Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Maurus Jókai >

Ein Frauenhaar

Maurus Jókai: Ein Frauenhaar - Kapitel 27
Quellenangabe
authorMaurus Jókai
titleEin Frauenhaar
publisherVerlag von Heinrich Minden
year1883
translatorLudwig Wechsler
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20161006
modified20170628
projectid73fecffb
Schließen

Navigation:

Sechsundzwanzigstes Kapitel.

Das »schwarze Huhn« hatte es vorhergesagt! Als das ungeheure Kriegsheer vor Lemberg angekommen war, hatte der Anführer der Tataren vor dem Beginn des Gefechts eine Weissagung eingeholt. Die tatarischen Auguren ließen ein schwarzes Huhn frei. Wenn es sich gen Lemberg wendete, war der Sieg sicher. Plötzlich wandte sich jedoch das schwarze Huhn und flog erschrocken ins türkische Lager zurück. Das war ein Zeichen des Unterganges. Die große Niederlage war vorhergesagt. Selbst der Flug eines einfältigen Huhnes besitzt Einfluss auf den Ausgang einer Schlacht. Das Tatarenheer sah es im Voraus, daß es geschlagen werde.

Der Sturm war vorüber, aber Szobieszky, der Sturm, war geblieben; er verfolgte den fliehenden Nureddin noch weiter, kam unter Trembowla an, wo Ibrahim eben den fünften Angriff gegen den heldenmütigen Chrazanowszky unternahm. Von der Spitze eines Hügels benachrichtigte er mit dem Donner von zwanzig Kanonen die Belagerten, daß er zu ihrem Entsatze angelangt sei, und fliehend führte der greise muselmanische Feldherr sein geschlagenes Heer über den Dniester und Pruth zurück und gelangte erst jenseits der Donau zur Ruhe. Mit seinen fünftausend Helden verfolgte Szobieszky den hundertfünfzigtausend Mann starken Feind.

Es schien eine Versuchung Gottes; – und es war ein Urteil Gottes!

Wiesznowieszky und Alle, die sich gegen König Johann verschworen hatten, drängten sich jetzt um ihn, nicht um ihr über den Tyrannen gefälltes Todesurteil auszuführen, sondern um ihn vor dem Tode zu schützen. Szobieszky stürmte voran, sie ihm stets an den Seiten: »Verzeih! Vergiss die Kränkung! Erhalte uns Dein Leben!«

Er hörte nicht auf sie. »Ich muss weiter gehen, bis ich sterbe. Der König muss sterben, der im Reiche einen Untertan hat, der ihn nicht liebt!«

Das war ein furchtbares Wort! Und der es aussprach, hatte auch den Mut, es zu erfüllen. Er beging ein Wunder nach dem andern. Ein jeder seiner Siege war ein Wunder; es war ein Wunder, daß er am Leben blieb.

Endlich halfen sich die Verschworenen damit, daß, als er das ganze Türkenheer bereits über den Dniester getrieben hatte und er sich bereitete dasselbe noch weiter zu verfolgen, sie die über den Fluss führende Brücke bei Khoczim verbrannten. Damit war es gründlich verhindert worden, daß er sein Gelöbniss, zu sterben, halte.

Dann gingen sie hin zu ihm, umringten ihn, beugten das Knie, und im Namen Aller sprach der greise Wiesznowieszky zu ihm: »Jetzt bist Du schon jener König in Polen, der keinen Untertan hat, der ihn nicht liebte; wir haben nichts weiter zu tun, als Dich auf unseren Schultern nach Krakau zur Krönung zu tragen.«

Damit war ein Abschnitt in den Familienroman der Szobieszky's abgeschlossen. Niemand bedrohte ihn mehr mit Meuchelmord.

Und noch ein Wunder zeichnete die Geschichte aus, welches der Weltgeist einer Frauenhand anvertraute. – Die erste Haremsdame, die schöne Polin, bewog den Sultan, mit Polen Frieden zu schließen und seine ganze Kraft gegen Wien zu kehren. Vergebens waren alle Intriguen der Abgesandten des römischen Reiches, in Stambul und Warschau wurden sie lahm gelegt durch den Zauber eines schönen Weibes.

Der Divan schloss Frieden mit Szobieszky, und die polnische Volksversammlung beschloss einstimmig die Krönung des Königs und der Königin. Polens beste, ausgewähltesten Ritter waren bei der Krönung gegenwärtig, aber auch dessen Auswurf. Mehr als tausend Fallsüchtige, die man damals vom »Teufel Besessene« nannte, waren aus allen Teilen des Reiches zusammengekommen, um durch den Chor ihres furchtbaren Geschreies die Festlichkeit zu verherrlichen. Kleinpolen wimmelte von diesen Unglücklichen. Und der Volksglaube sagte, daß derjenige, den sie segneten, während seines ganzen Lebens vom Glücke begleitet sei. Als dann aber Olszowszki, der Reichsprimas, vor der glänzenden Kirchenversammlung darlegte, was Szobieszky für das Vaterland getan, und welchen Vorteil an seinen Taten Maria Kasimira habe, als er die Stirne Szobieszky's siebenmal mit dem heiligen Chrysma bestrich, ihm die Krone aufsetzte und dann der Königin winkte, sich zum Empfang der Krone bereit zu halten, als sie hierauf ihr Haar lösen musste, so daß die niederwallende, üppige Haarmenge sie einem zweiten Königsmantel gleich bis zu den Fersen einhüllte, da übertönte das Freudengeschrei der die Kirche erfüllenden glänzenden Festschaar noch das Gebrüll der vom »Teufel Besessenen«.

Und die Krönungspracht des Königs wurde noch gesteigert durch die glänzenden Gesandtschaften der europäischen Souveräne, mit ihrem an Glanz und Prunk mit einander wetteifernden Gefolge. Da war der Gesandte des Schah von Persien an der Spitze seiner in orientalischer Pracht erstrahlenden Schaar; die auffallendste Gestalt unter all diesen fremden, glänzenden Herren war aber der Gesandte des Beherrschers eines ganz kleinen Ländchens, der Gesandte Michael Agaffi's, Großfürsten von Siebenbürgen: Emerich Tököly. Zur Zeit wohl nur ein ungarischer Edelmann, aber bald darauf der Anführer des ungarischen Freiheitskampfes, der König der Nation.

Mit diesem Krönungstage trat ein völliger Wendepunkt in der Geschichte Polens ein. Nach einem abermaligen vergeblichen Angriff, welcher durch die vereinigten heldenmütigen Kraftanstrengungen Szobieszky's und Maria Kasimira's vereitelt wurde, schloss der Sultan Frieden mit Polen. Zar Fedor starb und sein Nachfolger hatte mit den eigenen Untertanen genug zu tun, Niemand griff Polen an, aber Jeder, die ersten Mächte Europa's wetteiferten um dessen Freundschaft. Und der Pole wandte diese Sympathie, diese von Vielen begehrten Freundesrechte freiwillig einer armen, verdrängten, leidenden Nation zu: den Ungarn.

Noch war aber der Waffenvorrat der Jesuiten nicht ganz erschöpft. Wenn es ihnen nicht gelang, Szobieszky auf der Diaeta zu stürzen, am Kampfplatze zu verderben, in seinem Palaste zu tödten oder ihn in seinem Charakter wankend zu machen, wenn ihn Sieg auf allen Schlachtfeldern begleitete, so gab es dennoch ein Feld, wo es keinen unbesiegbaren Menschen giebt, hatte der Held dennoch eine unbedeckte Stelle, welche kein Panzer zu schützen vermag. Die Jesuiten verstanden es, Gift zu mischen – auch ohne Speise und Trank.

Szobieszky war glücklicher Gatte, der Gatte der schönsten und treuesten Frau. Als Maria Kasimira gekrönt wurde, riefen die Umstehenden einstimmig: »Es lebe die erste Frau, die schönste Frau, die beste Frau in Polen!« Und er selbst stimmte in den Ruf ein.

Als die Krone Maria Kasimira's Haupt berührte, befand sie sich in guter Hoffnung, in jenem Zustande, wo selbst die römische Republik die Frau als Königin betrachtete und sie durch ihre Liktoren auf der Straße grüßen ließ. Zwei wurden da gekrönt: sie und das sich unter ihren Herzen befindende Kind, welches sie deshalb auch stets mehr liebte, als ihren Erstgeborenen.

Sie wollte ihre Niederkunft in Paris abwarten, am Hofe ihres königlichen Gevatters, Ludwig's XIV., und sandte Bethune voraus, um ihren Empfang vorzubereiten.

Bei dieser Gelegenheit gedachte Ludwig XIV. Szobieszky mit dem blauen Herzogsbande auszuzeichnen. Wenn der römische Kaiser Michael Koriluff mit dem Ordensbande des goldenen Vließes auszeichnete, so folgte daraus, daß der König von Frankreich Szobieszky mit dem glänzendsten Ehrengeschenk des französischen Trones schmücke.

Der gute alte D'Arquien war jedoch noch immer duc und père mit kleinen Anfangsbuchstaben und Maria Kasimira erbat sich die Gnade vom französischen König, jenes blaue Band lieber ihrem »Vater« zu geben.

Das Herzogtum von Rieux war eben vakant geworden, und Ludwig XIV. hatte dem Marquis d'Arquien schon den Herzogstitel versprochen, als er Maria von Gonzaga dazu bewogen hatte, an der Seite des greisen Uladislaus Königin zu werden. Eine kleine, sehr begreifliche Eitelkeit verschmolz noch mit diesem Wunsche. Die Königskrone beschützte Maria Kasimira d'Arquien nicht davor, daß im Hofe von Versailles die Königin und deren Lieblingsdamen sie mit den Worten ansprachen: »Wie geht es Ihnen, Marquise?« Denn eine »polnische« Königin kann doch von der Königin von Frankreich nicht mit »Schwester« angesprochen und von den französischen Herzoginnen nicht »Hoheit« betitelt werden. Wenn sie aber einmal den Titel einer französischen Herzogin führt, muss man ihr wenigstens diesen geben.

Das Herzogtum Rieux ward also von Ludwig XIV. für Papa d'Arquien erbeten, und es lag kein Grund vor, ihm dasselbe zu verweigern.

Eines Tages, als die Königin auf die Wiederkehr Bethune's harrte, um ihre Reise nach Frankreich anzutreten, unterhielt Wawra, der Hofnarr, die ungeduldige Herrin mit seinen Geschichten:

»Es war einmal, wo und wann weiß man nicht, es war einmal ein junger Ritter, der aus dem fernen Sarmatenland nach dem glänzenden Versailles wanderte und in die Leibgarde des französischen Königs eintrat. Der junge Sarmate war ein stolzer Jüngling. Die Damen Lutesiens waren alle verrückt nach ihm. Eine unter ihnen, die schöne Frau Brisacier, brachte dann der junge Gardelieutenant wieder zu Sinnen. Die Dame war die Gattin eines wackern Geldwechslers, der es nicht sonderlich vermerkte, wenn sich unter sein Geld auch ein falschgeprägtes Stück verirrte. Der junge Gardelieutenant ging dann weiter und ward König. Als er nun schon König, und viel Geld durch seine Hände gegangen war, gelangte auch einmal das falsche Geld wieder an ihn zurück und dieses sprach zu ihm: Vater, kennst du mich nicht? Ich trage doch dein Bildniss! – Lirum Larum! – So sind alle Gardelieutenants! – Der Teufel mag das kennen! antwortete der König mürrisch. – So sind alle Könige!«

Die Eifersucht war im Herzen Maria Kasimira's aufgeflammt.

»Was weißt Du von der Sache?«

»Ich weiß nicht so viel, wie ein Karmeliter, der mit wichtigen Briefen an König Johann III. aus Versailles angekommen ist.«

»Bringe mir jenen Karmeliter her!«

Wawra instruirte den französischen Mönch, der dann der Königin die ganze romantische Geschichte erzählte, wie Johann Szobieszky, als er noch junger Gardeoffizier am Hofe Ludwig's gewesen, mit einer Madame Brisacier ein Liebesverhältniss unterhalten habe. Die Folge dieser Freundschaft war ein junger Brisacier, der gegenwärtig Geheimsekretär der französischen Königin sei. Jetzt, da Szobieszky in der ganzen Welt gepriesen werde, glaube Madame Brisacier die Zeit herangekommen, um aus ihrer Schande eine Ehre machen zu können und ihrem Sohne zu gestehen, daß er das Kind des ruhmreichen Szobieszky sei. Ein solch hoffnungsvoller Spross müsse einen glänzenden, seiner Abstammung würdigen Namen besitzen. Die Königin von Frankreich meine ihrer Achtung und Verehrung für den großen Szobieszky dadurch Ausdruck zu verleihen, wenn sie veranlasse, daß der junge Brisacier, der natürliche Sohn Szobieszky's, zum Herzog von Rieux erwählt werde.

Die Nachricht von einer verlorenen Schlacht wäre für Maria Kasimira nicht so entsetzlich gewesen, wie diese Verleumdung. Denn es war Verleumdung von Anfang bis zu Ende.

Szobieszky antwortete seinem Weibe: »Ich schwöre Dir, daß Du meine erste, meine einzige Liebe bist. Außer Dir gab es für mich niemals ein Weib.«

Ein solcher Schwur wird selbst aus dem Munde eines Königs nur schwer geglaubt, der einst am Hofe Ludwig's XIV. als Gardeoffizier bedienstet gewesen. Vergebens erzählte Johann seinem Weibe die Geschichte seiner jüngeren Jahre, die nur eine Chronik von Kämpfen, ernsten Studien, männlichen Körperübungen und gefahrvollen Reisen gewesen; daß seine ganze Seele dermaßen von seinem Stolze, seinen hochfliegenden Wünschen erfüllt gewesen sei, daß kein Gedanke derselben auf eitle Lustbarkeiten gerichtet sein konnte – er vermochte sein Weib niemals vollkommen zu beruhigen. Ein solcher Stachel bricht innen ab.

Und die Frau hätte es noch verziehen, wenn sie allein dieses Geheimniss erfahren hätte, aber daß es auch Andere erfuhren, das vermochte sie nicht zu ertragen. Seit diesem Vorfalle quälte sie sich bis an das Grab und durch ihre eigenen Qualen und Eifersucht ihren Gatten. Ihre Briefe, welche sie während des Feldzuges an den letzteren richtete, sowie seine auf dieselben erteilten Antworten legen deutlich Zeugniss über diesen qualvollen Seelenzustand ab. Das Glück des königlichen Paares war vergiftet.

Und es gab Leute, welche dieser Verleumdung aller Orten Eingang und Glauben verschafften. Sie gewannen die Königin von Frankreich selbst und bewogen sie, Szobieszky bezüglich der Anerkennung Brisacier's zu schreiben; sie verbreiteten gar ein Gerücht, wonach Brisacier dem Heldenkönig hunderttausend Thaler gesandt habe, damit ihn dieser als seinen natürlichen Sohn anerkenne und ihm die Herzogskrone verschaffe. Man glaubte diese sinnlosen Verleumdungen und sang in Paris Chansonetten darüber. Die Königin sagte nun, daß Niemand mehr das »cordon bleu« brauche, weder ihr Gatte noch ihr Vater; möge nun Herzog von Rieux werden, wer da wolle. Sie selbst reiste auch nicht nach Paris, sondern blieb daheim mit ihrer Bitterkeit. Vielleicht war dieser Seelenkampf von Einfluss auf den Seelenzustand ihres Zweitgeborenen. Dieser brachte den Hass gegen den älteren Bruder mit auf die Welt, welcher für Polen verhängnissvoll ward.

Endlich fand Szobieszky selbst die Sache der Brisacier's unerträglich und wandte sich an den König von Frankreich. Ludwig XIV. verschaffte ihm Genugtuung. Die Mutter Brisacier's wurde in die Bastille gesperrt, der elende Abenteurer selbst aber entfloh und setzte seine tollkühnen Unternehmungen bald in russischen, bald in englischen Diensten fort. In Amerika ging endlich seine Spur verloren.

Aber zwei Dinge waren zurückgeblieben: Das zerstörte häusliche Glück des polnischen Königspaares und die Erkaltung des polnischen Hofes gegen den französischen.

Ludwig XIV. ahnte, daß wenigstens die eine Hälfte des polnischen Königspaares gegen ihn gereizt sei, und das war eine sehr bedenkliche Sache. Der Bischof Vitry war blos der amtliche Vertreter Frankreichs in Warschau, der eigentliche hätte Marquis Bethune sein sollen, der auch für diesen Dienst einen reichlich bemessenen Jahresgehalt bezog. Ludwig XIV. schöpfte Verdacht gegen Bethune; denn dieser war auch ein Schwiegersohn d'Arquien's, der den Herzogsrang nicht erhalten hatte. Und der Zorn der Gattinnen ist eine Krankheit, welche auch die Männer ergreift.

Es schien nicht überflüssig, noch einen zweiten geheimen Vertreter nach Warschau zu senden, der das Vorgehen des ersten geheimen Gesandten bewachen solle.

Marquis Gravel wurde nach Warschau geschickt.

 << Kapitel 26  Kapitel 28 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.