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Ein Frauenhaar

Maurus Jókai: Ein Frauenhaar - Kapitel 26
Quellenangabe
authorMaurus Jókai
titleEin Frauenhaar
publisherVerlag von Heinrich Minden
year1883
translatorLudwig Wechsler
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20161006
modified20170628
projectid73fecffb
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Fünfundzwanzigstes Kapitel.

Noch eine Versuchung harrte des erwählten Königs. Die Getreuen der verwittweten Königin Eleonore gingen zu ihm und sprachen: »Siehe, jetzt vermöchtest Du das heilige römische Reich mit starken Ketten an Dich zu fesseln. Trenne Dich von Deinem Weibe, sie ist ja nur die Tochter eines französischen Marquis, und heirate Eleonore, die Schwester des römischen Kaisers.«

»Die Mutter meines Sohnes soll ich von mir stoßen?« sprach Szobieszky, »dann behaltet Eure Krone!«

Und er wies eine Kaisertochter von sich, um Maria Kasimira d'Arquien auf den Thron zu erheben, sie, die er von Herzen liebte.

Johann Szobieszky war also schon König und Maria Kasimira d'Arquien Königin. Gekrönt waren sie aber noch nicht. Und die Krönungsfeierlichkeit war in Polen mit großem Pompe verknüpft. Aber Johann der Dritte sagte zu seinen Reichsgranden: »Lassen wir jetzt diesen Prunk, wir haben noch Zeit dazu; mir ist es eine dringende Sache, erst die Türken und Tataren aus dem Lande zu jagen. Der Feind belagert bereits Lemberg. Ich eile dahin. Sie werden mich auch ohne Krone erkennen.«

Die Frage war aber nun die, ob die Volksversammlung die für die Krönungsfeierlichkeiten bestimmte Summe dem Könige zur Erhaltung des Kriegsheeres und zur Befreiung des Reiches überlasse. Wer hätte dem widersprechen können?

Dennoch fand sich ein Mann, der widersprach. Wir wollen seinen Namen nicht aufzeichnen. Ihm war die Krönungsparade erwünschter, als Lembergs Befreiung. Nachdem er das »Nye poz wolim« ausgerufen hatte, sprang er glücklich durchs Fenster auf die Straße hinaus; die Stände stürmten ihm nach und ereilten ihn. Nun wäre es bereits unnütz gewesen, ihn zu erschlagen, denn sein Veto war im Beratungszimmer zurück geblieben, darum begann man mit ihm zu unterhandeln; er solle in den Kolo zurückkehren und dort sein liberum veto zurückziehen, sie gäben ihm tausend Dukaten dafür. Zuletzt steigerten sie ihr Angebot bis auf zwanzigtausend Dukaten. Der edle Herr war zerlumpt, sein Schwert, seine Sporen waren verrostet, aber davon, was er einmal ausgesprochen, trat er nicht zurück: nicht für zwanzigtausend Dukaten, nicht für die ganze Stadt Warschau. Die Diaeta war zersprengt.

Da begann Johann Szobieszky vermöge seiner Königsgewalt unter dem Namen einer Leibgarde ein Kriegsheer zu sammeln, und mit eiserner Hand zog er Alles ein, Steuern und Schulden, damit er Geld zum Kriegführen habe.

Alles murrte. Der wiener Hof fachte das Feuer an, da er die Beschämung der Königin Eleonore nicht zu vergessen vermochte. Wawra's Hände sammelten Verschwörer.

Die alten Gegner der Familie Szobieszky verbanden sich zu einer Liga, und viele seiner alten treuen Feinde traten derselben bei. Die Edelleute von Geblüt wollten keinerlei Joch ertragen, vor deren Augen die Krone sofort die Lorbeeren des nationalen Helden verbarg, sobald er wirklich König sein wollte. Selbst Wiesznowieszky trat der Liga bei.

In der Versammlung der Verschworenen zählte der stolze Kaspar Paz die entsetzlichen Sünden König Johann's auf: wie er die uralte Freiheit mit Füßen trete und mit tyrannischer Faust in den heiligen Rechten der Nation wühle.

»Nun, wenn das Alles wahr ist,« sprach der alte Wiesznowieszky, der nicht zur Partei der Oestreicher gehörte, sondern Republikaner war, »verdient ein solches Ungeheuer nichts weiter, als getödtet zu werden. Dafür, daß er das Vaterland errettete, verdient er, daß ihm ein Mausoleum errichtet werde, aber dafür, daß er dessen Freiheit untergräbt, daß er darunter liege.«

Wawra flüsterte Paz etwas zu. Dieses Resultat stand nicht im Einklange mit den wiener Plänen. Paz verstand den Wink.

»Nicht so, alter Freund,« sagte er. »Die Ehre des Ermordens wird nur jenen Königen zu Teil, die von Gottes Gnaden regieren. Unser König ist blos unser erster Diener. Ihm gebührt nicht der Ruhm, durch die Dolche eines Brutus und Cassius unsterblich gemacht zu werden. Wenn sich der erwählte König gegen die Republik vergeht, so wird er verurteilt und eingekerkert. Wir lernten das von unseren Nachbarn, den Ungarn. Als sich König Sigismund eines Vergehens schuldig machte, wurde er wie ein gewöhnlicher Edelmann vor Gericht gestellt, das Gesetz ward ihm vorgelesen und dann wurde er so lange in der Burg Siklo's gefangen gehalten, bis seine Strafzeit abgelaufen. Unsere Könige dürfen nicht daran gewöhnt werden, daß sie unter außerordentlichen Gesetzen stehen, daß ihnen blos der Tod gebietet. Mögen sie lernen, daß ihre Strafe jener der gewöhnlichen Edelleute gleich ist.«

Vergebens waren aber alle Sophismen Paz', vergebens alle besänftigenden Worte Wawra's; die Mehrheit der Verschworenen bestimmte, daß Szobieszky, der die Nation ihrer Freiheit beraubende Tyrann, getödtet werden müsse.

Dies war Wawra durchaus nicht recht. Ihm war aus Wien die Weisung zu Teil geworden, am polnischen Hofe, unter welcher Regierung es auch sei, nach Möglichkeit den französischen Einfluss zu verdrängen und dem östreichischen Eingang zu verschaffen; man hätte ihm aber durchaus keinen Dank dafür gewusst, wenn er dort Revolutionen und Königsmord angezettelt hätte.

Wawra half sich in seiner Not dadurch, daß er Szobieszky den Plan der Verschworenen verriet.

»Nenne mir sie gar nicht,« antwortete Johann, »da ich sie ohnehin kenne. Geh zurück zu ihnen und sage ihnen, sie möchten sich nicht darüber den Kopf zerbrechen, wo und auf welche Weise sie mich tödten könnten. Denn morgen begebe ich mich an einen Ort, wo mich Jemand zu jeder Stunde und auf hunderterlei Weise zu tödten vermag. Trotzdem ist es ein solcher Ort, wo mich die Verschworenen auf keine Weise zu tödten vermöchten. Erratet, wo das sein kann!«

Das vermochten aber die Verschworenen nicht zu erraten, bis am andern Tage das Rätsel vor ihnen gelöst wurde.

Johann Szobieszky begab sich mit seiner ganzen Leibgarde und all seinen bewaffneten Leibeigenen in die von den Türken belagerte Stadt Lemberg. Dort vermochte ihn in der Tat zu jeder Stunde Jemand zu tödten, aber nicht die Verschworenen.

Der Kriegszug nach Lemberg ist so voll der glänzendsten geschichtlichen Daten, daß der Roman selbst beinahe zwischen denselben verschwindet.

Da ist vor Allem die Geschichte eines heldenmütigen Mädchens: Zenobia Visoczka's. Als das Vaterland in Gefahr war, verließ sie ihre Familie und verteidigte dasselbe mit den mächtigsten Waffen, womit die Frauen zu kämpfen vermögen, mit den Waffen der weiblichen Reize, Schönheit, Grazie; sie kam in den Harem des Sultans, eroberte das Haupt des feindlichen Landes selbst, ward der erste Günstling des Padischah und vernichtete mit einem Wink ihres rosigen Fingers ganze Heere, welche gegen Polen hätten ausziehen sollen. Sie opferte ihr Herz, um das der Nation zu retten.

Ein zweihunderttausend Mann starkes Kriegsheer zog gegen Polen, darunter auch die »Legion des Todes«. Zwölftausend freiwillige Janitscharen, welche sich »Todeshelden« nannten. Mehemed Kara war der Anführer des Vortrabes derselben, welchem Szobieszky bei Khoczim eine so schmähliche Niederlage bereitete. Seitdem lebte der General in der Verbannung. Jetzt ließ ihn der Sultan vor sich bringen und gab ihm ein Schwert in die Hand.

»Hier ist Dein Schwert, wetze seine Scharte aus; wenn Du besiegt nach Hause kommst, lasse ich Deinen Kopf vor diesen Soldaten hier abschlagen!«

Eben wurde ein polnischer Spion vorgeführt.

»Hast Du Dir Alles gut angesehen?« fragte der Sultan und gab ihm einen Beutel voll Gold. »So kehre zu Deinem Könige zurück und erzähle ihm, was Du gesehen.«

Dieses Heer war bestimmt, gegen Polen auszuziehen. Die Abgesandten des Kaisers Leopold eiferten gegen die Pforte an, den König von Polen anzugreifen. Aber eine zarte Hand machte einen Strich durch ihre Rechnungen. Zenobia girrte so lange in des Sultans Ohr, bis er die Hälfte des ungeheuren Heeres gegen den russischen Zaren in die Ukraine sandte, so daß dem Riesen nur der eine Arm zum Angriff gegen Polen blieb. Aber auch das genügte damals dem Polen. Sein ganzes Kriegsheer bestand aus Szobieszky's Leibwache und Leibeigenen.

Die Verschworenen folgten ihm nicht dahin, blos Wiesznowieszky ging ihm nach.

Als er ihn erreicht hatte, sprach er zu ihm:

»Wenn Du auf dem Throne sitzest, so fürchte meine Hand. Wenn Du jedoch zu Pferde bist, oder in Deinem Zelte liegst, so vertraue mir, mein Körper beschützt Dich!«

Der Name einer Heldin ist von diesem Kriegszug aufgezeichnet. Es ist das Helena Chrazanowszka, deren Gatte Samuel Chrazanowszky bei Trembowla das Heer des Generals Ibrahim zurückhielt, während Nureddin Lemberg bestürmte. Die Befestigungen waren bereits zertrümmert, und nach vier zurückgeschlagenen Stürmen musste an die Uebergabe gedacht werden. Da wies Helena ihrem Gatten zwei Dolche:

»Wenn Du die Stadt aufgiebst, tödte ich Dich mit dem einen Dolche und mich mit dem andern.«

Sie selbst stand inmitten des heftigsten Kugelregens und jagte diejenigen auf ihre Plätze zurück, die vor dem Verderben flohen.

Das Alles gehört der Geschichte an, es ist das kein Roman; durch das ganze Heldengedicht zieht sich jedoch die herrschende Idee: der Gedanke des liebenden Herzens, welches, gleichwie die unsichtbaren Infusorien des Oceans fähig sind, das ganze Wasser-Universum zu durchleuchten, den großen Bewegungen des nationalen Lebens den feenhaften Glanz und Zauber verleiht.

Als Szobieszky in Lemberg ankam, fand er einen zehnmal stärkeren Feind vor. Sein Heer fand so viele Todtengräber, daß sich Jeder für einen Todten ansehen konnte.

Und da fuhr es ihm durch den Sinn, seine Frau zu sich zu rufen. Möge sie mit ihrem Kinde kommen, um sich mit ihm begraben zu lassen.

In früherer Zeit ängstigte er sich um sie, wenn er in die Schlacht zog; er sandte sein Weib nach Paris. Damals hoffte er zu siegen. Jetzt war er nur darauf bedacht, sich ein ruhmvolles Grab zu bereiten. Hierzu berief er sein Weib und sein Kind, sie wollten in einem Grabe vereint sein!

Und Maria Kasimira erschien auf den Ruf ihres Gatten sammt ihrem Kinde in der dem Verderben geweihten Stadt.

Der ringsum in Rauch und Flammen gehüllte Horizont verkündete, daß der Kern des türkisch-tatarischen Heeres sammt dessen Oberbefehlshaber angekommen sei.

Es war am vierundzwanzigsten August, am heißesten Sommertag, als um vier Uhr Nachmittags von den Lemberg umgrenzenden Hügeln die feindlichen Schaaren sich herabzuwälzen begannen. Szobieszky beschloss, den Angriff nicht abzuwarten, sondern dem Feinde zuvorzukommen.

Es war das ein Wagniss auf Tod und Leben! Wiesznowieszky warf sich zu seinen Füßen, umklammerte seine Kniee und flehte ihn an, sein königliches Leben nicht dem sicheren Tode entgegenzuführen.

Mit bitterem Hohne antwortete Szobieszky: »Ich erbaue mir ein Mausoleum, um darunter zu liegen. – Ein ruhmreiches, aber teures. Euch kostet es nichts, es wird blos aus den Gebeinen von Vaterlandssöhnen bestehen. Darunter werde ich ruhen.«

»Vergiss, was ich gesprochen! Gestatte, daß ich es durch meinen Tod sühne. Erlaube, daß ich das Heer zum Sturm führe.«

»Auch Du wirst dabei sein. Und Du wirst sehen, wie der Tyrann stirbt, den die Nation zum Tode verurteilt hat!«

Und sein Weib und Kind lösten den flehenden Edelmann nicht ab, um ihn zurückzuhalten. Während ihr Gatte in den Kampf stürmte, kniete Maria Kasimira in der Kirche vor der Statue des Märtyrers der Nation, Stanislaus Kolska, und betete zu Gott um Hilfe.

Szobieszky sprach zu seinen berittenen Schaaren: »Heute werden wir blos mit dem Schwerte kämpfen, wir brauchen keine Lanzen!« Damit ließ er seinen Leuten die Lanzen abnehmen und dieselben hinter den Hügeln in die Weggraben stecken, daß der Feind von Weitem die glänzenden Spitzen für die Spieße einer zum Kampfe bereiten Reserveschaar halte.

Und wirklich eilte eine Reserveschaar ihm zu Hilfe. Von seinen raschen Schlachtoperationen hatte Szobieszky den Namen »Sturm« erhalten. Nun erschien sein Bruder, der wirkliche Sturm.

Plötzlich verfinsterte sich der nördliche Horizont, und himmelhohe Staubwolken vor sich herjagend, brauste der Sturm die Ebene daher. Es war heute der Tag der Wunder des Himmels und der Erde. Der afrikanischen Hitze war ohne Uebergang ein solches Schneegestöber gefolgt, wie wenn der Nordwind seine Hochzeit hielte: Schneegestöber und ununterbrochenes Donnergetöse. Szobieszky, vereint mit seinem Verbündeten, dem Schneesturm, griff den Feind an. Der kalte Wind, der Schnee war ihm Freund, jenem Tödter. Er hatte einen Schlachtplan, eine gut berechnete, erprobte Praxis. Jener wusste nicht einmal, wo vorne, wo hinten sei. König Johann selbst stürmte an der Spitze seiner Schaaren zum ersten Angriff, und das Heer Nureddin's zerstob vor ihm. Dem an des Königs Seite reitenden Erzbischof von Marseille wurden zwei Pferde unter dem Leibe weggeschossen, den König selbst ereilte keine Gefahr. Die riesigen Massen des Feindes hinderten einander in ihren Bewegungen. Wenn Szobieszky an einer Stelle eine Schaar zersprengt hatte, ließ er sie fliehen und wandte sich gegen die zweite, er erschien stets dort, wo man ihn inmitten des dichten Schneegestöbers am wenigsten erwartete. Das ganze ungeheure Lager Nureddin's zerstob – vor den beiden »Stürmen«, und diese verfolgten es bis Sonnenuntergang, bis das ganze Heer vollständig aufgerieben war. Als sich gegen Abend der Sturm gelegt hatte, blickte die Königin Maria Kasimira von dem Turme der Zitadelle von Lemberg ins Weite und sah ein großes Leichentuch vor sich, welches die gefallenen Feinde bedeckte: ein Schneefeld inmitten des Hochsommers und auf diesem Schneefeld ihren zurückkehrenden Gatten und seine Helden mit den eroberten Fahnen.

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