Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Johannes Schlaf >

Ein freies Weib

Johannes Schlaf: Ein freies Weib - Kapitel 5
Quellenangabe
pfad/schlaf/freiweib/freiweib.xml
typefiction
authorJohannes Schlaf
titleEin freies Weib
publisherErnst Keils Nachfolger (August Scherl) G.m.b.H.
printrunFünftes bis neuntes Tausend
year1922
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20111104
projectid63612db9
Schließen

Navigation:

Als sie zu Hause ankam, schwieg sie Mama gegenüber über das, was geschehen war, lehnte unter dem Vorwand, sie habe schon in der Stadt etwas zu Abend gegessen, das Abendbrot ab und begab sich nach einem kleinen, gleichgültigen Gespräch mit Mama und Fanny mit der Erklärung, sie sei müde und wolle sich heute bald schlafen legen, hinter in ihr Kämmerchen.

Sie empfand ein dringendes Bedürfnis, mit sich allein zu sein, und jedes Wort, das Mama mit ihr sprach, hatte sie ungeduldig gemacht.

In ihrem Kämmerchen angekommen, setzte sie sich auf ihren Stuhl beim Fenster und begann sich den Eindrücken und Erlebnissen hinzugeben, die sie diesen Abend über erfahren hatte.

Draußen über den stillen schwarzen Baummassen spannte sich mit all seiner Pracht der Sternenhimmel. Am Rande des Parkes zog sich die Lichtschnur der Gaslaternen hin.

Die Geldangelegenheit war für sie, abgesehen von dem Gefühl von Beruhigung, das ihre Erledigung ihr mitgeteilt, jetzt ganz in den Hintergrund getreten. Ganz beherrschte sie der Eindruck, den sie von Robert Voges empfangen hatte.

In eine andere, neue Welt fühlte sie sich aus der Enge ihres Alltags erhoben, eine Welt, die sie geradezu als ihre eigentliche und wahre Heimat empfand. All die wilde wechselnde Unruhe der letzten Monate hatte sich in eine sichere, freudige Zuversicht auf Freiheit und Leben verwandelt. Und das alles schloß der Eindruck ein, den er auf sie gemacht hatte.

Es handelte sich nicht äußerlich um seine schicke Kleidung und die Selbstsicherheit seines Benehmens und Auftretens: das alles war für ihr Empfinden nur das äußere, selbstverständliche Anzeichen eines Menschen, den man erst wirklich als einen solchen bezeichnen kann.

Sie dachte wieder an Vater. Vater würde, wenn er nicht sein Lebtag über so viel Unglück gehabt hätte, äußerlich genau so ausgesehen haben. Er hatte für ihr Gefühl ganz selbstverständlich zu diesen Kreisen gehört. Sie hatte auch gar wohl gemerkt, daß der Fabrikant, bei dem Vater angestellt gewesen war, Respekt vor Vater und daß er sich Vater sogar unterlegen gefühlt hatte.

Robert Voges war der erste Mann, dem sie begegnete, der wie Vater war. Sie fühlte, daß sie ihn liebte. Und mit einem aufwallenden Erröten dachte sie an sein verständiges Wesen, an seine schönen, ruhigen Augen, an seinen warmen, festen Handdruck, an die verständigen, offenherzigen Worte, die er zuletzt noch zu ihr gesprochen hatte.

Und überwältigt von dieser Sympathie hatte sie Augenblicke, wo ein aufwallender Jubel sie antrieb, nach vorn zu Mama zu eilen, sie zu umarmen und ihr das alles zu sagen; aber dann bemächtigte sich ihrer wieder eine wunderliche Verzagtheit, und mit traurig versonnenen Augen blickte sie schweratmend hinein in den großen, feierlich stillen Sternenhimmel da drüben über den ernsten, schwarzen, starren Baummassen.

Dann wieder dachte sie an all die herrlichen Dinge, die er ihr gezeigt, als sie an den Schauläden hingingen, und ihre Augen blitzten, ein träumerisch begehrliches Mädchenlächeln spielte um ihren Mund.

Ach, Himmel! Ja, das würde erst Leben, Leben sein! ...

Doch dann kam sie auch auf den Gedanken: Wie es sein würde, wenn Robert Voges nun so arm wäre wie sie selber; oder wenn er, falls er sie etwa heiratete, von seinem Vater verstoßen und enterbt würde: würde sie ihn auch dann noch lieben, würde er auch dann noch einen so tiefen Eindruck auf sie machen?

Ja, auch dann noch! Auch dann noch würde sie ihn lieben! Es war ja außerdem nichts selbstverständlicher, als daß er in diesem Falle aus eigener Kraft zu Wohlstand gelangen und seines Vaters Reichtum gar nicht gebrauchen würde. Denn es war ja undenkbar, daß ein solcher Mann sich mit gedrückten Lebensverhältnissen zufriedengeben konnte ..

Aber, ach! Es war ja alles viel, viel zu schön, viel zu plötzlich gekommen, als daß es wirklich wahr sein und wirklich so kommen könnte, wie sie da träumte! Und sie dachte an die kleine, ärmliche, dumpfe Stube da vorn und an Mama mit ihrem häßlichen Wolltuch um den Kopf und an Mamas ewige Schmerzen und Wehklagereien. Und in trüber Niedergeschlagenheit weinte sie bitterlich vor sich hin in die Hände hinein. Wurde dann nachdenklich. Sprang plötzlich mit flammenden Augen und geballten Fäusten in die Höhe. Nein! Nein! Das sollte und sollte und konnte nun nicht mehr möglich sein! Unter allen Umständen war es damit jetzt vorbei! ...

Am nächsten Tage zeigte sie aber ein ruhiges und gleichmäßiges Wesen, half am Vormittag Mama mit in der Wirtschaft, begab sich dann, wie es jeden Sonntag ihre Pflicht war, in die Stadt zum Kontor, machte am Nachmittag mit Mama und Fanny einen Spaziergang im Adelheidpark und las dann am Abend in den Büchern, die ihr die Frau Justizrat geliehen hatte.

Montag abend aber begab sie sich in die Konditorei zu der verabredeten Zusammenkunft.

Robert Voges hatte der Blick, den sie ihm vorgestern abend beim letzten Abschied zugeworfen, nur zu gut gefallen. Seine Empfindung für sie war eine zu wenig klare, als daß er ihm nicht Hoffnungen auf gewisse Vergnügungen gemacht hätte.

Und vorwiegend in dieser Gesinnung erwartete er sie.

Er händigte ihr, als sie sich begrüßt und eine kleine Unterhaltung geführt hatten, ein Kuvert mit einem Tausendmarkschein ein und einen Band von Ibsens Dramen, der »Nora« enthielt.

»Was dichtet Ibsen?« erkundigte sich Mieze errötend, während sie mit einem zerstreuten Lächeln in dem Bande blätterte, der einen bibliophilisch sauberen Einband zeigte.

»Ethische Probleme, Konfliktsnaturen, problematische Existenzen«, gab er Bescheid, eigentlich innerlich nur damit beschäftigt, Dispositionen für den weiteren Abend zu treffen, die seinen Absichten entsprachen. »Ich weiß nicht, ob ich mich Ihnen deutlich gemacht habe?«

»O doch! Ich glaube«, antwortete sie. »So Menschen, die selber nicht wissen, was sie wollen.«

»Ganz recht, so ungefähr! Besonders aber solche, die durch die heutigen sozialen Zustände so geworden, oder die durch die heutigen sozialen Zustände hervorgebracht sind. In diesem Sinne z. B. auch unglückliche Frauen, was sich ja mit dem Frauenbund berührt. Nora ist ja solch eine unglückliche Frau. Und abgesehen von seinen Versdramen, die phantastisch sind, gibt Ibsen immer naturgetreu das Leben.«

»Das mag ich lieber als Verse oder Märchen«, gestand sie.

»Ach, machen Sie sich nichts aus Poesie? Dann sind Sie ja als junge Dame eine Ausnahme«, lachte er.

»Nein! Ich glaube, ich bin dazu zu praktisch«, sagte sie. »Ich verstehe Sachen nicht, die bloß zusammenphantasiert sind.«

»Aber Ibsen werden Sie also gern lesen?« fragte er unter einem zerstreuten Blick.

Sie sah ihn aufmerksam an und folgte der Richtung dieses Blickes, der über das Lokal hinirrte.

»O ja«, antwortete sie dann, durch sein Verhalten, nun sie sich unterrichtet glaubte, nicht mehr weiter beunruhigt. »Aber – das sind wohl so schwache Naturen, die problematischen Naturen?« fragte sie dann plötzlich in einer Weise, die verriet, daß sie sich im stillen noch mit dem Gegenstand beschäftigt hatte.

»Ja! Ganz recht! Gebrochene schwache Naturen. Die so an allen möglichen einseitigen Ideen leiden und mit nichts recht zu Rande kommen können und daran zugrunde gehen.«

»Aber meistens sind die doch komisch«, sagte sie. »Warum macht man über sie Dramen? Oder manchmal sind sie auch verächtlich. Man kann sie doch weiter nicht beachten?«

»Ja, ja, aber sie sind heute doch sehr beachtenswert«, antwortete er in einer Weise, daß sie merkte, er wolle dies Gespräch abbrechen. »Heute behandeln die Dichter ja nur solche Menschen. Ich habe eine ganze Bibliothek von solchen Büchern. – Hm! Allerdings mehr aus wissenschaftlich-literarischem Interesse«, setzte er mit Vorsicht hinzu.

Sie schwieg.

»Aber finden Sie nicht auch, Fräulein Cäcilie,« fuhr er dann, ohne weiter auf ihr Schweigen zu achten, mit belebterer Stimme fort, »das Lokal ist heute ungemütlich, es nimmt einem die Stimmung zu einer ordentlichen Unterhaltung.«

Sie waren vorgestern allerdings die einzigen Gäste gewesen, während heute mehrere Gäste da waren.

»Darf ich Ihnen einen Vorschlag machen? Aber selbstverständlich nur, wenn Sie noch Zeit und Lust dazu haben! Wie?«

»Oh, ich habe noch Zeit«, bestätigte sie lächelnd und gespannt, was er vorschlagen wollte.

»So, oh, das ist schön! Wie wär's also, wenn wir in ein anderes Lokal gingen? Es ist wohl so ziemlich Zeit, zu Abend zu essen. Ich kenne ein sehr gutes Weinlokal: wie war's, wenn wir hingingen und zusammen was äßen? Darf ich Sie einladen? Würde Ihnen das Vergnügen machen?«

»Ach, ein Souper?«

Miezes Augen leuchteten.

»Ach, haben Sie schon mal ein Souper gegessen?«

»Ach nein, wie denn? Noch nie! Nur davon gehört!«

Sie lachte.

»Wie denn? ›Davon gehört‹?«

Sie sah ihn verwundert an; sie verstand nicht, wie er fragen konnte.

»Oh, ich weiß doch, daß man in den großen Gesellschaften Soupers einnimmt, und daß man auch in Restaurants soupieren kann. Hochzeits- und Taufgesellschaften zum Beispiel.«

Sie sah ihn mit großen, betroffenen Augen an.

Er errötete unwillkürlich unter der vollendetsten Unschuld dieses Blickes und geriet einen Augenblick aus der Fassung

»Na, jedenfalls,« fuhr er endlich fort und lachte, »man kann auch zu zweien ein Souper einnehmen, nicht wahr? Also, wie wär's? Haben Sie Lust dazu?«

»O ja!« antwortete sie zögernd, während sie ihn errötend ansah, aber zugleich in einer Weise, die ihm deutlich verriet, daß sie sich auf das Souper freute.

»Na, dann also: auf!« fügte er lachend, erhob sich, zahlte am Büfett, half ihr in ihr Jackett, zog seinen Ulster an und brach mit ihr auf.

Sie gingen die Hauptstraße hinauf, wo auch das Weinlokal gelegen war.

Es war herrlich, wie vorgestern abend. Noch schöner. Denn sie hatte sich nun schon besser an ihn gewöhnt: außerdem machte ihr das Souper innerlich in aller Naivität eine unbändige Freude.

Zuweilen musterte sie ihn heimlich mit einem wohlgefälligen Blick.

Er trug einen langen, modischen Ulster, ein steifes, rehbraunes, elegantes Hütchen und ein seines Spazierstöckchen mit Silbergriff, das ihm, wie er die Hände in den Seitentaschen des Ulsters hatte, aus der einen Tasche steil forsch und doch nicht mit übertriebener Munterkeit an der Brust hinauf über die Achsel ragte. Schick trug er den Kopf etwas nach vorn und hatte einen elegant legeren Bummelgang.

Auch sie selbst konnte sich übrigens neben ihm sehen lassen. Sie hatte ihr neues, bestes Kleid an; und soweit nicht ihr schöner Wuchs, hatte sie selbst dafür gesorgt, daß die Schneiderin ihre Sache nach besten Kräften gemacht hatte. Auch ihr Hut war neu und teuer über ihre Mittel. Man konnte sie gut und gern als eine Verwandte von Robert Voges ansehen.

Die Straße, die nach dieser Seite hinauf enger wurde, war ziemlich dunkel und zeigte weniger Verkehr zwischen meist altertümlichen Häusern hin, von denen viele mehr als hundert Jahre alt waren.

Unter einer munteren Unterhaltung, die Mieze mehr als einmal lachen machte, gelangten sie endlich zu einem großen, altmodischen, gelb getünchten Haus, in dem sich das Weinlokal befand, das eins der altrenommiertesten der Stadt war.

Robert Voges wußte, daß es um diese Zeit noch so gut wie gar nicht besucht war, und sie fanden es denn auch, als sie in die große saalartige, mehr lange als breite Vorderstube eintraten, leer und nur mäßig erhellt.

Das Zimmer hatte Nischen. Sie ließen sich in einer, die gegen das Nebenzimmer hin lag, nieder.

Er bestellte beim Kellner Austern und ein Fläschchen Chablis dazu.

»Haben Sie schon mal Austern gegessen, Fräulein Cäcilie?« fragte er, als der Kellner sich entfernt hatte.

»Ach, nein!«

Sie lachte.

»Aber es ist Ihnen recht, daß ich welche bestellt habe? Oder hätten Sie lieber Anfang mit Kaviar in Eis gemacht?«

»Ach, nein! Es ist gut so!« lachte sie. »Ich bin sehr neugierig auf Austern.«

»Na, also all right

Sie sah sich in dem Lokal um. Es war ein altväterlich zutrauenerregender, schlicht und solid eleganter Raum mit dunklen Ledertapeten, die Goldleisten und Bronzearabesken hatten. Große, ernst gemütliche, verdunkelte alte Ölbilder hingen an den Wänden und ein paar sehr wertvolle venezianische Spiegel. Die Decke zeigte braunes Holzgetäfel. Zwei große, kostbare venezianische Kronleuchter hingen von ihr herab. Der Fußboden war mit Tuchläufern belegt, und es herrschte eine angenehme, gemütlich vornehme Stille. Mit unbewußter Sicherheit paßte Mieze ihren Sprechton ihr sofort an.

Der Kellner hatte die Speisenkarte bereits auf den Tisch gelegt, und Robert Voges schlug jetzt vor, gemeinsam das Menü zusammenzustellen.

Mit aufrichtigstem Vergnügen beugte sich Mieze, doch schicklich nicht zu nah, gegen die Karte her, und sie prüfte, was es gab.

»Oxtailsuppe? Wie?« fragte er.

»Was ist das?«

»Auf deutsch: Ochsenschwanzsuppe. Sehr zu empfehlen.«

Sie lachte und entschied für sie.

»Also: erstens Oxtailsuppe.«

Was den Fisch anbetraf, so war sie neugierig auf Seezunge.

Alsdann Leipziger Allerlei mit Rinderzunge. – Ah, und dann gab es Rebhuhn mit Sauerkraut! Noch niemals in ihrem Leben hatte sie Rebhuhn gegessen. – Als Getränk schlug er Rüdesheimer Berg vor.

Der Kellner brachte zwei Dutzend Austern und das Fläschchen Chablis.

Sie fürchtete sich zuerst vor diesen sonderbaren Tieren, doch als er ihr eine herrichtete, schluckte sie sie tapfer hinunter und erklärte dann, daß sie ein angenehmes Gefühl im Magen machten.

Sie hatte übrigens gleich begriffen, wie sie hergerichtet wurden, und es gelang ihr vollkommen.

Sie aß sechs von ihnen, äußerte dann aber ihre Besorgnis, dem übrigen nicht mehr gerecht werden zu können.

Aber das machte sich. Der Eifer, die Wissenschaft und das Vergnügen an der Situation und der Reiz, den die guten, nie gekosteten Dinge auf ihren Appetit übten, halfen, bah sie bis zu Ende gut durchhielt.

Als sie mit dem Mahl fertig waren und Robert Voges sich eine Zigarre anzündete, nahm auch sie eine Zigarette an, die er ihr aus einem zierlichen, kunstvoll gearbeiteten silbernen Etui bot.

Alsdann bestellte er eine Flasche Champagner. Und zwar vom allerbesten, Heidsick-Monopol. Sie hatte sowohl von dem Chablis wie von dem Rüdesheimer mitgetrunken. Wenn auch, verstand sich, Robert Voges das meiste hatte tun müssen. Sie strahlte von Schönheit und Munterkeit.

Es beirrte ihn ein wenig, daß sie ihrer Haltung, trotzdem sie von dem Wein entschieden einen kleinen Schwips weghatte, nichts vergab, und daß er keinerlei Unwillkürlichleiten aus ihr hervortrieb, die mit ihrem gewohnten Benehmen in Widerspruch gestanden und ihm die Annäherung ermöglicht hätten, auf die er tatsächlich hinaus war.

Auf den Champagner freute sie sich sehr und war außerordentlich neugierig darauf, nicht ohne eine andächtige Erregung.

Als aber die Gläser nicht ihrer Erwartung entsprachen, weil sie meinte, daß er doch, wie sie es auf Bildern gesehen hatte, aus schlanken Kelchen getrunken werden müßte, ließ Robert Voges französische Kelche bringen.

Es waren edle Gläser mit reizenden Arabeskengewinden, über die sie sofort in helles Entzücken geriet.

Sie nahm einen Kelch und hielt ihn gegen das Licht des Kronleuchters, das in die Nische hereinfiel; und sie fand es traumhaft schön und sein, diese zierlichen Arabesken gegen das Licht und zugleich gegen das ernste, altväterliche, vornehm von leisen Bronzelichtern belebte Dunkel der Tapete zu sehen.

»O schön! Als ob man in eine Zauberwelt hineinsähe!« rief sie leise mit einem kaum unterdrückten kleinen Jauchzer, während sie in der anderen Hand mit reizend unbewußter Zierlichkeit und Vorsicht und zugleich nicht ohne eine gewisse nervensichere Rasse zwischen Zeige- und Mittelfinger die Zigarette hielt.

Nicht weniger entzückt war sie über den seinen reinen Klang, den die Kelche gaben, als man anstieß.

»Nicht, der Champagner ist das edelste Getränk?« fragte sie mit leuchtend nachdenklich geweiteten veilchendunklen Augen und einem unbeschreiblich anmutigen Lächeln um den halbgeöffneten rosigen Mund, in den schäumenden Kelch blickend, den sie vor sich hin hielt.

»Ja, und das lustigste!« ergänzte Robert Voges lachend.

Er war gänzlich in die Stimmung eines solchen Soupers zu zweien gekommen, die ihm nur zu geläufig war.

Außerdem hatte ihn die anmutige Nähe Miezes und der Umstand, daß er den Wein fast allein getrunken hatte, nachgerade in Erregung gebracht.

Er fing an, zerstreut zu werden und zu überlegen.

In dem soliden alten Lokal hier war ja weiter nichts zu unternehmen, zumal sie mit keinem Wort und keiner Bewegung ihm die Annäherung ermöglicht hatte, auf die er hinaus war. Doch suchte er nach einer Gelegenheit, noch länger und ungestörter mit ihr zusammen sein zu können. Sie berauschte ihn so, daß er fast schon gar keine Empfindung dafür besaß, daß er sich ja nun endlich doch für heute von ihr trennen mußte.

Er machte ihr schließlich den Vorschlag, »zum Abschluß«, wie er sagte, noch in einem Café eine Tasse Kaffee mit ihm zu trinken.

Sie wurde durch diesen Vorschlag zum erstenmal an die Zeit erinnert, zog ihre Uhr und fand erschreckt, daß es schon spät war und daß sie nach Hause mußte. Doch ließ sie sich endlich überreden, und sie brachen auf.

Sie hatte geglaubt, sie würden zu Fuß gehen; aber er trat auf einen m der Nähe befindlichen Droschkenstand zu und nahm, als ob das das selbstverständlichste wäre, eine Droschke.

Der Gedanke, in einer Droschke zu fahren, machte ihr an, und für sich Vergnügen: ein Vergnügen, das sie ja so gut wie noch gar nicht in ihrem Leben genossen hatte. Aber zugleich kam ihr zum Bewußtsein, daß sie ja jetzt mit ihm ganz allein in der dunklen geschlossenen Droschke sitzen würde. Sie errötete, wurde ernst und bang und zögerte, einzusteigen.

Doch sein verständiges und ruhiges Benehmen gab ihr endlich Zutrauen, und sie stiegen ein.

Aber sie bewahrte eine starr aufrechte Haltung, saß regungslos, steif, blickte ängstlich vor sich nieder und hielt sich so weit wie möglich von ihm entfernt, während sie sehnlichst wünschte, daß die Fahrt nicht lange dauere.

Doch der Kutscher nahm sich Zeit. Außerdem hatte er viel auszuweichen, und ein paarmal mußte er sogar halten.

Je länger es dauerte, um so unruhiger wurde sie innerlich. Und als gelegentlich die Droschke ziemlich lange hielt, war sie nahe daran, Robert Voges zu bitten, sie aussteigen und nach Hause gehen zu lassen.

Beständig hatte sie noch den Knall im Ohr, mit dem vorhin der Droschkenschlag hinter ihnen zugeklappt war. Und noch nie war sie sich so klar darüber gewesen, wie sehr sie Robert Voges zugetan war. Je deutlicher dies Bewußtsein nachgerade aber geworden war, um so unerträglicher spannte sich ihre fliehende Unruhe ...

Er hatte sich, seit sie eingestiegen waren, sehr gesprächig gezeigt. Der Aufenthalt in dem dunklen engen Fahrzeug, ihre warme, liebreizende Nähe erregten ihn jetzt bis zum äußersten. Außerdem war ihm eine solche Droschkenfahrt mit einem hübschen jungen Mädchen nur zu vertraut, und unwillkürlich waren seine Sinne in ihre gewohnte Mechanik hineingekommen Miezes verängstigtes, naiv unschuldiges Wesen nahm ihm ganz und gar noch den letzten Rest von Besinnung.

So hatte er die Unterhaltung, die er da führte und die sie gar nicht oder mit einem kurzen »Ja« oder »Nein« erwiderte, schließlich als eine Gelegenheit benutzt, sich ihr mehr und mehr zu nähern.

Und dann kam der Augenblick, wo er seine letzte Selbstbeherrschung verlor. Seine Rede war ein schmeichelndes Flüstern geworden, und plötzlich legte er ihr den Arm um die Taille und schickte sich an, sie zu küssen. Doch im gleichen Augenblick hieb sie ihm, aus aller Kraft ihres Schreckens abdrängend, die Faust gegen die Brust, riß sich in die Höhe, griff schnell nach dem Gummidrücker – nach dessen Zweck sie sich übrigens, gleich nachdem sie eingestiegen waren, halb aus Neugier, vor allem, weil sie in Verlegenheit gewesen war, was sie mit ihm reden sollte, erkundigt hatte – und gab das Signal zum Halten.

Die Droschke hielt. Im selben Augenblick hatte sie aber auch schon den Schlag aufgerissen, war draußen und verschwand in dem Gewimmel des Verkehrs ...

Erst als sie in eine stille dunkle Seitenstraße eingebogen war, verlangsamte sie ihren eiligen Lauf.

Sie war noch so außer sich, daß es ihr unbewußt blieb, nach welcher Richtung sie sich bewegte. Wie sie aber mit bebenden Knien weiterschritt, kehrten ihr endlich die Gedanken zurück, und sie brach in ein heftiges Weinen aus ...

Zu Hause angekommen, verbrachte sie eine schlaflose Nacht und dann einen sehr unglücklichen Tag.

Sie hatte den Antrieb gefühlt, Robert Voges die tausend Mark sofort wieder zuzustellen; doch nur in ihrer höchsten Aufregung, und auch da war sie nicht über ein unentschiedenes Schwanken hinausgekommen.

Einerseits wußte sie nicht recht, wie sie das bewerkstelligen sollte.

Mit der Post ließ es sich, meinte sie, nicht machen. An welche Adresse sollte sie das Geld richten? Sollte sie es auf das Kontor Voges schicken? Oder in die Privatwohnung? Eins schien so wenig anzugehen wie das andere. Sie konnte ihm das Geld also nur persönlich zurückgeben. Aber wie sollte sie das machen? Sie, die in solchen Angelegenheiten so resolut war und sich vor niemand fürchtete und die Robert Voges das Geld unter anderen peinlichen Umständen unbedenklich persönlich zurückgegeben haben würde, fühlte sich in diesem Falle dazu außerstande.

Dann aber kamen ihr schließlich, nachdem sie ihre erste Aufregung überwunden hatte, ruhigere Erwägungen.

Was war denn eigentlich so Schlimmes geschehen?

Sie hatten doch schon vorher beim Souper miteinander gescherzt.

Sie fand, daß es nur der Schreck gewesen war, der sie zur Flucht getrieben hatte. Und je mehr sie das überlegte, um so deutlicher kam ihr zum Bewußtsein, wie gut sie ihm war...

Sie unterließ es also vorderhand, irgend etwas zu tun.

Mama hatte sie nichts von dem Gelde gesagt. Das war unter solchen Umständen nicht angegangen.

Als sie aber mittags ihr Kontor verlassen, hatte sie drüben auf dem anderen Trottoir Robert Voges auf und ab gehen sehen, und sie hatte wahrgenommen, wie sein Wesen eine direkte Schüchternheit und Niedergeschlagenheit gegeigt.

Er hatte sich gerade angeschickt, stehenzubleiben und zu ihr herüberzukommen: aber feuerrot und mit hochklopfendem Herzen war sie ihm davongelaufen.

Und mit pochendem Herzen, innerlich aber tief glücklich und befreit, war sie mit der Elektrischen nach Hause gefahren.

Die nächste Zeit hatte sie dann in der gespanntesten Erwartung verbracht. Denn es war ja sicher, daß er jetzt etwas von sich hören lassen würde.

Am nächsten Morgen erhielt sie denn auch wirklich mit der ersten Post einen Brief.

Er lautete:

»Liebstes Fräulein Cäcilie! Bevor Sie etwas Voreiliges tun, drängt es mich, Ihnen zu sagen, daß ich aus tiefstem Herzen bedauere, Sie vorgestern abend so erschreckt Zu haben! – Ich füge dieser Erklärung die dringendste Bitte hinzu, mir eine neue Zusammenkunft zu gewähren. Der Gedanke, diese Angelegenheit nicht persönlich in Ordnung bringen zu dürfen, ist mir ganz unerträglich. – Nicht wahr, Sie schlagen meine Bitte nicht ab? Was ich Ihnen aber alles zu sagen habe, das kann ich Ihnen nur mündlich sagen. Es hängt alles davon für mich ab! – Und so viel, viel mehr, als ich Ihnen mit diesen eiligen Zeilen aussprechen könnte.

Ich überlasse Ihnen, mir Ort und Zeit des Zusammentreffens zu wissen zu geben. Und darf ich hoffen, Ihre Nachricht recht bald zu erhalten? – Ganz Ihr Robert Voges.«

Auf diesen Brief antwortete sie:

»Sehr geehrter Herr Voges! Ich werde diesen Sonntag um 4 Uhr nachmittags im Adelheidpark bei der großen Fontäne sein. – Cäcilie Dühring.«

Obgleich ihr das Briefschreiben nicht schwer wurde, war die knappe Zeile nur mit Mühe und nach vielen, schließlich immer wieder verworfenen Entwürfen zustande gekommen, indessen mit sorgfältigem Bedacht dann endgültig niedergeschrieben worden.

In ihrem ersten unbedachteren Antrieb hatte sie z. B. schreiben wollen, sie könnte erst Sonntag ansetzen, weil das der einzige Tag wäre, an dem sie Zeit hätte, aber dann hatte sie überlegt, daß es unter allen Umständen nicht anginge, auf irgendeine Weise den Wochentagabend zu erwähnen.

Vis zum Sonntag verbrachte sie eine sehr unruhige Woche.

Sein Brief hatte sie tief beglückt. Sein Inhalt war so gut und aufrichtig, stimmte so ganz zu dem wirklichen Eindruck, den sie von ihm hatte. Auch erinnerte sie sich des Anblicks, den er damals geboten hatte, als er auf der Straße auf sie gewartet.

Und – was hatte er an der gewissen Stelle seines Briefes da andeuten wollen? ...

Das Geld hatte sie ganz vergessen. Es lag hinten in ihrem Kämmerchen im Schubfach ihres Tischchens.

Erst als Mama ihr im Laufe der Woche wieder mit ihren Klagen über die Geldnot zusetzte, dachte sie wieder an den Tausendmarkschein und übergab ihn Mama.

Als Mama sich aber im höchsten Grade beunruhigt Zeigte, erklärte sie ihr, daß sie auf durchaus rechtliche Weise zu dem Gelde gekommen sei. Mama sollte bald alles erfahren. Und da sie Mama dabei umarmt und geküßt hatte, war es ihr auch gelungen. Mama zu beruhigen ...

»Ganz gewiß: sie ist eine Ausnahmenatur!« empfand Robert Voges, innerlichst erregt, als er sie am Sonntagnachmittag etwas nach der festgesetzten Zeit herannahen sah.

Er empfand es ein wenig im Stil des theoretisierenden Jargons, den er von seinem intellektuellen Verkehr mit den Freunden des ehemaligen Jugendbundes her gewohnt war, doch nicht ohne unmittelbarste Aufrichtigkeit. Ja sogar für einen seinen kleinen Augenblick mit einer direkten Benommenheit.

»Was für eine wunderbare Haltung!« setzte er seine Betrachtungen fort. »Nicht einen Schritt zu schnell oder zu langsam. Ganz gewiß könnte sie eine Komtesse ausstechen, denn es ist nicht Dressur, sondern köstlichste, selbstverständlichste Natur, Rasse, – Was für ein lieblicher, unbewußter Anstand. Es könnte einen von Sinnen bringen. – Herrgott, wie wunderbar unschuldig und spröd sie mir da neulich davonlief! – Die köstlichen jungen Backen! Der klare, gesund ernste, unbewußt stolze Blick! Wie ein edles, gesundes, junges Tier! Ganz klarer rassiger Trieb und Instinkt! Ihre Kleidung! – Und ihr Brief! Diese knappe, sachliche Zeile! Man könnte es unsinnig raffiniert nennen, wenn es nicht so wunderbar selbstverständliches Empfinden und Rasse wäre! So: na komm, stell' dich mal an mir auf die Probe!«

Und da geschah Robert Voges plötzlich für einen Augenblick etwas sehr Seltsames. Mit einer Art plötzlicher Hellsichtigkeit empfand er, daß diesem weiblichen Wesen vom Schicksal ein anderer Mann bestimmt war, als er einer war und jemals zu sein vermochte...

Zu gleicher Zeit aber fühlte er sich von einer jähen Angst und einer unsinnigen Eifersucht ergriffen.

Die ganzen Tage her schon hatte er es mit dieser quälenden Eifersucht gehabt.

Hundert für einmal hatte er verwünscht, was geschehen war, und hatte er sich mit den peinigendsten Selbstvorwürfen und Depressionen wegen seiner Anlage zum Mädchenjäger zugesetzt. Selbstvorwürfe, die sein Umgang mit dem Jugendbund mit sich gebracht, die aber auch einer Anlage seines von Natur nicht unkomplizierten Charakters entsprachen.

Nun, das alles hatte jetzt ein für allemal und mit einem Schlage ein Ende! Denn er war zu dieser Zusammenkunft mit dem festen Entschluß eingetroffen, um Cäciliens Hand anzuhalten...

Daß Cäcilie ihm nicht abgeneigt war, glaubte er schon bemerkt zu haben, und ihr Brief hatte es ihm zur Überzeugung erhoben. Was den etwaigen Widerstand seiner Familie anbetraf, so war er fest entschlossen, ihn zu brechen oder zu verachten...

Mit gesenktem Blick, aber in bester Haltung trat Mieze auf ihn zu.

Er zog den Hut.

»Oh, wie danke ich Ihnen, daß Sie gekommen sind!« sagte er, seine ganze Empfindung offenbarend, und hielt ihr die Hand entgegen.

Leise, für einen flüchtigen Augenblick, überließ sie ihm die ihre.

Nicht einen einzigen Blick schenkte sie ihm im übrigen. Nur als sie noch weit ab gewesen war, hatte sie einmal zu ihm herübergeblickt, die Augen dann aber sofort wieder gesenkt.

Doch sie war da! ...

Übrigens standen sie kaum eine Minute. Sie setzte sich sofort wieder in Bewegung, und er folgte ihr.

Auch das war ein Umstand, der ihn berührte.

Einige Minuten schritten sie schweigend miteinander vorwärts, den sauberen herbstlichen Parkweg hin.

Er fühlte sich in Verlegenheit, seine Worte zu ordnen.

»Ich habe Sie vorgestern erschreckt – Cäcilie«, brachte er endlich, ein merkliches gepreßtes Beben in der Stimme, hervor. »Aber, nicht wahr, nur erschreckt? – Sie – Sie sind nicht bös auf mich?«

Sie schwieg. Sie war errötet. Es war gewesen, als ob sie etwas antworten wollte, doch sie schwieg.

Die Art, wie er – sehr erregt, mit Mühe nur, und doch offenbar, um ihr eine besondere Empfindung zu bezeugen, dies »Cäcilie« ausgesprochen hatte, versetzte sie in Unruhe bis zu einer Erschütterung, die Mühe hatte, die Tränen zurückzuhalten.

Sie war schüchtern bis zum äußersten, und ihr ganzes Wesen wallte ihm entgegen. Und in diesem Zustand war sie ihm vorhin auch genaht, war sie zu dieser Zusammenkunft eingetroffen...

Aber sie schwieg ...

»Es hat mir seit jenem Augenblick keine Ruhe mehr gelassen. Glauben Sie mir, daß ich keine einzige ruhige Stunde seither gehabt habe, Cäcilie! – Wie dankbar bin ich Ihnen, daß Sie gekommen sind! Ich hätte es nie wieder überwinden können, wenn Sie fortgeblieben wären.«

Sie schickte einen bangen und zugleich tief leuchtenden Blick zu ihm auf, der, als sie bemerkte, daß Robert Voges sehr ernst, starr vor sich hin niederblickte, noch einen Augenblick verweilte, ehe er sich wieder senkte. Wieder hatte sich ihr ein Wort auf die Lippen gedrängt. Doch sie schwieg ...

»Ja, und das war es, was ich Ihnen sagen mußte!« stieß er endlich, nachdem er einige Zeit auf eine Antwort gewartet hatte, hastig, gepreßt, aber mit einer gewissen Entschiedenheit hervor.

Es blieb ein Schweigen.

»Ja!« kam es endlich leise und eilig von ihren Lippen.

»Und – wollen Sie mir noch – einige Zeit schenken?« fragte er dann mit gesenktem Blick.

»Ich ... ja«, hauchte sie.

»Hier im Park ... Es ist – so schön hier.«

»Ja.«

Sie blickte umher, und ihr Gesicht erhellte sich von einem schüchternen Lächeln.

Schweigend schritten sie weiter, sich immer mehr der Gegend beim Strom nähernd.

Schön war es wirklich.

Das Wetter war mild und hatte wechselnde Sonnenblicke, die die herbstlich saubere, graue Umgebung mit plötzlichen, zuweilen längere Zeit andauernden Goldlichtern erhellten. Dann lachten die Farben der Bäume und Büsche, das welke Laub und die schon gelichteten Zweige und Reiser und entfachten sich mit seinen Lichtdünsten, die an Frühling erinnerten.

Zuweilen hallte das Lachen eines Spechtes oder der Gesang einer Amsel in den Wind hinein, der die hohen Baumwipfel mit einem raunenden Brausen erregte, und in den Büschen ein munteres Rascheln.

Es war eine Stimmung, die den Gefühlsmenschen in Robert Voges, wie er, dieses eigenartige junge Mädchen neben sich, die einsamen Parkwege dahinschritt, mit einer Nachdenklichkeit erfüllte, die etwas Lyrisches hatte.

Er begriff sein Benehmen neulich ihr gegenüber selbst nicht mehr, so fremd war ihm der Lebemann in ihm geworden.

Es war ihm, meinte er, völlig unmöglich, sie je wieder mit den Absichten einer solchen Sinnlichkeit zu berühren.

Sie verursachte ihm ein so schönes, kaum je gekanntes Wohlgefühl mit ihrer bloßen Gegenwart ...

Sie hatten jetzt, um den Weg zur Stromgegend hin abzukürzen, eine Rasenfläche betreten und zwängten sich zwischen einem Gebüsch durch, als Miezes Hut unversehens von einem Zweig erfaßt und nach hinten vom Kopf gerissen wurde.

Als sie dann aber den Hut wieder in Ordnung gebracht hatte und ihr noch ein paar gelöste Haare um das Gesicht wehten, strich er sie ihr mit einer Behutsamkeit zurecht, die fast etwas Väterlich-Liebevolles hatte.

Sie hatte nichts gesagt; aber sie hatte errötend gelitten, was er tat, und gab ihm jetzt, als er fertig war, einen zaghaft, doch tief lächelnden Blick, in dem ein seiner, feuchter Schimmer glänzte.

Er tat ihm so gut, der Blick, daß er selbst errötete und plötzlich fröhlich wurde.

Sie waren aus dem Gebüsch heraus und im Begriff, die übrige freie Wiesenbreite zu überschreiten. Doch bevor sie das taten, blieb er stehen und sagte in dieser fröhlichen, doch jetzt ein wenig hinterhältigen, zugleich erregten Weise:

»Wir befinden uns auf einem ungewöhnlichen Wege, auf dem uns der Parkwärter nicht erblicken dürfte. Das ist, wie auch Ihr Hut bewiesen hat, eine angreifende Sache. Ich denke, wir dürfen uns deshalb, ehe wir – das weitere erledigen, erst eine kleine Erholung gestatten.«

Er hatte unter dieser Rede eine Bonbonniere aus der Seitentasche seines Ulsters hervorgezogen.

Mieze, die nicht recht wußte, um was es sich handelte, zeigte sich erst ein wenig erschrocken, schenkte der Bonbonniere jetzt aber ihre Aufmerksamkeit.

Sie war von runder Form mit Goldranken und einem reizenden Rokokobildchen darauf, alles feinste Emaillearbeit.

»Darf ich bitten?«

Er bot ihr die geöffnete Dose dar.

Sie nahm eine von den Konfitüren, die von den teuersten waren.

Auch er nahm sich eine.

Dann aber, nachdem er die Dose wieder geschlossen hatte, reichte er sie ihr hin.

»Darf ich Sie bitten, mir das Gefäß abzunehmen und es zu behalten?«

Sie sah ihm in die Augen.

Sie hatten einen guten, treuherzigen, ein wenig bangen, fragenden Blick.

»Oh. ich – soll sie behalten«, sagte sie leise verwirrt und mit einer Stimme, die von ihrem Herzklopfen bebte. »Ich – danke herzlich!«

Sie gab ihm die Hand.

Das Geschenk war mit seiner feinen Emaillearbeit ein recht wertvolles und reizendes.

Als sie es aber langsam in ihre Handtasche schob, kam es ihr für einen Moment vor, als ob die Dose schwerer wäre, als zu erwarten war. Robert Voges für sein Teil blickte zur Seite.

Er summte vor sich hin und ließ ein paar Augenblicke seinen Spazierstock im Kreise wirbeln.

Im übrigen verhielten sie sich beide schweigend.

Sie waren auf einen Weg gelangt, der frei zwischen zwei Wiesenflächen hinführte.

Über die eine hatte man den Blick auf den Platz bei dem Strom und auf den Strom selbst.

Von dem Weg zweigte sich ein anderer ab, der auf eine Anhöhe zu führte. Sie lag am linken Ende des Platzes. Ein von Gebüsch bestandener Weg führte zu ihr hinauf, und auch oben war sie von einem Kranz hohen Gebüsches umwachsen.

Mieze kannte den Platz.

Er war eine ihrer Lieblingsstellen.

Es gab eine Bank da oben, und nach der Seite des Stromes hin war die Anhöhe von Gebüsch frei, so daß man eine prächtige Weitsicht genoß.

»Wollen wir da hinaufgehen?« fragte Robert Voges etwas seltsam.

»Ja, bitte!« willigte sie leise ein.

Sie fanden die Anhöhe oben einsam. Das Wetter mit seinem Wind und seinen Wechselschauern von Licht und Dunkel mochte die Leute vom Spazierengehen abhalten.

Als sie oben angelangt waren, hatte wieder die Sonne die Oberhand gewonnen, so daß es einen schönen, klaren Blick gab, der sich auf die breite Fläche des Stromes und auf die freie Ferne hin bot, in die hinein er sich verlor.

Schweigend hatten sie sich auf der Bank niedergelassen.

Miezes Blicke hafteten an der Ferne da drüben.

Dieser Ausblick war ihr vertraut. Sie liebte ihn, weil er ihr stets den Gedanken erweckte, daß dieser große Strom dem Meer zuströmte, und daß man über das Meer in den mächtigen Weltozean gelangte und über ihn hin zu jenen fernen Ländern und Erdteilen, von denen Vater ihr erzählt hatte und die wie der seinigen, so auch der Gedanke ihrer stillen Träume und Sehnsüchte geworden waren ...

»Ich habe Ihnen noch nicht alles gesagt, Cäcilie, was ich – Ihnen sagen muß«, unterbrach Robert Voges endlich ein längeres Schweigen.

Mieze schrak auf. Unwillkürlich hatten seine Worte sie aus ihren gewohnten Gedanken aufgescheucht.

»Ich – muß Ihnen noch – dies und jenes von mir sagen. Ich habe das Bedürfnis ...«, fuhr er mit gesenktem Blick fort. »Ich – muß Ihnen noch etwas sagen, muß Sie – etwas fragen.«

Auch sie senkte die Augen. Ihre Brust ging von lebhaften Atemzügen.

»Sie müssen doch wissen, was ich – für ein Mensch bin, mit wem Sie's zu tun haben.«

Er verfolgte die Spitze seines Spazierstöckchens, mit der er im Sand irgendwelche Schnörkel zog.

»Ich bin der Sohn des schwerreichen Albrecht Voges, eines dreißigfachen Millionärs, nicht wahr?« fuhr er fort. »Ich bin aber für den Sohn eines Großkaufmannes vielleicht doch etwas aus der Art geschlagen, denn ich bekümmere mich auch noch um andere Dinge als Börsengeschäfte und Spekulationen; bin überhaupt so etwas wie ein – Gefühlsmensch.«

Das Stöckchen bekam einen ungeduldigen Stoß.

»Aber ich habe doch außerdem so gewisse Seiten. – Ich bin in meinen Kreisen sogar dafür bekannt. Mit einem hübschen jungen Mädchen nach einem Souper in einer Droschke zu fahren, ist mir eine nur zu bekannte Situation. Aber es wäre mir unerträglich, wenn Sie der Meinung wären, ich hätte mit Ihnen neulich nur auf eine solche Art und mit solchen Absichten in der Droschke gesessen. Mein Ehrenwort: das ist nicht der Fall! Sie sind mir gleich vom allerersten Anblick an so viel geworden. Und – ich bin, seit ich Sie kennengelernt habe, nicht mehr der Mensch, der ich war.«

Er schwieg.

Mieze hatte, seit er zu sprechen angefangen, ihren Blick nicht von ihm gewandt.

Sie war bleich und atmete schwer.

Als er jetzt aber schwieg, glitt ihr Blick in tiefer Ergriffenheit wieder ab.

Sie verstand nicht alles, was er gesprochen hatte, wohl aber, was er für ein Mensch gewesen und in welchem Sinne jetzt eine Umwandlung mit ihm vor sich gegangen war; und sie fühlte, daß er die letzten Tage über ernstlich gelitten hatte.

Sie dachte an Vater. Auch Vater hatte ja seine dunklen – Mama pflegte, wenn sie besonders Schlimmes von ihm auszustehen gehabt, zu sagen, schlechten Seiten gehabt: aber Mieze hatte von jeher begriffen, daß Vater nur deshalb so gewesen war, weil er im Leben nicht den Platz hatte einnehmen dürfen, den er seinen Trieben und Fähigkeiten nach eigentlich hätte beanspruchen können. Gerade seiner »schlechten Seiten« wegen, wie Mama es nannte, hatte sie daher Vater so liebgehabt und sich von jeher zu ihm so hingezogen gefühlt. Gleich von vornherein hatte sie ja aber Robert Voges mit Vater verglichen und den Eindruck von ihm empfangen, daß er genau solch ein Mann sei wie Vater.

Mit einem innersten Beben saß sie jetzt da und wartete, was er weiter sprechen würde ...

Sie fühlte mehr, als daß sie es genau sah, wie sein Blick jetzt den Ausdruck einer festen Entschlossenheit gewann.

Endlich sprach er weiter.

»Cäcilie! Ich bin – hierhergekommen, um – um dir meine Hand anzubieten! Ja, meine Hand! Willst du – willst du meine Frau werden?«

Mieze war außerstande, auch nur ein Wort hervorzubringen.

»Aber... Wenn Ihre Eltern doch...«, flüsterte sie endlich.

»Cäcilie! Ich habe mir nach jeder Richtung hin überlegt, was ich dich frage. – Wie ich meine Eltern kenne und wie bei uns zu Hause die Umstände liegen, so werden sie mir ein ernstliches Hindernis nicht in den Weg legen. Wenn es aber doch der Fall sein sollte, so wäre ich fest entschlossen, dich auch gegen ihren Willen zu heiraten. – Die Hauptsache ist, ob du mich – magst. Wie?! – Nun?! – Cäcilie!«

Sie hatte kaum die Kraft, bejahend zu nicken.

Im nächsten Augenblick hatte er sie an seine Brust geschlossen.

Als er sie aber küßte, fühlte er sich plötzlich fest von ihr umschlungen und fühlte einen so feurigen Kuß, daß es ihn ganz verwirrte.

Sie aber warf nach diesem Kuß, ohne ihn loszulassen, das Gesicht zurück und sah ihm tief in die Augen.

In ihren Augen standen zwei Tränen, und um ihren Mund war ein Lächeln.

Wohl eine Minute lang blickte sie ihm solchermaßen stumm in die Augen.

»Herrgott, das ist Liebe!« dachte er unwillkürlich.

Fast war es wie Schreck, fast ein Bangen, was ihn da überkam.

Er hatte nicht im entferntesten geglaubt, daß sie nach allem, was sich zwischen ihnen ereignet hatte, einer solchen unmittelbaren Äußerung ihrer Leidenschaft fähig sein könnte ...

Um seine Verwirrung zu verbergen, schloß er sie noch einmal in die Arme ...

Als ihre Stimmung dann aber eine gleichmäßigere geworden war, forderte er sie, den Arm um sie gelegt, auf:

»Hol' doch mal deine Bonbonniere vor, Herzchen, und mache sie auf.«

Sie tat, wie er sie bat.

»Nimm doch mal die Konfitüren fort und hole das, was in Seidenpapier drunterliegt, vor.«

Sie tat, wie er sagte, und entfernte das Seidenpapier.

Es war ein schwergoldenes Armband mit drei Diamanten, was zum Vorschein kam; ein großer Diamant in der Mitte und ihm zur Seite je ein kleinerer.

Vor Freude stieß sie einen hellen Jubelschrei hervor.

»Gib doch mal!« bat er.

Als sie ihm das Armband aber überreicht hatte, hakte er es auf und legte es ihr um das Handgelenk.

Darauf aber hakte er das schlichte Jettarmband, das sie trug, los und sagte:

»Und das gibst du mir. Es soll mir ein ewiges Andenken an diese Stunde sein.«

Er ließ es schnell in der inneren Seitentasche seines Ulsters verschwinden ...

*

 << Kapitel 4  Kapitel 6 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.