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Ein Frauenhaar

Maurus Jókai: Ein Frauenhaar - Kapitel 31
Quellenangabe
authorMaurus Jókai
titleEin Frauenhaar
publisherVerlag von Heinrich Minden
year1883
translatorLudwig Wechsler
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20161006
modified20170628
projectid73fecffb
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Dreißigstes Kapitel.

Kara Mustafa und Emerich Tököly, den der Sultan zum König von Ungarn erhoben hatte, standen bereits vor Wien mit ihren Schaaren. Ungarn war für Leopold verloren. Von den Mauerkränzen der Residenzstadt konnte man die sich am Horizont zeigenden Schadenfeuer erblicken; die Vorboten des Tatarenheeres. Bei Fackelschein flohen in tiefer Nacht der Kaiser und die beiden Kaiserinnen, die Erzherzoginnen und mit ihnen siebzigtausend Bewohner aus einem Tore Wiens auf das jenseitige Donauufer. Die junge Kaiserin verbrachte diese Nacht unter freiem Himmel, ohne Zelt, auf einem Strohhaufen liegend, durch ein Gebüsch gegen den Wind geschützt.

Kara Mustafa ließ alle Burgen und Befestigungen hinter sich und drang mit seinem ganzen Heere geradeswegs auf die Hauptstadt los.

Sehr bald erblickten ihn auch die Wiener.

Binnen drei Tagen erhob sich neben Wien eine ebenso große Stadt, die Verwüsterin und Zerstörerin der anderen. Eine aus prächtigen Zelten bestehende Stadt, aus deren Mitte sich gleich einer Kirche das Zelt des Oberbefehlshabers erhob, mit einem Erzdach, Seiden- und Teppichmauern; funkelnd vor Gold und lustig umflattert von zahllosen Fahnen. Diese halbmondförmige neue Stadt war in Straßen geteilt, und in den Straßen waren die Buden von Kaufleuten und Krämern aufgeschlagen. Tausende von belasteten Kameelen gingen ab und zu in den Reihen, zwischen ihnen zahlreiche Elephanten mit auf den Rücken geschnallten Palankins: Asiens, Afrikas Pomp und Pracht vereint. Kara Mustafa hatte seinen ganzen Serail mit sich gebracht; Fürsten bildeten sein Gefolge; Selim Girai, der Khan von Krimia; Tököly, der König von Ungarn; Agafi, der Großfürst von Siebenbürgen; Sirvan Cantacuzeno, der Hospodar der Walachei. Und während hinter den Schanzkörben dreihundert Belagerungskanonen ihre Feuerkugeln auf die Mauern Wiens spieen, ließ der Großvezir sich von seinen Bajaderen die Geschichten aus »Tausend und eine Nacht« erzählen.

Nichts vermochte Wien aus seinen Händen zu retten. Dieses ward blos von vierzigtausend Menschen verteidigt, und er hatte dreihunderttausend Krieger.

Selbst mit Sturm hätte er die Stadt ganz sicherlich erobert. Seine Spahis bestürmten die Leopoldstadt und hatten dieselbe mit einem Anprall eingenommen. Er wollte aber schonen, nicht die Stadt, sondern deren Schätze. Wenn er sie mit Sturm einnahm, teilten die siegenden Soldaten die Schätze unter sich, fiel jedoch die Stadt durch Kapitulation in seine Hände, so blieben alle Schätze der Hauptstadt in seinem Besitz.

Diese Habsucht rettete Wien in erster Linie.

Fünfzig Tage lang schwelgte Kara Mustafa in seinem Zelte und horchte auf die Erzählungen seiner Odalisken, während seine Mineure den Kampf gegen die Wiener unterirdisch mit ihren Pulverminen fortsetzten. Die dreihundert Kanonen hatten bereits die Kirchen der Hauptstadt, die kaiserliche Burg in Asche und Trümmer gelegt, den Verteidigern waren bereits Munition und Lebensmittel ausgegangen, sie selbst waren zu Tode erschöpft, das Lager des Halbmondes bereitete sich zu einem allgemeinen Sturm vor und das sollte Wiens Todestag werden.

In der Nacht vor dem allgemeinen Angriff wurden im Lager vor jeder Fahne Pechpfannen in Brand gesetzt, so daß das Lager, von den Mauern der Stadt überblickt, das furchtbare Bild eines aus Sternen des Verderbens zusammengesetzten Halbmondes bot.

In derselben Nacht aber signalisirte der am St. Stefansturm postirte Wächter, daß am Kahlenberg Feuer aufflamme. Dies waren Szobieszky's Lagerfeuer. Es ist wahr, daß bei seinen Fußtruppen einige Bataillone barfuß gingen. Damit sich die wiener Herren nicht schämen sollten, sich von solch zerlumpten Leuten befreien zu lassen, sagte Szobieszky von ihnen: »Diese Leute haben gelobt, keine andern Stiefel zu tragen, als welche sie den getödteten Feinden abnehmen.«

Der heldenmütige König, als er den ganzen langen Tag hindurch sich mit dem Ordnen seines Heeres abgeplagt hatte, warf sich am Abend am Lagerfeuer nieder und schrieb, am Boden liegend, einen Brief an seine geliebte Ehehälfte, in welchem er sie bat, nicht so frühzeitig aufzustehen, da das ihrer Gesundheit schade. Unterschrieben war der Brief: »Dein treuer und Dich anbetender Seladon.« Und vor ihm lag das zur Eroberung der Welt ausgezogene riesige Kriegsheer.

Am anderen Morgen kamen acht Störche durch die Luft geflogen und ließen sich am St. Stefansturm nieder, um zu nisten – inmitten der belagerten Stadt.

»Ein gutes Zeichen!« riefen die Belagerten. »Das Orakel der Vögel!«

Es war heute Sonntag, der zwölfte September. Der Jahrestag des Sieges bei Khoczim und der der Erwählung Szobieszky's zum Könige.

An diesem Tage griff Szobieszky das Lager Kara Mustafa's an.

An seiner Seite ritt sein Erstgeborener, Jakob, ein sechzehnjähriger Jüngling. Als er von seiner Mutter Abschied genommen hatte, um zur ersten Waffentat auszuziehen, und er diese weinen sah, fragte er: »Weshalb weinst Du?«

»Weil Dein kleiner Bruder noch nicht mit Dir gehen kann!«

Ein Wort, das einer Polenmutter würdig ist.

In fünf Heeressäulen geteilt, flutete das polnische Lager wie ebensoviele Katarakte die Abhänge des Kahlenberges entlang auf Kara Mustafa.

Zu derselben Zeit ließ der Großvezier allgemeinen Sturm blasen. Er hatte sein ungeheures Heer in drei Teile geteilt. Seine Reiterei, Spahis, die walachischen und tatarischen Schaaren sandte er gegen Szobieszky; die Janitscharen und die auserlesene Reiterei seiner Leibwache behielt er bei sich; die übrigen Truppen ließ er gegen Wien stürmen. Er selbst, in Gesellschaft seiner Frauen, in der Tür seines purpurroten Zeltes liegend, schaute dem großartigen Kampfspiele zu und schlürfte seinen schwarzen Kaffee.

Ihm war das nur ein Spiel. Er streichelte die Köpfe seiner beiden kleinen Söhne; ein kleiner Zwergmohr ließ einen zahmen Strauß vor ihm im Kreise tanzen und ein Taschenspieler hielt prächtige Dialoge mit einem sprechenden Papagei; seine Sklavinnen fächelten ihn mit großen Pfauenwedel, denn es war ein heißer Nachmittag.

Wirklich heiß! An diesem Tage brach Szobieszky die Macht des Halbmondes.

Kara Mustafa wollte es nicht sehen. Er wollte es den Augen nicht glauben, daß seine Schaaren nacheinander fielen und daß hinter seinem Rücken der ganze Horizont von der durch seine fliehenden Truppen hervorgebrachten Staubwolke verdeckt war.

Die Reserve allein, die um ihn herumgeschaart blieb, war ja größer und stärker als das Heer der Wiener und dasjenige Szobieszky's zusammengenommen.

Am Abend, als der Mond aufging, flohen zwei Drittel des Türkenheeres.

Da erschien vor dem Großvezier der Scheik-ul-Islam, der Oberpriester.

»Flieh' von dannen, Verfluchter!« rief er ihm zu, »Du, dessen Schwelgerei, Dummheit, Habsucht und Faulheit Allah's Zorn auf uns herablenkte. Fliehe, Du hast die Schlacht verloren, Du hast das Heer verloren. Rette wenigstens die große Fahne des Reiches, damit sie nicht in die Hände des Feindes falle. Blicke auf zum Himmel und erkenne, daß der Himmel selbst gegen uns kämpft!«

Eben damals war am Himmel das Schauspiel einer großartigen, vollständigen Mondfinsterniss sichtbar. Die muhamedanischen Schaaren erblickten in der Verfinsterung ihres Symbols eine prophezeiende Erscheinung ihres Endes. Verzweiflung bemächtigte sich ihrer Herzen.

Erst jetzt entschloss sich Kara Mustafa zum Handeln. Er ließ sein Ross vorführen, welches unter der Last des Goldes und der Edelsteine sich kaum bewegen konnte, ließ sich hinaufheben und teilte Befehle aus. Aber Niemand hörte mehr auf seine Befehle. Seine besten Anführer lagen bereits todt auf dem Schlachtfelde.

Vom Kampfplatze kam der tapfere Selim Girai auf schäumendem Rosse dahergesprengt; er selbst war von Blut und Staub bedeckt. »Was willst Du noch?« schrie er dem Großvezier zu. »Fliehe von hier! Siehst Du nicht, daß Johann Szobieszky selbst auf Dich losstürmt?«

In der Tat, er selbst, der König, näherte sich. Jenes purpurrote Zelt war das Ziel seines Sturmes. Er war leicht inmitten seiner Schaaren zu erkennen, an seinem diamantbesetzten Helm, seinem glänzenden Köcher und an jenem silbernen Schilde, welches der treue Maczinszky zu seiner Linken trug, und welchen Schild die Astronomen unter die Sterne erhoben.

Alle, selbst die Janitscharen, flohen vor seinem Angesicht. Der Angriff, mit welchem Szobieszky's Husaren auf die feindlichen Reihen einstürmten, war so heftig gewesen, daß sämmtliche Lanzen in den Händen der Krieger der ersten Reihe beim ersten Anprall zersplitterten.

Auch die Janitscharen flohen. Der Fluch des graubärtigen Ulema ging in Erfüllung bei Kara Mustafa: »Deine Helden werden fliehen beim Anblick der Reiherbüsche des Feindes!«

Jetzt gewahrte der Großvezier, daß sich das Verderben nahe. Er glitt von seinem, unter der Last des Goldes sich krümmenden Pferde und seine beiden kleinen Söhne erfassend, schwang er sich auf einen gemeinen Kriegsgaul, welcher zur Flucht geeignet schien. Seine Söhne, nicht die Fahne des Propheten, welche schlaff vor seinem Zelte herniederhing, eilte er zu retten.

»Tödtet Alles!« schrie er seinen Sklaven zu und damit die Sporen in die Weichen seines Rosses schlagend, sprengte er sinnlos durch die fliehende Menge dahin.

Die Sklaven gehorchten seinem Befehle. Sie tödteten die schönen Haremsweiber, die noch gestern die Erde zu einem Paradiese gestalteten. Einige besaßen kleine Kinder, diesen spalteten sie die Köpfe, dann stachen sie die, die Palankin tragenden Elephanten, die mit ungeheuren Schätzen beladenen Kameele nieder; schnitten dem gezähmten Strauß den Hals ab, damit nichts Lebendes dem Feinde in die Hände falle. Selbst den sprechenden Papagei wollten sie erwürgen, doch dieser befreite sich aus ihren Händen, schwang sich in die Lüfte empor und kreischte von dort die eingelernten Worte herab: »Allah buffaj! Allah mitrei chrestinnai!« Dann flog er über den Köpfen der Feinde seinem fliehenden Herrn nach.

Das Gemetzel erneuerte sich in allen Zelten. Die besiegten Moslems tödteten zu Tausenden die mitgebrachten Weiber und Lasttiere.

Die große Schlacht war entschieden. Sechs Paschas lagen todt auf dem Kampfplatz, unter ihnen der Pascha von Aleppo und Silistria. Das türkische Kriegsheer existirte nicht mehr, die Umgegend Wiens war mit den Leichen desselben besät.

Als Szobieszky vor das prächtige Zelt des Großveziers gelangte, führte ihm der Stallmeister des Großveziers das Ross Kara Mustafa's sammt dessen goldenem Sattel vor. Den Sattel und den Zügel sandte der König seinem Weibe heim.

Und durch dieselbe Bresche, durch welche der Feind in Wien eindringen wollte, zog der Sieger dann mit seinem Heere in die befreite Metropole.

Mit frenetischem Jubel empfingen die Einwohner Wiens ihren Befreier.

Johann Szobieszky eilte jedoch geradeswegs in den Sankt-Stefansdom und warf sich vor dem Altar auf sein Angesicht und beugte seine Stirne auf den kalten Stein.

Dann kehrte er wieder in das eroberte Türkenlager zurück und begab sich in dem prächtigen Zelte des Großveziers zur Ruhe, und wo noch gestern Kara Mustafa alle Freuden des Paradieses genoss, dort setzte sich Szobieszky zu dem Schreiben eines langen Briefes nieder. Er beschrieb die ganze Schlacht dem einzigen, geliebten Weibe. Der Brief endete mit dem Satze: Unser Fansan hat sich wacker gehalten. Das konnte nicht Jedermann wissen, daß sein Sohn Jakob »unser Fansan« war.

Unermessliche Schätze hatte das türkische Lager zurückgelassen, Szobieszky nahm sich auch seinen Anteil aus demselben; es waren dies sechshundert Kinder, welche zu tödten die fliehenden Väter keine Zeit mehr hatten. Diese ließ er zusammensuchen, ward ihnen Allen ein Vater und sorgte für ihre Erziehung.

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