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Ein Frauenhaar

Maurus Jókai: Ein Frauenhaar - Kapitel 23
Quellenangabe
authorMaurus Jókai
titleEin Frauenhaar
publisherVerlag von Heinrich Minden
year1883
translatorLudwig Wechsler
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20161006
modified20170628
projectid73fecffb
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Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Als Maria Luise die Augen geschlossen hatte, waren mit ihr zugleich auch Polens bessere Tage untergegangen. Das Gewitter ließ neuerdings sein fernes Murren vernehmen, und ringsum am Horizont türmten sich verderbendrohende Wolken.

Küprili's großartiger Kriegszug ward gegen die ganze Christenwelt unternommen, die Tataren waren abermals feindlich ins Land eingebrochen, der Kosake gedachte seines alten Zornes und schloss sich ihnen an; Johann Kasimir rief jede befreundete Macht um Hilfe an. Seine Abgesandten zogen von Hof zu Hof. Ein Jeder hatte etwas Anderes zu tun, keiner konnte kommen. Auf Wien setzte er die größte Hoffnung. Von seinem von dort zurückkehrenden Gesandten erwartete er die tröstende Ermutigung. Der zurückgekehrte Gesandte übergab seine Botschaft Wawra, geradewegs konnte er sie dem Könige nicht ausrichten.

»Hier ist die Hilfe aus Wien!« sagte der Narr.

»Wo?«

»Siehst Du sie nicht? Hier in dieser Dose. Wien vermag heute dem König von Polen kein Kriegsheer zu schicken, dafür wird aber dem Wittwer geholfen! Es sendet Dir sieben Bildnisse von Herzoginnen. Du kannst Dir unter ihnen ein Weib wählen.«

Der König hatte einen französischen Rock an mit sehr großen Taschen, er steckte die Bilder zu sich, dann ging er in dem Park seines Palastes spazieren.

Die Fenster der unterirdischen Gewölbe des Palastes gingen in diesen Park; es waren die Gefängnisse für die bedeutenden Staatsgefangenen.

Aus einem dieser Fenster hörte der König weiblichen Gesang hervordringen. Die Stimme war ihm bekannt und er begriff nicht, auf welche Weise dieselbe aus einem Gefängniss ertönen könne.

Der König näherte sich dem Fenster. Durch das doppelte Gitter spähte er hinunter. Der Schein einer flackernden Kerze beleuchtete den Raum.

Auf dem Grunde desselben, auf feuchtem Stroh, lag ein mit schweren Ketten belasteter Mann, in welchem der König den betrogenen Gatten Radziejowszky erkannte. Der Gesang stammte von den Lippen einer Frau, welche den Kopf des auf der Erde liegenden Gefangenen im Schooße hielt. Der kleine Sohn der Frau spielte mit den Kettengliedern des Gefangenen. Ein Beichtvater kniete zu den Füßen des Gefangenen und erteilte dem Sterbenden soeben die letzte Oelung. Die Frau sang einen Todespsalm.

Und der König erkannte die Frau und das Kind. Der Gatte war zu dem verratenen König zurückgekehrt, bereuend, zur Buße bereit, wo nach der erlassenen Todesstrafe das Gefängniss seiner wartete. Die Frau war zu dem verratenen Gatten zurückgekehrt, um mit ihm seinen Kerker zu teilen.

Morgen wird dieses Weib Wittwe, dieser kleine Knabe verwaist sein. Wie von Furien gepeitscht, stürzte Johann Kasimir in seinen Palast zurück.

Ein großer Entschluss hatte sich seiner Seele bemächtigt.

»Morgen wird dieses Weib Wittwe, dieser kleine Knabe verwaist sein!«

»Nun, hast Du unter den sieben Herzoginnen gewählt?« fragte ihn der Hofnarr.

»Nein! Suche meinen Priestertalar hervor, gieb mir meinen Hirtenstab. Ich gehe ins Kloster zurück!«

Damit legte er auf einen Tisch seine Königsinsignien nieder: den goldgekrönten Silberhelm, das goldene Szepter, sein Schwert, seinen Gürtel und seine Sporen und hüllte sich neuerdings in seinen ehemaligen Kardinalspurpur.

»Uebernimm sie!« sagte er zu Wawra, auf die Symbole des Herrschers deutend, »und sage meinen Reichsständen, daß ich Gottes Reich aufsuche und ihnen das irdische zurückgebe.« Und mit dieser Botschaft betraute er seinen Hofnarren!

Noch einmal erschien Johann Kasimir vor seiner Reichsversammlung, um seinen Ständen zu sagen: »Ihr seid meiner überdrüssig geworden, und ich bin Eurer überdrüssig geworden.« Damit zog er nach Paris und ward Prior von Saint-Germain des Prés. Welch frommes, beschauliches Leben er dann noch bis an sein seliges Ende führte, beweisen zur Genüge – die Memoiren Ninon de L'Enclos' und der verwittweten Marquise de L'Hopital.

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