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Ein freies Weib

Johannes Schlaf: Ein freies Weib - Kapitel 10
Quellenangabe
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typefiction
authorJohannes Schlaf
titleEin freies Weib
publisherErnst Keils Nachfolger (August Scherl) G.m.b.H.
printrunFünftes bis neuntes Tausend
year1922
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Sie gelangte jetzt zum vollen Bewußtsein, daß sie sich in einem Wirbel befand, der sie widerstandslos dahinriß. Wohin? Wohin? ...

Vorderhand schien er sie nur noch wilder, wirrer, verzweiflungsvoller umstricken und wohl gar in seinen düstersten Abgrund reißen zu wollen.

Ihre innerste Wirrnis und ihr Nervenzustand wurden dadurch nicht gerade besser, daß sie ihn vor den drei Menschen, mit denen sie hier lebte, verbergen und unterdrücken mußte. Und das führte zu einer Krise, in der ihre Natur ihr abermals zu Hilfe kam.

Ihr nervös bedrängter Zustand wurde nämlich nicht zur Hysterie, ließ sich nicht gehen, sondern wurde abermals zu jener seinen, »kultivierten Sensibilität«, in der sie so bezaubernd war und Robert und den Seinigen so gefallen hatte.

Auch hier »gefiel« sie. Bereitete sie jedenfalls die angenehmste Überraschung.

Vor allem der Baronin, mit der sie jetzt wirklich endlich zusammenzukommen schien.

Doch auch Helmut, der hier genau so wie damals Robert über sie plötzlich umzulernen hatte, war von dieser Wandlung ihres Wesens auf das angenehmste berührt.

In einer ganz besonderen Weise aber berührte Cäcilie die Baronesse.

Erika fühlte sich in all ihren Beobachtungen beirrt.

Anstatt des Weibes, das sie in Cäcilie gesehen und ganz gewiß auch geachtet, dessen Liebe sie für Helmut selbst zu stark erachtet hatte, offenbarte sich da mit einemmal eine mit herzlichster, ungemachtester Liebenswürdigkeit bestrickende, in der anmutigsten Weise lebhafte Dame, von bestem Taktgefühl zugleich.

Das hatte nun zur Folge, daß die Baronesse jetzt ihrerseits anfing, sich isoliert zu fühlen.

Denn die Baronin hatte ihre Sorgen infolge der Änderung, die mit Cäciliens Wesen vor sich gegangen war, so gänzlich vergessen, daß ihr lebhaftes und lebenslustiges Temperament sich mit Cäcilie in vollkommenem Einklang fühlte und daß, so empfand die Baronesse, ein irgendwie skeptisches Gespräch mit ihr unmöglich gewesen wäre.

Da sie sich durch Cäcilie jetzt beirrt fühlte, da sie zugleich ihrer Anmut unterlag, geriet die Baronesse in eine Versonnenheit, die nicht ohne eine seltsame kleine Anwandlung von Verzichtleistung war. Zugleich aber hatte sie einen Trieb, sich in einen näheren Anschluß an Cäcilie zu bringen und aus einer gewissen Zurückhaltung, die sie Cäcilie gegenüber bisher bewahrt hatte, herauszugehen.

Sie meinte im übrigen, daß nun wohl endgültig der Zeitpunkt ihrer Abreise gekommen war. Die Woche, die Tante Flore als Mindestmaß ihres ferneren Bleibens erbeten hatte, war um und ließ keine Ursache zu weiterer Sorge mehr. Die Baronesse freute sich, daß nun auch sie in einem guten Einvernehmen mit Cäcilie scheiden konnte, und in diesem Sinne suchte sie vor ihrer Abreise noch eine Annäherung.

Cäcilie aber kam ihr entgegen.

Ja, es erschien, als ob sie auf diesen Augenblick, wo die Baronesse ihr bisher allzu ruhiges und gleichmäßiges Wesen ihr gegenüber in etwas aufgeben würde, gewartet hätte.

Auch hierin täuschte sich Erika nicht, denn Cäcilie hatte unter Erikas Zurückhaltung direkt gelitten.

Von Anfang an war gerade Erika Cäcilie die sympathischere der beiden Frauen gewesen. Sie hatte sofort ihre gediegenen Eigenschaften durchgefühlt. Schließlich war das zu einer förmlichen Sehnsucht herangewachsen, mit ihr herzlichere Fühlung zu gewinnen.

Nichts war aber wohl ein unwillkürlicheres Zeichen dafür, daß sie sich nicht nur seiner Mutter, sondern im Grunde auch Helmut fremd fühlte, als diese Sehnsucht, mit der Baronesse in nähere Berührung zu kommen ...

Vor allem aber zog Cäcilie gerade der Umstand zu Erika hin, daß sie mit der feinsten Spürkraft ihres jetzigen Zustande herausfühlte, Erika liebe Helmut; mit einer Liebe, die durch die Entsagung nur an Kraft gewonnen hatte.

Sie wußte zurzeit noch nicht im entferntesten, was sie in nächster Zeit tun oder welchen Ausgang ihr Schicksal nehmen würde, wenn der unausbleibliche Zeitpunkt gekommen war, an dem ihr fernerer Aufenthalt hier unmöglich wurde: aber sie fühlte mit aller Entschiedenheit, daß sie sich der Baronesse nähern mußte ...

Da traf es sich eines Tages, daß sie mit ihr im Hause allein war.

Die Baronin war in einer nachbarlichen Angelegenheit zu einer befreundeten Familie zu Besuch gefahren, Helmut dringlich von seinen Angelegenheiten in Anspruch genommen.

Es war ein sonniger, ungewöhnlich warmer Märznachmittag. Es herrschte eine Wärme, die für diese Jahreszeit fast etwas Unnatürliches hatte.

Cäcilie erging sich mit der Baronesse in dem großen hinter dem Schloß gelegenen Garten, der auf seinen sauber zum Frühling hergerichteten Beeten die ersten Blumen zeigte.

Sie hatten sich zuerst über gleichgültigere Angelegenheiten unterhalten. Schließlich aber hatte die Baronesse Cäcilie davon gesprochen, daß sie im Laufe der nächsten Tage abreisen werde.

»Sie wollen abreisen?« fragte Cäcilie.

Die Baronesse nahm wahr, daß sie wie von einem jähen Schreck zusammengefahren und auffallend bleich geworden war.

»Ja«, bestätigte sie betroffen, ohne die Frage zu wagen, ob Cäcilie sich nicht wohlfühle.

»Ach, das – ist schade!« stieß Cäcilie hervor, unter einem abwesenden Lächeln und offenbar ohne recht zu wissen, was sie sagte.

Plötzlich aber blieb sie stehen und sagte, sehr bleich und mit wahren Angstaugen:

»Nicht wahr: es ist doch – geradezu schwül heute?«

»Ja, es ist wirklich ganz ungewöhnlich warm«, bestätigte Erika, wieder im Begriff, ihrer Besorgnis wegen Cäciliens Befinden Ausdruck zu geben.

Aber da fühlte sie plötzlich krampfhaft ihren Arm umpreßt.

»Oh, ist Ihnen unwohl?« fragte sie erschreckt, sich im übrigen Cäcilie, die augenscheinlich einer Stütze bedurfte, mit einer Bewegung darbietend.

»Ängste! – Ich habe ja – solche Angst!« stieß Cäcilie hervor, während sie todbleich mit einem Ausdruck verzweifelten Entsetzens vor sich hinstarrte und beide Hände noch krampfhafter und hilfsbedürftiger um den Arm der Baronesse klammerte.

»O mein Gott! Kommen Sie! Ich will sie hineinführen!« stieß Erika hervor, die sich nichts weniger als solch eines Zustandes von Cäcilie versehen hatte.

»Ja! – Ja! – Bringen Sie mich, bitte, auf mein Zimmer! Auf mein Zimmer!« flüsterte Cäcilie hastig.

Als jetzt aber im Hintergrunde des großen Gartens der Gärtner sichtbar wurde, der dort arbeitete, ihnen bisher aber hinter einem Gebüsch unsichtbar geblieben war, gewann Cäcilie sofort Haltung, löste ihre Hände von Erikas Arm, schob ihr die Hand unter den Arm und ließ sich von ihr dem Haus zuführen.

»Soll ich jemand benachrichtigen, daß er Ihnen ...«, wollte Erika sich erkundigen.

Aber Cäcilie unterbrach sie sofort.

»Nein! Nein! – Oh, sagen Sie es niemand! Niemand! – Es ist ja nichts. Es geht vorüber.«

»Haben Sie – in letzter Zeit öfters solche Zufälle gehabt?« fragte Erika mit einer Ahnung von der wahren Bedeutung des Anfalles.

»Ach ja! – Ja!« bestätigte Cäcilie.

Erika schwieg.

»Nein! Ich bitte, bitte Sie: sprechen Sie zu niemand davon! – Aber darf ich Sie bitten, mir noch etwas – Gesellschaft zu leisten? ... Es – hat mich überrascht.«

»Oh, gern will ich bei Ihnen bleiben, wenn Ihnen – das Erleichterung verschafft!« beruhigte Erika in einem herzlichen Ton, doch nicht ohne eine unbestimmte innere Spannung.

Sie waren inzwischen in Cäciliens Zimmer eingetreten.

Kaum aber hatte Erika, die hinter ihr eingetreten war, die Tür geschlossen, als Cäcilie auf ihr Bett zulief, sich, das Gesicht in die Kissen gedrückt, lang hinwarf und so heftig zu weinen begann, daß ihr der ganze Körper zuckte.

Es dauerte ziemlich lange, bis der Anfall vorüber war.

Erika glaubte an einen Weinkrampf, wennschon sie sich sofort in einer besonderen Weise berührt fühlte.

Endlich hatte der Anfall sich gestillt.

Cäcilie lag, in der Haltung, wie sie sich über das Bett geworfen hatte, den Körper von einem Zittern überlaufen, eine Zeitlang stumm und regungslos.

Plötzlich aber richtete sie sich, das Haar verwirrt, mit verzerrtem und tränenverwüstetem, bleichem Gesicht langsam in die Höhe, mit der Faust auf das Bett gestützt, und starrte mit weiten dunklen Äugen vor sich hin.

Dann aber wandte sie sich, zittrig mit der Hand über die Stirn streichend, gegen Erika hin und sagte, heftig atmend, leise, zaghaft:

»Sie ... Sie lieben Helmut!«

»Mein Gott ...«

Erika machte eine Bewegung, zu ihr hinzueilen.

»Ich weiß – daß Sie ihn lieben.«

Sie hatte ihren Blick gesenkt. Um ihren Mund lag ein krampfiges und zugleich anmutiges Lächeln.

»Ich aber ... Ich – liebe ihn nicht! – Sie – lieben ihn. Und nun soll ich ... will ich ... Wie dumm das ist!«

»O mein Gott! Liebste! Sie wissen nicht, was Sie sprechen!«

Erika war jetzt zu ihr hingeeilt und hatte sie, vor ernstlicher Sorge um sie zitternd, mit beiden Armen umfaßt.

Cäcilie hatte nicht geantwortet.

Aber sie war ruhiger geworden.

Es war, als ob die Umarmung ihr wohl tat, als ob sie eine Erleichterung erfuhr. Sie atmete sogar ein paarmal auf. Beachtete im übrigen aber die Nähe Erikas nicht weiter.

»Ich liebe ihn nicht! – Ich liebe ihn nicht! – Und das – ist wahr!« –

Leise und langsam hatte sie diese Worte vor sich hingesprochen. »Das ist alles ganz anders, als ich gedacht und damals gefühlt habe. – Ach, es ist so unerträglich hier! – Und die Riviera war so entsetzlich, so entsetzlich!«

Es hatte den Anschein, als nahe ihr von neuem ein Angstanfall.

»Cäcilie!«

Erika hatte, von ihrer Empfindung überwältigt, Cäcilie fester umschlungen. Ihr Innerstes, alle Sympathie, die sie von Anfang an für sie empfunden, alles Verständnis, das sie von vornherein für ihre wahrste und innerste Natur gehabt, hatte sich mit diesem Ausruf offenbart und ihrer Stimme einen warmen, tiefen, herzlichen Vollklang verliehen, der die ganze Aufrichtigkeit ihres Wesens bekundete.

Cäcilie war sofort gegen sie herumgefahren. Ihre wie in einem freudigen Erstaunen geweiteten Augen waren tief und leuchtend beseelt; um ihren Mund aber kämpfte ein seltsam krampfiges Zucken mit einem unbeschreiblich guten und anmutigen Lächeln.

»Erika!«

Und sie lag an Erikas Brust, beide Arme um sie geschlungen, das Gesicht auf ihrer Schulter und weinte.

»Du Gute! – Ich habe dich liebgehabt vom ersten Augenblick, wo ich dich sah. – Nur dich hab' ich hier geliebt. – Du hast mir so wohlgetan. – Ich wußte ja kaum, wo ich war. – Seit einem halben Jahr weiß ich nicht, wo ich bin. – Alles ist wie ein Alp gewesen, wie eine wilde Hetzjagd. – Alles beißt und ängstigt mich: ich kann es nicht verstehen.«

Sie hatte diese Worte mit einem hastigen Flüstern hervorgestoßen, das Gesicht noch immer auf der Schulter Erikas.

Es schien, als wollte ihr Zustand wieder unruhiger und krankhaft werden. Um sie zu beruhigen, drückte Erika, dennoch von einem gewissen Inhalt ihrer Worte im Innersten erschüttert, Cäcilie fester an sich und streichelte ihr leise über das Haar.

Cäcilie wurde still.

Es verging einige Zeit in einem tiefen Schweigen.

Plötzlich aber fuhr Cäcilie auf, und Erika mit großen, ängstlichen Augen ansehend, bat sie hastig, dringlich, erschreckt:

»Sag' es niemand! Sprich niemand davon, was ich dir gesagt habe! – O bitte, versprich es mir!«

»Oh, beruhige dich!«

Erika bog sich liebevoll zu ihr hin und strich ihr über das Haar.

»Nein, nein, versprich es mir! – Ich bin ganz bei Sinnen! Sag', o sag' es ihnen nicht! – Sie sollen's nicht wissen. – Es ist ja doch... Es wird sich ja alles – bald – aufklären.«

Sie schien sich zu verwirren. Sie verursachte Erika wieder eine unbestimmte Bangigkeit.

»O sei ruhig! Beruhige dich! Ich werde es niemand sagen. – Aber... Mußt du nicht etwas für deinen Zustand tun? – Gewiß hast du schon lange so gelitten«, setzte sie mit einer bewegten Nachdenklichkeit hinzu.

»Ja, ja! – Sage es niemand! Sag' es niemand.«

*

Als Cäcilie aber am Abend nach Rückkehr der Baronin mit den anderen zusammen war, merkte man ihr von dem Anfall nichts an. Sie war nur etwas müd und stiller als sonst, im übrigen aber freundlich und zugänglich.

Erika ihrerseits, durch dieses Verhalten in Verwirrung gesetzt, zeigte eine ernste und nachdenkliche Stimmung.

Aber diese Stimmung ging in Betroffenheit, ja sogar in eine gewisse leise Anwandlung von Feindseligkeit über, als Cäcilie schon am nächsten Tage und die Tage darauf genau wieder jenes sanguinisch bewegliche Wesen zeigte wie all die letzte Zeit her.

Sie schien jede Erinnerung an jenes Zusammensein mit Erika verloren zu haben, und sie zeigte auch ihr gegenüber kaum ein anderes Verhalten, als sie es bisher gewohnt gewesen war.

Erika war indessen eine viel zu besonnene und überlegsame Natur, als daß sie ihre erste Betroffenheit, ja Ungehaltenheit, mit der sie der neuerliche Wechsel in Cäciliens Wesen berührt, bewahrt hätte. Sie war vielmehr nachträglich der Überzeugung, daß Cäciliens jetzige Stimmung keine durchaus natürliche war, ja, daß sie überhaupt die ganze letzte Zeit her, vor jener Szene, keine natürliche gewesen war, daß sie vielmehr gerade auf das innerliche Vereinsamungsgefühl hindeutete, welches ihr Cäcilie so erschütternd offenbart hatte, und daß sich die freundschaftlich sympathetische Rückhaltslosigkeit, die Cäcilie ihr gezeigt, damit sehr wohl vertrug.

Auch sie hielt sich vorderhand Cäcilie gegenüber in einer Zurückhaltung, welche diese selbst zu wünschen schien. Der Baronin machte sie ihrem Versprechen gemäß von dem Geschehenen keine Mitteilung, doch beschloß sie, sofort ihre Abreise bis auf weiteres aufzuschieben; wobei sie erwog, daß ihr ferneres Bleiben auch Cäcilie nur erwünscht war. Es stand ihr fest, daß Cäciliens Zustand in allernächster Zeit zu einer entscheidenden Krise gelangen mußte ...

Inzwischen hatte sich aber noch etwas anderes ereignet. Cäcilie besuchte hin und wieder gern den Gutshof. Und so war es geschehen, daß sie Henrik Wichmann gesehen hatte.

Er hatte auf sie sofort Eindruck gemacht.

Schon der Umstand, daß er von Geburt ein Ostfriese war, war dabei von Bedeutung gewesen.

Henrik Wichmann war ein blonder, hochgewachsener, breitschultriger Mann, ungefähr in Roberts Alter, mit einer Stierstirn und blauen Augen, die einen klugen, stillen, bescheidenen Ausdruck zeigten. Ein lichtblondes Schnurrbärtchen gab seinem wettergebräunten Gesicht eine gleichsam ihrer selbst unbewußte männliche Munterkeit. Im ganzen wirkte er nach einem nordischen Ausländer – norwegischer oder schwedischer Typ.

Er tat Cäcilie in ihrem jetzigen Zustand, der seiner äußersten Entscheidung zudrängte, sofort wohl. Ihre gepeinigten Nerven nahmen auf der Stelle eine Art von physischem Anschluß an ihn, fühlten sich unmittelbar durch ihn beruhigt.

Es hatte nicht fehlen können, daß sie dies und jenes Wort miteinander wechselten. Gelegentlich hatte er Cäcilie auf ihren Wunsch hin sogar einmal in der Fabrik herumgeführt. Er hatte ihr dabei gesagt, daß die Einrichtung vollständig fertig wäre und daß er in weniger als vierzehn Tagen wieder nach Magdeburg zurückreisen werde.

Auch seine wortknappe, sachliche Sprechweise und seine ruhige, etwas kleine Stimme hatten ihr wohlgetan.

So hatte sie angefangen, sich innerlich mit ihm zu beschäftigen ... Aber auch Henrik Wichmann war sie nicht gleichgültig geblieben.

Vom Hörensagen wußte er, daß sie eine Frau Voges war, eine sehr reiche Dame, eine Witwe, daß sie zu den Löhrs nahe Beziehungen habe und deshalb auf längeren Besuch bei ihnen weile.

Etwas im Widerspruch mit dem Umstand, daß sie schon verheiratet gewesen war, hatte er aber ihre äußere Erscheinung gefunden.

Cäcilie trug zurzeit für gewöhnlich ein fußfreies marineblaues Kleid mit einem Jackettchen von der gleichen Farbe und einen schlichten breitkrempigen Hut aus marineblauem Tuch, dessen vordere Krempe in die Höhe gesteckt war, so daß er ungefähr wie ein Südwester aussah.

In dieser Kleidung wirkte ihre schlanke Gestalt wie die eines schönen, gesund kräftigen, munteren jungen Mädchens.

Es kam hinzu, daß er auf sie diesen unmittelbar wohltuenden Einfluß übte, so daß auch ihr sonstiges Äußeres der Erscheinung, die sie bot, entsprochen hatte, wenn sie mit ihm zusammengetroffen war.

Zu allem hatte ihm aber ihr praktischer Sinn und ihre gute Auffassungsgabe gefallen, die sie z. B. bei der Besichtigung der Fabrik gezeigt.

Nun war es geschehen, daß er am Sonntag nach dem Mittwoch, an dessen Nachmittag Erika mit Cäcilie zusammen gewesen war, mit dem Dorfpfarrer ins Schloß zu Mittag geladen war. Man hatte diese Einladung seiner nahe bevorstehenden Abreise wegen an ihn ergehen lassen.

Helmut und seine Mutter hatten sich mit ihm über seine Abreise und seine Stellung in Magdeburg unterhalten. Dabei war er aber darauf zu sprechen gekommen, daß er seine bisherige Stellung nicht mehr lange zu behalten gedächte. Auf die Frage, was er anderes vorhabe, hatte er geantwortet, daß er in letzter Zeit sein väterliches Erbteil ausgezahlt bekommen habe und daß er gesonnen sei, noch im Laufe dieses Jahres nach Amerika auszuwandern, um dort sein Glück zu versuchen. Das sei schon seit langem sein Lieblingswunsch und seine Absicht gewesen. Cäcilie hatte sich – was Erika aufgefallen war – während dieses Gespräches auffallend still verhalten. Bald nachdem man die Mittagstafel verlassen, hatte sie sich mit der Entschuldigung, sie fühle sich nicht recht wohl und wolle ein wenig ruhen, auf ihr Zimmer begeben und war bis zum Abend dann nicht wieder sichtbar geworden.

Die nächsten Tage über zeigte sie ein stilles Wesen, machte aber häufig längere Spaziergänge für sich allein.

»Was ist eigentlich Cäcilie?« erkundigte sich die Baronin, die sich über dies Verhalten wunderte. »Sie hat sich ja so verändert? Und weshalb geht sie soviel allein spazieren?«

»Sie hat ja in den letzten Tagen wichtige Nachrichten in Angelegenheit ihres Scheidungsprozesses erhalten,« antwortete Erika ausweichend, die sich übrigens über die Ursache von Cäciliens häufigen Spaziergängen selbst im unklaren war, »das beschäftigt sie wohl. Es hat sie in letzter Zeit wohl auch manchmal etwas nervös gemacht. Es ist wohl das beste, man überläßt sie vorläufig sich selbst.«

Die Spaziergänge, von denen sie übrigens meist erfrischt und in aufgemunterter Stimmung zurückkehrte, galten Henrik Wichmann.

Sie hatte zufällig erfahren, daß er seine freie Zeit gern zu Spaziergängen in der Umgebung, meist zum Elbufer hin, verwende. Und je näher der Zeitpunkt seiner Abreise kam, um so ängstlicher und dringlicher suchte sie bei Gelegenheit eines solchen einsamen Spazierganges mit ihm zusammenzutreffen.

Es geschah am nächsten Sonntagvormittag, daß sie, die in den letzten Tagen Henrik Wichmann nicht getroffen hatte, einen solchen Gang zum Elbufer hin unternahm. Sie hatte, wie sie meist zu tun pflegte, um diese einsamen Gänge nach außen hin in eine Art Beziehung zu ihrem Aufenthalt im Schloß und den drei Menschen, mit denen sie dort zusammenlebte, zu bringen, den Haushund mitgenommen, solch einen russischen Steppenhund, wie ihn ihr Helmut damals mitgebracht hatte.

Der Weg, der sie in einer kleinen halben Stunde zum Elbufer hinführte, war eine breite, grasbewachsene Allee mit alten Apfelbäumen, die, in ziemlich weiten Abständen voneinander, auf ihren kurzen, verkrümmten, rauhborkigen Stämmen breite Kronen spreiteten.

Die Äste und Reiser waren glänzig braun vom treibenden Frühlingssaft und mit jungen Knospen bedeckt. Der junge Rasenwuchs des Weges zeigte die ersten Blumen und war mit Gänseblümchen gesprenkelt. Hier und da spielte in der mild sonnigen Luft ein erster Mückenschwarm. Zwischen den Bäumen hindurch bot sich ein freundlicher Weitblick über die sprossenden Felder und auf ferne Forste, die blau und still in der schönen, friedsam weiten, ländlichen Feldstille standen.

Später bog die Allee dann ab, und Cäcilie schlug einen Wiesenpfad ein, der sie an einem Erlenbach hin zum Stromufer brachte.

Die Wiesenbreits senkte sich mit der Anpflanzung eines Buschweidendickichts gegen den Strom hinab, bis zu einer Stelle, wo dann das Ufer in eine kahle Sand- und Kiesfläche überging. Sie verfolgte einen Pfad, der zwischen den Weiden hin, deren bunte Gerten im Schmuck ihrer Lenzkätzchen prangten, zu dem äußersten Ufer hinabführte.

Der Hund war ihr voraufgelaufen, bis sie ihn am Ende des Pfades um die linke Ecke des Dickichts herum verschwinden sah.

Plötzlich aber hemmte sie mit einem jähen kleinen Schreck ihre Schritte.

Der Hund bellte. Bellte jemand an.

Sie wußte sofort, daß sich Henrik Wichmann hinter den Weiden befand ...

Als sie gleich darauf aus dem Dickicht hervor ins Freie heraustrat, erblickte sie ihn wirklich.

Er lag im Grase und klopfte mit einem Taschenmesser an einer Weidengerte herum, während er zugleich mit dem Hunde sprach, der vor ihm stand und ihn, da er ihn kannte, mit dem Schweif wedelnd, fröhlich anbellte.

Henrik Wichmann hatte angenommen, jemand vom Schloß mache am oberen Rande des Dickichts hin in Begleitung des Hundes einen Morgenspaziergang und der Hund sei, das Dickicht durchstöbernd, hier aus den Weiden hervorgekommen.

Als er jetzt aber Cäcilie sah, erhob er sich und bot ihr höflich die Tageszeit, war aber so überrascht, daß er errötete.

Auch sie errötete bis in die Haarwurzeln hinein.

»Ich komme oft hierher mit dem Hunde«, sagte sie.

Sie sahen sich ein paar Sekunden an, in Verlegenheit, was sie miteinander reden sollten.

Ein formloses, weiches Filzhütchen mit schmaler Krempe, eine Art von Jägerhütchen, auf und eine rehbraune Joppe an, nahm er sich aus wie ein großer, stiermäßiger, etwas unbeholfener Junge.

Cäcilie richtete ihren Blick auf die Weidengerte und auf das Taschenmesser, die er noch in den Händen hielt.

Sie erriet, daß er hier draußen gelegen und sich wie ein Junge eine Weidenpfeife zurechtzuklopfen im Begriff gewesen war.

Das wollte so wunderlich zu dem Umstand stimmen, daß er die letzten Monate her all die komplizierten, großen Maschinen in der Fabrik aufgestellt hatte.

»Ich habe Sie gestört. – Es sollte wohl eine Weidenpfeife werden?« sagte sie mit einem verlegenen Lächeln.

»Ja, eine Weidenpfeife!«

Er lachte, als wollte er sich entschuldigen, daß sie ihn bei solch einer Kinderei angetroffen hatte.

Im übrigen verriet seine Haltung, daß er annahm, sie werde ihren Spaziergang gleich wieder fortsetzen.

Halbwegs war sie in ihrer Verlegenheit auch dazu im Begriff, doch fühlte sie sich außerstande, sich von der Stelle zu bringen.

Fast war sie in ihrer inneren Aufregung, daß es ihr geglückt war, ihm zu begegnen, dem Weinen nahe.

»Ich habe mir früher auch manchmal selber Weidenpfeifen geklopft«, stieß sie endlich mit einem gezwungenen Lächeln hervor.

Er antwortete mit einem Lachen, halb aus Verlegenheit, halb aus Höflichkeit, im übrigen in der Annahme, sie werde jetzt ihren Spaziergang fortsetzen wollen.

Aber plötzlich wandte sie das Gesicht mit blitzenden Augen, die Arme ausbreitend und die Brust reckend, nach allen Seiten und rief mit einem sonderbaren Lachen:

»Ach, ist es schön hier!«

Er hatte sie zuerst verwundert angesehen und war dann unwillkürlich der Richtung ihres Blickes gefolgt.

»Ja, ein schöner Platz!« bestätigte er dann mit einem ungewissen Lächeln.

Schön war es wirklich. Am tiefblauen Himmel zogen frische, blitzeweiße Frühlingswolken, die ein leichter Wind, der von Süden her wehte, gen Norden trieb.

Das Dickicht schimmerte in der Sonne mit all seinen lebhaften, lenzfrischen Farben und die breite, freie Stromfläche, auf der sich in der Richtung stromabwärts in der Ferne ein Schleppdampfer mit einer Reihe von Frachtkähnen näherte, gleißte in tausend sonnenblitzenden Spielen.

Er beobachtete mechanisch, wie der Wind Cäcilie ein paar Strähnen ihres wunderbaren weizenblonden Haares an der Stirn hintrieb.

Plötzlich aber ließ sie eine Art ekstatischen Lachens hören und ließ sich, ihre blitzenden Augen zu Henrik Wichmann emporgerichtet, mit einer hurtigen Bewegung ein Stück von ihm ab in das Gras nieder.

Er stand, diesen Vorgang mit stummen, halb lachenden, halb erstaunt verlegenen Blicken verfolgend, immer noch so, in der einen Hand die Weidengerte, in der anderen das Taschenmesser.

Cäcilie aber rief:

»Weshalb stehen Sie? Behalten Sie doch Ihre Bequemlichkeit!«

Er schwieg, zögerte eine Weile, ließ sich dann aber gleichfalls langsam an der Stelle, wo er vorhin gelegen hatte, nieder, blickte jedoch in sitzender Stellung, mit weitem Blick, den Mund von einem starren Lächeln halb geöffnet, gegen den Strom hin, während sie lag, nur auf dem Ellbogen ein wenig in die Höhe gerichtet, im übrigen gleichfalls zum Strom hinüberblickend.

Ein paar Augenblicke blieb ein Schweigen.

»Da hinten kommt ein Dampfer mit Kähnen,« sagte sie endlich mit einem Lachen – es hatte fast etwas von einem unbeholfenen Backfischlachen –, »er fährt nach Hamburg. In der Richtung zum Meere hin! Zum Meere...«

»Ja«, bestätigte er und ließ ein kleines, befangen höfliches Lachen hören.

»Ach, wie schön still und einsam und frisch es hier ist!« rief sie.

Er hob die Augen und ließ, ohne auf das mindeste zu achten, seine Blicke mit einem gezwungenen Lächeln hin und her gehen.

Dann aber sagte er – es nahm sich fast ängstlich aus –: »Ja, sehr schön still.«

»Sie lieben die Natur auch?« fragte sie und blickte ihn an, mit rosigem Gesicht; blickte ihn an, ohne ihn zu sehen.

Er senkte die Augen auf die Weidengerte und bestätigte dann mit einem halben Lachen:

»Ja. – O ja.«

»Ach, klopfen Sie doch Ihre Pfeife weiter! Bitte!«

Er zögerte. Es war, als ob er etwas sagen wollte. Aber dann begann er, sehr langsam, die Gerte an der durch zwei Kerben abgegrenzten Stelle mit dem Taschenmesser zu klopfen, hörte plötzlich eine Zeitlang wieder auf und blickte irgendwo vor sich hin in das Gras, klopfte dann aber langsam ein Weilchen weiter, hörte dann aber wieder auf.

»Sie reisen Ende dieser Woche ab, Herr Wichmann?«

Ihre Worte waren unsicher, wie gepreßt hervorgekommen.

Er sah sie an.

»Ja, Ende dieser Woche«, antwortete er dann endlich, seinen Blick auf die Weidengerte abwendend.

»Sie gehen nach Magdeburg zurück. – Aber dann wollen Sie ja – nach Amerika auswandern. Wo wollen Sie sich dort hinwenden?«

»Ich denke ... gegen den Westen hin«, antwortete er.

»Wollen Sie dort auch – als Ingenieur – arbeiten?«

Wieder sah er sie an.

»Ja, wohl auch – Aber eigentlich nein!« Er lächelte. »Ich will Landwirt werden. Eine Farm übernehmen oder einrichten, gnädige Frau!«

»Oh, als – Landwirt!« wiederholte sie, von seiner letzten Anrede betroffen. »Sie – nennen mich – gnädige Frau.«

Aber da brach sie schon in ein bitterliches Weinen aus. Und dann kam alles aus ihr hervor, was sie die letzten zwei Jahre erlebt und gelitten, und mit dem sie sich noch niemals jemand anvertraut hatte...

»Eine gnädige Frau: die bin ich ja wohl«, begann sie mit einem fast bösen Lachen. »Eine gnädige Frau! Die Frau vom Sohn des schwerreichen Kommerzienrates Voges. Dreißig Millionen! Eine gnädige Frau gewesen! Denn nun bin ich ja meinem Mann davongelaufen. Haha! Weil er mich mit einer Chansonette betrogen hat. In einem Monat ist der Scheidungsprozeß entschieden. Ach Gott sei Dank: Dann bin ich erst wirklich frei! Richtig frei, frei! – Jetzt bin ich im Schloß. Sollte die Frau des Barons von Löhr werden. Ich habe damals, als alles über mich hereinstürzte, als ich mir beinahe das Leben genommen hätte, geglaubt, daß ich Helmut liebte. Ich habe ihn auch liebgehabt: aber nun weiß ich, daß ich ihn nicht so liebhaben kann, wie es das Richtige ist.«

Sie schwieg, schweratmend vor sich niederstarrend und in dem jungen Gras umherzupfend.

»Eine andere hat ihn wirklich lieb. Eine andere, die viel, viel besser zu ihm paßt als ich. Die seinetwegen allem entsagt hat. Die mit mir nun fast vier Wochen in seiner Nähe gelebt hat, unter einem und demselben Dach.

Aus Liebe hat er mich entführt, und ich selber dachte damals, daß ich ihn liebte, daß er der richtige Mann für mich wäre und daß er mich aus meinem Unglück erlösen könnte. Und jetzt? Kann ich ihn nicht so lieben, wie er mich liebt. Und es hat zu weiter nichts geführt, als daß ich ihm seine militärische Karriere ruiniert habe. Wenn er nicht mit mir zusammengetroffen wäre, so wär' er jetzt in Berlin beim Generalstab und würde sicher mal ein großer General. Und er ist für seine Karriere so begeistert gewesen, hat so einen großen Ehrgeiz gehabt!«

Sie blickte wirr umher, wie in einer Angst und als wisse sie nichts von Henrik Wichmanns Anwesenheit.

»O Gott! Wenn er es nicht überwinden kann! Wenn er sich – ein Leid antut!«

Sie brach von neuem in ein bitterliches Weinen aus. »Aber ich kann, kann, kann ja doch nicht bleiben! Ich kann, kann ja nicht seine Frau werden! Sie werden mich ja ins Irrenhaus bringen müssen, wenn ich hierbleiben müßte! Oder es geschieht sonst etwas ... Ich kann, kann nicht bleiben!«

Sie schwieg einige Zeit.

Aber dann fuhr sie leise fort, mit einem wie mechanischen Aufatmen:

»Aber nein: Erika ist ja bei ihm. Sie liebt ihn ja über alles in der Welt. Sie ist ja so gut und verständig, hat ihn so lieb. Sie wird ihm beistehen. Sie wird seine Frau werden. Er muß dann ja sehen, was er an ihr hat und daß sie vieltausendmal besser für ihn ist als ich. Daß sie ihm tausendmal, tausendmal mehr geben kann als ich. Was kann ich ihm denn geben? Das bißchen Schönheit! Ach, was das für eine Narretei ist! Und was dann? Das verliert sich. – Mein Mann hat mich ja trotz allem schließlich mit einer – Chansonette betrogen. Da sieht man ja!«

Sie lachte bitter auf.

»Mein Mann hat mich nicht verstehen können, Helmut würde mich ja doch auch nicht verstehen können. Wenn ich in mir so recht unglücklich und unruhig bin und nach außen hin recht munter und fröhlich wirke, dann find sie allemal vernarrt in mich. Sie nennen das dann ›Kultur‹ oder ›Genie‹ oder – ich weiß selber nicht. Ach, auch Helmut! Er auch! – Wie mir aber dabei zumut ist und wie ich bin, wenn ich jemand so recht liebhabe, das weiß keiner, das hat keiner verstanden!

Was denn: ›gnädige Frau‹? Ja, das ist die ›gnädige Frau‹! Eine schöne ›gnädige Frau‹!

Ach, wie mir zumute gewesen ist das letzte Jahr über! Wie unbeschreiblich mir zumut gewesen ist! Ich wußte ja schon gar nicht mehr, wie und ob ich überhaupt lebte und wo ich war und was mit mir war!

Hahaha! Ich dachte, Helmut würde mich retten, mich vor ihrer ›Kultur‹ da retten können: ich dachte, ich würde ihm etwas sein können, ich würde wieder ruhig und mit ihm so recht glücklich werden können; aber auch Helmut kann mich nicht verstehen! Und – eine ganz andere als ich liebt ihn wirklich und paßt zu ihm, so, wie ich ihn niemals, niemals lieben und zu ihm passen kann! ...

Ja, das ist die ›gnädige Frau‹! Die ›gnädige Frau‹ war so viel, viel glücklicher, als sie noch die Tochter eines einfachen Prokuristen war. Da hatte sie ja noch nichts mit der ›Kultur‹ zu tun und war noch nicht kultiviert. Und was hat sie sich für Vorstellungen von der ›Kultur‹ gemacht!«

Er hatte ihr aufmerksam zugehört.

Zuweilen hatte er mit gekniffenen Augen und die Oberlippe aufgewulstet, als ob ihn plötzlich etwas schmerze, zu Cäcilie hinübergeblickt, dann wieder hatte er seinen Blick von ihr abgewandt und vor sich hin ins Gras gestarrt.

Als sie geendet hatte, blieb eine Stille zwischen ihnen.

Der laufrische Wind hatte hinter ihnen zwischen den Weiden sein Wesen. Langsam kam auf der blitzenden Stromfläche der Schleppdampfer mit den Frachtkähnen immer näher. Die große, frische, freie Gegenwart der breiten Wasserfläche. Ihr groß und still strudelndes, vom Wind zu Wellen erregtes Treiben vorwärts, vorwärts, immer vorwärts dem Meer entgegen. Das plötzliche, muntere Trillern eines Vogels in der schönen, frischen, einsamen Stille, vom Wind verweht.

»Sie gehen – nach Amerika!«

Schnell blickte er zu ihr hinüber.

Ihr Wesen hatte sich vollständig verändert: ihre Worte hatten eine ruhige, entschlossene Sachlichkeit gezeigt. Und so war auch der Blick, mit dem sie ihn ansah und den seinen hielt. Sein Blick erhellte sich.

»Ja«, antwortete er.

»Sie wissen, wohin Sie gehen, wissen, was Sie wollen und anfangen werden: ich weiß nicht mehr wohin. Das ist hier alles ganz unmöglich für mich geworden. – Hahaha! Nach alledem, was ich die letzten zwei Jahre erlebt und abgetan habe, wieder in Mamas Kapuze zurück und als Buchhalterin gehen oder ich weiß nicht, was sonst etwa der Art? Das geht ja denn doch wohl nicht an.«

Ihre Worte zeigten dieselbe Entschlossenheit, die vorhin ihr Blick und ihr Wesen zum Ausdruck gebracht hatten.

Er antwortete nicht. Aber er nickte ein paarmal wie bestätigend mit dem Kopf, ohne seinen Blick von ihr zu lassen. Auch sie erwiderte noch immer diesen Blick.

»Landwirt wollen Sie werden. Eine Farm einrichten.«

»Eine Farm! Ja!«

Er lächelte, beständig sie ansehend.

»Da muß man etwa auch als Frau reiten können. Reiten kann ich; ich denke sogar, gut. Auch auf die Wirtschaft versteh' ich mich. Es ist die Hälfte meines Unglücks gewesen, daß ich in dieser Hinsicht gezwungen war, Dame zu sein. – Vielleicht muß man gelegentlich auch mal schießen können. Das würd' ich sicher sehr gut lernen. – Sie wollen sich ja wohl gegen das westliche Amerika hinwenden?«

Ihr Blick war für einen Augenblick unwillkürlich auf seine großen, kräftigen Hände abgeglitten. Er trug weder einen Ehe- noch einen Verlobungsring. Sie wußte das. Es war ihr schon vorigen Sonntag aufgefallen, als er im Schloß zum Mittagessen geladen war.

»Ja, gegen den Westen hin! In die Weststaaten!« bestätigte er unter einem kleinen Kopfnicken, ein verwirrtes Lächeln um den Mund.

»Können Sie denn da keine Frau brauchen?«

»Oh, die könnt' ich wohl brauchen!« antwortete er, in der Stimme eine merkbare Erregung.

»Nun? Wollen Sie mich – mitnehmen?«

»Oh, wenn – Sie – wollen?«

»Also nehmen Sie mich mit!«

Sie sah ihn mit großen, blitzenden Augen fest an, ein wenig gegen ihn vorgebeugt und ihm die Hand darbietend.

Schnell schlug er ein und erfaßte ihre Hand mit einem kurzen, warmen, kräftigen Druck ...

Ende der Woche war Cäcilie mit Henrik Wichmann verschwunden.

*

Man fand folgenden Brief vor, den sie für Helmut zurückgelassen hatte:

»Liebster, liebster, liebster Helmut! Wenn Du diese Zeilen zu Gesicht bekommst, bin ich von Dir fort: bin ich dem Manne gefolgt, dem mein Leben nun für immer angehören soll. –

Wie das gekommen ist? Fast weiß ich es selbst nicht. Aber das eine weiß ich, daß ich Dich nicht glücklich gemacht hätte, nie, nie so glücklich hätte machen können, wie Du es tausendfach verdienst. –

Liebster, liebster Helmut! Oh, Du sollst und darfst nicht schlecht von mir denken! Bei Gott im Himmel, in solch einem Sinn hast Du Dich nicht in mir enttäuscht! Du darfst mich nicht für ein schlechtes Weib halten! Nur für ein Weib, das die letzten Jahre über so unglücklich gewesen ist, daß es selber nicht mehr wußte, was es tat und wie es lebte. Was ich Dir auch alles genommen und verdorben habe: Du hast Dich nicht an mich weggeworfen. Denn ich bin Dir nicht einen Augenblick aus Eigennutz gefolgt, sondern aus einer Sympathie und aus einer Achtung, die ich Dir beide bis zu meinem Tode bewahren werde! Aber ich weiß jetzt, ich bin zu dem Bewußtsein gelangt, daß ich Dir niemals hätte sein können, was Du verdienst. – Ach, mein Leben ist ja bisher nur ein einziger besinnungsloser Wirbel gewesen, das Leben, das ich das letzte Jahr über geführt habe! Es konnte nur zu Tod oder Irrsinn führen! –

Helmut! Es ist mir ein so tröstlicher Gedanke, daß die liebe, die herrliche Erika noch bei Euch weilt! Gott weiß, wie ich sie in mein Herz geschlossen habe! – Helmut! Du sollst, Du darfst nicht über mich urteilen, als bis Du mit Erika gesprochen hast. Ich flehe Dich inständigst an, sprich mit ihr. Sie wird Dir alles, alles sagen können, wird Dir jede Aufklärung über mich geben können. Sie ist meine liebe, liebe Herzensfreundin, ihr habe ich mich anvertraut in einer mir ewig unvergeßlichen Stunde. Ihr allein. – Sie ist der einzige Mensch auf aller weiten Welt, dem ich mich in den letzten zwei Jahren ganz anvertraut habe. Helmut! Alles, alles habe ich immer allein gelitten und mit mir selbst ausmachen müssen!

Helmut! Hörst Du? Ich beschwöre, beschwöre Dich! Du mußt, mußt mit Erika sprechen! Ach, ich weiß keinen Menschen auf der Welt, der besser wäre als sie! Die gute, gute, herrliche Erika! – –

Helmut! Weiß Gott im Himmel, wie schwer es mir wird, Dich zu verlassen ... Aber wie kann man denn in so einem Brief darüber schreiben. Das nimmt sich alles so kalt, so nüchtern aus.« An dieser Stelle waren die Zeilen von Tränen verwischt. »Aber das Schicksal hat mich doch nicht dazu bestimmt, das Leben einer Dame zu führen. Jetzt gehe ich hinüber in die neue Welt, als die Gattin eines Landwirts, einem rauhen Leben entgegen, wie es für mich paßt und wie ich es haben muß. Denn ich bin unglücklich, krank und zu gar nichts nütze, wenn ich nicht immer in praktischer Tätigkeit sein kann. – Ich weiß nicht, ob ich Henrik mehr liebe als Dich. Ich glaube das nicht einmal, nein, ich glaube es nicht. Das ist eine so seine Sache, die man nicht sagen kann. Aber mit aller Bestimmtheit, mit jedem Blutstropfen weiß ich, daß er der Mann ist, zu dem ich passe, an dessen Seite ich leben und ein nützliches Glied der menschlichen Gesellschaft sein kann.

Aber, Helmut, tausendmal besser, als ich es hier vermag in diesen flüchtigen, unruhigen Zeilen, wird Dir Erika, Erika, das alles sagen können! – –

Leb' wohl! Leb' wohl!! Leb' tausendmal wohl!! Und möge Dir eine Bessere, deren Wert Du erkennen mußt, vieltausendmal mit tausendfältigem Glück Dein Lebelang vergelten, was ich Dir zu danken habe und Dir in ewigem Gedenken danken werde! – –

Leb' wohl! Leb' wohl! Und verzeih, vergiß! – –

Cäcilie.«

Die Baronin und Erika hatten eine kaum zu ertragende Zeit mit Helmut zu durchleben, dem außer dem Glück seines Lebens mit einem Schlage alles vernichtet war, was ihm je wert und Ziel seines besten Strebens gewesen. Kaum konnte er daran verhindert werden, Hand an sich zu legen. Doch gelang es Erika endlich, ihn in einem fast übermenschlichen seelischen Ringen, unter dem sich ihm rückhaltlos ihre ganze Liebe offenbarte, in einen gleichmäßigeren Zustand zu bringen. Später reichte sie ihm dann die Hand zum Bund für das Leben...

Cäcilie ihrerseits war mit Henrik Wichmann nach Magdeburg zurückgereist, wo Henrik seine Stellung aufgab und sich mit ihr, nachdem der Scheidungsprozeß zu seinem Austrag gekommen war, verheiratete.

Dann suchten sie Mama auf und warteten in ihrer Nähe die Zeit ab, die sie zum Abreisetermin bestimmt hatten.

Im Laufe der Jahre berichteten sie Mama, die von Cäcilie nach wie vor auf das gewissenhafteste unterstützt wurde, von Amerika aus über den Fortgang einer sehr glücklichen, kindergesegneten Ehe und im besten Aufschwung stehende äußere Lebensverhältnisse...

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