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Ein Frauenhaar

Maurus Jókai: Ein Frauenhaar - Kapitel 3
Quellenangabe
authorMaurus Jókai
titleEin Frauenhaar
publisherVerlag von Heinrich Minden
year1883
translatorLudwig Wechsler
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20161006
modified20170628
projectid73fecffb
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Zweites Kapitel.

In der Nacht des St. Mechtildistages des Jahres 1587 hatte sich mit dem, vor das Kloster der Benediktinernonnen am Montmartre aufgestellten Hellebardier ein großes Wunder begeben. – Des Abends hatte man ihn als schönen braungelockten Gesellen hingestellt und als man ihn am nächsten Morgen abzulösen kam, fand man an seiner Stelle einen alten, greisen Mann. – Während einer Nacht war er ergraut.

Das Kloster der Benediktinernonnen am Montmartre bildete eine seit langer Zeit in Verruf stehende Spukstätte. Das Kloster war verschuldet gleich einem Edelmann, und seine Einkünfte deckten die Ausgaben nicht. Die betagteren Nonnen arbeiteten für Taglohn und die jungen schauten nach Abenteuern aus. Die Steinumfriedung des Klosters wies bereits viele Lücken auf, von denen manche gar nicht von selbst entstanden waren, und die Bäume des Gartens waren derart verwildert, daß sie eher eine zu geheimnissvollen Versteckspielen geeignete Wildniss bildeten. Gottesfürchtige Menschen wagten sich selbst bei Tage nicht leicht in dessen Nähe, und wenn die Mahlgesellen der Windmühlen am Montmartre auf dem zwischen den Steinbrüchen dahinführenden Wege allabendlich weißgekleidete und schwarzverschleierte Frauengestalten sich dem Kloster nähern sahen und ein wenig im Hintergrunde einen spornklirrenden Held bemerkten, der den Zipfel seines Mantels vor den Mund geschlagen und das Federbarett tief in die Stirn gezogen hatte, flüsterten sie einander zu: »Na, dem geht morgen die Sonne auch nimmer auf!« Der Volksglaube war bereit, selbst geheime Morde hinter diesen Mauern zu vermuthen.

Als das Kloster bereits hart am Rande des Verderbens stand, als Geld und guter Ruf gleichermaßen beim Teufel waren, bewahrte es ein glücklicher Zufall vor dem Zerfall. Im Kloster ward ein bisher unentdeckt gebliebenes großes Loch aufgefunden. Dieser finstere Raum ward die Quelle neuen Reichtums für das Kloster. Schimmelbehaftete Dokumente bewiesen, daß dies dieselbe finstere Höhle war, wo der heilige Dionysius den ersten gallischen Christen geheime Messen gehalten hatte, weshalb ihn dann die heidnischen Druiden (nach Anderen die römischen Propraetoren) auf das Blutgerüst schleppten und ihn enthaupteten. Der Legende gemäß begab sich nun der enthauptete Mann, mit dem abgeschnittenen Kopfe unter dem Arme, in dieselbe finstere Höhle zurück, wo er bisher die Matutinen gehalten, und begrub sich dort. In der Tiefe des entdeckten großen Loches fand man tatsächlich ein menschliches Gerippe, dessen Schädel eine völlig ungewohnte Stelle einnahm, und so war denn die Tradition vollkommen beglaubigt.

Nach dieser Entdeckung kam das Benediktinerkloster am Montmartre wieder in die Mode. Die Umgebung füllte sich mit neuerbauten Sommerpalästen, die verlassene, wilde Gegend, das vorstädtische, armselige Labyrint gaben solchen Lusthäusern Raum, wie z. B. dem séjour du roi, dem Palais des Grafen von Flandern, diesem gegenüber das Leval-Schloß, welches die höchstgestellten Herren und Damen nur zu unbestimmten Zeiten besuchten; der berüchtigte Palast Royaumont, wo die Zierden und Blüten der Nation ihre, regelmäßig in blutige Duelle ausartenden – Saturnalien feierten.

Die Königinnen aus dem Hause Medicis überhäuften nunmehr dieses Kloster mit frommen Stiftungen.

Hierdurch verschlimmerte sich sein Ruf aber nur noch mehr. Die in den Nachbar-»séjours« heimischen Liebesintriguen und die nächtlichen Orgien des Chevaliervereins von Bouteville waren von durchaus keinem günstigen Einflusse auf die moralische Reputation des Klosters.

Um aber auch in den Augen der Bürgerschaft die so nötige Volkstümlichkeit zurückzugewinnen, erbat sich da die Aebtissin die Gnade, daß der Leichnam eines jeden zur Enthauptung verurteilten Ritters nach der Vollstreckung bis zur Stunde des Begräbnisses in ihrem Kloster zur Schau ausgestellt werde.

Diese Gnade, welche umsoweniger zu verweigern war, da selbst der heilige Dionysius nach seinem tödtlichen Martyrium dahin zurückgekehrt war, führte dem Montmartrekloster zahlreiche Besuche zu. Es begann sich darin auch wieder ein wenig Ordnung einzustellen. Die Aebtissin ließ die in der Umzäunung entstandenen Lücken ausfüllen und – lieber einige Nebenthüren anbringen. Auf diese Weise kam das Kloster wieder »in die Mode«.

Zu jener Zeit war es eben »mode parisienne«, den Kopf zu verlieren. Ein Privilegium der Edelleute, welches ausgenutzt werden mußte. Hierher brachte Ritter Montmorency Bouteville seinen Kopf unter dem Arme: er ward wegen Zweikampf zum Tode verurteilt; ihm folgten Ritter Balagey, Monglas, Villamore und noch viele Andere: lauter berüchtigte Duellhelden. Es war »Mode«, den Freund zum Scherze niederzustechen und hernach zum Scherze den eigenen Kopf zu verlieren.

In der erwähnten Nacht nahmen gerade zwei namhafte Edelleute den hierzu bestimmten Platz in dem berüchtigten Donjon ein: die Ritter de la Mole und Coconas.

Abwechslung halber waren die beiden Ritter nicht in Folge von Zweikämpfen hierhergelangt. Sie waren angeklagt worden, eine Verschwörung gegen den König angezettelt zu haben, demnach sie den Herzog Alençon, den Bruder des Königs ermuthigt hatten, sich an die Spitze der kalvinistischen Partei zu stellen und dem Protestantismus Religionsfreiheit zu erkämpfen.

Und damals war es auch »mode parisienne«, Verschwörungen anzuzetteln. »Machten« die Unterthanen keine Verschwörungen, so »machte« sie der König. Auf den Schleichwegen der Intrigue gelangte er noch als Schulbube auf den polnischen Tron; als mit dem Tode seines Bruders der Tron von Frankreich leer wurde, sagte er den armen Polen nicht einmal »Adieu!«, entfloh und ergriff durch Intriguen aller Art Besitz von dem französischen Tron, von wo aus er mit einer wahren Wonne seine Untertanen gegen einander aufhetzte, und wenn er gewahrte, daß eine Partei zur Macht gelangte, stellte er sich an deren Spitze, verließ seine bisherigen Getreuen und verfolgte und betrog Beide. Er nahm auch an den Scheußlichkeiten der Bartholomäusnacht Teil, indem er von dem Erker seines königlichen Schlosses eigenhändig zwischen seine flüchtenden und wehklagenden Untertanen feuerte.

Jetzt war die Reihe des Verfolgens an die Getreuen des Herzogs Alençon gekommen.

Die Grafen Mole und Coconas wurden der Parteiergreifung gegen den König und des Bündnisses mit den Hugenotten angeklagt.

Bei Mole wurde ein untrügliches Beweisstück vorgefunden.

Als man Hausdurchsuchung vornahm, fand man in einem verschlossenen Schranke eine aus Wachs verfertigte menschliche Gestalt. In die Herzgegend dieser Wachspuppe waren zahlreiche kleine Stecknadeln gestochen.

Dieses Anzeichen bewies klar und deutlich die Verschwörung gegen das Leben des Königs. Die Astrologen und Horoscopsteller enthüllten auf Grund der gelehrtesten Bücher und der Doktrinen von Albertus Magnus, Hermes Trismegistos und Paracelsus, daß das Zerstechen solcher Wachspuppen mit Stecknadeln keinen anderen Zweck habe, als das Verderben des Königs auf dem Wege des Zaubers, was Heinrich selbst mit der Aussage bestätigte, daß er in letzter Zeit zu wiederholten Malen scharfe Stiche in der Herzgegend verspürt habe.

Dieser Anklage gegenüber brachte Ritter de la Mole zu seiner Verteidigung vor, daß er mit dieser Wachspuppe nicht das Verderben des Königs, sondern die Eroberung einer schönen Dame bezwecken wollte. Er konnte das Herz seiner Auserkorenen nicht früher erweichen, als bis ihm der berühmte Magier Ruggieri Casimo den Rat erteilte, in die Herzgegend der von ihm mit magischen Attributen versehenen Wachspuppe Stecknadeln zu stechen, was dann auch zu vollständigstem Erfolge führte. Dies bestätigte unter Siegel Ruggieri Casimo selbst. Das französische Gericht betrachtete jedoch das Zeugniss des italienischen Magiers nicht als genügend, und da Ritter de la Mole nicht gestehen wollte, wer die Dame sei, deren Herz er durch solchen Zauber gewonnen hatte, wurde er zum Tode verurteilt.

(Ach ja, zum Tode, weil man wußte, wer die Dame sei!)

Ritter Coconas, der Sprössling einer piemontesischen Adelsfamilie, wurde des Einverständnisses mit den Hugenotten angeklagt.

Als Beweis gegen ihn wurde vorgebracht, daß er sich während der Bartholomäusmetzelei vor das Tor seines Palastes gestellt und sowie man einen gefesselten Hugenotten an ihm vorüber zum Tode führte, dazwischen trat, über die zum Tode bestimmten Opfer verhandelte, den Henkern Geld versprach, wenn sie ihm ihre Beute überlassen, und dadurch dreißig Hugenotten vor der nächtlichen Metzelei rettete.

Dieser Anklage gegenüber brachte Ritter Coconas zu seiner Vertheidigung vor, ob man denn wisse, was hernach mit den geretteten Hugenotten geschehen sei, die er sich erkauft hatte? Er ließ dieselben in seinen großen Fechtsaal hinauftransportiren und stach sie dort, wie sie mit gefesselten Händen dastanden, einzeln nieder und dies aus dem Grunde, weil eine schöne Dame, seines Herzens Auserwählte, den Wunsch geäußert hatte, an der Bartholomäus-»Unterhaltung« Teil zu nehmen, jedoch – ohne irgend wie selbst in Gefahr zu schweben. Der Ritter hatte ihr den seltenen Genuss verschafft. Neunundzwanzig der dreißig Hugenotten stach er zur vollsten Zufriedenheit der schönen Dame selbst nieder, die sich höchlich an den Todesqualen der zu ihren Füßen zuckenden Männer ergötzte, die sie vorerst durch das Versprechen, sie am Leben zu lassen, zum Verleugnen ihres Glaubens bewegen wollte. Es fanden sich einige, die abrenuncirten. Auch solche trafen sich, die in Todesängsten Gott verleugneten und den Teufel bekannten. Die schöne Dame ließ diese hernach dennoch niederstechen und lachte unbändig über die Betrogenen. Den dreißigsten ließ Ritter Coconas aus dem Grunde am Leben, damit er lebender Zeuge der mitangesehenen »Unterhaltung« bleibe, worüber dieser auch ein beglaubigtes Zeugniss ausstellte. – Da jedoch dem römischen Rechte gemäss » ein Zeuge kein Zeuge ist« und der Ritter den zweiten Zeugen, die schöne Dame, nicht nennen wollte, wurde er »des Bündnisses halber, welches er mit den Hugenotten angeknüpft,« zum Tode verurteilt.

(Ach ja, zum Tode, weil man wusste, wer jene Dame war!)

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