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Ein Frauenhaar

Maurus Jókai: Ein Frauenhaar - Kapitel 29
Quellenangabe
authorMaurus Jókai
titleEin Frauenhaar
publisherVerlag von Heinrich Minden
year1883
translatorLudwig Wechsler
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20161006
modified20170628
projectid73fecffb
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Achtundzwanzigstes Kapitel.

In Versailles hatte man eine Chansonette über die Affaire Brisacier gemacht. Damals stand die Pamphlet-Literatur in hoher Blüte. Der Refrain der Chansonette lautete:

»Je fis le roy mon père,
Le roy me fera paire
«

was in deutscher Uebersetzung etwa lauten mag:

»Den König hab ich zu meinem Vater gemacht;
Der König mich nun zum Herzog macht.«

Die Endzeilen dieses berüchtigten Spottliedes drangen bis an die Ohren Maria Kasimira's.

Und der Wissensdurst der Eifersucht ist größer, als der Durst des Kranken.

Die Königin sehnte sich nach dem Spottlied. Sie wollte alle Strophen desselben kennen, alles bittere Gift desselben in sich ziehen. Sie wollte wissen, welche Missetaten ihres Gatten entdeckt worden seien, jenes angebeteten vergötterten Mannes, von dem sie glaubte, er sei so vollkommen, wie ein Gott, und von dem es sich nun herausstellte, daß er ein falscher Gott, daß er nur Jupiter sei.

»Sie könnten mir eine große Gefälligkeit erweisen,« flüsterte die Königin eines Tages dem galanten Gravel zu. – »Verschaffen Sie mir aus Versailles jene bewusste Chansonette.«

»Wird der König nicht zürnen?«

»Ich will mir einen Scherz mit ihm machen. Er wird niemals erfahren, wie das Lied zu mir gelangte. Wenn das Lied anlangt, stecken Sie es in ein Couvert und übergeben es meiner französischen Kammerjungfer. Sie ist sehr treu.«

Marquis Gravel versprach der Königin, ihr dieses Vergnügen zu verschaffen. Er brauchte seinen Läufer nicht einmal nach Versailles um die Chansonette zu bemühen, er besaß sie ja längst. Sie musste nur säuberlich abgeschrieben und geheim der französischen Zofe übergeben werden, welche dieselbe sodann ihrer hohen Herrin überreichte. Diese Kammerjungfer war gleichfalls eine ergebene Spionin des wiener Intriganten.

Nun hatte die Königin bereits Daten in Händen, denn die Chansonette ist doch eine beglaubigte Urkunde. Bei jeder Zusammenkunft war Szobieszky gezwungen, die beißenden Anspielungen zu dulden, womit sich der weibliche Ehrgeiz Genugtuung zu verschaffen pflegt. Er war jedoch so großherzig, daß er Jedermann verzeihen konnte, selbst seinem Weibe.

Er liebte Maria Kasimira in solchem Maße, daß ihm selbst ihre Eifersucht als ein ergänzender Zug des weiblichen Ideals erschien. Selbst für ihren Hohn war er dankbar. Er konnte beleidigt, verletzt, aber nicht erzürnt werden.

Uebrigens beschäftigten auch schwere Sorgen seine Seele. Ganz Europa ging einer großen Umgestaltung entgegen.

Ein mächtiges, aus vielen Stücken zusammengesetztes Reich nahte sich seiner Auflösung, das große »heilige römische Reich«.

Nach verlorenen Kriegszügen, Spaniens beraubt, von den französischen Generalen in Deutschland besiegt, schien es blos noch auf den Gnadenstoß zu warten, und dieser näherte sich unaufhaltsam mit den siegreichen Kriegsheeren des Halbmondes. Die Ungarn hatten die um ihre Hände geschmiedeten Ketten zerbrochen; und die siegenden Schaaren Tököly's trieben das mit den Jesuiten vereinigte Lager vor sich her. Der Sultan hatte den jungen Anführer zum König von Ungarn gemacht, und nur noch die Krone musste dem Kaiser Leopold abgenommen werden, das Land hatte man ihm bereits genommen.

Kara Mustafa, der damalige Regent des türkischen Reiches, hatte das große Wort ausgesprochen: »Daß er so lange nicht ruhen werde, als bis er in Rom aus der heiligen Peterskirche Ställe für die Pferde des Sultans gemacht habe«. Wien war ihm blos die erste Station. Sieben Jahre lang sammelte er ein Heer aus allen Teilen der mohamedanischen Welt: sieben Jahre lang sah Ungarn auf seinen Fluren und Auen sich alle kampffähigen Völker Asiens und Afrikas sammeln, die endlosen Reihen der mit Lebensmitteln belasteten Kameele und die mit Getreide und Schießwaffen beladenen Schiffe auf der Donau und Tausende der Karren, die das Gepäck dem türkischen Heere nachführten. Noch niemals war ein größeres und schöneres Heer durch Ungarn gezogen.

Die einzige Hoffnung Kaiser Leopold's war Szobieszky und die oft beleidigte polnische Nation. Dieser war der einzige Feind der Türken, welcher die Anstrengungen derselben zu vereiteln vermochte. Der französische Hof wusste das sehr wohl und setzte alle Hebel in Bewegung, um das Bündniss Polens und Oestreichs zu hintertreiben. Warschau ward von Flugschriften überflutet, welche die Sympathie der polnischen Nation für die Ungarn verkündeten und den Hass gegen Oestreich nährten. Der französische Gesandte, Ritter Morstyn, sammelte alle jene polnischen Adelsstände um sich, welche die französische Partei bildeten, und bereitete den Plan vor, Szobieszky vom Thron zu stürzen und den großen Kronhetman Stanislaus Jablonszky an seine Stelle zu setzen. Wenn kein anderer Ausweg blieb, musste der König getödtet werden. An einem Haare hing Alles, – und dieses Haar riss nicht.

Der König war während des ganzen Tages von den Regierungsgeschäften in Anspruch genommen, und wenn er sich für die kurze Zeit der Ruhe in den Kreis seiner Familie zurückzog, fand er dort statt der Erholung neuerliche Quälereien, die Eifersüchteleien seiner Gattin. Es fanden heftige Reibereien zwischen den beiden Ehegatten statt, welche zur Kenntniss des Hofnarren gelangten.

»Du, Gevatter!« sagte dieser dann einmal dem König. »Weißt Du, was es bedeutet, wenn eine Frau ihren Gatten mit grundloser Eifersucht quält? Das bedeutet, daß sie der Eifersucht des Gatten zuvorkommen will. Wenn die Frau ohne Ursache zankt, ist es gewiss, daß sie etwas bemäntelt.«

»Was sagst Du?«

»Ich sage, daß Du wohl daran tätest, die Schreibtischfächer Deines Weibes einmal zu durchsuchen, denn ich weiß, daß hier am Hofe ein gefährlicher Ritter lebt, der bei Frauen sehr glücklich ist, und der schickt Deiner Königin im Geheimen Briefe.«

»Das kann nicht sein.«

»Gravel ist der Name des Ritters. Ich selbst habe es gesehen, daß er einen solchen Brief der Hofdame der Königin übergab, indem er dabei den Finger an die Lippen legte und geheimnissvoll flüsterte: Der König darf es nicht erfahren!«

»Du bist ein Narr!«

»Aber der kleinere.«

Der Stachel saß bereits im Herzen des Königs. Er suchte die Königin auf.

War es ein Zufall, eine Laune des Schicksals, die Bestimmung des Weltgeistes, daß, als Johann sich in das Zimmer Maria Kasimira's begab, eben deren Schwester Eleonore bei ihr anwesend war?

Der König zwang sich zu einer heiteren Ruhe.

»Ritter Gravel pflegt Dir im Geheimen Briefchen zuzuschicken?«

»Possen,« sagte die Königin errötend.

»Was ist in denselben enthalten?«

»Französische Chansonetten.«

»Wenn es Chansonetten sind, weshalb müssen sie im Geheimen zugestellt werden?«

»Damit sie der König nicht erblicke.«

»Aber ich will dieselben sehen.«

Im Gefühle des unwürdig verdächtigten Weibes verstummte Maria Kasimira, sie verteidigte sich nicht weiter. Ihr Schreibtisch war niemals verschlossen. Stumm wies sie auf denselben hin: »Möge sich der König mit eigenen Augen davon überzeugen, was darin zu finden ist!«

Der König säumte nicht zu suchen. Er fand auch die Briefe, auf deren Umschlägen er die Handschrift Ritter Gravel's erkannte. Dann öffnete er dieselben und begann zu lesen.

Maria Kasimira hatte sich abgewandt und mit stolzer Gleichgültigkeit mit ihrer Schwester zu sprechen begonnen. Desto mehr achtete jedoch Eleonore auf Szobieszky's Gesichtszüge, die während des Lesens einen entsetzlichen Ausdruck annahmen. Scham, Schmerz, Bitterkeit mischten sich in diesem Ausdruck, bis der ausbrechende Zorn alle übrigen in sich vereinte. Heftig rief er Maria Kasimira zu: »Madame! Sind das Chansonetten, die so beginnen: Ma princesse! ma déesse!?« Damit hielt er Maria Kasimira die in ihrem Tische gefundenen Briefe hin.

Wie eine Schlaftrunkene starrte die Königin auf die Briefe. Sie kannte dieselben nicht. Sie sah sie alle jetzt zum ersten Mal. Desto besser erkannte sie aber Eleonore; einst hatte sie dieselben an ihrem Busen getragen, wie oft hatten ihre Lippen dieselben berührt! Es waren die an sie gerichteten Briefe Ritter Gravel's.

Die wiener Intriganten hatten die der Marquise Bethune geraubten Briefe in den Schreibtisch der Königin zu schmuggeln gewusst, die nicht einmal davon eine Ahnung hatte, daß dieselben an Eleonore gerichtet worden waren.

»Ich schwöre es beim lebendigen Gott, daß ich gar nichts von den Briefen weiß.«

»Und habe ich Ihnen nicht auch bei Gott geschworen, daß ich nichts von Brisacier und seiner Mutter weiß, und haben Sie mir geglaubt? Und das war doch schon vergangen. Selbst wenn es ein Vergehen gewesen wäre, so wäre es das Vergehen einer Zeit gewesen, da Sie noch nicht meine Königin waren. Aber dieser Verrat ist von heute, ist noch frisch, noch warm, da ich doch schon Ihr König bin!«

»Mein Gatte!«

»Vielleicht auch das, aber Ihr König auf jeden Fall!«

»Und Sie können das von mir glauben, von der Mutter Ihrer Kinder, die kein weiteres Glück kannte, als die Erziehung ihrer Kinder, daß ich im Geheimen niedrige Genüsse gesucht?«

»Haben Sie nicht auch von mir geglaubt, von dem Vater Ihrer Kinder, der außer diesen und Ihnen auch keinen anderen Traum, Freude, Gedanken hatte, daß ich Ihnen nicht die Wahrheit sage?«

»Können Sie das von mir glauben, von mir, die ich mit Ihnen ins Verderben ginge, die ich Ihrem Rufe folgte, als Sie sich mit mir in ein Grab legen wollten?«

»Je höher die Stelle, von wo der Sturz erfolgt, desto furchtbarer ist er.«

»Stellen Sie mich vor das Gericht!«

»Nein, Madame. Ihre treulosen Gattinnen lassen blos die englischen Könige enthaupten, deren Titel ›Hoheit‹ ist: die Könige von Polen, die nur Edelmänner sind, tödten eigenhändig die der Treulosigkeit überführten Frauen.«

»So tun Sie das.«

»Geben Sie zu, daß jener Mensch diese Briefe an Sie geschrieben?«

Szobieszky wäre fähig gewesen, für das Wort »Ja« das Weib zu tödten, welches er mehrmals die ganze Welt liebte.

Und Maria Kasimira wäre fähig gewesen, das Wort »Ja« auszusprechen, um von Szobieszky getödtet zu werden. Wozu weiter leben, da sie die Liebe des Gatten verloren?

Da warf sich Eleonore dazwischen und bedeckte mit den Händen den Mund der Beiden.

»Schweigt und besudelt Euch nicht gegenseitig und Gott! – Diese Briefe wurden an mich geschrieben. Ich bin das Weib, welches seine Pflicht vergaß, seinen Schwur brach, seine Ehre schändete. Ich muss dafür büßen. Diese Briefe sind mein Vergehen. Ich kenne den Inhalt derselben auswendig. Ich habe sie tausendmal gelesen. Aus sündhafter Begierde sog ich dieselben in die Erinnerung meiner Seele. Mich verurteilt, mich stellt an den Pranger? Durch schändlichen Verrat wurden diese Briefe mit Hilfe eines Haares aus meinem Schreibtische gestohlen und hierher, in denjenigen der Königin, praktizirt.«

Mit innigem Dankgefühl blickte Maria Kasimira auf Eleonore, in der die Schwesterliebe die Furcht vor der eigenen Schande überwog, welche lieber die eigene Treulosigkeit aufdeckte, als daß sie die Schwester durch ihren Fehltritt zu Grunde gehen ließ.

Aber von Szobieszky's Antlitz war noch Zweifel und Verdacht zu lesen. Wie wenn der Grund dieser Selbstaufopferung blos eine liebevolle Lüge war?

Eleonore gewahrte den Zweifel und fuhr mit Wärme fort: »Wenn Sie meine Worte bezweifeln, lassen Sie Gravel's Schriften in Beschlag nehmen. Sie werden unter denselben meine eigenen Briefe finden, in denen ich auf alle diese Briefe antwortete, denn auch dies tat ich.«

Und vor Schande zerknirscht brach diese sich selbst vernichtende Frau zusammen. Ihr verzweifeltes Schluchzen war ein stärkerer Beweis, als alle vollgeschriebenen Papiere.

Szobieszky umschlang sein Weib und flüsterte bebenden Tones: »Zweifeln wir nicht mehr an einander. Jetzt weiß ich, was Du gelitten haben magst, als Du aufhörtest, mir zu glauben, denn was ich in dieser Stunde litt, wiegt eine Hölle auf. Oeffnen wir dem Teufel keine Tür mehr.«

Und damit winkte er ihr zu bleiben und ihre Schwester zu trösten.

Der König eilte hinweg.

Im Korridor fand er den Narren.

»Vicisti Galilee!« sagte er zu ihm. »Deshalb ist aber mein Weib unschuldig.«

»Aber Gravel nicht!«

»Das werden wir sofort erfahren.«

»So–o–o–o?«

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