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Ein Frauenhaar

Maurus Jókai: Ein Frauenhaar - Kapitel 9
Quellenangabe
authorMaurus Jókai
titleEin Frauenhaar
publisherVerlag von Heinrich Minden
year1883
translatorLudwig Wechsler
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20161006
modified20170628
projectid73fecffb
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Achtes Kapitel.

Uladislaus hatte an seinem Hofe nur einen einzigen vertrauten Menschen.

Diesem pflegte er seine geheimsten Gedanken mitzuteilen; diesem wagte er es zu entdecken, wenn er mit seinen Ständen unzufrieden war; diesem wagte er zu klagen, daß ihn im Knie die Gicht plage, wenn er zu Pferde sitzen musste, und daß er es vorzöge, im geheizten Zimmer zu bleiben, als zur Besiegung der Kosaken und Türken das Schwert zu ziehen; diesem gestattete er zu ahnen, daß auch die alten Leute Jugendträumereien haben. Zu diesem hatte er mehr Vertrauen als zu seinem Hofmarschall, als zu seinem Hausarzte, als zu seinem Beichtvater, und dieser Mensch war – sein Hofnarr, Namens Wawra.

Damals hielten sich viele Adelige einen Hofnarren; die Narren der Könige waren stets sehr einflussreiche Personen; ihr ungewöhnlicher Anzug verlieh ihnen auch ungewöhnliche Freiheiten. Der König konnte sie mit Prügel traktiren, sie jedoch Jedermann.

Wawra war einer guten Erziehung teilhaftig geworden. Er war in Wien bei den Jesuiten in die Schule gegangen. Anfänglich war er zum Geistlichen bestimmt gewesen, um als Missionär die Slovakei in Ungarn der Regierung der ungarischen Fürsten abtrünnig zu machen, später wurde er jedoch mit einer wichtigeren Mission betraut; er ward als Hofnarr an den warschauer Hof gesandt und diente in dieser Eigenschaft dem wiener Hofe. Ein Hofnarr, der den Gesandten vertritt! Und weshalb denn nicht? Sahen wir nicht bereits Gesandte, die den Hofnarren vertraten?

Durch seine Hände gelangte der Brief Boisdauphin's unter den Teller Uladislaus'!

Der König vermutete, daß sein Günstling Kenntniss von dem Inhalte dieses Briefes habe. Spät Abends, wenn der König sich zur Ruhe begab, nahm er stets den Narren mit in sein Schlafgemach. Der König war ein schlechter Schläfer. Wawra musste ihm so lange Anekdoten und Geschichten erzählen, bis ihn der Schlaf überkam.

Diesen Abend fielen dem Narren nur Anekdoten von betrogenen Ehegatten ein. Den König ärgerte die Sache, denn er merkte die Absicht.

»Hör mal, jetzt werde ich Dir ein Rätsel aufgeben,« sagte er zum Narren und trug ihm die Rechenaufgabe vor, die er bereits Marquis Bethune mitgeteilt. »Wenn ich fünfzehn von fünfundzwanzig subtrahire bleibt zehn; wie geht nun fünfzehn von zehn?«

»Das geht nicht, Gevatter,« sagte Hanswurst, »aber nimm von siebenundzwanzig zwölf, bleibt fünfzehn, hieraus geht dann schon zwölf.«

»Du kannst gehen, ich bin schläfrig,« sagte der König.

Dies war aber nicht wahr; denn statt ihn einzuschläfern, hatte ihm der Narr den ganzen Schlaf geraubt. Diese zweite Rechenaufgabe war ein Pfeil für das Herz des Königs. Wie, wenn er Recht hätte? Sein Bett ward ihm zum Dornenlager; er vermochte nicht, darin zu bleiben. Er erhob sich und weckte seine Pagen auf.

»Rufet mir sofort Radziwill her!«

Das war sein Oberschatzmeister.

Es war eine schwere Aufgabe, diesen um Mitternacht aus dem Bette zu bringen, denn er hatte einen sehr festen Schlaf und führte mit jedem, der ihn weckte, ganze Zwiegespräche, um dann weiter zu schlafen, und selbst wenn er bereits einen Stiefel am Fuße hatte, fiel er wieder auf das Bärenfell zurück und begann neuerdings zu schnarchen, er war noch schläfrig, als er bereits im Schlafgemach des Königs stand, und wenn er sich mit der Schulter an einen Gegenstand hätte lehnen können, wäre er sicherlich auch stehend eingeschlafen. Da ihm dies jedoch verwehrt war, gähnte er nur fortwährend, während der König unruhig im Zimmer auf und ab schritt.

Plötzlich blieb der König vor ihm stehen und fragte:

»Was glaubst Du, Radziwill, weshalb ließ ich Dich rufen?«

Ein unmenschliches Gähnen war die Antwort.

»Zu so ungewohnter Stunde. Aber gähne doch nicht so viel! Bist Du bereit für die Hochzeitsfeierlichkeit?«

»Seit sechs Wochen tue ich nichts Anderes, als mich auf dieselbe vorzubereiten.«

»Aber nicht auf meine Hochzeit, sondern auf die Deinige.«

Bei diesen Worten verging dem edlen Herrn die Lust zum Gähnen. Er versuchte seine winzigen Augen weit aufzusperren.

»Was war das, Majestät?«

»Morgen musst Du mit mir zugleich heiraten.«

»Uebermorgen werde ich grade siebzig Jahre alt.«

»Umso mehr musst Du Dich beeilen, so lange Du noch in den sechziger Jahren bist. Wie viel Weiber hast Du schon begraben?«

»Sechs.«

»Nun, so wird diese die siebente sein. Wer vor sechsen nicht zurückschreckt, fürchtet sich auch nicht vor sieben.«

Der alte Schatzmeister begann sich zu sträuben und einzuwenden, daß dies kein Unternehmen mehr für ihn sei, daß er bereits Enkel habe, daß er keine Lust verspüre, Weibervolk zu bewachen; aber der König schnitt ihm alle Einwände mit den Worten ab: »Hast Du mir denn nicht versprochen, daß wenn ich in die Hölle reite, Du mit mir reitest? Und jetzt rufe ich Dich ins Paradies mit mir.«

»O ja,« polterte der Greis, »nur daß bei diesem Ritte ich das Pferd abgeben werde.«

»Es muss sein, das Interesse des Landes erheischt es.«

»Aber wer will denn meine Braut sein? Muss ich ihr Mitgift geben, oder sie mir? Wenigstens will ich doch ihren Namen wissen.«

»Ihr Name ist Herrin von Oswieczym. Ich gebe Dir mit ihr die Herrschaft Oswieczym als Morgengabe.«

»Sammt dem Regale?«

»Ja.«

»Das ist schon etwas.«

»Na, Alter, jetzt bleib aber nur schon da. Geh nicht wieder zu Bette. Setz Dich hier nieder und trinke mit mir auf das Vergessen unseres Junggesellentums.«

Und dann tranken sie bis an den hellen Morgen; nicht volle Kannen leerend, nach Gewohnheit der Deutschen, sondern wie es die Polen pflegten, langsam schlürfend, oder wie es der Ungar nennt, »sie trauerten«.

Als der Morgen anbrach, sah man ihnen nicht einmal an, daß sie die ganze Nacht gezecht.

Zwölf bittere Mandeln, sowie ein Glas voll Sauerkrautsaft vermag den Menschen gänzlich wieder herzustellen. – Und wie, wenn sieben Tage dort am Tische durchwacht werden müssen?

Der König hatte seinen Plan sehr gut ausgearbeitet.

Die Morgenröte war noch nicht angebrochen, der Turmwächter verkündete, daß Morgen sei, die Uhren schlugen die fünfte Stunde, sämmtliche Glocken der Stadt begannen zu läuten, wie an einem Feiertage. Vor dem Königspalast ertönte Trommelwirbel und Trompetengeschmetter. Die türkische Pfeife und die Messingbecken schlugen einen solchen Lärm, daß Jedermann erwachen musste; die Oberhofmarschallin bedeutete der Herzogin Maria Luise, daß hier Sitte sei, sich bereits um fünf Uhr anzukleiden, denn der König fordere es streng, daß Jedermann bei der Sechsuhrmesse zugegen sei.

Die Herzogin war zwar ganz zerschlagen von der Reise, und sie hätte Lust gehabt, den ganzen Tag den Sonnenstrahlen das Eindringen in ihr Schlafgemach zu verwehren, aber sie wusste, daß, so lange das Weib Braut sei, es gehorchen müsse. Sie erteilte auch ihrer Umgebung den Befehl zum Aufstehen. Alle gelangten rechtzeitig in die Burgkapelle zur Frühmesse.

Der König wünschte, daß die Anwesenden bei dieser Gelegenheit auch beichten sollten. Dies geschah auch.

Nach der Messe pflegte sich der Hof zum Frühstück zu sammeln. Bei diesem waren die Geheimräte des Königs sammt ihren Gattinnen, Herzog Radziwill und der Hofnarr Wawra zugegen. Auch Marquis Bethune fehlte nicht. Die zwei französischen Hofherren, Marquis d'Arquien und Guebriant, sowie Blanca und Eleonore waren nach französischer Mode gekleidet; Herzogin Maria Luise huldigte in ihrem polnischen Anzug ganz allein der Nationaltracht.

Der König war auffallend freundlich. Er fragte seine Braut, was sie die erste Nacht im Königsschlosse geträumt, denn solche Träume pflegten in Erfüllung zu gehen.

Die Herzogin bekannte mit kindlicher Offenheit ihren Traum.

»Ich träumte etwas ganz Absonderliches, Sire! Ich träumte, ich sei die Gattin eines Königs und eines Priesters geworden.«

»Nun, das ist schon geradezu unmöglich!« sagte Uladislaus, »denn ich werde kein Priester, so viel ist gewiss, und daß ein Geistlicher nicht heiraten darf, ist noch gewisser.«

Deshalb aber erfüllte sich der Traum der Herzogin dennoch Wort für Wort, was wir aber erst ein wenig später erklären werden.

Der König war auch gegen die schönen Zwillingsmädchen sehr huldreich und herablassend. Sie glichen einander so sehr, daß man sie nicht von einander zu unterscheiden vermochte. Gesicht, Gestalt ganz gleich, nur in den Augen war der Unterschied wahrnehmbar; aber auch nicht durch die Färbung derselben, sondern dadurch, daß ein Paar Schüchternheit, sanfte Bescheidenheit, das andere flammende Leidenschaft, lebendigen Geist und entschlossenen Charakter verriet. Jene war Blanca, diese war Eleonore.

Die beiden Mädchen standen rechts und links an der Seite der Marquise d'Arquien; der König schritt an der Hand der Herzogin zu ihnen hin und blickte während des Gesprächs bald auf das Gesicht des angesprochenen Mädchens, bald auf das der Herzogin.

»Ihr Name, schönes Kind?« fragte er huldreich, das Kinn des Mädchens emporhebend, um ihr ins Gesicht blicken zu können.

»Leonore,« stammelte diese schüchtern.

»Wissen Sie, daß ich Sie heute verheirate? Bei uns heiraten die Mädchen sehr früh und nicht zu ihrem Schaden. Als Brautgabe gebe ich Ihnen die Herrschaft von Oswieczym.«

Das Mädchen erbebte. Die rote Farbe auf ihrem Gesichte gestattete ihr nicht zu erbleichen; aber die erschrocken geöffneten Augen bewiesen ihre Betroffenheit.

Aber noch mehr erschrak die Marquise d'Arquien. In ihrer Verwirrung warf sie dazwischen:

»Die Herzogin ist noch sehr jung.«

»Herzogin?« fragte der König, mit stechenden Blicken die »Marquise« fixirend.

Maria Luise sprach lachend dazwischen: »Ja! Meine Freundin verriet, was noch geheim bleiben sollte, daß nämlich Seine Majestät, der König Ludwig, Marquis d'Arquien zum Herzog und Pair von Frankreich ernannte, als er ihn hierhersandte.«

Der König gratulirte d'Arquien zu dieser Auszeichnung, der gezwungen war, dieselbe entgegenzunehmen.

»Desto besser,« sagte der König. »Ich wählte für Herzogin Leonore ebenfalls einen Herzog zum Gemahl. Im Namen meines ersten Reichsgranden, des Oberschatzmeisters Herzog Radziwill, halte ich um Ihre Hand an.«

Und damit wies er auf den Bräutigam.

Das arme junge Mädchen war einer Ohnmacht nahe. In ihrer Angst umklammerte sie die Hand der Marquise d'Arquien, ihre erschrockenen Augen suchten jedoch Schutz in Maria Luisens Augen. Eine Taube an einen Pelikan zu verheiraten! Herzog Radziwill besaß einen solchen Kropf, daß man unwillkürlich an diesen Vogel erinnert wurde. Wenn man dem Mädchen gesagt hätte, daß sie heute wie ein Lamm geopfert werden solle, wäre ihr Schrecken nicht größer gewesen.

Die Marquise war starr.

Nur Maria Luise verlor nicht die Geistesgegenwart.

»Diese auszeichnende Verbindung wäre ein großes Glück für die junge Herzogin, Sire; doch muss ich Ihnen zu meinem Bedauern mitteilen, daß noch gestern Marquis Bethune dieselbe zu seiner Braut erkor und daß ihre Eltern einwilligten.«

Marquis Bethune verrieth keine Ueberraschung darüber, daß man ihn so leicht ohne seine Kenntniss verheiratete. Er verstand den Zusammenhang des Ganzen. Er wusste, daß er dieses Opfer »höheren Interessen« schulde. Und als sich der König fragenden Blickes zu ihm wandte, verbeugte er sich mit dem Lächeln eines glücklichen Liebhabers vor ihm, so die Behauptung der Herzogin bestätigend.

Wie die vom Ertrinken Gerettete blickte Leonore auf ihren improvisirten Verlobten, dessen sie eben auch nicht benötigte, der aber wenigstens jung war und sanftmütig schien und als Befreier sehr acceptirbar war.

»Na, hier wären wir denn zu spät gekommen,« sagte der König mit cholerischem Lächeln, »aber das tut nichts, hier ist die Schwester, die schöne Blanca. Sie ist vielleicht noch nicht verlobt seit gestern.«

Der Sarkasmus des Verdachtes war durch die Worte des Königs erkennbar.

Maria Luise und das Kind blickten einander in die Augen. Ihre Lippen durften nicht sprechen, nur ihre Augen. Auch diese nur zwei Augenblicke. Während dieser Augenblicke mussten die redenden Augen fragen und antworten. – »Ich bin verloren, wenn Du mich nicht rettest!« – »Ich habe verstanden, ich halte Dich!«

Der König hielt die Hand ausgestreckt. Man darf die Hand eines Königs, die bittend ausgestreckt ist, nicht lange warten lassen. Man erwartet die Antwort.

Die blauen Augen blitzten. Das Feuer der Kraft und des Willens schoss aus denselben. Rasch und lächelnd legte Blanca ihre Hand in die des Königs mit den Worten:

»Mir gefällt der Herzog ...«

Maria Luisens Herz pochte zum Zerspringen. Sie war gerettet, aber Blanca verloren. Welche Gestalt, die sie zum Gatten erhielt!

Aber das unreife Kind vermochte auf einmal seine Lage zu erfassen. Eine ahnungsvolle Stimme mochte ihr in dieser Sekunde zuflüstern, daß sie berufen sei, das Loos mächtiger Staaten zu entscheiden; – nicht nur jetzt, sondern auch in Zukunft – und bis ans Ende.

Sie freute sich ihres Glückes und ahnte nicht das Unglück in demselben.

Sie besaß so viel Geistesgegenwart, um mit stolzem Gesichtsausdruck sich an die Brust der Marquise d'Arquien zu werfen und deren mütterlichen Segen und Einwilligung zu erbitten.

Die Komödie war über Erwarten gelungen.

Der Narr (nicht Herzog Radziwill, sondern Wawra) applaudirte dem Ausgang. »Dreifache Hochzeit! Gevatter, das hast Du gut gemacht!«

Die dreifache Trauung ward noch an demselben Tag mit der größten Pracht in der Kirche des heiligen Johannes vollzogen, deren Sakristei durch einen langen, gedeckten Gang mit der Burgkapelle verbunden war.

Erst die späte Nacht machte den Gelagen und Feierlichkeiten ein Ende, wo dann jeder der glücklichen Bräutigame seine Braut heim, ins eigene Nest führte.

Als der König, unter dem Geschmetter der Trompeten, von seinen Hofgranden begleitet und seine Braut an der Hand führend, sich in seine Privatgemächer zurückzog, erblickte er den Narren auf seinem Weg.

Auch er verbeugte sich bis zur Erde vor dem königlichen Paare. Die polnische Sitte erfordert es indessen, daß, wer sich verbeugt, fortwährend dem Begrüßten ins Angesicht blicke und dies nicht, wie der Russe, mit niedergeschlagenen Augen tue. – Auch Wawra befolgte dies, nur daß er dem Könige nicht in die Augen, sondern fortwährend auf die Stirn blickte.

Uladislaus gewahrte das Pasquill, welches in diesem Blicke ausgedrückt, und applizirte dem seine Stirn anstarrenden Narren einen Nasenstüber:

»Siehst Du jetzt ein, daß Du nicht rechnen kannst?«

Mit verzogenen Mundwinkeln antwortete der Narr: »Warten wir den andern Morgen ab, Gevatter!«

Sie sprachen polnisch, was Maria Luise nicht verstand; deshalb wusste sie aber, was sie gesprochen.

Der Morgen nach der Brautnacht – geheimnissvolle Zukunft!

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