Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Maurus Jókai >

Ein Frauenhaar

Maurus Jókai: Ein Frauenhaar - Kapitel 24
Quellenangabe
authorMaurus Jókai
titleEin Frauenhaar
publisherVerlag von Heinrich Minden
year1883
translatorLudwig Wechsler
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20161006
modified20170628
projectid73fecffb
Schließen

Navigation:

Dreiundzwanzigstes Kapitel.

Zolkiev war ein wirkliches kleines Paradies. Es war der Sitz der reichsten und gebildetsten polnischen Adelsfamilien, hier waren die Schönheiten der Natur mit den Meisterwerken der Bau- und Bildhauerkunst vereint. Hierher brachte Johann Szobieszky seine schöne, junge Gattin im ersten Frühling ihres Glückes. Die Liebe des jungen Paares machte Zolkiev wirklich zu einem Paradies.

Wo zwei so edle Seelen zusammentreffen, in Gesicht und Gestalt idealisch zu einander passend, in Charakter, Neigungen eine das getreue Abbild des andern, denen dieselben Gedanken, dieselben Träume zu Teil werden; da wo durch die unerschöpfliche Tiefe der Gefühle die Seelen des Gatten und der Gattin so in einander verschmelzen, wie die entgegengesetzten Farben des Regenbogens, dort ist das Paradies.

Der Held der ins Reich der Fabel gehörenden Kämpfe war der König und Sklave zugleich seiner Gattin, nur glücklich durch ihr Lächeln, nur besorgt durch deren träumerisches Antlitz. Aber hinter diesem träumerischen Antlitz verbarg sich ja kein Kummer, nur jene geheimnissvolle Ahnung, welche das Weib verspürt, wenn es die Zeit herannahen fühlt, welche eine neue Welt und darin ein verheißungsvolles Leben oder vielleicht den Tod mit sich bringen wird.

Der Held gedachte nicht seiner Lorbeeren, nur jener winzigen roten Haube, welche die rosigen Finger Maria Kasimira's stickten. Aufs Hirschgeweih gehängt, mochten Streitkolben und Hirschfänger ruhen, unruhig bäumte sich der Hengst im Stalle: der Held so vieler Schlachten beschäftigte sich damit, die zur Erde gerollten Perlen aufzulesen und auf die Nadelspitze zu reihen. – Der Feldherr war zugleich Dichter und Sänger, Maler und Bildhauer; er konnte deklamiren und spielen; all dies ward dem einzigen Dienste gewidmet, von dem Gesichte seiner jungen Gattin jene Wolke des »süßen Grames« verschwinden zu machen.

Auf einmal aber stürzte in das von Feensonnenschein glänzende Paradies eine in Lumpen gehüllte Gestalt, auf deren Antlitz der Staub und Kot die frischen Wundstellen verdeckte; und an der Stimme erkannte man den guten Matthäus Mateinszky, den ehemaligen Brautführer.

»Heute ist kein Tag, um zu küssen, Johann Szobieszky. Zweihunderttausend Mann stark brachen die Kosaken und Tataren ins Land, Hetman Doroszenko und Khan Adel Ghirai sind ihre Anführer; Achmed Küprili erklärte Polen den Krieg; unser halbes Vaterland ist in Blut und Flammen getaucht.«

»Und der König?« fragte Szobieszky.

»Wir haben keinen König. Er hat abgedankt, ist Geistlicher geworden, hat sich versteckt.«

»Und das Heer?«

»Das Heer hat sich aufgelöst, weil es keinen Sold erhielt; die Schatzkammer ist leer und der Adel saß nicht auf, weil ein »Nye poz wolim« die Diaeta zersprengte.«

»Was haben wir also noch?«

»Gar nichts, nur Dich allein. Du bist König, Kriegsherr Polens.«

»Ich habe verstanden«, sprach der Held, und indem er seine Gattin küsste, sagte er:

»Du, meine Teure, Du steigst sofort zu Wagen und reist nach Frankreich. König Ludwig wird Dich beschützen. Möge ich von Dir gute Nachrichten erhalten – Du von mir lieber keine.«

In Begleitung seiner Getreuen ließ er seine gehorsame Frau sofort ihre Reise antreten. Er konnte doch nicht zugeben, daß sie in die Hände der Kosaken falle.

Dann eilte er, der Pflicht Genüge zu leisten, die ihn hieß, König, Kriegsherr und Pole zu sein.

Was fand er vor?

Ein zerlumptes, halbnacktes Heer, welchem man schon seit neun Monaten keinen Sold zahlte, insgesammt etwa zehntausend Mann.

Er verteilte seine eigenen Schätze unter sie. Was er an beweglicher Habe besaß, gab er alles dem Heere hin. Er versöhnte die Unzufriedenen; innerhalb eines Monats vermehrte er das Heer auf zwanzigtausend Mann, und mit diesen zog er sofort dem Feinde entgegen. Er hatte fünfzehntausend Reiter und fünftausend Musketiere. Und der Feind besaß zweihunderttausend Kämpfer.

Und Szobieszky zog auf kein tollkühnes, mythisch-heldenmutiges Abenteuer aus. Er hatte einen wohldurchdachten Plan, kühn und ruhmvoll; einen Blitz des militärischen Genies, welcher in dem Momente, da er erscheint, auch schon niederschlägt; einen so großen und kühnen Plan wie der Kriegszug Alexanders des Großen nach Persien, wie Hannibal's Zug nach Italien, wie Johann Hunyady's Sieg bei Belgrad, undefinirbar, aber wahr.

Dieses kleine Heer teilte er in zwei Teile. Den größeren Teil, die fünfzehntausend Reiter, sandte er unter Wiesznowieszky den Feind im Rücken anzugreifen und bestimmte ihm zugleich seine Marschroute und den Rendezvousplatz.

Mit den ihm gebliebenen fünftausend Musketieren und Batterien warf er sich dann geradeswegs unter das ganze ungefüge, zahllose Feindesheer.

Seine ganze Schaar empörte sich gegen ihn, als sie sich so ganz allein inmitten so vieler Feinde gewahrte. Sie schrie ihm Verrat ins Gesicht. Aber Szobieszky ward übermenschliche Macht verliehen. Als er sich inmitten seines Heeres aufstellte und demselben mit dem Zauber seiner klangvollen Stimme seinen tollkühnen, aber ruhmreichen Plan vorlegte, stürzten die meuterischen Soldaten zu seinen Füßen hin, und die Sporen seines Stiefels küssend schworen sie, ihm allüberallhin, und sei es selbst in den Tod, zu folgen.

Szobieszky führte seine Schaar jedoch an eine Stelle, wo sie den Tod austeilten und nicht erhielten. Indem er sich gegen das Gebirge von Podhaicze wandte, warf er sich mitten unter das Kosakenheer und lockte dasselbe in scheinbarer Flucht nach sich in einen im Voraus bestimmten Gebirgsengpass und richtete dort ein entsetzliches Gemetzel unter demselben an.

Ueber die Gebeine des Feindes hielt er seinen Triumpheinzug in die Stadt Podhaicze.

Es ist das nur eine offene Stadt, aber die Gebirgswege machen sie beinahe unzugänglich. Er hatte gut gerechnet. Der Feind schwor Rache für die erlittene Schande; mit dem Aufgebote seiner ganzen Kraft wandte er sich gegen die kleine Schaar, welche sich in eine mauerlose Stadt gekeilt hatte, um dieselbe zu zermalmen. Er hatte gut gerechnet. Eine Horde kam nach der andern, um sich unter Podhaicze den sichern Tod zu holen, Kosaken und Tataren, und was sie suchten, das fanden sie. Sechzehn Tage hindurch währte der Kampf zwischen einer Hand voll Menschen inmitten der Mauern einer offenen Stadt und einer unzählbaren Feindesmenge, und das gesammte, ungeheure Heer hatte nichts weiter als Gräber für sich gefunden. Die fünftausend Polen bildeten eine Mauer, welche nicht zu durchbrechen war. Sechzehn Tage hindurch hatte Niemand Nachricht von ihnen; sechzehn Tage hindurch war allgemeine Wallfahrt in Polen, das Glockengeläute rief Jedermann in die Kirche, um für den unter den Feinden umgekommenen Szobieszky und dessen heldenmütige Leidensgefährten zu beten. Nur zum Gebet, aber nicht zur Hilfe eilte der große Riese. Schnee war bereits gefallen und die edlen Herren lieben es nicht, im Schnee zu kämpfen.

Am Morgen des sechzehnten Tages war man bereits zur letzten Patrone gekommen. In der Morgendämmerung jedoch entzündeten sich auf den Bergspitzen die sehnsüchtigst erwarteten Signalfeuer.

»Dort nähert sich uns Wiesznowieszky!« schrie Szobieszky seinen Soldaten zu. Damit stellte er seine dezimirte Schaar in Schlachtordnung auf und stürmte auf den Feind los, welchen der von den Bergen herniederstürmende Wiesznowieszky zwischen zwei Feuer versetzte: die Kosaken und Tataren, erschöpft von dem sechzehntägigen Sturm, ausgehungert, in den engen Talkessel eingepfercht, erlitten eine vollständige Niederlage; Sultan Kalga und der Attaman Doroszenko kamen am Abend des Kampfes zu Szobieszky und flehten um Gnade.

Der Sieg von Podhaicze befreite Polen auf eine wunderbare Weise von Feindesheeren und ganz Europa widerhallte von der Siegesnachricht.

Die Heldenschaar von Podhaicze empfing jede Stadt mit Triumphpforten, und als Szobieszky in die Volksversammlung trat, erhoben sich die versammelten Reichsstände zugleich vor ihm, welche Auszeichnung blos dem Könige zu Teil ward, und der Bischof von Kulm, der Kronkanzler, begrüßte ihn mit den Worten: »Du hast Polen befreit!« Und dann verglich er ihn mit Herkules, Achilles, Apollo und nannte ihn »unter den Großen groß, unter den Größern nicht kleiner und den Größten gleich!«

Szobieszky antwortete jedoch, daß Gott Polen befreit habe, und dann sprach er in sehr einfachen Worten von den am Triumphe Größtbeteiligten: den gemeinen Soldaten, und bat die Stände, in dieser großen Begeisterung ihnen den rückständigen Sold auszahlen zu wollen.

Und zahlten sie denselben vielleicht aus? Bei Leibe nicht. Sobald von Zahlung die Rede war, hieß es stets: »Nye poz wolim!«

 << Kapitel 23  Kapitel 25 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.