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Ein Frauenhaar

Maurus Jókai: Ein Frauenhaar - Kapitel 30
Quellenangabe
authorMaurus Jókai
titleEin Frauenhaar
publisherVerlag von Heinrich Minden
year1883
translatorLudwig Wechsler
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20161006
modified20170628
projectid73fecffb
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Neunundzwanzigstes Kapitel.

Die Leibwache des Königs umringte sofort die Wohnung Gravel's, und trotz des Protestes des Ritters wurden seine Papiere konfiszirt.

Szobieszky befahl, daß außer ihm Niemand den Inhalt der Schriften des Ritters prüfen dürfe, er selbst werde dieselben durchsehen.

Die Untersuchung hatte ein überraschendes Resultat.

Vor Allem fand der König zwischen den Papieren des Ritters alle Liebesbriefe, welcher dieser als Antwort auf die seinigen bekommen hatte. Die Schriftzüge und der Inhalt überzeugten ihn, daß Eleonore dieselben geschrieben hatte. Er fühlte sich ganz selig bei dieser Entdeckung. Aber diese Seligkeit währte nicht lange. Der König fand noch viel wichtigere Geheimnisse zwischen den Papieren Ritter Gravel's: die von dem französischen Botschafter an den französischen Minister gerichteten Briefe, welcher dieser durch Marquis Gravel nach Versailles senden ließ. Aus diesen Briefen erfuhr Szobieszky Alles, die ganze Intrigue, welche hinter seinem Rücken gesponnen worden war. Daß der französische Hof selbst, welchem er ein so treuer Verbündeter gewesen, daran arbeitete, ihn des Thrones zu berauben, blos deshalb, weil er demselben schon zu stark und zu selbstständig geworden! Und in welchem Tone wurde über ihn geschrieben? Mit beißendem Hohne und Verachtung; man spottete über seine Gestalt, Antlitz, über seinen Bart und Haarwuchs, über seine kleinen, häuslichen Gewohnheiten; man belustigte sich über die Eifersucht seiner Gattin, und all dieser Spott war blos der Wiederhall der Versailler Stimmung gegen den »hochwohlgeborenen König« und gegen dessen Gattin, die »sogenannte« Maria d'Arquien, welche die vorgebliche Tochter eines französischen »duc et père«, in Wirklichkeit aber ein Gonzaga-Bastard sei, und die dennoch zu wünschen wage, daß sie der französische König »Schwester« und ihren Gatten »Bruder« nennen solle! Quelle étourderie!

Damit nicht genug!

Die Briefe, welche Vitry, der französische Botschafter, an den französischen Minister schrieb, schändeten die polnische Nation und behaupteten von ihr, daß alle bedeutenden Männer derselben mit Geld käuflich seien. Szobieszky's besten Freunde, die vornehmsten Edelleute, seine eigenen Kampfgenossen, die ihm zunächst stehenden Beamten, die er groß gemacht hatte, ließen sich erkaufen, und einer seiner Verwandten sei bereit, das Sündengeld im Voraus dafür anzunehmen, daß er den König tödte und hernach die Krone sich selbst aufsetze.

Dies war ein niederschmetternder Schlag für Szobieszky's Seele. Und damit kein Zweifel obwalte, war auch die Liste der Namen der Verschworenen beigeschlossen, aber in geheimen Chiffern, deren Schlüssel blos dem Botschafter und dem französischen Minister bekannt war, und noch einem Menschen, den der Gesandte genannt hatte: »Morstyn«.

Auch diesem hatte Szobieszky das höchste Staatsamt verliehen. Und er war die rechte Hand der Verschwörung.

Szobieszky eilte mit den Briefen in den Senat.

Sicherlich fand er Alle dort, die gegen ihn verschworen waren, um seinen Thron versammelt. – Er verlas die Briefe de Vitry's vor ihnen.

Das Schweigen des Entsetzens folgte seinen Worten.

Da sprach der König: »Das sind lauter Lügen! Der Pole kann kein Verräter sein! Die polnischen Männer können nicht käuflich sein, wie die Haremsfrauen im Sklavenlager zu Stambul. Das Ganze ist eine niedrige Verleumdung!«

Damit zerriss er den Brief des französischen Gesandten und streute die Stücke desselben nach allen Seiten aus.

Bei seinen Worten brach der Sturm los. Alle Glieder des Senats sprangen von ihren Sitzen auf und stürzten vor dem König hin, schwörend, daß sie unschuldig am Verrate seien.

Nur den in den Briefen genannten Morstyn ergriffen sie bei der Brust, rissen ihn zu den Füßen des Königs hin und drückten ihn auf die Kniee nieder. Einer der Stände packte sein Haar und brüllte ihm zu: »Gieb uns den Schlüssel der Geheimschrift her, damit wir die Namen der elenden Verräter erfahren!«

»Auf die Folterbank mit ihm!« brüllte es ringsum, »bis er den Schlüssel der Geheimschrift herausgiebt!«

Als man endlich seine Kehle losließ, sagte Morstyn, daß er nicht im Besitze des Schlüssels sei. Den halte er daheim in seinem Schlosse in Podolien, man möge ihm gestatten, dahin zu gehen, dort werde er ihn bekannt machen.

»Wir müssen wissen, wer der Verräter unter uns ist!« schrie Stefan Jablonowszky heftig. Er selbst war von den Verschworenen als König an Szobieszky's Stelle ausersehen worden.

»Wir müssen wissen, wer es ist!« schrie die ganze Versammlung.

Der König jedoch – entdeckte eine brennende Wachskerze auf dem Senatstische, hielt das Papier darüber, worauf die Namen der Verschworenen standen, das Blatt fing Feuer, und still flatterten die schwarzen Ueberreste desselben über die Köpfe der Edelleute fort.

»Niemand ist es.«

Und mit diesen Worten riss er den Meuchelmörder aus den Händen der Umstehenden.

Da aber rissen die Edelherren ihre Säbel aus den Scheiden und wollten Morstyn auf der Stelle, vor den Füßen des Königs zerstückeln. Der König bedeckte den Missetäter mit seinem eigenen Mantel und ließ ihm nichts zu Leide tun. Er ließ ihn ins Gefängniss führen und dessen Türe offen stehen, bevor man ihn noch verurteilen konnte. Mochte er fliehen!

Dieses Ereigniss bildete den Wendepunkt in der Weltgeschichte.

Die vom französischen Hofe geplante Verschwörung kam durch eine Intrigue an den Tag, deren Gelingen an einem Frauenhaar hing. Das Haar riss nicht, statt dessen riss die Kette, welche Polen an Frankreich knüpfte, diese starke Kette.

Die Partei selbst, welche den Franzosen anhing, wurde durch ihre Beschämung der wütendste Feind des gestrigen Verbündeten, da sie aus den höhnischen Worten desselben entnahm, zu welch verachteten Werkzeugen sie sich hergegeben, und so wandte sie sich am wütendsten gegen ihn.

Ganz Warschau empörte sich gegen den französischen Gesandten. In der Volksversammlung wurde ein Gesetz in Vorschlag gebracht, nach welchem es dem französischen Gesandten versagt sei, sich in Polen niederzulassen, und ein Redner, Tiszkievicz von Litthauen, schlug sogar vor, daß dem Marquis de Vitry, nach türkischem Brauch, vierhundert Stockstreiche auf die Fußsohlen gezählt werden müssten. Dieser Vorschlag wurde zwar nicht angenommen, deshalb aber schwor Tiszkievicz bei Himmel und Hölle, daß de Vitry dennoch die vierhundert Stockstreiche auf seine Fußsohlen erhalten werde. An demselben Tage warf das Volk die Kutschenfenster des französischen Gesandten mit Steinen ein. Der König gab de Vitry und Gravel einen Wink, daß sie wohl daran tun würden, unter dem Schutze der Nacht Warschau mit all ihren Habseligkeiten zu verlassen.

Und die beiden Franzosen folgten einer guten Eingebung, als sie ihre prächtigen Kutschen sammt ihrem glänzenden Gefolge voraussandten, selbst aber verkleidet auf einem Bauernkarren auf Nebenwegen das Land verließen, denn eine Tagereise vor Warschau lauerte Tiszkievicz mit vierhundert Genossen auf sie, und jeder hielt eine derbe Haselgerte in der Hand, um auf diese Weise sein Gelöbniss einzulösen. Es war ein Glück für die beiden Herren, daß blos ihre Kutscher in Tiszkievicz' Hände fielen.

Hiermit hatte der französische Einfluss in Warschau ein Ende.

Und aus welch geringfügigen Ursachen!

Weil man D'Arquien's Titel: Duc nicht mit großem Anfangsbuchstuben schrieb, weil die französische Königin die Tochter eines Marquis, welche Königin geworden, nicht »Schwester« nennen wollte, weil Ritter Sardis so schöne Augen hatte, weil das Haar einer Gonzaga ein Briefbündel aushielt.

Und an diesen unsichtbaren Kleinigkeiten hing es, ob sich Polen gegen Moskau wende und in der Vollkraft seiner Macht das entscheidende russische Reich zermalme, oder ob die Türken Wien zur fünften Hauptstadt ihres Reiches machten. Die vierte war bereits Ofen.

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