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Ein Frauenhaar

Maurus Jókai: Ein Frauenhaar - Kapitel 21
Quellenangabe
authorMaurus Jókai
titleEin Frauenhaar
publisherVerlag von Heinrich Minden
year1883
translatorLudwig Wechsler
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20161006
modified20170628
projectid73fecffb
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Zwanzigstes Kapitel.

Warschau, die Hauptstadt von Polen, liegt am linken Ufer der Weichsel, ihr gegenüber die Vorstadt Praga. Vor Praga, auf der Ebene des rechten Ufers, trafen die zwei feindlichen Heere aufeinander.

Was nur den Namen Mann in Warschau führte, war in den Kampf gegangen. Es ist das nicht blos eine Phrase. Es war in der Tat so. Drei Tage währte der Kampf, jeden Morgen sich erneuernd, und die polnischen Frauen trieben die Männer, welche allein nicht gehen wollten, aus dem Hause; sie sandten immer neue Schaaren auf das Schlachtfeld; selbst alte Graubärte und halberwachsene Burschen teilten sie schon in Schaaren ein, bewaffneten sie und sandten sie in das Gemetzel hinaus. Die Invaliden, die kaum genesenen Kranken mussten gehen, und die Geistlichen und Bischöfe sprengten dort an der Spitze der einzelnen Abteilungen daher; in der einen Hand hielten sie das Kreuz, in der anderen den Säbel, während sich die Weiber an die Brückenköpfe stellten und die Fliehenden in die Schlacht zurückjagten.

Die Königin und Maria Kasimira verfolgten von einem Hügel des linken Ufers aus den Verlauf der Schlacht. Die Blüte der Edelfrauen Polens stand dort um sie her; unter allen ragte die Gestalt der Mutter der beiden Szobieszky's, Theophila, hervor.

Angesichts ihrer Frauen, Schwestern, Mütter, Geliebten, angefeuert durch das vom jenseitigen Ufer herübertönende Jubelgeschrei und die Chorgesänge, verrichteten die Polen Wunder der Tapferkeit. Welch ein Kampfspiel war das! Auf dem einen Ufer alle Helden einer Nation, auf dem anderen die Frauen, und wie der kämpfende Mann nicht von seinem Platze weicht, so lagert die Frauenschaar unverrückt auf derselben Stelle. Mag da Hagel, Wind, Gewitter kommen, mag die glühende Sonne ihre Gesichter brennen, sie rühren sich nicht von ihren Plätzen, sie kennen weder Durst, noch Hunger, noch Furcht. Sie denken nur an die Pflege der Verwundeten und warten hoffnungsvoll auf den Ausgang des Kampfes.

Dort sitzt auch die Königin, eine umgekehrte Trommel ist ihr Thron. Ein um ihre Schultern geworfener grober Mantel schützt sie bei Tag gegen die brennenden Sonnenstrahlen, bei Nacht gegen die kalten Winde.

Der dritte Tag hatte sich geneigt und die Schlacht war noch nicht zu Ende. Die tatarische Reiterei hatte einmal bereits den Rücken des schwedischen Heeres durchbrochen und war bis zur königlichen Leibwache vorgedrungen. Izla Khan's Speer war am Brustpanzer Karl Gustav's abgeprallt. Die Leibwache stand wie eine Mauer, und am Abend war der linke Flügel des polnischen Heeres zurückgeworfen.

Am jenseitigen Ufer sahen es die Frauen mit an, wie ein Ritter nach dem andern vom Pferde sank und die Schweden stetig vordrangen. Da tönte das erste Wehgeschrei von ihren Lippen. Und das war ein so entsetzlicher Ton, daß er die Kämpfer erschütterte. Das Dunkel war hereingebrochen. Die Anführer ließen auf den Feldern Strohhaufen anzünden, die Fahnenträger schwangen brennende Fackeln statt der Banner in ihren Händen, damit die Kämpfenden einander sehen sollten, und als der bewölkte Himmel die Erde in rabenschwarze Finsterniss hüllte, konnte man diese rotbeschienenen Schreckensgestalten sehen, wie sie vor- und zurücksprengten, einander jagend, suchend, wie sie aufeinanderstießen, die Fackeln auslöschten und wieder in Brand setzten.

Beim Scheine der Fackeln war die Gestalt des Königs weithin sichtbar. An seinem goldgekrönten Silberhelm war er schon von Weitem erkennbar. Plötzlich verschwand der Silberhelm. Der König war nicht gefallen, er hatte nur seinen Mantel über den Helm geworfen und dann floh er. Er gab die Schlacht auf.

Wie verstummte plötzlich das zuschauende Frauenlager! In diesem Schweigen war der größte Schmerz ausgedrückt. Fieberbebend sank die Königin zur Erde. Alles war zu Ende.

Die Fackeln der Schweden drangen in der Richtung des linken Ufers vor.

Jetzt hielt sie ein neuer Kämpfer auf; in dem von flammenden Fackeln gebildeten Kreis sprengte ein Jüngling daher. Hoch über seinem Kopfe schwang er die vergoldete Streitaxt.

»Das ist Johann Szobieszky!«

»Mein Sohn!« schrie Theophila. »Zum Gebet, Weiber! Nieder auf die Kniee! Rufen wir Gott an!«

»Nein, jetzt beten wir nicht!« rief eine andere weibliche Stimme. »Wir brauchen jetzt hier keinen Rosenkranz, sondern Kanonenlunten! Kanonen her! Bringt Kanonen her!« Maria Kasimira rief dies.

Und nach wenigen Augenblicken waren die Kanonen da; die Frauen selbst ladeten, richteten, feuerten sie ab, hinüber auf das rechte Ufer, zwischen die Feinde, wo die Masse am dichtesten stand.

Zitternd staunte Königin Luise das schwarzgekleidete Kind an, ihren Liebling Maria Kasimira, wie sie in ihrem schwarzen Wittwenkleid dort inmitten der Batterie ihre Befehle erteilte, eigenhändig die todtspeienden Erzschlangen richtete und abfeuerte und dem im Flammenscheine kämpfenden Jüngling einen Weg zwischen der blutigen Menschenmasse bahnte, die da fiel wie die reifen Garben beim Schnitt der scharfen Sense!

Ein Weib half Szobieszky kämpfen, ein Weib, welches ihn und sein Vaterland – anbetete, in der letzten Nacht des dreifach großen Tages vor Warschau!

*

Siegte der Schwede in dieser entscheidenden Schlacht? – Das vermag Niemand zu sagen. – Es geschahen Wunder; himmlische, irdische Erscheinungen.

Noch ein mächtiges, großes Heer stand an den Grenzen Polens: das Heer des Zaren Alexis von Russland. Der König von Schweden hatte auch ihn eingeladen, an der Teilung Polens teilzunehmen. Und der Russe sagte darauf: »Das gefällt mir!«

Die Frage war nur die, wessen Mantel geteilt werden sollte, der des Polen oder der des Schweden.

Der hungrige Wolf ging darüber mit sich zu Rate, welchen der streitenden Stiere er überfallen solle? Er überließ die Sache einem Gottesurteile.

Alexis ließ die beiden wildesten Stiere der ukrainischen Steppen einfangen, mit einem glühenden Stempel dem Felle des einen das polnische, dem des andern das schwedische Wappen einbrennen. Angesichts ihrer Würdenträger und Befehlshaber wurden die beiden wilden Tiere aufeinandergehetzt.

Das mag entscheiden, ob der Schwede oder der Pole angegriffen werden soll.

Der Polens Wappen tragende Stier besiegte den anderen. Dies war das Orakel.

Das Schicksal wollte es, daß Alexis nicht Polen, sondern den guten Freund, den Schweden, angreife. Es ist gut, mit dem Verbündeten zu teilen, aber ihn selbst zu teilen, ist noch viel besser.

Während Karl Gustav Polen zu unterjochen suchte, gewahrte er plötzlich, daß sein Verbündeter hinter seinem Rücken seine schönsten Länderstriche erobere. Liefland, Kurland, Finnland gingen ohne Säbelhieb verloren. Da eilte er denn Hals über Kopf aus Polen nach Hause, um das eigene Land gegen den Verbündeten zu schützen. Der Feind verschwand von Polens Boden. Vor Monaten gab es nicht mehr freien Boden in Polen, als den, welchen die Kanonen der Burg Zamojszcze bestrichen, und heute stand kein Feind mehr im ganzen Vaterland.

Und all das war die Tat der Helden Szobieszky. Sie waren nicht lange zu Zweien.

Markus Szobieszky fiel in der Schlacht von Szlobodisza. Schade für sein junges Heldenblut; aber noch mehr Schade für seine Weisheit, denn mit ihm zugleich erlosch das türkisch-polnische Bündniss. Jetzt blieb nur noch ein Held übrig, um für Polen Wunder zu tun.

Und ist denn das nicht genug?

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