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Ein Frauenhaar

Maurus Jókai: Ein Frauenhaar - Kapitel 18
Quellenangabe
authorMaurus Jókai
titleEin Frauenhaar
publisherVerlag von Heinrich Minden
year1883
translatorLudwig Wechsler
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20161006
modified20170628
projectid73fecffb
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Siebzehntes Kapitel.

Die aus dem Gefechte bei Pilawicz entflohenen Edelleute sahen den Kot, worin sie schwammen, für nicht groß genug an, sie wollten noch weiterhin darin verbleiben. Alle schaarten sich um den siegreichen Schwedenkönig, um ihm ihre Huldigung zu bezeugen.

Ganz »Groß-Polen« huldigte dem Fremden und die wohledlen Herren gingen Arm in Arm mit den schwedischen Rittern in den Gassen von Warschau und ließen ihre Frauen Ecossaisen tanzen mit den roten Dragonern des Wasafürsten.

Nur einer fehlte unter ihnen, dessen Fernsein ungemein auffiel: Herzog Johann Zamojszky.

Der König von Schweden ordnete eine große Empfangsfeier an, und in den zu derselben einladenden Karten forderte er den Hauptadel des eroberten Groß-Polens zum Erscheinen auf. Zamojszky war auch unter ihnen.

Alle erschienen, nur Zamojszky sandte dem Könige einen Entschuldigungsbrief. Es war eine gewählte, prächtige Entschuldigung, er hätte keine bessere suchen können: »Ich kann nicht kommen, denn an dem Tage feiert der Bediente des Königs seine Hochzeit und bei derselben muss ich zugegen sein!«

Der Bediente des Königs war er selbst.

»Na warte! Ich selbst werde Dir Hochzeitsvolk und Musik zu Deiner Hochzeit besorgen!«

Karl Gustav hatte einen sehr guten Vorwand, um Krieg gegen Polen zu beginnen. Der König von Polen hatte ihm einen Brief geschrieben, auf dessen Umschlag nach den dem Namen des Königs folgenden Titeln nur zweimal das et caetera stand. Es hätte dreimal dort stehen müssen. Das Wegbleiben des dritten »etc.« war Grund genug, um eine ganze Nation zu verderben.

Zu dieser Zeit ward zum ersten Male die Teilung Polens in Vorschlag gebracht.

Der König von Schweden forderte Alexis, den Zar der Russen, Bogdan, den Kosakenfürst, den Herzog von Brandenburg und Georg Rakoczy II., den großen Fürsten von Siebenbürgen, auf, Polen unter sich zu teilen. Die drei letzten Fürsten willigten ein, nur der Russe zögerte noch.

Die Polen, von vier Seiten angegriffen, durch die eigene Volksversammlung der Mittel der Einzelverteidigung beraubt, von ihrem Könige verlassen, warfen sich in die Arme des mächtigen Gegners: sie unterwarfen sich dem Schwedenkönig und riefen ihn nach Warschau, der Landeshauptstadt. Einem reifen Apfel gleich fiel Polen in die Hände des Königs von Schweden. Georg Rakoczy eroberte unterdessen Krakau. Der König von Schweden lehrte die polnischen Edelherren dann sanftere Sitten. Er berief die Volksversammlung nicht dazu ein, damit die kreischende Stimme irgend eines Mannes sagen solle: »Ich will es nicht!«, sondern dazu, damit ein Mann den übrigen sagen solle: »Ich will es so!«, und die übrigen schwiegen. Zum Spott wurde sie nun »die stumme Volksversammlung« genannt. Und die edlen Herren Stände und Abgeordneten mussten die Säbel draußen in der Vorhalle lassen, wenn sie in den Beratungssaal traten. Den unvermeidlichen Säbel von sich zu lassen, auf welchen sich zu berufen, selbst inmitten der Volksversammlung, oft Not tat! Der Pole, dem man den Säbel abgenommen, kann auch nichts weiter tun, als – schweigen.

Der Schwedenkönig verstand es auch sehr wohl, wie Steuern ausgeschrieben und eingetrieben werden müssen und die jungfräulichen Schultern der Edelherren lernten dieselben auch tragen.

Die polnischen Edelleute fürchteten, daß die Barbaren die von den Königen gepflegten Kunstsammlungen zerstören, verbrennen würden. Der Schwede sandte alle die Kunstgegenstände als Siegeszeichen nach Stockholm, die Statuen und Bildsäulen des Königspalastes zu Wiasdova, die großen Gemälde Dolabella's wanderten in den Palast der Wasas.

Aber auch jetzt lebte ein Mann, der zu sagen wagte: »Nye poz wolim!«, der Herr von Zamojszcze. Der letzte daheim gebliebene Edelmann, der dem Könige zu sagen wagte: »Ich kann nicht zu Dir kommen, da ich auf die Hochzeit eines Bedienten meines Königs gehen muss!«

»Nun, so werde ich auch jene Hochzeit besuchen!« sagte Karl Gustav und erschien mit seinem Hochzeitsgeleite unter den Mauern Zamojszcze's.

»Ich stoße an mit dem Herrn!«

Die Hochzeitsgäste sagten: »Wir erwidern es!« und das »Zutrinken« begann. Zwanzig Tage währte das gegenseitige Zutrinken – mit Mörsern! Zwanzig Tage hindurch streute Karl Gustav seine Feuerkugeln und Bomben auf Zamojszcze. Das Hochzeitshaus, der prächtige Palast, welchen die Hände italienischer Künstler geschmückt hatten, die mit Triumphzüge darstellenden Bildern bedeckten Wände, die mit Edelsteinen ausgelegten Mosaikgemälde, die Bibliothek, das Raritätenkabinet, Alles, Alles, brannte zu Asche nieder. Mit drei Millionen Thalern büßte der Bediente des Königs seine Hochzeit.

»Pappenstiel!« sprach Zamojszky lachend und küsste seine schöne Maria. »Gräme Dich nicht darum! Nächstes Jahr bauen wir schönere Paläste an ihre Stelle!«

Und dann führte er sein Weib in die unterirdischen Gewölbe und wies ihr die aufgehäuften Schätze, mit denen man noch viel herrlichere Dinge schaffen konnte.

Eines Tages stellte Karl Gustav das Bombardement ein.

Am andern Tage sandte ihm Zamojszky ein Fass mit Schießpulver und ließ ihm Folgendes entbieten:

»Ich sehe, daß Dir Dein Schießpulver ausgegangen. Ich leihe Dir welches.«

Hierauf sandte der König seinen Herold an das Burgtor. Auf das Zeichen von dessen Trompete erschien Zamojszky auf der Mauerbrüstung.

Der König forderte ihn auf, seine Burg und sein Volk nicht länger zerstören zu lassen, sondern sich zu ergeben.

Zamojszky erwiderte lachend: »Bis heute richtete der König keinen weiteren Schaden an in meiner Burg und von seinen Kanonenkugeln wurde nichts weiter verletzt, als die Haube eines alten Weibes, welches zum Fenster hinausschaute, und der Schweif eines Truthahnes, welcher im Hofe umherspazierte.«

Dieser beißende Hohn forderte den vollen Zorn des mächtigen Ländereroberers heraus. Der Sturm ward von Neuem begonnen, und nach dem ununterbrochenen Beschießen trafen die Schweden Vorbereitungen, die Festungsmauern zu stürmen.

Zamojszky wusste, was seiner warte. Er umarmte Maria Kasimira und sagte: »Meine süße Taube, morgen ist der letzte Tag unserer Hochzeit; dann folgt der Schlusstanz: der Waffentanz. Es kann sein, daß wir neue Gäste erhalten. Du bist die Hausfrau: Du musst sie empfangen, sie mit Allem versehen. Komm mit mir, ich zeige Dir eine Kammer, aus welcher Du die Küche für das große Abendessen versorgen wirst.«

Damit führte er seine junge Gattin noch ein Gewölbe tiefer, in einen Keller.

Die Ingredienzien für das große Abendessen standen da in langen Tonnenreihen verborgen. Teure Schätze, Schießpulver.

»Höre mich, mein teures Herz, gleich beginnt der Feind zu stürmen und unser Schicksal steht in Gottes Hand. Alle Männer Zamojszcze's werden auf den Mauern kämpfen und werden nicht anders als siegreich von dort zurückkehren. Die Frauen jedoch werden sich in dem Gewölbe hier über uns versammeln. Unter ihnen sind: meine Schwester Griselda, die Töchter des Herzogs Wisznowieczky, Theophila Szobieszky mit ihren beiden Töchtern, die Gattin Jaromir Kronyeczpolszky's: die alten Musterbilder polnischer Frauen, heilig im Himmel, treu auf Erden. Hier werden sie den Ausgang des Kampfes erwarten. Wenn derselbe beginnen wird, kommst Du allein in dieses Gewölbe herab und erwartest hier, bei verschlossener Tür, daß Dich Jemand hole. – Wirst Du Dich allein nicht fürchten? Nein. Maria Kasimira weiß nicht, was Furcht ist. – Du wartest also. – Und wenn es eine Männerstimme sein wird, welche Dich hinter der geschlossenen Tür anruft, dann rufst Du aus: »Gloria in excelsis!« und eilst, die Tür zu öffnen; wenn jedoch eine Frauenstimme draußen ertönt, dann sagst Du: »Dies irae, dies hodierna!« Heute ist der Tag des Zornes! Dann weißt Du, daß Alles verloren ist; dann weißt Du, was Du zu tun hast!«

Maria Kasimira drückte die Hand ihres heldenmütigen Gatten. »So wird es sein.«

»Hörst Du, der Feind beginnt bereits das Schießen. Gott mit Dir.«

Sie küssten einander. Maria Kasimira schloss die eiserne Tür und blieb allein. Und an den in den silbernen Armleuchtern brennenden Wachsfackeln rechnete sie, wie lange noch das Leben dauern werde. Vielleicht bis die Wachskerze zu Ende brennt? – Auch jetzt war sie noch wenig mehr, als ein Kind. Die allnächtliche Musik zu ihrer zweiten Hochzeit bildete der Kanonendonner und das dumpfe Rollen der von den Kugeln getroffenen Gewölbe über ihrem Kopfe.

Lange wartete sie. Seit dem Aufhören des Kanonendonners drang kein Geräusch mehr hierher aus der Oberwelt. Wer weiß, was oben geschieht? Die Schreckbilder des Kampfes ziehen vor ihrer Seele vorüber. Wenn selbst jeder Mann Zamojszcze's ein Held ist, vermögen sie dem mächtigen Schwedenheer nicht zu widerstehen. Geschehen denn noch Wunder auf Erden? Vielleicht, wenn Jemand eifrig dort in der Tiefe betet, hört er es, der in der Höhe, über den Sternen tront.

Als die Wachskerzen bereits fast niedergebrannt waren, ertönten Stimmen und Schritte auf der zur Eisentür führenden Treppe: Männerschritte, Männertritte.

Mit ausbrechender Freude stürmte Maria Kasimira, die Tür zu öffnen, und als sie dieselbe weit aufriss, trat ihr in dem blendenden Fackelschein ein unbekannter, fremder Mann entgegen. Ein stolzer Jüngling, die Idealgestalt der Heldensagen, sein Helm, sein Harnisch funkelten von Silber und Gold, dabei war er von Blut und Rauch beschmutzt; sein Säbel gedrückt und verbogen; sein Gesicht wild im Siegesrausche, gefühlvoll in sanftem Schmerze, zugleich erobernd und bezähmend. – Dieses Gesicht hatte Maria Kasimira noch niemals gesehen, es gehörte nicht zu den täglichen Gästen. Es musste vom Himmel herniedergestiegen sein.

Mit vor innerer Aufregung zitternder und doch wie Glockenton hallender Stimme sagte der Jüngling zur jungen Frau: »Edle Dame, der Sieg ist unser! Der Schwede ist besiegt. – Aber Dein tapferer Gatte fiel!«

Nach so vielen widersprechenden Gefühlen, unter dem Kampfe so großer, mit einander ringender Bewegungen brach die junge Frau ohnmächtig zusammen.

Als sie sich erholt hatte, fand sie sich inmitten aller Frauen, und dort erblickte sie neuerdings den Jüngling, der ihr die Nachricht der Freude und der Trauer gebracht hatte. Er war jetzt bereits ohne Waffen, ohne Panzer; er war in einen seidenen Mantel gehüllt und kniete zu den Füßen einer Frau, deren Kniee er umarmte, deren Hände er mit seinen Küssen bedeckte, und freudeschluchzend stammelte er: »O Mutter! süße, teure Mutter!«

Jene Frau war Theophila Szobieszky.

Das vom Burghofe empordringende Triumphgebrüll ließ den Namen des Helden vernehmen:

»Es lebe unser Befreier, Johann Szobieszky!«

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