mit wunderlichen, wie übermütig blitzenden Augen, ein paar Schritte schon von ihm fort, an, dann huschte sie auf die Tür zu.

Doch blieb sie, schon die Hand auf der Klinke, mit einemmal wieder stehen und sah, gegen ihn herumgewandt, der noch am Fenster stand, mit diesen großen, blitzenden, tiefveilchendunklen Augen noch einmal zu ihm hinüber.

Einige Sekunden sah sie ihn so, den Mund von einem seltsamen Lächeln geöffnet, an, dann kam sie mit einemmal auf ihn zugeeilt, flog ihm um den Hals und gab ihm einen leidenschaftlich lange haftenden, zehrenden Kuß ...

Bis ins Innerste erfreut über diesen plötzlichen Ausbruch von »Liebe«, drückte Robert sie an die Brust, überschüttete sie mit Kosenamen und bedeckte ihr Gesicht mit stürmischen Küssen.

Sie nahm diese Kosenamen und diese Küsse, so an seine Brust gepreßt, mit einem Zittern hin, das ihren ganzen Körper fein erschütterte; einem seltsamen stummen Zittern, unter dem sie sehr bleich war und ihre Augen tief, dunkel, starr, irgendwohin ins Leere blickten ...

Schließlich aber riß sie sich mit einem fast kichernden Lachen los, nicht ohne eine plötzliche, besondere Gewaltsamkeit, und eilte jetzt wirklich hinaus, um sich ihres Mantels zu entledigen ...

... Am nächsten Tag gegen Mittag begaben sie sich in die Stadt, um die Eltern zu besuchen.

Sie hatte sich zu diesem Besuch besonders schmuck gemacht und gefiel Robert in dem eleganten, höchst reizenden Sommerkostüm ganz ausnehmend.

Er fand, daß es sie, abgesehen, daß sie diese und jene besonders koketten Künste in Anwendung gebracht hatte, was sie früher nie getan, in irgendeiner nicht recht bestimmbaren Weise anders kleide, als sie sich sonst in ihrer Kleidung ausnahm. Sie hatte da jetzt auch in ihren Bewegungen und in ihrer Haltung eine gewisse »kultivierte Nervosität«, eine Leichtigkeit und Geschmeidigkeit, die ihm um so »wertvoller« und bezaubernder erschien, als sie so ganz »Unwillkürlichkeit«, »Physis«, »Genie«, »Rasse«, »Natur«, Natur, so ganz Natur bei ihr bedeutete. – Ja, man brauchte diese »Natur« da in einer gesellschaftlichen Umgebung nur rein sich selbst zu überlassen, dachte er, und sie sticht ohne weiteres jede »Kultur« und »Tradition« aus ...

»Du scheinst es darauf abgesehen zu haben, mich noch ganz und gar auf Papa eifersüchtig zu machen«, neckte er.

»Oh, du darfst schon« – ihr Blick war mit wie ärgerlich gekniffenen Augen auf ihre Finger gerichtet, die noch den halbarmlangen Handschuh vollends zuknöpften – »wirklich so ein ganz klein bißchen auf Papa eifersüchtig sein. – Ganz im Ernst! – Ich fühle mich nicht anders als Papas Tochter. Ich habe Papa sehr lieb. – Er muß, als er noch jung war, wie der junge Bismarck gewesen sein.«

»Hahaha! – Ach, dafür muß ich dich küssen!«

Er umfaßte sie und raubte ihr, während sie jetzt errötete – denn sie wußte selbst nicht, wie ihre letzten Worte aus ihr herausgekommen waren, und sie kamen ihr plötzlich nachträglich dumm vor –, einen Kuß, nach dem sie sich aber gegen einen weiteren sträubte und sich Robert entwand.

»Ach pfui, du bringst mich ja in Unordnung!« schalt sie, noch immer rot und mit Ungeduld, fast direkt bös.

»Pfui! – Wie merkwürdig! Es ist das allererstemal, daß sie so ein Wort gebraucht!« dachte Robert, während er ihr, im übrigen aber lachend und in bester Stimmung, folgte ...

Als sie in der Stadt im Hause Voges anlangten, kam Cäcilie auf den Einfall, Papa, was sie eigentlich bisher noch nie getan hatte, in seinem zu ebener Erde gelegenen Privatkontor aufzusuchen und ihn dort im Vorbei zu begrüßen, und sie dirigierte Robert dorthin.

Sie fanden Papa auch wirklich im Privatkontor vor.

Er hatte schon früh in der Saison mit Mama eine Sommerreise gemacht, die aber nur von kurzer Dauer gewesen war, weil dringende geschäftliche Angelegenheiten seine baldige Rückkehr erfordert hatten. Man befand sich in den Aufregungen einer großen Baisse, und Papa war infolgedessen in dem Augenblick, als Cäcilie und Robert ihn aufsuchten, in nervöser Stimmung.

»Wir stören Sie doch nicht, Papa?« fragte Cäcilie, als sie eingetreten waren, unter einem reizenden Erröten. Sie hatte es fast als ein unbedingtes Bedürfnis empfunden, den alten Herrn für einen Augenblick zu sehen und seine muntere, joviale Baßstimme zu hören, die ihr stets unwillkürlich wohltat. »Wir hätten Sie vielleicht nicht gesehen und hätten Ihnen doch gleich gern guten Tag gesagt.«

Aber das Gesicht des alten Herrn hatte sich bei ihrem Anblick sofort aufgeheitert.

»Ah, da haben wir ja unsere Sommerfrischler wieder!« rief er mit munter geräuschvollem Lachen, einen freudigen kleinen Blitz in den Augen, von seinem Schreibtischsessel aus zu Cäcilie emporblickend, die zu ihm herangetreten war und jetzt, mit rosigem Gesicht unter dem großen, lichten, breitkrempigen Sommerhut lachenden Auges zu ihm niederblickend, dicht bei ihm stand. »Is recht!« fuhr er fort, mit seiner großen, warmen, kräftigen Hand einen Augenblick Cäciliens Arm dicht beim Ellenbogen haltend und sie dann mit leichter Liebkosung herabstreichen lassend. »Ich habe den Kopf mit Geschäften voll. Da kann man einen guten Gruß gebrauchen. – Tag, Rob! Nun?« Er reichte Robert beineben die Hand. »Hahaha! Und du fühlst dich wohl, Döchting?«

»Sehr, Papa!« antwortete sie lachend.

»Is recht! Is recht! – Übrigens, ja,« setzte er hinzu, sie mit einem prüfenden Blick musternd, »wir haben dich eigentlich noch nie in so munterer Stimmung gesehen. – Bleib so dabei!«

Er tätschelte ihren Arm.

»Ihr bleibt doch zum Essen da?«

»Nein, eben nicht. Wie schade, daß es nicht geht!« bedauerte Cäcilie aufrichtig. »Ich habe Nachmittag noch zu tun.«

Sie hatte in Absicht, Nachmittag zur Vorstadt hinaus zu Mama und Fanny zu fahren, denen sie vom Seebad aus nur erst ein paar flüchtige Ansichtspostkarten hatte schicken können.

»Na, wirklich schade! Auf Sonntag denn? Ist ja nicht lang mehr hin.«

»Ja, auf Sonntag!« bestätigte Cäcilie lachend.

... »Papa scheint etwas angestrengt!« äußerte sie, als sie wieder draußen waren und die Wendeltreppe zur Wohnung hinaufstiegen, zu Robert.

»Ja, die Baisse steht jetzt gerade in einem kritischen Übergang«, antwortete er.

»Oh, Papa kann nichts geschehen! Er wird sein Schäfchen schon im trockenen halten«, sagte sie mit einem naiv altklugen, aber sympathischen Ausdruck vollster Überzeugung.

»Pythia!« lachte Robert, von der Äußerung entzückt und zugleich tatsächlich ein wenig abergläubisch beruhigt.

»Ach, was ist Pythia?« erkundigte sie sich.

»Eine Wahrsagerin des Altertums, eine Priesterin des Griechengottes Apollo, des Gottes der Wahrsagekunst, also ein ahnungsvolles Gemüt. Wir werden sie, denk' ich, eines Tages noch mal in Rom sehen, wo sie auf den Plafond der Sixtinischen Kapelle gemalt ist. Sie hat da zufällig genau solche Augen, wie du jetzt machst, Schatz!« gab er lachend Bescheid.

»Ach so«, antwortete sie ohne weiteren Anteil.

Sie waren absichtlich zu etwas früherer Stunde gekommen, um Mama noch ein paar Minuten für sich allein zu haben, bevor anderer Besuch hinzukäme, und so trafen sie denn Frau Voges auch wirklich allein an.

»Ah, du siehst sehr gut aus!« sagte sie, nachdem sie mit Cäcilie eine kleine Umarmung getauscht und sie flüchtig auf die Stirn geküßt hatte. »Wie mich das freut! – Robert!«

Sie ließ sich von Robert küssen und drückte ihm die Hand.

»Und wie geht es mit deinem Zustand?« erkundigte sie sich dann bei Cäcilie.

»Sehr gut.«

Man nahm Platz.

»Jedenfalls mußt du dich aber schonen. Ich werde selber jetzt öfters zu euch hinauskommen, um nach dem Rechten zu sehen. Hat euch das Seebad gut gefallen?«

»Oh, mir!« antwortete Cäcilie. »Es ist ja das erstemal, daß ich das Meer gesehen habe.«

Frau Voges überging diese Antwort und wandte sich zu Robert hin.

»Habt ihr angenehmen Verkehr gehabt?« fragte sie.

»O ja! – Im ganzen. – Übrigens haben wir einen Geschäftsfreund getroffen; Konsul Wiek aus Bremen. Er war mit Familie da, und wir haben recht angenehmen Anschluß an Wieks gehabt«, gab Robert Bescheid, doch in einer Weise, die verriet, er fühlte sich viel zu behaglich, um zu besonderem Sprechen aufgelegt zu sein.

Cäcilie griff ein.

»Wir haben eine Regatta mitgemacht«, erzählte sie. »Auf Konsul Wieks Jacht. Er hat uns auf der Jacht ein Champagnerfrühstück gegeben.«

»Aber ist dir die Regatta nicht zu anstrengend gewesen?« fragte Frau Voges.

»Ach, gar nicht! Im Gegenteil: sie ist mir ganz ausgezeichnet bekommen. Es war überhaupt herrlich, herrlich! Nicht, Robert?«

»Ja, das war's. – Die Regatta, nicht wahr?« bestätigte Robert, der, in seinem Sessel liegend, sich dem Behagen dieser Plauderei hingab.

Es entwickelte sich zwischen Frau Voges und Cäcilie eine Unterhaltung über weitere Einzelheiten des Verkehrs mit den Wieks und des sonstigen Sommeraufenthaltes.

»Findest du nicht auch, daß Cäcilie sich seit der Sommerfrische sehr verändert hat?« wandte sich Frau Voges plötzlich zu Robert.

»Nicht wahr? Auch Papa ist es sofort aufgefallen!« lachte er.

Er merkte nicht, daß Cäcilie nach diesen Worten mit einemmal still wurde. Tatsächlich war sie innerlich unruhig bis zur äußersten Nervosität, und sie empfand nicht nur ein sonderbares Gefühl von Fremdheit ihrer Schwiegermutter gegenüber, sondern Robert war ihr in diesem Augenblick, wie er da mit behaglich gekniffenen Augen, die Hände über dem Magen gefaltet, in seinem Sessel lag und diese Worte gesprochen hatte, direkt unsympathisch ...

»Wie denn? Habt ihr denn schon Papa gesehen?« fragte Frau Voges mit einem deutlichen kleinen Befremden.

»Wir haben ihm unten im Vorbei im Privatkontor guten Tag gesagt«, antwortete Cäcilie leise.

»Ach so! – Hoffentlich habt ihr nicht gestört. Er hat ja jetzt so angestrengt zu arbeiten.«

»Wir hatten das Bedürfnis, Papa zu begrüßen, und mußten annehmen, daß wir ihn nicht so bald zu sehen bekommen würden«, entgegnete Cäcilie.

Sobald sie diese Worte gesprochen hatte, kam ihr zum Bewußtsein, daß sie nicht ohne eine gewisse Gereiztheit gewesen waren, und sie erschrak, weniger, weil sie fürchtete, Mama mit ihnen verletzt zu haben, als weil sie erkannte, in was für einer Art von Stimmung sie selbst sich befand.

Sie erschrak bis zu einem solchen Grade, daß sie sich plötzlich erhob; und um diese brüske Bewegung zu verbergen, vor sich selbst zu verbergen, sagte sie, daß sie aufbrechen müßten, da sie noch wichtige Besorgungen zu erledigen hätten.

»Aber wie denn? Weshalb hast du denn solche Eile, Cecil?« fragte Robert erstaunt, ohne seine Haltung da im Sessel zu verändern.

»Nein ... Ich dachte nur ...« Sie ließ sich langsam wieder nieder.

Frau Voges hatte nicht ein Wort gesagt: sie hatte sie nur die ganze Zeit über mit einem Lächeln beobachtet.

»Wollt ihr denn nicht zu Mittag bleiben?« erkundigte sie sich bei Robert.

»Das geht leider nicht, Mama. Wir sind deshalb ja auch gleich schon mit bei Papa gewesen«, antwortete Robert.

Aber dann kam noch weiterer Besuch.

Frau Kommerzienrat Vorberg, die Mutter von Roberts Freund und ehemaligem Bundesbruder Otho, und ihre Tochter Helene.

Die Frau Kommerzienrat war eine kleine, wohlbeleibte Dame mit einem runden, bleichen Gesicht, blauen Eulenaugen und auffallend reichem goldblonden Haar. Helene war eine schlanke, sehr elegante Blondine von zweiundzwanzig Jahren, mit einem interessant angenehmen, vornehm blassen Gesicht. Ihre blauen Augen zeigten einen Ausdruck von starr freundlicher, intelligenter Neugier.

»Ach, unser junges Ehepaar!« wandte sich die Frau Kommerzienrat zu Robert und Cäcilie hin. »Auch wieder aus der Sommerfrische zurück! – Geht es Ihnen gut, liebes Kind? – Ja, gut?« wiederholte sie Cäciliens Antwort mit Rührung. »Wie mich das freut!«

Sie selbst waren, der Migräne wegen, an der die Frau Kommerzienrat litt, in Kissingen zur Kur gewesen.

Auf Frau Voges', deren Jugendfreundin sie war, Nachfrage, wie ihr Kissingen bekommen sei, fing sie sofort an zu klagen.

»Ich habe ja in den letzten Tagen wieder so einen entsetzlichen Anfall gehabt!«

»Oh, du Ärmste!«

Es entwickelte sich zwischen den beiden Damen ein angelegentliches Gespräch über den Unterschied der Karlsbader, Marienbader und Kissinger Kur gegen Migräne, über die Anwendung von Guarana, Morphium, Chinin, Phenazitin, Senffußbäder und die richtige Technik des Tief- und Langeinatmens.

Helene Vorberg aber hatte Cäcilie, hocherfreut, die Freundin wiederzusehen, lebhaft umarmt.

Sie war der Überzeugung, mit Cäcilie in einem Freundschaftsbund zu stehen. Es war ihr etwas Angenehmes, daß sie, noch unverheiratet und gute zwei Jahre älter als Cäcilie, die nun schon in Mutterhoffnung ging, sich ihr gegenüber in einer gewissen Weise als die Jüngere fühlen durfte.

Immerhin hatte sie auch auf Cäcilie eine gewisse Anziehung geübt.

Helene Vorberg galt als ein apartes Mädchen, und es wurde ihr ungewöhnliche geistige Begabung nachgesagt. Auch war sie wirklich nicht ohne einen ironisch-schlagfertigen, ja sogar etwas gefürchteten Witz, und als sehr selbstständiger, aber auch verhaltener Charakter bekannt. Es hieß, sie sei von einem fröhlichen, etwas kühlen Raffinement, das ihr den Ruf eintrug, sie habe den Teufel im Leibe.

Für gewöhnlich aber gab sie sich mit einer naiven, etwas schillernd unruhigen Mädchenhaftigkeit.

In dieser Weise unterrichtete sie jetzt auch Cäcilie und Robert über die vergnüglichen Seiten des Kissinger Kuraufenthalts.

Von dieser Unterhaltung jetzt förmlich betäubt, erhob sich Cäcilie endlich, Helenens Redefluß etwas unvermittelt unterbrechend, und erinnerte Robert, daß sie aufbrechen müßten.

»Also schone dich recht, liebes Kind, hörst du?« rief Frau Voges zum Abschied, von dem weiteren Verlauf, den ihre Unterhaltung mit der Frau Kommerzienrat genommen, in gute Stimmung versetzt. »Ich komme in den nächsten Tagen und werde dich jetzt öfter besuchen ...«

... Es war ein an inneren Erlebnissen und Wandlungen reicher und wichtiger Tag, dieser Tag, an welchem Cäcilie ihrer bisherigen Umgebung zum erstenmal wieder entgegentrat.

Sie war unruhig und zeigte eine nervöse Verstimmung, als sie mit Robert nach dieser Visite und noch ein paar anderen wieder zu Hause eintraf.

Sie hielt sich zu Hause möglichst für sich. Am Nachmittag aber nahm sie eine Droschke und fuhr zu Mama und Fanny hinaus, von einer wunderlichen Sehnsucht getrieben, Mama und das kleine, bescheidene Heim wiederzusehen. Auch die im Anschluß daran lebhaft wieder erwachende Erinnerung an Vater versetzte sie in Rührung.

Als sie dann aber Mama zum Wiedersehen umarmte und küßte, brach sie in Tränen aus.

Mama rührten diese Tränen, da sie sie für ein Zeichen von Miezes Anhänglichkeit nahm; doch sie schafften Cäcilie eine Erleichterung, von deren Bedeutung Mama nichts ahnte ...

Später geigte sie sich dann, als sie Mama und Fanny ein paar Geschenke überreichte, die sie ihnen aus der Sommerfrische mitgebracht hatte, fröhlich und mitteilsam und ließ ihren Aufenthalt lang werden; auch machte es ihr ein besonderes Vergnügen, Mama und Fanny in einigen kleinen wirtschaftlichen Angelegenheiten in der Weise von ehemals behilflich zu sein.

Trotzdem äußerte Mama, die jetzt, da sie von Cäcilie ausgiebig unterstützt wurde, in sorgenfreien Verhältnissen lebte, als Cäcilie sich verabschiedet hatte, mehr zu sich selbst, nicht ohne gewisse Besorgnis:

»Ich weiß nicht: sie ist doch nicht ganz unsere alte Mieze mehr. Sie hat sich recht geändert. Sie fängt mir zu sehr an, Dame zu werden ...«

*

Doch ereignete sich im Laufe der nächsten Monate nichts Besonderes.

Obschon Cäcilie eine wechselnde, oft geradezu gereizte Stimmung zeigte, die man aber ihrem Umstand zuschrieb.

Auch der Umstand, daß sie sich viel in ihrem Zimmer allein hielt, befremdete weiter nicht.

Freilich hätte das für jemand, der sie genau kannte, auffallend sein können.

Sie war eine Natur, der Grübeleien zwar nicht lagen, aber der unruhige Tätigkeitstrieb, dem sie sich jetzt hingab, bedeutete nur zu sehr ein Zerstreuungsbedürfnis.

Sie trieb diese Monate hindurch mit großer Eindringlichkeit ihre französischen und englischen Sprachstudien weiter.

Ohnehin verboten sich andersgeartete Zerstreuungen durch ihre bevorstehende Niederkunft. Außerdem beschäftigte sie aber in guter Weise der Gedanke an das kommende Kind. Später wurde sie auch durch die näheren Vorbereitungen für die Niederkunft in Anspruch genommen.

Ende November gebar sie Robert einen Sohn.

Die Ankunft des Kindes erregte den Angehörigen eine große und besondere Freude.

Selbst Frau Voges zeigte sich in einer Weise liebenswürdig zu Cäcilie, daß es den Anschein haben konnte, als seien sich die beiden Frauen endgültig nahe gekommen.

Der alte Herr rief, als er den Jungen sah:

»Donnerwetter, Kinder! Das muß ich sagen! Das ist ja noch nicht dagewesen! Der Bengel ist ja das Paradestück der ganzen Familie!«

Tatsächlich war der Neugeborene ein ungewöhnlich großes und kräftiges Kind; und die Hebeamme bekannte stolz, daß ihr in ihrer langen Praxis ein solcher Fall nur selten vorgekommen war.

Cäcilie selbst hatte die Niederkunft gut überstanden.

Zur besonderen Freude des alten Herrn, der sich in der guten Meinung und Sympathie, die er von Anfang an für sie gehabt hat, bekräftigt fühlte.

Es stand jetzt außer jedem Zweifel, daß sie sein Liebling war, und daß er nicht nur seinen Narren an ihr gefressen hatte, sondern sie wertschätzte.

Eines Tages brachte er ihr einen Brillantenhaarschmuck, mit dem er sie, wie er lachend sagte, beim nächsten Familienfeste zu sehen hoffte.

Die Freude der Familie über den Neugeborenen war übrigens um so größer, als die beiden älteren Brüder Roberts, Ernst und Gerhart Voges, studierte Leute waren, die mit ihren Familien auswärts wohnten. Sie hatten beide Neigung zum Studium gezeigt und sie, trotz dem Widerstand, den Papa anfänglich wenigstens dem ältesten entgegengesetzt hatte, durchzusetzen gewußt.

Für Robert, der übrigens nach dieser Richtung hin sich gleichgültiger gezeigt hatte, war es dann eine Notwendigkeit geworden, sich dem kaufmännischen Wesen zuzuwenden, um später mal Chef der Firma zu werden. Jetzt aber hatte nun die Firma einen neuen Stammhalter.

Die Freude der Familie und die liebevolle Sorgfalt, die man ihr erwies, berührten Cäcilien tief.

Vor allem aber war es das Kind selbst, das ihre bisherige Unruhe besänftigte, indem es all die guten starken, gediegenen Empfindungen und praktischen Triebe, die ihr eigneten, in Anspruch nahm und von neuem entfaltete.

Es verstand sich zunächst von selbst, daß sie den Neugeborenen selber stillte.

Der Arzt, den man, wenn auch mehr der Form wegen, zu Rate zog, beglückwünschte den Kleinen nur zu einer so gesunden und kräftigen jungen Mutter.

Wie Cäcilie aber das Kind selbst stillte, so duldete sie auch nicht, daß jemand anders außer ihr es berühre und ihm all die hundert kleinen, aber so wichtigen Sorgen, Besorgungen und Handleistungen erwies, die es bedurfte.

Und sie zeigte hierin eine Eifersucht, die sich sogar in einer gelegentlichen kleinen Schroffheit äußern konnte und die Schwiegereltern belustigte; wobei aber Frau Voges mit einer Spur ihrer unwillkürlichen inneren Fremdheit gegen Cäcilie die Befürchtung hegte, es käme bei Cäcilie das angeborene »Kleinbürgertum« zum Durchbruch.

Da Cäcilie das Kind selbst besorgte, blieb ihr in der ersten Zeit nicht viel Zeit für andere und anderes übrig. Sie lebte nur für das Kind und mit dem Kinde.

Für Robert war der Kleine und das Verhältnis Cäciliens zu ihm einen Monat lang so etwas wie eine Sensation.

Die Pflege und die Handleistungen, die Cäcilie dem Kleinen erwies, erregten seine Aufmerksamkeit, und er verweilte wohl manchmal und sah ihr zu.

Er konnte dann mit seiner Art von hausbackener Verständigkeit und nicht ohne eine etwas komisch würdige Vaterpose über Vatergefühle, Vaterpflichten und die mehr organisch triebhafte Verwachsenheit der Mutter mit dem Kinde theoretisieren; Auslassungen, auf die Cäcilie, zumal sie auch gar keine Zeit dazu hatte, schon gar nicht mehr weiter hinhörte ...

Eines Tages ereignete sich aber bei solch einer Gelegenheit etwas Besonderes.

Robert war zugegen, wie Cäcilie den Kleinen gerade stillte.

Rittlings auf einem Stuhl sitzend, die Arme über die Lehne gelegt, sah er zu.

Cäcilie saß still in ihrem Sessel, ein leichtes seidenes Tuch über die entblößte Brust und das Köpfchen des Kleinen gelegt, dessen gesund eifriges Schmatzen zu hören war und dessen Bewegungen das Tuch drollig hoben und senkten.

Robert beobachtete Cäcilie.

Sie saß fast bewegungslos, das Gesicht mit einem stillen, ernsten Ausdruck auf das seidene Tuch niedergesenkt und den Regungen des kleinen Wesens hingegeben.

Es fiel ihm auf, daß keine Spur eines Lächeln in ihrem Gesicht war.

Er dachte wohl an dieses und jenes Madonnenbild, auf dem die Mutter ein solches Lächeln des Glückes und der Freude zeigt.

»Es ist doch etwas Wunderbares, der Anblick einer Mutter, die ihr Kind säugt!« äußerte er, dabei nicht ohne Absicht den Ausdruck »säugt« gebrauchend. »Es liegt so viel Tiefe darin. Und abgesehen davon: es ist ein so wunderbar patriarchalischer Anblick.«

Es gewährte ihm eine besondere Sensation, daß Cäcilie, als die Gattin eines Millionärssohnes, ihr Kind auch noch in einer Zeit selbst stillte, wo man es wohl gewöhnlich, wenn man es anfangs auch selbst gestillt hat, der Amme überläßt.

Cäcilie hatte nicht geantwortet. Nicht im mindesten wandte sie diese wie hypnotisch versunken hingegebene, neutral ernste Aufmerksamkeit von dem Kleinen ab, als seien ihre Sinne für die Außenwelt verschlossen, als wisse sie gar nichts von Roberts Anwesenheit.

»Wunderbar, wie die Natur den Muttertrieb eingestellt hat!« fuhr er fort. »Jede Fingerspitze vom feinsten Intellekt, von der intimsten Sympathie beseelt!«

Und es war wirklich wunderbar, wie geschickt, selbstverständlich, angepaßt Cäcilie den Kleinen versorgte, und wie sie jede besondere, ihr noch unbekannte Anweisung, die die Hebamme ihr gab, sofort begriffen und sie dann in Anwendung gebracht hatte, als sei sie ihr von jeher das geläufigste gewesen.

»Aber verzeih, Cecil! Das alles ist ja das Unwillkürliche, das natürlich Animalische, der selbstverständliche Muttertrieb, jene Angepaßtheit, die auch nach der Geburt noch fortdauert, und die allerdings gewiß nicht bei jeder Mutter so stark, ich möchte sagen: so genial ist wie bei dir. Aber was mich wundert ... Verzeih', ich meine ... Es ist ja freilich was Individuelles, gewiß! ... Ich meine, es wundert mich, daß du so gar keine lebhaftere Freude über den Kleinen zeigst, daß du ihm so wenig Zärtlichkeit erweist.«

Tatsächlich ließ sich Cäcilie mit ihrer Liebe zu dem Kleinen niemals so weit gehen, daß sie ihn, wie das junge Mütter sehr oft tun, etwa unter jauchzenden Schreien abgeküßt oder ihn sonst in irgendeiner leidenschaftlichen Weise geherzt und geliebkost hätte. Wenn es auch vorkam, daß sie das Gesicht an den Kleinen schmiegte, oder ihn mit einem sanften Streicheln liebkoste und gelegentlich herzlich küßte.

Aber Robert hätte kaum ein Wort finden können, das das wahre Gefühl Cäciliens für das Kind gröblicher mißverstanden hätte ...

Geradezu wie von einem Hieb getroffen, blickte sie mit großen entsetzten Augen von dem Kleinen auf und zu ihm hinüber. Die Farbe ihres Gesichtes war einer seltsamen, marmorweißen, durchsichtigen Blässe gewichen, die Robert auf der Stelle betroffen machte.

Doch bezwang sie sich, die übrigens den Kleinen in demselben Augenblicke von der Brust weggenommen hatte, sofort, und sagte nur leise mit einer Stimme, in der eine gewisse Ungehaltenheit bebte:

»Aber sei doch still! Du störst mich ja!«

Er wollte sich entschuldigen und ihr zureden, aber es war etwas in ihrem Wesen, das es ihm unmöglich machte.

»Verzeih', ja, ich störe dich am Ende nur«, sagte er immer noch von der seltsamen Blässe betroffen, die vorhin ihr Gesicht gezeigt hatte, und erhob sich, um dann, nachdem er sich noch dies und jenes im Zimmer herum zu schaffen gemacht hatte, langsam hinauszugehen.

Als er das Zimmer aber verlassen hatte, brach Cäcilie in ein stummes Weinen aus ...

*

Der Zeitpunkt war gekommen, wo außer dem Kinde auch der Mann wieder seine Rechte an die Gattin geltend machte.

Doch handelte es sich bereits tatsächlich mehr um ein Nachgeben Cäciliens diesen Rechten gegenüber.

Es gab da einen Übergang, in dem Robert geradezu erst wieder um ihre Gunst zu werben hatte. Und noch dazu war diese Werbung ohne einen eigentlichen Reiz für ihn, denn er fühlte sich durch das gereiftere und ernstere Wesen, das sie durch ihr Verhältnis zu dem Kinde wieder angenommen hatte, wie er nun schon mal war, geniert, wenn nicht ganz und gar gelangweilt. Er hatte sich ja seit dem Sommeraufenthalt bisher an eine ganz andere Cäcilie gewöhnt ...

Cäcilie aber hatte sich jetzt schon, wenn sie diesen »Rechten« nachkommen wollte, über einen gewissen toten Punkt hinwegzubringen.

Der Eindruck, den seine damalige so sehr unberatene Bemerkung über einen Mangel an Zärtlichkeit dem Kleinen gegenüber auf sie gemacht hatte, war, wie er in die sonstige innere Unruhe hineingefallen war, aus der sie seit dem Sommeraufenthalt nicht mehr herausgekommen, ein ungewöhnlich tiefgehender gewesen. Ja, es konnte sogar sein, daß er angefangen hatte, ihr selbst das eigentliche Wesen dieser »kultivierten Sensibilität«, die ihr eignen sollte, bewußter zu machen.

Jedenfalls war das sympathische Band zwischen ihr und Robert seit jener verhängnisvollen Äußerung ein für allemal zum mindesten schon in einem sehr bedenklichen Grade gelockert.

Es kam hinzu, daß das Verhältnis zu dem Kinde alle guten und wertvollen Seiten ihres Wesens in einer so entschiedenen Weise wieder zur Entfaltung gebracht hatte.

Ihrem unmittelbarsten Empfinden, wenn auch noch nicht ganz ihrem bewußten Verstand, waren die ehelichen Zärtlichkeiten, die Robert ihr erwies, jetzt fast schon abstoßend ...

Und weiter kam hinzu, daß seine Neigung zu hausbackener Theoretisiererei, die nichts anderem als einem ganz unfruchtbaren Vergnügen am dialektisierenden Sport entsprang, ihr nachgerade schon entschieden komisch war. Solch eine Komik kann ja nun wohl immer noch Nachsicht und so etwas wie Mitleid wecken: aber sie bedeutete doch, daß sie keine besondere Achtung vor Robert mehr besaß. Der Vergleich, in den sie ihn in der ersten Zeit ihrer Bekanntschaft zu ihrem verstorbenen Vater gebracht, war jedenfalls ein für allemal gründlichst enttäuscht ...

Doch gab es dann immerhin noch einen gewissen Übergang in ihren ehelichen Beziehungen, mit dem Robert für sein Teil sofort mehr als zufrieden war ...

Bedrängt durch ihre eheliche Lage und dieses Verhältnis zu Robert, in das sie verstandesgemäß noch keinerlei rechte Klarheit zu bringen vermochte, geriet Cäcilie wieder in jene Unruhe, die Robert und seine Eltern als ihren eigentlichen Charakter mißverstanden. Sie zeigte Robert zwar zuweilen ein launisches und gereiztes Wesen, aber da es mit Mutterwitz geschah, so entzückte sie ihn nur; selbst wenn sie ihn gelegentlich schon aufzog. Gerade das mochte er gern. Denn sie konnte hinterher eine Art von Reue empfinden, die ihm zugute kam ...

Nach außen hin verriet sich diese neuerliche Unruhe zunächst noch nicht in einer auffallenderen Weise.

Sie bekümmerte sich zwar endgültig nicht mehr um die Wirtschaft, benutzte aber die freie Zeit, die ihr dadurch übrigblieb und die ihr das Kind ließ, das nachgerade übrigens doch eine Amme bekommen hatte, vorerst nur dazu ihre Sprachstudien weiterzutreiben.

Allerdings ließ sie jetzt regelmäßig eine Französin und eine Engländerin ins Haus kommen, um sich in der Konversation zu vervollkommnen.

Auch sonst vervollständigte sie ihre Bildung und ging auch wieder auf die Anregungen ein, die ihr der Verkehr mit der Frau Justizrat gab.

Übrigens teilte sie die Ergebnisse dieser Studien Robert mit, und es bedeutete vielleicht eine gewisse feinere Art von Feindseligkeit, daß es ihr das größte Vergnügen machen konnte, ihm in der fremdsprachlichen Konversation überlegen zu sein. Denn Robert verstand von den neueren Sprachen nicht viel mehr als das herzlich wenige, das er davon auf dem Gymnasium gelernt hatte. Sich selbst aber aus eigenem Antrieb weiterzubilden, dazu war er zu bequem gewesen.

Mit der Zeit aber bekümmerte sie sich auch um das Kind nur noch sehr wenig.

Dafür fing sie an, viel in die Stadt zu fahren und einer Laune nachzugeben, in den Geschäften alle möglichen Einkäufe zu machen.

Seltsamerweise bekundete sie dabei einen Trieb, sich auch damit Robert mitzuteilen. Je mehr er sich aber über das Vergnügen freute, das ihr die Einkäufe bedeuteten – oft und sogar meist handelte es sich um alles mögliche kostspielige Bric-à-Brac – um so mehr verlor sie sich an diese Art von Sport.

Vor allem entwickelte sie aber mit einemmal, wie es schien, eine wahre Sucht nach Putz und Toiletten.

Sie kaufte fertige Roben, die ihr gefielen, oder ließ sich welche in den Schneiderateliers anfertigen.

Auch hier ließ sie Robert Anteil nehmen; und als er sich in diesem Falle ganz besonders freute, geriet sie in einen wahrhaft fieberhaften Übermut auf solche Dinge.

Es war überhaupt kennzeichnend, daß sie in dieser Zeit sehr viel mit Robert sprach und stets in einer angeregten Tonart, mit einer Art lebhafter Fröhlichkeit, die zuweilen bis zu einer, wie Robert die Sache ansah, überaus entzückenden Ekstase ging.

Diese Tonart schien ihr jetzt mehr und mehr zur anderen Natur werden zu wollen.

Sie bezauberte mit ihr besonders auch ihren Schwiegervater, dem gegenüber ihre Liebenswürdigkeit allerdings eine echtere war. Doch auch auf Frau Voges machte sie Eindruck, so daß sich wirklich so etwas wie ein Verkehrsfuß zwischen den beiden Frauen ergab.

Denn Cäcilie sprach reizend; und zum erstenmal »taute«, nach der Ansicht des alten Herrn, ihr angeborener Mutterwitz zu einer sehr anmutigen und schlagfertigen Geistreichigkeit auf.

Besonders plänkelte sie in solcher Weise jetzt viel mit Robert.

So putzsüchtig sie jetzt war, offenbarte sie doch zugleich einen erstaunlich guten und reizenden Geschmack.

Gelegentlich hatte sie sich ein Teagown machen lassen.

Sie trug sonst, allen früheren Versuchen der Frau Justizrat, sie dazu zu bekehren, zum Trotz, keine Reformtracht: aber für Teagowns liebte sie Reform.

Es war ein herbstzeitlosenfarbenes Kleid, das sich nach unten in einer Weise, die ein wunderbar reizendes Zusammen antik-koischer Gewandung und französischer Rokokograzie war, mit vielen, zierlichen, plisseeartigen Falten ausbauschte.

Im übrigen war das Kleid einfach und ohne weiteren besonderen Ausschmuck gehalten, wirkte fast nur durch das bezaubernde, feinbewegliche Spiel seiner Faltung, das Cäciliens wunderbar gegliederte Gestalt selbst dann noch verriet, wenn es sie verbarg.

Dazu trug sie ihr reiches, weizenblondes Haar vom Scheitel aus lockig nach beiden Seiten hin gewellt und mit zwei aufstrebenden, in seinen seidigen Goldlichtern schimmernden Wellen an den Schläfen hinauf frisiert, während hinten seine Fülle von einer Spange gehalten wurde.

Aus all dieser feinen, lichten Grazie aber blickten ihre Augen mit einer fast veilchenfarben dunklen Tiefe hervor und gaben die Richtungspunkte all dieser feingetönten Farbenwirkung und Bewegung.

Sie hatte den Einfall gehabt, als dies Teagown fertig war und sie es zum erstenmal angelegt hatte, sich Robert in ihm zu zeigen.

Der Anblick, den sie bot, war so hinreißend schön und anmutig, daß er Robert zuerst fast betroffen machte.

Vielleicht trug der Umstand dazu bei, daß die Anordnung ihres Haares sich gleichsam als eine feine Stilisierung ihrer früheren ganz einfachen Haartracht bot.

Sie hatte die Gewohnheit gehabt, ihr Haar von einem Mittelscheitel nach beiden Seiten gekämmt zu tragen und es schlicht über die Schläfen hin zu kämmen; eine Schlichtheit, der allerdings der Umstand, das ihr Haar von Natur zum Lockigen neigte, etwas unwillkürlich Krauses gegeben hatte.

Doch im nächsten Augenblick gewann das Entzücken, das sie ihm gewährte, in Robert die Oberhand.

In hingerissenster Begeisterung küßte er sich die Fingerspitzen und rief:

»O Cecil, bist du schön!«

Aber da geschah es, daß sie, ein weites Stück von ihm entfernt bei der Tür stehend, wohl eine ganze Minute lang stumm zu ihm herüberblickte.

Regungslos stand sie; nur ihr Busen hob und senkte sich von sichtlich immer tiefer sich erregenden Atemzügen, während in ihren Augen, diesen tiefen veilchendunklen Augen, eine seltsam starre, fast bohrend starre, leuchtende Festigkeit war und ihren festgeschlossenen Mund zugleich irgendein leises, seltsames Lächeln umhauchte.

Es war in diesem Augenblick nichts in Roberts Wesen, was an jenes hausbackene Meditieren und Theoretisieren erinnert hätte, das seine halb komische, zuweilen aber auch fast nicht recht zu ertragende Angewohnheit war: ganz war er der scharmante Lebemann, der in einem gewissen Sinne vorurteils- und reflexionsfreie Millionärssohn mit seinen gut erzogenen Manieren; und diesem Eindruck kam jene gewisse äußere Männlichkeit, die er von seinem Vater geerbt und die ihm damals Cäciliens Liebe gewonnen, zustatten.

Und da kam plötzlich Bewegung in sie.

Im Nu war sie, mit diesem hochatmenden Busen und mit hocherglühenden Wangen, bei ihm, hatte ihre schönen weißen Arme, von denen die weiten Ärmel des Teagowns zurückgeglitten waren, um seinen Hals geschlungen und küßte ihn mit so leidenschaftlicher Glut, wie er noch niemals von ihr geküßt worden war ...

Von diesem Tage an aber hatte er für eine geraume Zeit eine Gattin, mit der er wahrhaftig »zufrieden« sein durfte ...

Ja, es war ein ganz neues Erlebnis für ihn.

Sie war wieder eine ganz andere und neue geworden. Die Liebe, die sie ihm gewährte, war ein so unbeschreibliches Zusammenspiel von der Liebe der »kultivierten« Kurtisane und der so tief und stark, so ganz hingegebenen Gattin, die Cäcilie Robert in den ersten Monaten ihrer Ehe gewesen war, und die er so verhängnisvoll wenig zu verstehen vermocht hatte ...

Beide ahnten sie nicht, daß dieser neue »Liebesfrühling«, der ihm da »blühte«, nichts war als der Tod von Cäciliens letzter Neigung für Robert, der Abschied für immer ...

*

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