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Ein Frauenhaar

Maurus Jókai: Ein Frauenhaar - Kapitel 20
Quellenangabe
authorMaurus Jókai
titleEin Frauenhaar
publisherVerlag von Heinrich Minden
year1883
translatorLudwig Wechsler
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20161006
modified20170628
projectid73fecffb
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Neunzehntes Kapitel.

In den Körper des zur Erde geworfenen Riesen kehrte die Seele zurück. Dieser zwanzig Jahre zählende Jüngling war seine Seele, sein Genius, sein Schicksal.

Johann Szobieszky blieb nicht in der Burg der Zamojszky's. Er hatte ein großes Werk zu vollenden; er musste eilen. Er hatte den Feind besiegt, die Mutter geküsst, nun musste er sein Vaterland erheben.

Wie der Ruf des Erzengels an die Todten am Tage des Gerichts: »Stehet auf!« so tönte durch das Reich sein Weckruf. Die Heere wurden aus der Erde hervorgezaubert.

Wenn der polnischen Verfassung gemäß ein Mensch mit dem Worte »nye poz wolim!« das Recht hatte, die ganze Volksversammlung zu zersprengen, Steuer und Heer dem Könige zu verweigern, so stand es den einzelnen Bezirken hinwiederum frei, gegen den Beschluss der Volksversammlung zu konföderiren und in der Beratung der Verbündeten anzunehmen, was die Volksversammlung ablehnte. Ein einziger Bezirk vermochte gegen die Volksversammlung zu protestiren und hatte das Recht, der Volksversammlung zuwiderlaufend zu beschließen. Diesmal rettete diese Konföderation Polen.

Szobieszky eilte, den König und die Königin ins Land zurückzurufen, und dann marschirte er an der Spitze seines von dem ersten Siege trunkenen Heeres gegen Warschau.

Das Gerücht seines Herannahens selbst war schon so viel wie ein Sieg. Die polnischen Edelleute, die Geistlichen und Kavaliere vergaßen ebenso leicht ihren Schwur, wie sie denselben dem König von Schweden geleistet, und flohen schaarenweise aus Warschau, um bereuend zu ihrem rechtmäßigen Könige zurückzukehren.

Bei jedem Schritt wuchs der Riese, und unter den Mauern Warschaus trug er seinen Kopf bereits ebenso hoch, wie der bisherige Sieger selbst.

Auch der letzte polnische Edelmann hatte Karl Gustav verlassen. Es war dies Radziejowszky selbst, der Verursacher des Krieges. Auch er kehrte zum König zurück. Er hing sich Ketten an Hände, Füße und Hals und trat vor den König hin, bereuend, büßend, furchterfüllt.

»Hier bin ich, bestrafe mich. Ich verurteilte mich bereits, verurteile Du mich auch. – Eher bei Dir hinter dem Gitter, als bei dem Fremden.«

Der Sieger hatte sich während seiner kurzen Herrschaft so verhasst zu machen gewusst, daß das Land, dessen Bewohner den Polenkönig nicht nur aus ihren Herzen, sondern auch von ihrem Boden vertrieben hatten, diesen mit Freuden begrüßte. Karl Gustav war gezwungen, Warschau zu verlassen.

Unter dem Freudengeschrei des Volkes kehrten Johann Kasimir und Maria Luise in ihre Hauptstadt zurück, aus welcher der Feind eilends entfloh.

Und Königin Luise konnte hier die nun schon zum zweiten Male verwittwete junge Frau in ihre Arme schließen, die während der kurzen Zeit, in welcher sie von einander fern waren, einen ganzen von Wundern und Schrecknissen erfüllten Zeitraum durchlebt hatte. Unendlich groß war der Unterschied zwischen ihren Charakteren geworden. Die Königin fortwährend auf der Flucht, von der Hand eines zitternden Gatten gezogen, welcher nirgends seines Bleibens hat, fortwährend betend, verzweifelt, um Schutz flehend, von dem fernen Kanonendonner weiter getrieben; die verwittwete junge Frau jedoch an den Kampfeslärm, an die blutigen Gesichter gewöhnt, durchglüht von der Vaterlandsliebe der Frauen, begeistert von den märchenhaften Tugenden der heldenmütigen Männer, in ihrem Andenken die Trauer um einen großen Helden, in ihren Hoffnungen die Liebe eines noch größeren Helden: wie fern standen sie einander!

Dafür war jedoch die Marquise Leonore Bethune das getreue Abbild der Königin geblieben. Diese floh mit ihr, zitterte, betete und war ihr ganz gleich.

Der Triumph der beiden Szobieszky's durchhallte ganz Europa. Könige sandten dem wiedereingesetzten polnischen Regenten ihre Glückwünsche. Der Papst schickte Johann Kasimir einen silbernen Helm, an dessen Spitze eine goldene Krone saß, und Maria Luise erhielt von ihm die größte Auszeichnung, die geweihte »goldene Rose«.

Mit den beiden Szobieszky's waren zwei Götter zugleich Polen zu Hilfe geeilt. Allah schloss sich denselben an. Während ihres Aufenthalts in Stambul hatte der ältere Szobieszky, Markus, innige Freundschaft mit dem neuen Oberbefehlshaber, Mehemed Küprili, geschlossen. Von den beiden Brüdern war dem jüngeren die Genialität, dem älteren die erwägende Weisheit zugefallen. Die weisen Worte Markus' verhalfen Polen zu einem ebenso großen Triumphe, als die Waffen Johanns. Der türkische Oberbefehlshaber wandte die Schneide der Waffe des tatarischen Vasallen, und wie dieser vorher gegen, so kämpfte er jetzt auf Küprili's Befehl für die Polen. Izla Ghirai Khan besiegte zuerst die Kosaken, dann nahm er das Heer Georg Rakoczy's gefangen, und als der Schwede mit dem brandenburgischen Verbündeten mit erneuerten Kräften gegen Warschau anrückte, fand er bereits das Heer Izla Khan's mit jenem des auferstandenen polnischen Scheintodten vereint.

Dieser Triumph war das Werk des zweiten Szobieszky, des älteren Bruders Johanns, Markus.

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