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Ein Frauenhaar

Maurus Jókai: Ein Frauenhaar - Kapitel 6
Quellenangabe
authorMaurus Jókai
titleEin Frauenhaar
publisherVerlag von Heinrich Minden
year1883
translatorLudwig Wechsler
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20161006
modified20170628
projectid73fecffb
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Fünftes Kapitel.

Aber auch die Männer verstehen es!

Zur Zeit, da Ludwig XIV. Frankreich beherrschte, galt Luise Maria Gonzaga, die Tochter der heißblütigen Herzogin v. Nevers, als die größte Schönheit Frankreichs. Besonders pries man ihre großen dunkelblauen Augen, in denen Jeder finden konnte, was er suchte: die Unendlichkeit der Schwärmerei, den hellen, sonnigen Glanz der Aufrichtigkeit oder das hinreißende Sternleuchten der Leidenschaft, wie es sich gerade fand. Dieselben Augen sind nicht für jeden Menschen dieselben, Ludwig XIV. liebte es selber, in diese schönen Augen zu blicken. Eines Tages ließ er seine Nichte neben sich auf einem Tabouret Platz nehmen und befahl ihr, sie möge ihn ansehen. Just an diesem Tage hatte man in Paris den tapferen Chevalier Cinq-Mars geköpft, und der König fand, daß die schönen Augen seiner Nichte von einem Netz roter Aederchen überzogen waren.

»Du hast geweint?«

Herzogin Maria Luise verbarg bei diesen Worten den blauen Himmel ihrer Augen unter den dunklen Wimpern, und zwei glänzende Tränentropfen antworteten auf die Frage des Königs. Die schöne Dame hatte nicht nur geweint, sondern weinte noch.

»Du beweinst den Ritter Cinq-Mars?«

»Ja.«

»Weshalb beweinst Du ihn?«

»Weil er mein Gatte war ...«

Der König wusste das schon lange. Sie waren heimlich getraut, aber Maria Luise wollte es so lange nicht ans Tageslicht kommen lassen, bis Cinq-Mars zum Connetable ernannt wurde. Und unterdessen verlor der Ritter den Kopf.

»Schade um ihn. Es war ein wackerer Kämpe,« sprach der König. »Aber jetzt weine nicht mehr. Ich gebe Dir statt seiner einen anderen Gatten, der größer ist, als Cinq-Mars und mit ihm eine Königskrone. Du bist die Braut Uladislaus' des Vierten.«

»Das ist ja ein alter Mann.«

»Aber ein König.«

»Ja, aber blos von Polen.«

»Sprich nicht so gering von den Polen, das ist eine mächtige Nation und ein Reich, welches keine Grenzen hat. Wenn der König gut gelaunt ist, nimmt er den Russen die Ukraine, den Deutschen Brandenburg, den Ungarn die Zips; seine Edelleute sind stolzer als alle Könige der Welt. Wenn es Frankreich gelingt, dieses tapfere Volk an sich zu fesseln, lähmen wir unserem mächtigen Feind, Oestreich, den rechten Arm. Bedenke, was für Triumphe Deine Heirat mit Uladislaus den Waffen Frankreichs verleihen würde!«

Mit bitterem Spotte antwortete die Herzogin:

»Meine Aufgabe wäre es also, Soldaten für Frankreich zu gebären?«

– Zu jener Zeit waren derlei starke Worte nichts Ungewöhnliches in dem Munde der Damen. –

»Und wenn möglich, selbst Zwillinge,« sagte der König – und lachte, – wozu er doppelten Grund hatte, erstens weil die Herzogin bei diesen Worten tief errötete, und zweitens, weil das bon mot auch historisch zutreffend war. Es hing von der Haltung Polens ab, ob die Ungarn auch über Oestreich siegen sollten, denn diese waren ebenfalls Verbündete des Königs von Frankreich.

Der König hatte demnach Grund zu lachen und die Herzogin zu erröten.

»Ich muss mich also in der Heimat der Auerochsen verbergen,« seufzte die Herzogin, »je weiter weg von hier, desto besser.«

Sie hatte guten Grund dazu, sich in die Welt hinauszusehnen, gleichviel wohin, und in Frankreich nicht zu bleiben.

»Willst Du das Bildniss Deines Bräutigams sehen?« fragte der König.

»Es sei.«

Der König führte Maria Luise zu einem auf drei Füßen stehenden Gestell, worauf, von einem grünen Seidenvorhang verdeckt, ein Portrait in breitem Goldrahmen stand. Der König zog den Vorhang bei Seite. Das Brustbild des Polenkönigs ward sichtbar.

Die schönen blauen Augen vergaßen plötzlich das Weinen und begannen zu lachen.

»Ist dies seine Maske?« fragte die Herzogin.

Und ihre Frage war nicht ohne Grund. Uladislaus war dort in einem Kostüme abgebildet, mit aufgestülpter ungarischer Mütze, und um die Schultern geworfenem Pelze, wie man sie in Paris und zur Belustigung des Publikums in den großen Aufzügen der Maskenbälle zu benützen pflegte.

»Das ist ein getreues Abbild Deines Bräutigams.«

»Also diese Marder-, Bären- und Fuchsfelle werden auch zu meinem Bräutigam gehören?«

»Die legt er ja ab, wenn er – zu Nacht speist.«

»Aber welch' ein Gesicht? Ist denn das ein Wilder von den Otahiti-Inseln?«

»Weshalb sollte er ein Wilder sein?«

»Nun, und wie sind ihm denn jene zwei Korkzieher unter die Nase geschraubt?«

»Das sind ja keine Korkzieher, das ist ein Schnurrbart.«

Die schöne Herzogin hatte bis jetzt immer solche Männer vor sich gesehen, deren Lippen schön glatt abrasirt waren. Der Schnurr- und Ziegenbart à la Henry IV. war bereits längst außer Mode gekommen. Es wollte ihr auf keine Weise einleuchten, daß jenes geschnörkelte Etwas oberhalb der Männerlippe kein wurmartiger Auswuchs, wie der Sporn des Hahnes, und nicht irgend eine Membrane, wie der Nasenschmuck des Truthahnes, sondern ein von Gott verliehenes Haar sei, welches man mit Hilfe einer Wachspomade mit großer Kunst zu der Form eines Hobelspanes aufwirble, was man, wo es eben Mode ist, sehr schön findet.

Die schöne Herzogin wandte dem Bilde ihren Rücken zu, blickte über ihre Schulter auf dasselbe zurück und ein spöttisches Lachen brach von ihren Lippen.

»Liebe Nichte,« sprach nun der König. »Wessen Bild ich Dir auch heute in diesem Rahmen mit den Worten zeigen würde: Dies ist Dein zukünftiger Gatte! Du würdest bei Jedem dasselbe spöttische Lachen hören lassen, und je schöner, geputzter, je stolzer und edler der Mann wäre, auf den ich Deine Aufmerksamkeit lenkte, Du würdest ihn nur mit desto größerem Hasse anblicken. Vor Dir schwebt noch Cinq-Mars' Angesicht und da siehst Du Jeden mit Abscheu an. Diese sind für Dich, wenn auch lebend, doch nur gemalte Bilder. Aber Jener, den ich Dir gezeigt – ist ein lebender Mensch, in dem echtes Blut und eine echte Seele wohnt. Er ist nicht schön, er ist sogar hässlich, auch mir gefällt er nicht, sein Abbild ist abstoßend. Aber wenn ich Dir nur einen einzigen Zug von ihm erzähle, werde ich ein größerer Künstler sein, als Correggio war, denn mit einem einzigen Zuge werde ich dieses Bild hinreißend machen.«

»Ich werde Zeugin dieses Wunders sein, Sire.«

Die schöne Herzogin wandte sich hierauf ganz gegen das Bild, und die weißen Hände unter den Vorhang steckend, hielt sie dasselbe selbst verdeckt und hielt die Augen so lange darauf geheftet bis der König seine Erzählung beendete.

»Dieser Mann war nicht auf dem Throne geboren. Die Polen wählen ihren König, dort giebt es keine Königssöhne. Als er noch einfacher Edelmann war, nahm auch er Teil an jener Schlacht, in welcher der deutsche Kaiser Heinrich vom Polenkönig so aufs Haupt geschlagen wurde, daß der Kaiser selbst den Frieden erbat. Der Polenkönig sandte diesen Menschen als seinen Bevollmächtigten an den Kaiser ab. Der Abgesandte schrieb dem Kaiser grausame Bedingungen vor. Der Kaiser sagte, daß dieselben unannehmbar seien. ›Und Du musst sie dennoch annehmen,‹ sagte der polnische Edelmann, ›denn Du hast keine Kraft, Dich dem Sieger neuerdings gegenüberzustellen.‹

»Wohl hab' ich sie,« sagte Heinrich und führte den polnischen Abgesandten zu einer ungeheuren, eisernen Truhe, deren Deckel er öffnete und ihm das darin aufgehäufte geprägte Gold und Geschmeide zeigte, worauf die zahllosen Edelsteine glitzerten und blitzten. »Dies ist heute mein, morgen Dein Eigentum!«

Da ergriff der polnische Edelmann die schwere Goldkette seines eigenen Pelzes, riss dieselbe ab und warf sie zu den übrigen Schätzen: »Hier, damit Du noch mehr besitzest!«

Heinrich sagte »Danke!«, schloss die Truhe und unterschrieb die grausamen Bedingungen. »Dieser Edelmann ist es, dessen Bild vor Dir steht.«

Die in ungewöhnlichem Feuer leuchtenden Augen der Herzogin richteten sich auf des Königs Angesicht.

»Sire, Sie haben Recht, Sie sind Coreggio. – Ich könnte die – Gattin dieses Mannes sein.«

Ludwig XIV. küsste die letzten Tränen von den schönen Augen seiner Nichte.

Diese Angelegenheit war entschieden.

»Le mari est mort; vive le roi!« Auch gut.

»Aber jetzt habe ich Bedingungen, von denen ich meine Einwilligung abhängig mache,« sagte die Herzogin.

»Wir hören.«

»Zuerst müssen in dem – Taufschein, den man zu dem Trauungsakt benötigt, dreiundzwanzig und nicht siebenundzwanzig Jahre als mein Alter angegeben sein.«

»Das wird zwar eine Matrikelfälschung kosten, ist aber nicht unmöglich; obwohl ich den Grund nicht kenne. Auf dem Gesicht meiner schönen Nichte gestatten die Grazien nicht, die Jahre zu erraten. Du bist noch jetzt ein solches Kind wie zur Zeit, da Du aus dem Kloster kamst.«

»Meine zweite Bedingung ist, daß mich der Marquis d'Arquien als Hofmarschall und seine Gattin als Hofdame nach Warschau begleiten sollen; selbstverständlich sammt ihrer Familie.«

»Das begreife ich schon. Die Marquise war stets Dein Günstling.«

»Meine dritte Bedingung ist, daß Marquis d'Arquien sofort nach Schließung dieser Vermählung zum Herzog und Pair von Frankreich ernannt werde.«

»Den Grund hiervon sehe ich nicht ein,« sagte der König, die Stirne in verdrießliche Falten legend. »Ich kenne kein weiteres Verdienst an dem ganzen Marquis d'Arquien, als daß seine Frau zwei schöne »Zwillingstöchter« hat, und daß er sehr gut den Degen zu führen weiß.«

»Eben deshalb.«

»Es mag das in Deinen Augen genügender Grund gewesen sein, ihn als Gatten Deiner Vertrauten zu erwählen. Obwohl ich auch das nicht ganz zu verstehen vermag. Wenn Du Deine Freundin schon verheiraten wolltest, weshalb suchtest Du für sie einen Mann aus, der einen jeden niedersticht, der seiner Frau den Hof zu machen wagt! Er verbittert ja der armen Frau das ganze Leben damit. Allerjüngstens hatte er abermals ein Duell. Der arme Marquis Boisdauphin erhielt einen solchen Stich, daß er sich wohl nimmer erholen wird.«

»Ich werde für seine Seele beten.«

»Du wünschest also, daß d'Arquien Herzogsrang erhalte? Nur er – für seine eigene Person? Oder soll der Herzogstitel auch auf seine beiden Zwillingstöchter übergehen?«

»Ganz gewiss! Auch auf seine zwei Töchter!« beeilte sich die schöne Herzogin zu antworten, und wer in diesem Momente in ihre Augen sah, hätte in deren Grunde zwei lächelnde Engelsgesichter aus der Tiefe geöffneter Wolken herniederblicken gesehen. O wie viel Wonne, Verklärung und Liebe lag in diesem Blick!

»Du ließest mich in Dein Geheimniss blicken,« flüsterte der König lächelnd und küsste die Stirne seiner schönen Nichte. »Was Du gewünscht, soll erfüllt werden.«

Damit entließ er huldreich seine schöne Nichte vor seinem königlichen Angesicht, die vor dem Königsschloss von ihren Sänftenträgern erwartet wurde.

Maria Luise eilte in ihren Palast, verschloss sich in ihr innerstes Gemach, um sich dort noch einmal nach Herzenslust vor dem Bilde des Cinq-Mars auszuweinen.

Die Macht eines Königs ist jedoch so groß, daß er sogar die Tränen seiner Untertanen trocknen kann, wenn ihm dieselben missfallen. An der Stelle des ritterlichen Cinq-Mars fand Maria Luise bereits das Bild Uladislaus' – und da verging ihr die Lust, mit diesem Bilde in einem Zimmer zu weinen.

Dieses Bild erfüllte ihre Seele mit ganz anderen Gedanken, die in demselben Gegensatze mit den bisherigen standen, wie der Louvre zu dem Palaste der Jagellonen; in demselben, welcher zwischen den schwärmerischen Träumen eines für seine Seligkeit fürchtenden, seine Liebe verheimlichenden Frauenherzens und den kühl spekulirenden Berechnungen einer sich zur Königin vorbereitenden, aufgeopferten Seele herrscht.

Maria Luise besaß nichts mehr, was sie zu lieben, wohl aber, was sie zu hassen hatte.

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