Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Maurus Jókai >

Ein Frauenhaar

Maurus Jókai: Ein Frauenhaar - Kapitel 5
Quellenangabe
authorMaurus Jókai
titleEin Frauenhaar
publisherVerlag von Heinrich Minden
year1883
translatorLudwig Wechsler
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20161006
modified20170628
projectid73fecffb
Schließen

Navigation:

Viertes Kapitel.

Diejenigen aber, die die abgeschnittenen Köpfe der beiden Edelleute geraubt hatten, waren keine Höllengespenster, sondern sehr schöne und sehr vornehme Damen gewesen.

Die Dame, die sich den Kopf des Ritters de la Mole angeeignet hatte, war die Königin von Navarra, und die, die das Haupt des Ritters Coconas geraubt, war die Schwägerin des Königs: die Herzogin Henriette de Cleves und Revers.

Der mit einem Haare umwundene Ring gehörte auch der letzteren. Es war in der That von Vortheil gewesen, daß Niemand diesen Ring entdeckte, denn wenn man jenes Haar losgelöst hätte, wären viele Geheimnisse verrathen worden. So langes, goldrothes Haar, welches stark und dick war gleich der Pferdemähne, war bei Niemandem sonst, als bei der Herzogin von Revers zu finden.

Der wiedergewonnene Ring ward sodann den Familienreliquien eingereiht und einer späteren großen Rolle vorbehalten.

*

Diese kleine Spukgeschichte ward nur als ein Beweis dessen erzählt, was für Blut in jenem Frauenherzen rollen mochte, welches sich entschließen konnte, in finsterer Nacht, bei grimmigem Gewitter, in Gesellschaft eines gleichermaßen sinnlos verliebten Frauenzimmers sich aufzumachen, um den Kopf des enthaupteten Geliebten von der Bahre des Todtengemaches zu holen! Dieses Blut vererbte sich auch auf die Töchter.

Das geraubte Haupt hat jedoch noch eine Nachgeschichte.

Nachdem die Herzogin von Revers den Kopf des Ritters Coconas nach den Weisungen des gelehrten Ruggieri eigenhändig einbalsamirt hatte, verwahrte sie denselben in einem prächtig gearbeiteten Kästchen aus Gold, welches in ihrem Schlafzimmer auf einer kostbaren Jaspissäule ruhte. So oft sich der Herzog von Revers zu einer zärtlichen Unterhaltung in das Boudoir seiner Gattin begab, ahnte er niemals, daß sie nicht zu Zweien, sondern zu Dreien sind.

Und noch ein zweites Bedenken blieb zurück. Nach den Zügen des abgeschnittenen Kopfes ließ Henriette jene berüchtigte Sardonyx-Camée anfertigen, welche jetzt Eigenthum der russischen Schatzkammer ist. Die Kunstverständigen kennen sie unter dem Namen: »Camea Gonzaga »zu Ehren des Herzogs von Revers, der auch Ludwig Gonzaga hieß. Den auf der Camée sichtbaren Kopf hält man für den des Kaisers Vespasianus, während derselbe das Profil des Ritters Coconas verewigt.

Diese Geschichte ist in einer Handschrift aufgezeichnet, die in der Bibliothek der Herzogin von Montpensier bewahrt wird und den Titel führt: »La manière d'arpenter brièvement les prairies, par Madame Nevers« ( Art und Weise, ein Feld rasch abzumessen. Von Frau von Nevers.) Der Titel bildet eine scherzhafte Anspielung auf jenen Lauf, welchen die Herzogin von Nevers in jener Nacht, mit dem Kopf des Geliebten in den Händen, über Stock und Stein vollbrachte.

Ach, Frauen verstehen es sehr gut, einander zu verleumden!

 << Kapitel 4  Kapitel 6 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.