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Ein freies Weib

Johannes Schlaf: Ein freies Weib - Kapitel 2
Quellenangabe
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typefiction
authorJohannes Schlaf
titleEin freies Weib
publisherErnst Keils Nachfolger (August Scherl) G.m.b.H.
printrunFünftes bis neuntes Tausend
year1922
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In einen dröhnenden Frühjahrssturm hinein hatten sie Vater zu seiner letzten Ruhestätte hinausgefahren.

Langsam hatte sich vor nicht ganz zwei Stunden, kurz nach drei Uhr nachmittags, der kleine schwarze Leichenzug die endlos lange Vorstadtstraße hinaufgeschoben, die zu dem an ihrem äußersten Ende gelegenen Friedhof hinausführte. Mitten hinein in das unaufhörliche, in seiner Gewalt fast schrecklich anzuhörende Dröhnen und Sausen; denn der Sturm war dem Zuge vom oberen Ende der Straße her gerade entgegengebraust.

»Vater würde wohl seine Freude haben, wenn er den Sturm hören könnte«, dachte Mieze, die sich jetzt mit Frau Dühring, ihrer Mutter, und ihrer dreizehnjährigen Schwester Fanny auf dem Heimweg vom Friedhof befand.

»Auch über Gewitter hat er sich ja so gefreut; und gerade wenn sie am schlimmsten waren und alle sich fürchteten.«

Ein sonderbares, plötzlich aufquellendes Mitleid hob ihr den jungen Busen, zwei Tränen traten ihr in die Augen, und vielleicht zum erstenmal in ihrem Leben mit solcher Bewußtheit verfiel sie in ein Nachdenken, was Vater doch für ein merkwürdiger Charakter gewesen war ...

Der Sturm raste mit unverminderter Gewalt weiter.

Die breite Mittelallee, die beiden Fahrdämme und die Trottoirs wie die Tünche der öden drei- und vierstöckigen Vorstadtmietkasernen zeigten noch streifige und fleckige Spuren und stumpfglastende Tümpel von den heftigen Regengüssen der letzten Tage, die bis heute mittag, wo der Sturm sich erhoben hatte, angedauert und die der Sturm jetzt wegtrocknete, so daß Erdreich und Pflaster schon allenthalben mit einem frischen, sauberen Grau hervortraten.

Ungeheuere dunkle Wolkenungetüme mit grotesk wilden Formen, dicken gelblichen Bäuchen und fetzigen Säumen, die, mit wunderlichen, soffitenartig schräg schleifenden Bildungen darunter, zuweilen in einem schmutzigen Rotbraun düsterten, zuweilen aber ein gespenstig fahles Hellgrau zeigten, rasten so tief am Himmel hin, daß es etwas Ängstigendes hatte, als könnten sie jeden Augenblick herabsinken und alles erdrücken. Zu unterst aber fuhren dann ab und zu mit noch wilderer Hast langhingezogene dünne weißliche Fetzen und Streifen und polypenartige Gebilde dahin.

Ihrer ganzen Ausdehnung nach war die Straße in ein trübes Dämmerlicht getaucht. Manchmal aber trieben besonders unheimliche, blauschwarze Wände herauf; und dann wurde es minutenlang ganz und gar Nacht.

Doch war die Stimmung eigentlich nicht gerade unheimlich. Denn es gab Augenblicke, wo das Gewölk flach und schimmernd weiß wurde; und in solchen Stellen konnte wohl sogar ein Riß sein, durch den ein wunderbarer reiner blauer Himmel hindurchsah. Auch hielt die Atmosphäre einen laufrischen Ozon, der hier draußen in der Vorstadt mit ihrem ewigen Kohlenqualm eine große Seltenheit bedeutete und der einem angenehm in die Lungen und in das Blut drang, daß es wie mit einem elektrischen Prickeln über den Leib ging, und es war, als dehnten sich einem die Glieder.

Man mußte unwillkürlich an Sonne denken, und die Luft schien einen Ruch wie von Hyazinthen und Narzissen zu hauchen und heimlich mitten durch das schreckliche Donnergetöse hindurch wie von einem hellen, klingenden Metall, wie von munter klingelnden Triangeln zu tönen. Mit Wohlbehagen empfand die Haut die Berührung der straff dahersausenden, rauhfrischen und zugleich laulichen Luftsträhnen. Und fast konnte man, ob man wollte oder nicht, seinen Spaß daran haben, wenn man fortwährend auf der Hut sein und mit jeder Bewegung sich gegen die stauenden, zupfenden, zausenden Unbequemlichleiten und den lustig ungefügen Mutwillen wehren mußte, der sein Wesen mit einem hatte; den Kopf vorgebeugt, die Lippen fest geschlossen und in den Augen eine blitzend angestrengte Spannung, die wie Lachen ist ...

Ein ohrenbetäubendes Getöse, mit allerlei durcheinanderfahrenden Lauten, die aus ihm hervorgellten. Das schallende Gedröhn eines im Galopp vorüberrasselnden leeren Lastwagens, als ob mitten in dem Aufruhr irgendwo ein Stück Welt zusammenbräche. Das träge Geknarr eines anderen Lastfuhrwerkes, das Rattern einer Droschke verschärften sich zu schreckenden Rätsellauten. Dazwischen plötzlich jähe Schreie, wenn Leute sich einander etwas zuriefen und dabei ihre Stimmen bis zum äußersten anstrengen mußten, um sich zu verstehen. Spielende Straßenkinder, die vor unbändiger Lust an dem Sturm kreischten. Besondere pfeifende, winselnde, singende, lachende, wildrufende und jauchzende, grölende Sturmstimmen, die sich aus dem eintönig donnernden Brausen der großen Eschen hervorhoben, die die Mittelallee flankierten. Das Krachen eines herabstürzenden Dachziegels wohl auch, der auf dem Trottoir oder dem Fahrdamm zerschellte. Das dumpfgrell metallische Geräusch eines losgerissenen Stücks Dachrinne, das herabpolternd oder hängend beständig gegen eine Hausfassade anschlug. Dazu ein wirbelndes, fegendes Durcheinander von morschen Aststücken und Reisern, die von den noch kahlen Baumkronen herniederflogen.

Wie man, vor sich niederblickend, die Hände fortwährend mit der Kopfbedeckung und der Kleidung beschäftigt, fast gar nicht sah, wo man sich befand oder was um einen her vor sich ging, wußte man nicht all die ununterbrochen durcheinandergewirrten Einzelheiten dieses Tumultes auseinanderzuhalten und fühlte sich ihnen gleichsam auf gut Glück hingegeben; fühlte sich wohl mit einem erwartungsvollen Bangen in einer fremden Welt, in der irgend etwas im Werden ist, irgendein Umbau, eine Umgestaltung sich vollzieht, daß es einem zuweilen wohl gar einen ernstlichen Schreck verursachte. – Vom Boden auf aber und von den großen, dunklen, von eingesaugter Feuchte noch schwarzen Baumstämmen her dunstete ein dumpfer Wasserruch, der etwas von dem nicht unangenehmen Geruch schwarzer, chinesischer Tusche hatte und der wie der Hauch eines fühlbaren Quellens und Sichdehnens war ...

Mieze ging mit Mutter, deren Arm sie genommen hatte, weil sie in ihrer Trauer ganz in sich zusammengebrochen war und obendrein an rheumatischem Reißen litt, und mit Schwester Fanny, in der Mittelallee. Hier war man vor etwaigen herabstürzenden Dachziegeln sicher.

Sie dachte daran, wie der Leichenzug vorhin Schritt für Schritt, tiefer und tiefer, näher und näher in das große feierliche Getöse sich hineingeschoben hatte, als sollten sie da draußen am Ende der langen, langen, abscheulichen alten Straße an ein Ziel und eine Stelle gelangen, von wo dieses große Brausen ausging, und wo man alles das schon sehen, erkennen und verstehen sollte, was es wollte und daherbrächte: all die Ahnungen von nahenden Strahlenfluten, Wärme, von Laub und Blumen, Jubel, Lachen, Vogelliedern und tausend frischem, neuem Leben ...

Wenn aber dies große Brausen und wenn die schöne, wohltuende Frische, die in der Luft war, durch die Poren und Fugen des Sarges auch zu dem toten Vater hineindrang – und das tat es ja sicher und gewiß –, und wenn der Vater, der sich nun da drinnen in seinem Sarg ausdehnte, es in sich aufnahm, und wenn er es von jetzt ab, wo er tief unten in der braunen, vom Frühling treibenden Erde lag, noch viel inniger in sich aufnahm, so mochte Vater sich wohl freuen ...

Diesen klugen und etwas dichterischen Gedanken hatte die achtzehnjährige Mieze.

Sie hatte oft solche Gedanken. Und sie verstand auch genau, warum Vater sich freuen und sich erlöst fühlen würde, wenn er jetzt so in alle Elemente und in ein ganz neues Leben hineinginge und eine neue Gestalt bekäme und zu einem neuen Dasein erwachte, in dem er sich dann so recht nach Herzenslust rühren konnte: wie er es immer so gern gemocht und doch, aus Gründen, nie gekonnt und gedurft hatte, weshalb er ja sein Lebtag über so tief unglücklich gewesen war. Noch niemals hatte sie das so klar eingesehen wie in diesem Augenblick: so tief unglücklich ...

Aber auch über die Ursachen war sie sich im klaren. Und sie war sich nur zu sehr bewußt, daß sie eine dieser Ursachen, und wohl die Hauptursache, hier an ihrem Arm führte, mit ihrer schönen, aufrechten Gestalt hoch über die kleine, verkümmerte, in ihrem Leid und in der nun über sie hereingebrochenen Sorgenlast doppelt niedergebeugte Mama hinausragend ...

Karl Dühring, Miezes Vater, war vor ein paar Tagen, nicht ganz achtundvierzig Jahre alt, an einer schweren Influenza, die dann in eine tödliche Lungenentzündung ausartete, gestorben.

Er war hier draußen in einer kleinen Vorstadtfabrik erster Buchhalter gewesen: eine Stellung, die er fast zwei Jahrzehnte hindurch versehen und bei der er sich kaum auf dreihundert Mark im Monat gestanden hatte.

Eine derartige untergeordnete kaufmännische Stellung hatte Vater in früheren Jahren aber wahrhaftig nichts weniger als sein vorgestecktes Lebensziel bedeutet, wie Mieze seinen verbitterten Reden und Klagen die Jahre her und seinen ewigen Streitigkeiten mit Mama hatte entnehmen müssen.

In keiner Hinsicht. Denn erstens entstammte er einer angesehenen, wohlhabenden Familie; außerdem war er ein stattlicher, gesunder, reichbegabter, feuriger, heißblütiger Mann gewesen und in seinen jungen Jahren von einer weitausgreifenden Unternehmungslust.

Zuweilen hatte er Mieze, als sie schon erwachsener war. und als er merkte, daß sie ihm gern zuhörte, darüber erzählt; wohl zu seiner Freude und Erleichterung. Und Mieze war es dabei zumute gewesen, als wenn ihr die herrlichsten Märchen erzählt wurden.

Von den fremden Erdteilen hatte Vater ihr erzählt, von den nordafrikanischen, asiatischen, südamerikanischen und australischen Hafenplätzen; von den großen Dampfern und Handelsschiffen, die nach allen Richtungen zu diesen Häfen hin und von ihnen zu uns zurück nach Europa über die Ozeane fahren. So lebhafte Schilderungen hatte er ihr von all diesem großen überseeischen Leben entworfen, daß sie sich ganz und gar mitten in die fremden Welten hineinversetzt gefühlt hatte; und in ihr selbst hatte sich eine unbändige Sehnsucht nach jenen Herrlichkeiten geregt und mit leuchtenden Augen an Vaters Gesicht hängend, hatte sie ganz sicher und gewiß gewußt, daß ihr vor all den Gefahren und Mißhelligkeiten, die man bei solchen Fahrten und Unternehmungen zu bestehen hatte, nicht bang sein, sondern daß sie Vater dorthin begleitet haben würde.

Ja, dorthin hatte er, als er noch ein junger Mann war, sich gesehnt; all den Gefahren von Meerwogen, Fieberlüften und wilden dunkelhäutigen Menschen Trotz zu bieten und in seiner feurigen Tatkraft sich mit ihnen abzuringen und in den großen kaufmännischen Betrieben jener fremden Länder sein Glück zu machen und seine Befriedigung zu finden.

Dann aber hatte er damals Mama kennengelernt; und er hatte sie, was Mieze freilich nicht begreifen konnte, so gern gehabt, daß er um ihretwillen all seinen Plänen entsagte. Dunkel begriff sie allerdings – und das war ihr ein seltsames Gefühl –: dunkel begriff sie, daß Mama als junges Mädchen sehr schön gewesen sein mußte, schöner als sonst so leicht ein Weib; denn hübsch war sie sogar auch jetzt noch, trotzdem sie so viel Kinder gehabt und trotzdem ihr die Hälfte davon wieder gestorben waren und ihre Ehe mit Vater jahraus, jahrein eine so unglückliche und leidensvolle gewesen war. Und dann hatte sie sicher Vater auch sehr liebgehabt; und sanftmütig und zutunlich war sie sicher auch gewesen. Aber trotzdem konnte sie nicht zu Vater gepaßt haben; denn sie stammte aus einer ganz einfachen Familie, für die es schon viel zu bedeuten gehabt, daß Mama es als heiratsfähiges Mädchen bis zur besseren Stütze der Hausfrau gebracht hatte.

Vater hatte damals, als er Mama geheiratet, ein Geschäft eingerichtet. Das Geld dazu hatte er von seiner Mutter bekommen. Großvater war schon tot gewesen.

Die ersten Jahre war das Geschäft auch recht gut gegangen. Es war ein Engrosgeschäft gewesen, nicht solch ein kleiner Krämerbetrieb, und Vater hatte sich regen können. Er war in den ersten Jahren mit Mama auch glücklich gewesen. Aber auf die Dauer hatte er sich dann doch nicht wohlfühlen können. Und dann war das Unglück hereingebrochen. Vater hatte sich nicht mehr recht um das Geschäft bekümmert, hatte immer nur drauflos gelebt und das Geld mit beiden Händen ausgeschüttet. Dann mußte Mama ihm wohl so in ihrer zaghaften Weise, die Vater für den Tod nicht ausstehen konnte, Vorhaltungen gemacht haben, und dann hatte er's erst recht toll getrieben, als ob ihm weder sein Ruf als Kaufmann noch selbst sein Leben mehr etwas wert gewesen wäre.

So war das Geschäft in Verfall geraten. Ein paarmal hatte Großmama Vater noch aus der Verlegenheit gerissen, aber schließlich hatte sie nichts mehr zu geben gehabt, und Vater hatte Bankerott gemacht. Bald darauf war Großmama vor Gram gestorben.

Das hatte Vater dann wohl wieder zur Besinnung gebracht und auch der Gedanke an die unversorgten Kinder. So war er denn hier Buchhalter geworden.

Gewundert hatte Mieze sich, warum Vater, da er doch nur immer in Unfrieden mit ihr lebte, sich von Mama nicht getrennt hatte. Statt dessen hatten sie noch die vielen Kinder miteinander gehabt.

An das alles dachte sie, während sie so mit Mama die Straße hinabschritt. Über die bevorstehende Notlage machte sie sich dagegen nicht besonders viel Sorge.

All ihre Gedanken gingen nur immer auf diesen wunderlichen, halb und halb dichterischen Wegen. Fast fühlte sie gar keine Trauer. Nur so eine leise sonderbare Wehmut, unter der ihr manchmal war, als ginge Vater unsichtbar neben ihr her, und als hörte sie aus dem Sturmgebraus hervor seine schöne, tiefe, lebhafte, männliche Stimme, die doch manchmal einen so ergreifend zärtlichen Ton haben konnte, daß es ihr bis ins innerste Herz gedrungen war ... Obgleich sie Vaters Wesen durchaus nicht immer gemocht und es ihr oft ganz unverständlich gewesen war, wunderte sie sich sogar, daß er ihr mit einemmal, gerade von dem Augenblick ab, wo sie den Friedhof verlassen hatten, so nahe war und ihr all diese Gedanken so lebhaft aufregte. Denn oft war er unleidlich, geradezu roh und, was sie am tiefsten befremdet hatte, zynisch gewesen. Überhaupt hatte er in der Regel schlechte Laune gehabt, war zu ihr und den Geschwistern barsch und unfreundlich gewesen, wenn sie freilich auch ganz genau gewußt hatten, daß er sie alle sehr lieb hatte, und daß er gerade auch Mama nach wie vor im Grunde sehr lieb hatte, wenn Mama mit den Jahren auch immer weinerlicher und kränklicher und wohl sogar ein bißchen schwachsinnig geworden war.

Mieze blickte zu ihr hin. Mama trippelte, wie von einer harten Faust ganz vornübergeduckt, mit hastig ängstlichen Schritten, auch noch von dem entsetzlichen Sturmgebrause geängstigt, vorwärts. Sie ächzte und antwortete hin und wieder mit weinerlicher Stimme irgend etwas dem alten Anton, dem Hausdiener und Faktotum der Fabrik, der sich ihnen auf dem Heimwege angeschlossen hatte und, da er sehr redselig war und Vater sehr liebgehabt und verehrt hatte, fortwährend, um sie zu trösten und zu zerstreuen, mit seiner knarrenden, brodelnden Baßstimme auf sie einredete.

Mieze fand es störend, daß er sich noch nicht verabschiedet hatte und fortwährend so auf Mama losredete und sie bloß noch unruhiger machte.

Endlich verabschiedete er sich aber bei einer der Querstraßen, wo die Fabrik gelegen war, doch, und Mieze war mit Mama, Fanny und ihren Gedanken wieder allein.

Sie schwieg. Auch Mama sagte weiter nichts, sondern ächzte nur manchmal ihrer rheumatischen Belästigungen wegen vor sich hin.

Nach einiger Zeit bogen sie von der Mittelallee ab über den Fahrdamm hin eine andere Querstraße ein.

An der rechten Ecke ragte ein hohes, entsetzlich nüchternes und rauchgeschwärztes Backsteingebäude, von zwei großen und zwei kleineren, oben schwarz gerußten Fabrikschornsteinen überragt. Die vielen Fenstervierecke waren hell vom elektrischen Licht, und man sah in ihnen die schwarzen und stahlblanken Glieder der Maschinen sich im Takt hin und her bewegen und vernahm in das Brausen des Sturmes hinein ihr dumpfes, stampfendes Getöse und allerlei scharf kreischende und quietschende metallische Laute.

Die Musik haben wir nun jahrelang tagaus, tagein gehört, dachte Mieze und schickte einen unlustigen und zugleich trotzig entschlossenen Blick zu dem gräßlichen düsteren Gebäude hinüber.

In dieser Querstraße wohnten sie. Gerade dem entsetzlichen schwarzen Kasten von Fabrik gegenüber.

Langsam bog sie mit Mama und Fanny, welche Mama auf der anderen Seite unter den Arm gefaßt hatte, in die Straße ein.

Die Straße war schmal und hatte meist dreistöckige Häuser, die nicht mal Balkone hatten, sondern mit ihren flachen Wänden wie mit zwei steilen, rauchgeschwärzten, glatten Mauern endlos sich in die frühe Dunkelheit und ihre Dünste hinein verloren.

Ein paar Gaslaternen, die jeden Augenblick vom Sturm zu erlöschen drohten, gaben ein unstetes, in seiner grellen, zuckenden Unruhe unheimliches Licht. An den Fassaden hin toste und schrie der Sturm in diese abscheuliche Schlucht von Vorstadtstraße hinein, zwischen deren schlechtem Pflaster selbst sich Ruß und Kohlendunst mit schwarzen Fugen eingefressen hatte.

Wahrscheinlich auf dem Fabrikhofe heulte ein großer Hund, der sich wohl vor dem Sturm fürchtete und sich langweilte. Ein Stück weiter in die Straße hinein kam ein altes Arbeiterweib aus einem Fleischerladen heraus. Sie trug einen großen Topf, den sie sorgfältig mit beiden Händen vor sich hin hielt. Sie hatte sich wohl Metzelsuppe geholt. Solch eine dünne Brühe, kaum mit ein paar knappen Fettaugen drauf, die man bei dem Fleischer, wenn Schlachttag war, umsonst bekam und die die Arbeiter und armen Leute zu ihren Abendkartoffeln essen.

Sonst war keine Menschenseele zu sehen. Aber die Leute hatten die Lampen angezündet, und von all den vielen öden Fenstervierecken dunstete ein ruhigeres Licht auf die Straße hinaus ...

*

»Ach, Gott Lob und Dank, daß wir zu Hause sind!« weinte Mama hervor. »Ach, ich hätt' es ja nicht mehr ausgehalten mit meinen Schmerzen!«

»Aber siehst du, warum bist du auch nicht zu Hause geblieben, Mamachen!« warf Mieze ihr, doch ruhig und teilnehmend, vor.

Ihre schöne volle Altstimme, die doch noch irgendeine allerliebste Schattierung vom Backfisch hatte, schien Mama ein wenig zu trösten.

»I Gott, wie konnt' ich denn!« sagte sie und fing an, bitterlich zu weinen.

Sie waren beim vierten Hause linker Hand angelangt, wo sie im Zweiten Stockwerk wohnten.

Gerade vor dem Hause stand eine Gaslaterne, die ihren trübflackernden Lichtreflex über eine abscheulich graue, hier und da schadhafte Tünche zucken ließ.

Mieze hob, während sie noch ein paar Augenblicke rasteten, damit Mama sich, bevor sie die Stufen zur Haustür hinaufstiegen, noch ein wenig vom Sturm verschnaufe, das Gesicht zur Wohnung hinauf. Unbehagen ergriff sie und eine plötzliche Rührung, als sie die schwarzen Fenstervierecke sah, hinter deren Scheiben man leise, leise, wie etwas Gespenstisches, mit einem mehr geahnten Grau, starr und still die Gardinen sah.

Eine wunderliche kleine Angst überwältigte Mieze für einen Augenblick, als könnte da oben in der einsamen, dunklen, kalten Wohnung Vater hinter den schwarzen Scheiben stehen und auf sie herabblicken. Denn jetzt erst, wo sie hier vor dem Hause standen, indem er bis vor wenigen Wochen jahraus, jahrein täglich aus und ein gegangen war, erschien es ihr unmöglich, daß er nun so mit einemmal für immer fort sein sollte ...

Endlich traten sie ein.

Ein trübes Küchenlämpchen hing an der kahlen, grauen Wand und zeigte die Dunkelheit und Unfreundlichkeit des schmalen Hausflurs.

Langsam klommen sie und stumm, Mieze mit Fanny die jetzt völlig erschöpfte Mama stützend, die zwei gräßlichen, steilen, schmalen Holztreppen hinauf, die man heut nachmittag mit Müh' und Not den großen Sarg mit dem schweren Mann darin heruntergezwängt hatte.

Und dann befanden sie sich auf dem düsteren kleinen Treppenflur vor der Entreetür, die mit ihren Glasscheiben und dem weißen geblümten Vorhang dahinter sie stumm und fremd, wie mit großen, todleeren Augen anstarrte, daß Fanny und auch Mieze bang wurde.

»Mieze,« bat Fanny mit Zitternder Stimme, »steck' doch deinen Taschenbrenner an! Es ist ja stockfinster drin ...«

Mieze antwortete nicht, schob mit bebender Hand den Schlüssel ins Schlüsselloch und öffnete. Dann aber, wie sie in dem stockdunklen Entree waren, in das von den Zimmern her das Tosen des Sturmes drang und in dem sich, von der feuchten Frühjahrsluft, allerlei kleine tickende und knackende Laute regten, zog sie schnell ihren kleinen elektrischen Taschenbrenner hervor und entfachte sein Licht.

Doch Mama kümmerte sich nicht um das Licht. Sie ging an der Wohnstube, anstatt hier, wo es warm war, einzutreten, vorbei auf die gute Stube zu, öffnete und trat, ohne daran zu denken abzulegen und ihren Mantel an die Entreeknagge zu hängen, mit einer gewissen, stumm verlorenen Langsamkeit ein, die Mieze bang machte.

»Hier, nimm den Brenner!« flüsterte sie Fanny zu »Geh' mit, daß Mama nicht da drin im Dunkeln ist. Ich geh' in die Küche und stecke die Lampe an.«

Dann eilte sie leise, während Mama und Fanny in die gute Stube eintraten, in die Küche.

Aus dem Zimmer, in das das Licht der Gaslaterne hereinzuckte, drang den beiden spürbar ein kalter, feuchtlicher Luftzug entgegen, der durch die Fensterriefen hereinkam und einen Ruch von Blumen und Tannengrün erregte.

Hier hatte Vater heute aufgebahrt gestanden, und um ihn herum hatten die Kränze und Blumenspenden gelegen, nach denen es nun noch roch.

Jetzt aber war der mäßig große Raum so wunderlich leer und starrte so seltsam, wie von irgendeiner fremden geisterhaften Gegenwart ...

Mama sank völlig erschöpft auf das Sofa, blickte auf die Stelle, wo mitten im Zimmer der Sarg gestanden hatte, und weinte.

Fanny stand vor ihr mit dem Taschenbrenner. Auch ihr rollten jetzt dicke Tränen die Wangen herunter. Aber sie nahm sich in acht, daß sie nicht laut weinte, sondern sah nur, während ihr die Lippen leise zuckten, mit großen, mitleidig ängstlichen Augen auf Mama nieder. Gern wäre sie zu ihr gegangen, um sich ihr anzuschmiegen und sie zu trösten, aber sie hatte Angst, daß dabei der Brenner ausginge und sie dann mit einemmal im Dunkeln wären.

Aber da kam schon Mieze mit der Petroleumlampe, und nun war es mit einemmal schön hell und klar im Zimmer.

Mieze trug die Lampe still zu dem großen Sofatisch hinüber, der des Sarges wegen beiseitegerückt worden war, und stellte sie leise dort nieder. Dann schickte sie einen forschenden Blick zu Mama hinüber.

»Wieviel graue Haare sie schon hat!« dachte sie. »Man sieht, daß es in den letzten Wochen noch mehr geworden sind.«

Aber dann ängstigte und rührte es sie, daß Mama fortwährend so still weinend da vor sich hin mitten ins Zimmer starrte. Fanny hatte sich zu Mama gesetzt, sich an sie geschmiegt und sprach zu ihr. Auch Mieze trat jetzt zu ihr hin und beugte sich still zu ihr nieder.

»Mamachen! Willst du nicht ablegen, und wollen wir nicht lieber 'nüber in die Wohnstube gehn? Es ist ja so kalt und zugig hier«, sagte sie liebkosend.

Mama hob ihr verweintes, bleiches Gesicht zu ihr empor und blickte sie an. Mieze hatte sehr reiches, ungewöhnlich schönes, so selten licht weizenblondes Haar, das ihr in köstlichen Krauslöckchen aufgewellt um die klare weiße Mädchenstirn stand.

Wie ganz diese Stirn noch eine unschuldige Kinderstirn war!

Und die schönen, unschuldig klaren Wangen, weichflaumig lind wie Pfirsichhaut. Der gesunde rosige Hauch drüberhin. Der kleine rote Mund, der wie eine Rosenknospe geschwellt war. Die seine Nase. Und die herrlichen, klugen, kindlich klaren, tief veilchendunkel wirkenden Augen.

Was das Kind für eine seltene Schönheit war!

Eine Schönheit. – O Gott, auch sie war damals eine – Schönheit gewesen! ...

»Meine Mädels! Meine Mädels!« rief sie, während ihre Trauer in einer Rührung aufatmete und wieder zu sich selbst kam und sie einen liebevollen, lächelnden Blick von Mieze zu Fanny und von Fanny zu Mieze schickte, nach ihren Händen griff und sie mit einem warmen Ruck drückte.

»Ja, ja! Ihr armen Kinder! Laßt uns 'nübergehn. Das ist ja nichts für euch, in dem leeren kalten Zimmer hier!«

Mit einer entschiedenen Bewegung erhob sie sich und, ihre Hände noch immer haltend und drückend, trat sie mit Mieze und Fanny langsam in das Wohnzimmer ein, während Mieze die Lampe trug ...

Sie war so weit zu sich gekommen, daß sie sich jetzt auch Hut und Mantel abnehmen ließ, die Mieze hinaus in das Entree trug.

»Setz dich doch in deinen Ofenstuhl, Mammi!« sagte Mieze, als sie aus dem Entree zurückkam. »Wir setzen uns zusammen hier an den Ofen. Wir sind ja alle von dem Sturm durchfroren. Komm, Fanny, wir tragen den Tisch an den Ofen!«

Sie ging mit Fanny zu dem Tisch hin, sie trugen ihn an den Öfen heran und setzten dann die Lampe drauf.

»Und nun koch' ich uns draußen erst einen guten Kaffee«, sagte sie dann, befriedigt, als Mama sich in ihren Lehnstuhl niedergelassen hatte und mit einem müden Lächeln über die dunkelgrüne, saubere Tischdecke hinblickte, die ihr wohl, mit der Ofenwarme, ein unwillkürliches Behagen verursachte.

»Und essen wollen wir denn doch auch etwas«, sagte sie, während sie sich hinaus in die Küche begab.

Nachher brachte sie es richtig so weit, daß Mama eine Tasse Kaffee trank und etwas aß. Auch sie selbst aß und trank, und besonders Fanny. Das arme Kind hatte vor Aufregung den ganzen Tag über noch so gut wie gar nichts zu sich genommen.

Schließlich gab Mama sich sogar einen Stoß und nahm ihren Strickstrumpf vor, und Mieze wußte ein leidliches Gespräch über möglichst gleichgültige Dinge in Gang zu bringen ...

*

Später, nachdem sie noch dafür gesorgt hatte, daß Mama der todmüden Fanny wegen, die sich aber nicht allein im dunklen Schlafzimmer zu liegen traute, früher zu Bett ging, wo sie, endlich von ihrer Erschöpfung überwältigt und von dem Beisammensein am Ofen beruhigt, auch gleich in einen guten festen Schlaf sank, begab Mieze sich hinter in das Kämmerchen, das ihr zum besonderen Schlafraum überlassen war.

Der Himmel hatte sich etwas aufgeklärt. Zwischen weiten Wolkenmassen trat der Vollmond hervor und füllte den engen Raum mit wechselnden Lichtschauern, so daß es hinreichend hell war.

Mieze, die das Bedürfnis fühlte, noch aufzubleiben und ihren Gedanken nachzuhängen, ließ ihre Kerze unangezündet, setzte sich auf den Stuhl beim Fenster und blickte, den Kopf aufgestützt, hinaus.

Wieder gab sie sich dem Laut des Sturmes hin, der ihr den ganzen Nachmittag über so ungewohnte, ganz neue Gedanken gegeben hatte.

Seine äußerste Gewalt hatte sich gelegt. Auch die schweren dunklen Wolken waren seltener geworden. Schneeweiße, vom Mondglast durchleuchtete Massen zogen jetzt am Himmel hin, oder lange weiße Flächen, die hin und wieder eine lieblich traumhaft geträufelte Bildung zeigten.

Und es gab auch immer mehr ganze große Strecken von reinem Blau. Bald auch gruppierten sich wunderliche, märchenhaft schöne, hohe, stille Gebilde um den Mond herum, der sie mit den köstlichsten, zartesten Farben durchhauchte, daß es da oben war wie feierlich liebliche Krokus- und Hyazinthenbeete eines überirdisch schönen, himmlischen Gartens um traumhafte Feenschlösser herum. Die so hoch, so hoch waren und so wunderbar still und vornehm schimmerten ...

Auch die Nachbarschaft da unten war hier eine ansprechendere.

Zwar Fabrikschlote gab es auch hier, die gab es hier draußen in der Vorstadt überall: aber die Häuserwände, auf die man zur Rechten blickte, waren ihrer ganzen Länge nach jetzt von einem märchenhaft schönen Mondglast gelichtet, dessen stiller Schimmer auch in den schwarzen Fenstern lebte; und dann sah man hier über eine ganze Flucht von Gärten hin, die jetzt schon sauber zu werden anfingen und unter ihren Bäumen und Büschen das erste junge Rasengrün, am Tage wohl auch schon die ersten weißen und bunten Tupfen von Märzglöckchen, Gänseblümchen und Krokus zeigten.

Sie ließ ihre Blicke an den himmlischen Feenschlössern da oben haften.

Sie gefielen ihr. Sie taten ihr so gut. Soviel schöne Sachen ließen sich bei ihrem Anblick träumen.

Und mit aller Begier und Sehnsucht liebte sie alles, was schön war. Mit schönen Prinzen und Damen in herrlichen Toiletten, von denen sie jede Einzelheit kannte und mit dem richtigen Namen zu nennen wußte – wie sehnte sie sich, gleichfalls solche herrlichen Kleider und solchen Schmuck tragen zu können –, konnte sie diese Schlösser da oben bevölkern, die dabei ganz unversehens zu wirklichen wurden.

Eine heiße Sehnsucht, die ganze Macht eines starken unbewußten Triebes stieg in ihr auf, machte ihr das Herz schlagen, trieb ihr das Blut in die Wangen und machte ihr die Augen leuchten.

Und da geschah es, daß sie zum erstenmal auf den Gedanken kam, daß sie ja nun frei war und tun und lassen konnte, was sie wollte und was ihr beliebte ...

Und dieser Gedanke war wie ein tiefes Aufatmen ...

Jahraus, jahrein der ewige Streit zwischen Vater und Mama; Vaters Roheiten gegen Mama, seine fortwährende schlechte Laune, sein wortkarges, barsches Wesen und sein starrer Wille, der kein Nachgeben kannte und nicht den leisesten Widerspruch duldete: das alles würde ja von nun an nicht mehr sein und nie und nimmer mehr sein, sondern schön würde es sein. Und nach Herzenslust würde sie es um sich her schön machen können.

Was hatte sie von Vater nicht alles auszustehen gehabt!

Als sie konfirmiert worden war. Zuerst hatte sie ja ein Jahr lang nichts zu tun brauchen. Aber dann hatte Vater darauf gedrungen, daß sie schneidern lernen sollte.

Vater hatte ja in den letzten Jahren immer so ganz wunderliche Einfälle gehabt.

Und sie mochte Schneidern ganz und gar nicht. Selbst Mama hatte einzuwenden gewagt, daß es ihrer Gesundheit schaden würde, zumal sie doch noch zu jung war. Doch Vater hatte keine Widerrede geduldet, und sie war wirklich bei einer Schneiderin in die Lehre getan worden.

Doch nicht einen Augenblick hatte sie daran gedacht, bei der Schneiderin zu bleiben. Sie hatte ihre Hoffnung, ihren Willen darauf gesetzt, Vater doch noch umzustimmen.

Und sie hatte ihn wirklich umgestimmt.

Freilich hatte sie über ein Jahr lang unausgesetzt kämpfen und dabei beileibe ihre Schuldigkeit tun müssen, denn Vater kontrollierte, und um alles in der Welt hätte sie nicht seinen Zorn erregen mögen.

Aber dennoch hatte sie ihn herumbekommen. Dennoch!

Freilich war sie tatsächlich etwas kränklich geworden von dem ewigen Sitzen an der Nähmaschine. Das hätte aber Vater, der es für bloße Einbildung hielt, noch nicht zu bewegen vermocht, nachzugeben. Nein, sie war mit der Zeit wirklich so etwas wie energisch und aufsässig gegen ihn geworden. Und da hatte er wohl auf sie geachtet und hatte ihren Willen, ihre Natur und Eigenart gemerkt.

Dann waren auch Tage und Wochen gekommen, wo er seine Mitteilsamkeit zu ihr zeigte und ihr von seiner Vergangenheit und seinen Lebensplänen erzählt hatte; und besonders diese günstige Gelegenheit nahm Mieze wahr.

Daß sie bei den Verhältnissen, in denen sie lebten, irgend etwas lernen mußte, um später mal durchs Leben zu kommen, das hatte sie ja eingesehen, und darauf stand ihr auch Lust und Wille, trotz all der Luftschlösser, die sie zu bauen pflegte; denn sie war von Natur verständig und vor allen Dingen mit Luft und Liebe und von Anlage praktisch.

Aber sie hatte sich entschieden, nicht unbeeinflußt von Vaters Erzählungen, das kaufmännische Wesen zu erlernen.

»Vater,« hatte sie bei solch einer günstigen Gelegenheit, wo Vater zugänglicher war, Zu ihm gesagt, etwas befangen, aber mit Entschlossenheit, »warum kann ich denn nicht das Kaufmannsfach erlernen? Du«, hatte sie hinzugefügt, »Hast doch auch früher ... Wenn ich nun doch die Lust und die Anlage dazu von dir geerbt hätte?«

»So! Aber du bedenkst nicht, meine Tochter, daß du da erst eine lange Lehrzeit durchmachen mußt«, hatte er geantwortet. »Wer weiß, was in dieser Zeit alles passieren kann! Vielleicht bin ich bis dahin gestorben, was nur zu wahrscheinlich ist.« Er war sentimental geworden, wie das in den letzten Jahren bei solchen Gelegenheiten wohl vorzukommen pflegte. »Nun, und was soll dann aus euch werden? Ich darf gar nicht daran denken! Deine Mutter ist nicht diejenige, die für euch arbeiten könnte. Und deine beiden Brüder? Die haben auswärts ihre Stellungen und sind froh, wenn sie selber ihr Auskommen haben. Alles wird dann auf dir ruhen. Nun, und was soll werden, wenn du da noch Lehrling bist? Mit der Schneiderei hast du etwas Sicheres. Eine Schneiderin verdient in unseren putzsüchtigen Zeiten schönes Geld. Du kannst das Fach ja auch mit Idealismus betreiben. Man kann's auch hier zu etwas bringen, wenn man Geschmack und Geschick hat. Man kann Künstlerin werden, kann sich später mal ein großes Atelier halten und andere für sich arbeiten lassen. Mit der Schneiderei kannst du deiner Mutter und deiner Schwester jederzeit unter die Arme greifen. – Lieber Gott, ach ja: wartet nur, wartet nur ab: der Ernst des Lebens kann wer weiß wie bald gründlich genug an euch herantreten!«

Aber Mieze hatte auf diese Rede Vaters nicht viel gegeben. Sie hielt das nur für eine Grille – Vater war ja in den letzten Jahren in dieser Beziehung etwas wunderlich geworden –; es schien ihr damals unmöglich, daß er so bald sterben sollte, da er ja vollständig gesund gewesen war.

Aber sie hatte, als sie seinen Worten dennoch eine gewisse Nachgiebigkeit abgemerkt hatte, eifrig geantwortet:

»Ich will ja auch gar nicht erst eine so lange Lehrzeit durchmachen! Man kann in der Kaufmannsschule das Kaufmannsfach doch schon in einem halben Jahre lernen! Martha Lehrmann hat ja den Kursus auch durchgemacht. Und dann hat sie auch gleich durch den Direktor eine Stelle bekommen. Zuerst hat sie 50 Mark den Monat gehabt. Doch gleich schon 50 Mark! Nach einem Jahr hat sie aber sogar schon eine Stelle mit 75 Mark bekommen. Vater, ich weiß doch so genau, daß ich das auch fertigbringe!«

So hatte sie denn Vater allmählich wirklich gewonnen. Zumal sie ihn die nächsten Wochen über, was er gern mochte und wofür er in den letzten Jahren sogar eine gewisse Schwäche gehabt hatte, mit allerlei Aufmerksamkeiten und Bequemlichkeiten umschmeichelte, was niemand so gut verstand wie sie. Wie Vater ihren festen Willen sah, hatte er schließlich also nachgegeben.

Nie aber hatte sie vergessen, so tief hatte es sie ergriffen, wie Vater eines Tages, als er ihr seine Zustimmung gegeben, so wunderbar verständig und rührend gesagt und sie dabei, was eine ganz unerhörte Seltenheit war, gestreichelt hatte:

»Na, dann geh' nur auf die Kaufmannsschule, meine Tochter! Es mag ja sein, daß die Schneiderei dich wirklich angreift.«

Beinahe war sie ihm damals um den Hals gefallen, und mit Mühe nur hatte sie ihre Tränen zurückhalten können, als sie so deutlich gemerkt hatte, daß er denn doch im Grunde für ihre Gesundheit besorgt gewesen war und sie nur deshalb das Schneidern hatte erlernen lassen, weil ihm nichts Besseres eingefallen ...

So hatte sie denn damals die Kaufmannsschule besucht und sie nach einem halben Jahre mit einem außergewöhnlich guten Zeugnis verlassen. Ein weiteres halbes Jahr lang hatte sie dann in der Stadt eine Stelle für 50 Mark den Monat versehen – Vater hatte sich über das alles sehr gefreut und war ersichtlich aufgelebt –; dann aber hatte sie bald eine Stellung bekommen, die ihr 80 Mark den Monat eintrug, und diese Stelle versah sie noch jetzt.

Nun aber hatte dennoch wirklich alles so kommen sollen, wie Vater damals vorausgesagt hatte. Vater war wirklich gestorben. Und jetzt war sie die Ernährerin der Familie, denn von den beiden Brüdern war so gut wie keine Beihilfe zu erwarten. Die arme Mama aber konnte natürlich unmöglich etwas hinzuverdienen. Alles mußte also jetzt von den 80 Mark bestritten werden, die sie den Monat verdiente.

Ihr Gesicht nahm einen ernsten Ausdruck an.

Aber ihr Atem ging stürmisch und verriet ihre Kindlichkeit, die sich freute, nun ganz frei zu sein und eine so wichtige Rolle zu spielen.

Eigentlich bang war ihr vor der Zukunft nicht einen Augenblick: aber es machte sie doch unruhig. Vor allem aber fühlte sie sich, besonders Mama gegenüber, in ihrem Innern so allein ...

Allein war sie, denn sie fühlte sich Mama überlegen. Der armen Mama, die seit den letzten Jahren immer gleich über alles den Kopf verloren hatte und deren Wille ohnehin von jeher dem Willen Vaters blindlings untertan gewesen war. Sie fühlte, daß sie an Mama kaum einen Beirat haben würde. Nur ein Gefühl von Mitleid und fürsorglicher Zärtlichkeit empfand sie für Mama.

Die stürmende innere Unruhe trieb sie jetzt mit einem plötzlichen Mitteilungsbedürfnis von ihrem Sitz empor.

Sie zündete die Kerze an, zog den Vorhang vors Fenster und begab sich zu einem Tischchen, das in der Ecke zwischen dem Kopfende ihres Bettes und der Fensterwand stand.

Es war ein altes ausrangiertes Nähtischchen von Mama, das sie sich zu einem Schreibtischchen hergerichtet hatte. Gegen die Wand gelehnt stand ein Bücherregalchen darauf. Sie hatte es sich aus Kistenbrettern selber zurechtgezimmert und es mit einem billigen, rotbraunen Stoff überzogen, damit man die Bretter nicht sah.

Sie hatte hier Rothschilds Lehrbuch für Kaufleute und ein paar andere Bücher stehen. Teils Bücher belehrenden Inhaltes, teils ein paar billige Klassikerausgaben. Auch eine französische und eine englische Methode Ollendorff, die sie fleißig studierte, über dem Büchergestell, auf dem oben ein paar billige Nippes standen – alles Dinge, die ihr Trieb zum Schmuck Vater und Mama abgetrotzt hatte –, hing an der Wand ein koloriertes Bild mit ein paar Herren und ein paar Damen in zierlich komplizierten Rokokokostümen. Ein paar andere solcher Bilder, die sie ganz und gar in ihr Herz geschlossen hatte, hingen auch an der Wand über ihrem Bett.

Sie nahm den Stuhl vom Fenster weg und rückte ihn an das Tischchen heran, schloß die Schublade auf und holte ein Buch hervor, das sie aufschlug. Und dann schrieb sie.

Es war ihr Tagebuch, in das sie schon seit ein paar Jahren ihre täglichen Erlebnisse einzutragen pflegte. Auch das hätten Mama und Vater nicht wissen dürfen ...

Doch hatte sie eigentlich ohne weitere Gefühlsergüsse und Betrachtungen in einem schmucklos schlichten, sachlichen Stil und mit einer kalligraphisch schönen Handschrift, die einen männlich entschiedenen Zug hatte, nur immer ganz knappe, verständige, praktische Notizen gemacht; im Grunde nur aus Ordnungssinn. Und so trug sie denn auch jetzt die so wichtigen Geschehnisse und Erlebnisse des vergangenen Tages ein.

Dann erhob sie sich, entkleidete sich nach ihrer allabendlichen Gewohnheit und trat an ihre Waschgelegenheit heran, um sich vor dem Zubettgehen zu waschen.

Diese Waschgelegenheit war ein mit einem Stück grünen Zeugs verhängte und drapierte große Eierkiste, aus der eine Waschschüssel und ein Seifennäpfchen standen.

Sie hatte verschiedene Stückchen Seife daliegen, auch wohlriechende. Die letztere war zwar nur billig, doch mußte sie sie haben, und sie sorgte, daß sie ihr nie ausging.

Auf einem zierlich mit buntem Papier geschmückten Wandbrett über der Waschgelegenheit, unter dem ein kleiner Spiegel mit ein paar dahintergesteckten Papierblumen und einem japanischen Fächer hing, befanden sich eine Puderschachtel, ein Kammkasten, Flaschen mit Zahnwasser und Eau de Cologne, Schächtelchen mit Pulvern, Bimssteinstücke, Zahnbürsten und andere Toilettegegenstände. Auch ein Frottierhandschuh aus Lufah hing da und außer dem gewöhnlichen Handtuch ein schönes, breites, rauhgewirktes Badehandtuch mit zwei bunten Kanten, Dinge, auf die sie ganz besonders stolz war ...

Sie wusch sich, legte sich dann zu Bett und löschte die Kerze aus. Doch verbrachte sie – auch vom Mondschein wach gehalten – eine unruhige und so gut wie schlaflose Nacht ...

Am nächsten Morgen, als sie, während Fanny sich in der Schlafstube zu ihrem Schulgang herrichtete, mit Mama beim Frühkaffee allein war, fing Mama, wie sie gleich befürchtet hatte, an zu lamentieren.

»Ach, Mieze, mein Kind! Ich habe ja so viel Sorge, mir ist so bang. Was soll nun werden? – Ach ja, jetzt werden wir's erst kennenlernen, was es zu bedeuten hat, wenn ein Mann im Hause ist!« fing sie an.

»Aber, Mammi, ich verdiene ja«, entgegnete Mieze.

»Ja, ja, na ja, du verdienst, verdienst«, seufzte Mama. »Ich armes, altes Weib, was soll ich machen? Wenn ich etwas mit beitragen könnte! Ich würde ja so gern irgend etwas arbeiten.«

»Aber, Mammi, du hast doch in der Wirtschaft zu tun.«

»Nun ja, in der Wirtschaft«, wiederholte Mama weinerlich und etwas konfus, schien aber von Miezes sicherem Wesen ein wenig beruhigt.

Doch fing sie nach einiger Zeit noch einmal an.

»Aber werden wir denn mit deinen achtzig Mark alles bestreiten können? Du arme Deern, alles soll nun so mit einemmal auf deinen jungen Schultern lasten!«

»Aber das schadet ja doch nichts, Mammi!« antwortete Mieze ein wenig ungeduldig.

»Nun ja! Ach ja!«

»Wir haben ja doch vorläufig auch noch die tausend Mark auf der Sparkasse liegen.«

»Ach Gott, ja, die tausend Mark! Aber da ist ja doch noch der Sarg zu bezahlen und das Begräbnis. Und unsere Trauerkleider, Trauerkleider für drei, Mäntel und Hüte. Und dann übers Jahr Fannys Konfirmation. Von der Doktorrechnung nicht zu sprechen. Dann die Miete. Auch sind sonst noch diese und jene Schulden.«

»Bis übers Jahr ist noch lange hin«, antwortete Mieze. »Mir ist ganz und gar nicht bange. Durch Lamentieren wird's nicht besser, Mammi! Bis dahin kann alles mögliche passieren. Ich will mich übrigens gleich bemühen, daß ich eine bessere Stelle kriege. Mach dir nur keine Sorge, ich finde ganz bestimmt eine. So mit hundert Mark den Monat, denk' ich. Und dann müssen wir natürlich hier die Wohnung aufgeben. Ich bin sowieso froh, daß wir aus der gräßlichen Gegend hier fortkommen. Dreihundert Mark das Jahr: so viel können wir für die Wohnung nicht mehr ausgeben. Wir kriegen eine billigere, die sogar noch besser ist, wenn auch kleiner. Aber wir brauchen ja auch nicht soviel Raum. Im neuen Viertel beim Adelheidpark gibt es ja jetzt so viele herrliche Gartenhauswohnungen. So mit einem Zimmer, zwei Kammern und Küche. Mehr brauchen wir nicht. Du hast's dort ja auch viel besser als hier. Kannst im Park spazierengehen. Du wirst dich dort erholen. Du wirst sehen, wie schön du aufleben wirst, Mammi.

Ich werde also mit Dankelmann« – das war der Hauswirt – »sprechen, daß wir vor dem Termin ausziehen können, und ich werde mich beim Park gleich nach einer Wohnung umsehen. Den ersten April müssen wir hier raus. Den Oktobertermin einhalten: das gibt's nicht! Dankelmann wird schon einverstanden sein. Was denn? Was will er machen? Wir haben nichts! Wo nichts ist, hat der Kaiser sein Recht verloren. Er wird nur froh sein, wenn wir gleich ziehen.«

Sie hatte sich erhoben, ihren Hut aufgesetzt und ihr Mäntelchen angezogen und hatte es eilig, in das Geschäft zu kommen. Sie mußte die Elektrische nach der Innenstadt benutzen. Das bedeutete eine Viertelstunde Fahrt.

»So, und nun adieu, meine alte Mammi!« sagte sie, zu Mama hintretend und sie zum Abschied küssend. »Mach dir keine Sorgen, gar keine! Hörst du? Die Menschen können uns den Buckel 'runterrutschen. – Na?!«

Mama blickte mit einem ungewissen, aber entschieden beruhigten Lächeln zu ihr empor.

»Ganz gewiß ist mir nicht bange!« lachte Mieze noch einmal, drückte Mama noch einmal die Hand und verließ eilig das Zimmer.

»Wie schmuck das Kind ist«, dachte Mama. »Apart wie eine Dame! Was sie für einen anmutigen und gesunden Gang hat! – Ach Gott, unberufen, unberufen! – Man könnte sie für kokett halten. Du lieber Gott: aber es ist ja, gottlob, so rührend unbewußt und naiv! –

Eine Schönheit ist sie, eine ungewöhnliche Schönheit. Gebe Gott, daß das Kind nicht zu erleben bekommt, was für einen Fluch es für ein Weib bedeutet, eine ungewöhnliche Schönheit zu sein! – Nun, vielleicht macht sie aber trotzdem ihr Glück, macht mal eine gute Partie!«

Dennoch war ihr ein wenig bang, weil Mieze eine Leidenschaft für Putz und modische Kleidung hatte, die sie von jeher zu befriedigen gesucht, nicht ohne sich gelegentlich dabei auch einen Leichtsinn zuschulden kommen zu lassen.

Doch vertraute Frau Dühring auf Miezes gutes Herz und ihren Charakter; vor allem darauf, daß sie einen ganz ausgeprägt gesunden Instinkt und Abscheu vor jedem Zuviel hatte.

Vater hatte gelegentlich sogar mal geäußert: »Mieze ist ein Yankee. Sie paßt in die Welt. Sie wird euch eines Tages, wenn ich hinüber bin, noch mal alle versorgen.«

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