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Ein Frauenhaar

Maurus Jókai: Ein Frauenhaar - Kapitel 4
Quellenangabe
authorMaurus Jókai
titleEin Frauenhaar
publisherVerlag von Heinrich Minden
year1883
translatorLudwig Wechsler
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20161006
modified20170628
projectid73fecffb
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Drittes Kapitel.

Als nun die Ritter de la Mole und Coconas mit den Köpfen unter den Armen in das Kloster am Montmartre gekommen waren, wurden sie dort mit dem ihrem Range gebührenden Gepränge aufgebahrt, damit sie in dieser Beziehung keinerlei Klage erheben könnten. Die Katafalke waren mit ihren Wappen geschmückt und in dem erwähnten Donjon derart aufgestellt, daß die angesammelte gaffende Menschenmenge durch drei geöffnete Fenster die traurige Pracht betrachten konnte.

In den Eckturm, wo die Bahre der Enthaupteten stand, konnte man nur durch einen inneren Corridor des Klosters gelangen, während ausserhalb des Turmes ein Hellebardier als Wachtposten aufgestellt war.

In der erwähnten Nacht nun, von welcher aufgezeichnet wurde, daß um zwölf Uhr eines der ärgsten Gewitter über Paris wüthete, begab es sich, daß der vor dem Donjon des Klosters stehende Hellebardier, als er, auf seinen Spieß gestützt, zählte, wie oft bereits der Blitz eingeschlagen, plötzlich bemerkte, daß auf der vor dem séjour royal sich ausdehnenden Ebene ein unstäter Lichtschein dahingleite.

Es war schwer zu unterscheiden. Das grelle Licht der Blitze raubte von Zeit zu Zeit das Sehvermögen der in die Finsterniss starrenden Augen, so daß dieselben in der unmittelbar darauffolgenden pechschwarzen Dunkelheit blos nach geraumer Zeit den sich nähernden Schein wiedergewahren konnten, der nichts weiter sein konnte als die Seele eines Missetäters.

Der zitternde Lichtschein glitt immer näher längs der Seite des Montmartre. Der Regen hatte bereits aufgehört, doch blitzte es unaufhörlich. Auf der Spitze des Berges hatte der Flügel einer Windmühle die Kette gesprengt und schlug nun, gleich einem wahnsinnigen Ungeheuer, gen Himmel, den fliehenden Wolken nach.

Der Wachtposten sah den rätselhaften Schein sich immer mehr dem Kloster nähern, und während einer etwas längeren Pause der Blitze gewahrte er, daß drei Gestalten auf das Kloster zukamen. Voran schritt eine schwarze, welche die Leuchte hielt, die weder Sturm noch Regen zu verlöschen vermögen, und dicht hinter der ersten folgten zwei Frauengestalten in weißen Kleidern und schwarzen Kapuzen.

Dies können nur verdammte Seelen sein.

Um Mitternacht, während Sturmes und Gewitters verlässt kein Anderer sein Heim, als der verdammt ist, zu spuken. In wessen Adern warmes Blut rollt, der kann jetzt nicht hier sein.

Als die drei Gestalten die Mauern des Klosters erreichten, verschwand plötzlich das Licht in der Hand der schwarzen Gestalt. In der Pechfinsterniss konnten die Gespenster nicht mehr gesehen werden, und als ein neuerlicher Blitz aufzuckte, sah der Hellebardier keine der drei Gestalten mehr.

Nach kurzer Zeit begann er hinter sich in dem runden Donjon ein Gespräch zu hören. Ein Gespräch, welches lebenden Menschen das Fieber in die Glieder treibt und die Hand am Degengriffe lähmt. Zwei weibliche Stimmen sprachen miteinander: eine tiefe und eine hellklingende.

»Welcher ist der Deinige, welcher der meinige?« fragte die eine.

»Der meinige hat einen Ring am Finger.«

»War er aus Gold, so raubte ihn der Henker.«

»Es war ein Federkiel, mit einem Haar von mir umwickelt.«

»Ein Ring aus Pferdehaaren – aus Deinen Haaren, hahaha!«

So lachen zwei Dämonen, wenn sie um Mitternacht hervorkommen, um am Richtplatz sich in die Todten zu teilen.

Hier ist zu bemerken, daß es damals »mode parisienne« war, daß die Damen Ringe aus Pferdehaaren flochten. Diese Mode hatte sich aus Koblenz hierher verpflanzt. Die pariser Damen hatten nun die Mode dahin verbessert, daß sie statt Pferdehaaren Menschenhaare verwendeten. Wenn das Haar der Dame blond und das des Anbeters schwarz war, konnten aus den verschiedenen Schattirungen sehr hübsche Buchstaben auf den Ring geflochten werden.

»Hier ist der Ring!« sagte die Altstimme.

»Dann ist dies der meinige, hier der Deinige.«

Beide Gespenster begannen nun bitterlich zu weinen und entsetzlich zu fluchen, so daß es eine Verdammniss war, es nur anzuhören.

Sie riefen die Leichen bei deren Namen und begannen deren Körper von der Schulter bis zu den Fußspitzen mit Küssen zu bedecken. Nach jedem Kuß nannten sie die Stelle, die sie mit ihren Lippen berührt hatten. »Dies ist Deine Brust, dies Deine Hand, dies Dein Knie, dies Deine Zehe!«

Das Gesicht konnten sie nicht küssen, denn sie fanden die Köpfe nicht.

»Wo sind die Köpfe? Ich finde den meinigen nicht.«

»Ich auch nicht den meinigen.«

»Zu den Füßen liegen sie nicht.«

»Auch unter dem Arme nicht, wie sonst.«

»Suchen wir sie!«

Damit begannen sie in der Finsterniss nach den Köpfen der beiden Enthaupteten zu tappen.

Die helle Stimme kreischte auf:

»Wehe! ich fand einen Todtenschädel!«

Die tiefe Stimme flüsterte:

»Hah! ich stieß das Crucifix zur Erde!«

Sie waren über den Betschemel gestrauchelt, auf welchem Todtenschädel und Crucifix lagen. Weiter tappten sie in der Dunkelheit.

Plötzlich kreischten Beide freudig auf:

»Hier sind sie!«

Diese Freude glich jedoch eher der Verzweiflung.

Die beiden abgeschnittenen Köpfe waren auf ein besonderes Tischchen, in einer Nische des Donjon placirt worden. Dort fanden sie sie.

»– welcher ist jedoch der des meinigen?« fragte die eine Stimme.

»Ich werde den meinigen an dem kühngewirbelten Schnurr- und spitzen Kinnbart erkennen.«

»Der meinige hat dasselbe Kennzeichen. Verwechsle die Beiden nur nicht.«

»Wie könnte ich das? Wie oft erkannten meine Fingerspitzen diesen Kopf, wenn ihn meine Augen nicht sahen! Ich kenne die Wölbung seiner Stirne, kenne jede Erhöhung seines Gehirns, kenne die Seidenweichheit seiner Locken: dieser ist der meinige.«

»So ist der andere der meinige.«

Und neuerdings erschallten die wilden Küsse und die an Verzweiflung, an Raserei grenzenden Schmeicheleien: »Dies ist Deine geliebte Stirne, dies Dein edles Angesicht, dies sind Deine neckischen Augenbrauen, dies Deine süßen Lippen.«

»Weshalb können wir sie nicht sehen?« flüsterte die eine Stimme.

»Wir konnten keine Fackeln mitbringen, da es ja Jedermann gesehen hätte.«

»Wie wenn wir nicht die richtigen fanden?«

»Das kann auch sein!«

»Wenn nur der Blitz dareinfahren würde, damit wir Licht hätten!«

Böse Geister müssen den Blitz nur herbeiwünschen und er fährt sofort hernieder. Ein entsetzlicher Feuerstrahl, eine ganze Flammengarbe zuckte plötzlich aus den entzweigerissenen Wolken nieder und bei dem fahlen, blau, grün und roth schillernden Lichte sah der Hellebardier das eine Gespenst, eine Frauengestalt, an einem Fenster, mit auf das Gesimse emporgezogenem Knie stehen und einen abgeschnittenen Kopf, beim Schopf und am Barte gefaßt, gegen den flammenden Himmel kehren. Sodann kreischte es auf:

»Huh! das ist ja der des Deinigen!«

»Und Du küsstest den meinigen, Schamlose!«

»Und Du den meinigen, Hexe!«

»Du selbst! nimm den Deinigen!«

Damit warfen sie einander die verwechselten Köpfe zu und begannen sich zu balgen. Klatschend fuhren die Hände gegeneinander.

Der Blitz war in die Windmühle gefahren, deren Flügel sich losgerissen hatten, und hatte dieselben in Brand gesteckt, die nun gleich einem geflügelten Ungeheuer mit dem feurigen Kreuze in der Luft umherrasten und einen blutigen Schein den Menschenzügen ähnlichen Wolken verliehen. Bei der gespenstischen Leuchte sah nun der Hellebardier, wie sich im Innern des Donjon zwei schwarze Schatten wüthend miteinander balgten: er vernahm ein nichts menschliches an sich habendes Kreischen und rasende, gegen Gott und dessen Heiligen gerichtete Flüche.

Da nahm er all' seine Seelenkräfte zusammen und schrie mit aller Macht seiner Lunge durch das Fenster hinein:

»Verschwindet, wenn Ihr Gottes seid!«

Das erderschütternde Rollen des jenem Blitzschlage erst jetzt folgenden Donners übertönte jeden anderen Ton; die beiden Spukgestalten verschwanden aus dem Donjon und dem Kloster, und tiefe Stille trat ein. Längs des Montmartre war nichts weiter vernehmbar als das Rauschen der durch den strömenden Regen hochangeschwollenen Kloake (jener berühmten Kloake, die späterhin Marat's Gebeine hinwegführte, als dieselben aus dem Pantheon entfernt wurden), und nur die feurigen Flügel der Windmühle drehten sich auf der Hügelspitze, gleich einem brennenden Kreuze, welches im Himmel keine Ruhe findet. Wenn die Gespenster sich nach Hause finden wollten, bedurften sie keiner Fackeln, da ringsum beinahe Tageshelle herrschte.

Als man den Wachtposten abzulösen kam, war derselbe vor Entsetzen vollständig ergraut.

Und daß es Wirklichkeit und keine Täuschung gewesen, was er gesehen, bewies der Umstand, daß die Köpfe der beiden Ritter in jener Nacht in der That aus dem Donjon verschwanden.

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