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Ein Frauenhaar

Maurus Jókai: Ein Frauenhaar - Kapitel 17
Quellenangabe
authorMaurus Jókai
titleEin Frauenhaar
publisherVerlag von Heinrich Minden
year1883
translatorLudwig Wechsler
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20161006
modified20170628
projectid73fecffb
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Sechzehntes Kapitel.

Es ist das ein furchtbares Wort, dieses: »nye poz wolim!«

Dies allein ist mehr, als der König und die Nation. Es verwischt sammt dem Streusand die auf das Papier geschriebenen Buchstaben; das Wort eines Menschen vernichtet den Willen einer ganzen Nation. Dies ist der Absolutismus, welchen der einzelne Bürger über das ganze Reich ausübt. Bei den Russen: »der Zar befiehlt,« bei den Polen »nye poz wolim!« dort: »Ich,« »ein Herr,« »befehle es,« hier: »Ich,« »ein Untertan,« »erlaube es nicht!« Beides dämonische Worte.

Wer das » nye poz wolim!« aussprach, der war als Mensch für sein ganzes Leben verloren. Sein Haus ward von den Verwandten, Freunden, Bekannten gemieden. Sein Gesinde entfloh ihm, seine Leibeigenen verließen sein Dorf, denn selbst seine Ochsenknechte und Bauern waren geächtet und konnten sich auf Prügel gefasst machen, sobald sie sich innerhalb fremder Grenzen erblicken ließen. Die zu seinem Hause führenden Wege wurden untergraben, die Brücken zerstört, seine Rinder versprengt und er selbst für vogelfrei ausgerufen. Nach dem Ablauf der vierzehn Tage konnte ihn Jedermann, wo er ihn antraf, niederschießen, niederschlagen.

Dafür genoss aber der Protestirende die Freude, ein ganzes Reich über den Haufen geworfen zu haben!

Was die Folge geworden, erzählten ihm nur seine Gedanken, denn Niemand betrat sein Haus, der ihm berichtet hätte, wie viel Feinde das Land seitdem verwüsteten, daß die Russen bereits Lithauen erobert hatten und ihre Streifschaaren Lemberg berührten, daß die Schweden bereits unter den Mauern Warschaus kämpften, dafür aber erzählte es ihm allnächtlich der sich vom Feuerscheine rötende Horizont; ringsum leckten die Flammen der in Brand gesteckten Dörfer und Städte gen Himmel. Dort hauste der Feind.

Der König flieht, er hat keine Stelle das Haupt niederzubeugen. Wie die Jagdmeute den Hirsch, so verfolgt ihn der Feind. Der Boden brennt ihm unter den Füßen. Und das Alles verursachte das Wort eines Menschen; eines winzigen Menschen, den Niemand wahrnimmt, und erst wenn er das Land in Brand steckt, zeichnet man seinen Namen auf. Und in dieser Flamme vereint sich Rache und Ruhm. Wer sich bei dieser zu wärmen liebt, weshalb sollte er nicht das Vaterland in Brand stecken, wenn er dem König zürnt?

Der König und die Königin flohen von Stätte zu Stätte! In dem Haus, da sie sich des Abends zur Ruhe legten, fanden sie keine bis an den Morgen! Die Schweden nahmen Besitz vom großen Polenreich. Die Stände eilten ihnen schaarenweise entgegen, nicht um zu kämpfen, sondern um zu huldigen. Nur Krakau steht noch, es bewacht die Krone, die Schatzkammer und die Kirchenschätze.

Der König und die Königin flohen von Stätte zu Stätte.

Vergebens wandten sie sich an alle Potentaten der Erde, an Kaiser Leopold, an König Ludwig XIV., die hatten Alle genug mit sich selbst zu tun.

Es war das eine schlimme Zeit. Des Nachts war am Himmel das Schreckbild eines Kometensternes sichtbar, des Tags über zeichneten falsche Sonnen doppelte Kreuze am Firmament, die Astronomen weissagten den Weltuntergang.

Die ganze Welt war voll fliehender Könige. In Neapel hatte der Fischer Masaniello den Thron gestürzt; in Moskau musste sich Zar Alexis unbedeckten Hauptes vor dem aufrührerischen Volke verbeugen; in Stambul flochten die unzufriedenen Janitscharen die Seidenschnur für Sultan Ibrahim; Kaiser Leopold ward in seinem eigenen Lande von den ungarischen Empörern aufgesucht, und Karl I., König von England, sah aus dem Fenster seines Palastes zu, wie zu seinen Füßen ein Gerüst gezimmert ward, welches wohl schwerlich zu etwas Anderem, als zum Schaffot führen würde, und Ludwig XIV. selbst floh vor seinem Volke aus Paris.

Kein Erdenkönig vermochte dem Andern beizustehen.

»Wenden wir uns an den König des Himmels!« sagte da die verwittwete Herzogin Radziwill zu der Königin Maria Luise.

Die junge Wittwe oder verwittwete Braut stand jetzt in der schönsten Blüte des Jungfrauenalters. Als sie sich vermählte, erhielt sie ebenfalls einen neuen Namen: »Maria Kasimira«. Die sie liebten, nannten sie »Marietta« und die sie späterhin fürchteten, nannten sie »Kasimira«.

»Wenden wir uns um Hilfe an den Himmelskönig! Und wenn wir keine andre Stadt mehr haben als Krakau, so pilgern wir Frauen zu Fuße und barfuß zu der Grabkapelle des heiligen Märtyrers Stanislaus!«

Der Märtyrer Stanislaus, der Schutzheilige Polens, verdiente es in vollstem Maße, von seiner Nation in Ehren gehalten zu werden; er war nicht nur in jenen »seligen Höh'n« der Fürsprecher seiner getreuen Heerde, sondern half ihr auch auf Erden sehr oft aus der Klemme. Wenn schon alle Hilfsquellen versiecht waren, öffnete der heilige Stanislaus im Augenblicke der höchsten Gefahr seine Schatzkammer, und was sich seit Jahren an Liebesgaben darin angesammelt hatte, gab er dem Könige hin, um Krieg führen zu können. In den kritischsten Augenblicken wandte man sich stets an ihn und er versagte niemals die ausgiebigste Hilfe. Das ist dann der echte Heilige, der es wohl verdient, daß die Königin und ihre Hofdamen aus den zierlichen Kutschen steigen und Tage hindurch über steinigen, holperigen Wegen durch Staub und Kot auf langen, meilenweiten Wallfahrten sich barfuß ihm nähern.

Als die Königsfamilie nur noch eine Tagereise von Krakau entfernt war, stürmte ihr eine entsetzte Menge mit dem Schreckensrufe entgegen: »Der Feind steht vor Krakau!«

Weiber, Mädchen, Männer, Bettler. Edelleute, Kutschen, Schiebekarren, Reiter, Fußgänger, alle jagten erschreckt von dannen.

Der König hatte nur einen gescheidten Menschen, seinen Narren.

»Fliehen wir mit der Krone nach Oestreich!« rief Wawra, und die Zustimmung war allgemein.

»Fliehen wir über die Grenze!«

Der König und die Königin hielten das auch für das Klügste. Da begann aber eine allen Lärm überdröhnende Stimme die Herrschaft über die unbeschreibliche Verwirrung zu gewinnen.

»Hören wir Zamojszky!« lärmte das Volk und machte Platz vor einem staubbedeckten Reiter, dessen schwarzer, in zwei Spitzen sich teilender Bart lang über sein Büffellederwams herunterhing.

Johann Zamojszky war das Musterbild eines echten polnischen Edelmannes. Sein Vermögen überstieg das des Königs; in seinen Titeln las man: »Herzog des heiligen römischen Reiches, Palatin von Sandomir, Erbherr der Burg Zamojszcze«. Und wie seine Gestalt das in riesigen Maßen zugeschnittene Wams ausfüllte, so füllte er mit Tatkraft die ihm zugefallenen Würden aus.

Er war der Sohn jenes Johann Zamojszky's, der Stephan Bathory zum Könige von Polen gewählt und den gegen denselben intriguirenden Tronprätendenten, Erzherzog Max von Oestreich sammt dessen Kriegsheer gefangen genommen hatte; der den Zar von Rußland zwang, vor den Stufen des polnischen Throns niederzuknieen, der in der Stadt Zamojszcze eine Burg und eine wissenschaftliche Akademie – auf eigene Kosten erbauen ließ. Der Sohn und Erbe war zurückgeblieben, um zu zeigen, wozu die fabelhaften Schätze, die Burg und die Akademie vorhanden seien. In seiner Akademie ließ er für Polen Gelehrte, gute Vaterlandssöhne und ordentliche Menschen erziehen, in seiner Burg unterhielt er mächtige Truppenmassen: Infanterie und Artillerie. Sein Schloss war eine Sammelstätte der klassischen Werke der Kunst und Luxusindustrie. Den zur Anlage großer Sammlungen erforderlichen guten Geschmack hatte er sich auf seinen Reisen durch Frankreich und Italien erworben. Sein Haus stand den Gelehrten stets offen.

»Der König mag fliehen aus dem Lande, so es ihm gefällt; aber die Krone flieht nicht von polnischem Boden!«

Das wollte jene dröhnende Stimme bekannt geben.

»Noch steht die Burg der Zamojszky's und wird im Notfall der ganzen Welt trotzen. Wer noch ein Herz besitzt, der komme mit mir. Mein Tor ist meinen guten Freunden offen und bleibt dem Feinde stets verschlossen!«

Der König legte sich die Frage nicht vor, ob er ein Herz besitze? Er wollte dem Rate seines Narren folgen. Konnte Maria Luise etwas anderes tun, als ihrem Gatten helfen? Und wenn sich die Königin entschloss, über die Grenze zu fliehen, so war es sehr natürlich, daß auch ihre Hofdamen mit ihr gingen. Aber eine Gestalt sonderte sich ab von den übrigen: Maria Kasimira, das eine der zwei Zwillingsmädchen.

»Ich verlasse dieses Land nicht, welches mich als Tochter angenommen, diesen Boden nicht, in welchem die Gebeine meines Gatten ruhen. Ich gehe in die Burg der Zamojszky's!«

Und dieses Wort schien ein Funke, welcher auf einmal tausend und aber tausend traurige Herzen entflammte. Der Feigling ward zum Helden, als er sah, daß die Schwächste der Schwachen, eine Wittwe, die noch ein Kind an Jahren war, hervortrat und, dem Feind im Angesichte, sagte: »Ich liebe mein Vaterland mehr als mein Leben!«

Das königliche Paar bemerkte auf einmal, daß es mit seinen Höflingen allein blieb.

Maria Luisens Herz pochte hörbar, als Maria Kasimira diesen großen Entschluss aussprach. Sie zog die junge Frau, ihren liebsten Günstling, in ihre Arme und versuchte, sie zum Bleiben zu bewegen.

»Wie? Du wolltest nach Zamojszcze gehen? Wie könntest Du dort leben – allein?«

Johann Zamojszky aber hatte aus dem einen Worte ersehen, daß dieses Weib im ganzen Lande seines Herzens am würdigsten sei und erwiderte:

»Edle Königin, diese Dame wird nicht allein in Zamojszcze leben, sondern als mein Weib, wenn es ihr so gefällt.«

Und da Maria Kasimira zu Fuße und barfuß war, hob er sie zu sich empor, setzte sie vor sich auf den Sattel hin und schrie mit einer, allen Lärm des Staunens und der Bewunderung übertönenden Stimme seinem Adjutanten zu: »Reite voran nach Zamojszcze! Es soll zur Hochzeit vorbereitet werden. Ein Vermählungszug wird ins Haus einziehen. Hier, diese ganze fröhliche Gesellschaft soll mein Hochzeitsvolk sein. Wer lustig sein will, der komme in mein Haus, Jedermann wird ein gern gesehener Gast sein auf Schloss Zamojszcze!«

Dann setzte er seine Verlobte in eine Kutsche und geleitete dieselbe, fortwährend an deren Seite reitend, nach Zamojszczky, die ganze fliehende Menge: Frauen, Kinder, Männer, Bettler, Fußgänger, Reiter, folgte ihm auf den Fersen, und alle wurden in Zamojszcze aufgenommen.

Und sieben Tage hindurch hatten die Gelage kein Ende, zu denen sich das Hochzeitsvolk, die fliehenden Bewohner eines ganzen Landstriches, eingefunden hatten. Hierher waren geflohen: die Herzoge Wisznovieczky, der junge Koributh und Theophila, die Mutter Szobieszky's, mit ihren Töchtern, der Adel der Umgebung sammt seinen Schätzen und Kindern. Alle fanden Raum in der Wohnung des Bräutigams.

Zamojszky konnte diese Gastereien bestreiten. Seine Magazine waren voll der mannigfaltigsten Lebensmittel, in seinen Kellern standen unzählige Weinfässer. Bei den Mahlzeiten der Edelleute speiste jeder Gast von silbernen Tellern. Nur Messer und Gabeln musste sich Jedermann mitbringen. Mit diesem Gelage antwortete Zamojszky dem König von Schweden auf dessen Sieg bei Pilawicz.

Und der Scherz überraschte den Sieger dermaßen, daß er Zamojszcze auswich.

König Johann Kasimir und die Königin flohen über die Grenze.

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