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Ein Frauenhaar

Maurus Jókai: Ein Frauenhaar - Kapitel 15
Quellenangabe
authorMaurus Jókai
titleEin Frauenhaar
publisherVerlag von Heinrich Minden
year1883
translatorLudwig Wechsler
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20161006
modified20170628
projectid73fecffb
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Vierzehntes Kapitel.

Das Oberhaupt der Tartaren hatte die Türken, der Kosaken-Hetman die Russen nach Polen gerufen, der Eine verwüstete das Land im Süden, der Andere im Osten. Dem König Johann Kasimir bot sich nun reichlich Gelegenheit, seine Königsmacht im Kampfe gegen die Außenfeinde des Vaterlandes zu verwerten; daran ist er jedoch unschuldig, daß die Jesuitenkutte länger ist, als der Königsmantel. Er fand es dringlicher, sein Land von den Lutheranern, Anabaptisten und Socinianern zu reinigen und von Spanien die heilige Inquisition zu entleihen. Der Scheiterhaufen und die Kreuzigung kamen in Mode. Vor Allem jedoch richtete er darauf seine Aufmerksamkeit, Rache an Jaromir Radziejowsky zu nehmen. Derselbe wurde vor den Senat zitirt und dort mit Stimmenmehrheit zum Tode, seine Nachkommenschaft zu ewiger Schande verurteilt, sein Wappen wurde zerbrochen, seinem Pferd die Haut abgezogen, sein Haus niedergebrannt und seine Güter mit Salz bestreut. Dieses Verdikt kostete dem König so viel Geld, daß er dafür ein ganzes Regiment hätte gegen die Kosaken führen können.

Das Urteil wurde auch seiner ganzen Ausdehnung nach vollstreckt, bis auf Radziejowsky selbst, der sich nicht ruhig köpfen lassen wollte, wie es bei den zivilisirten Völkern löbliche Gewohnheit ist, sondern so lange mit den Henkersknechten kämpfte, bis es ihm höchst barbarischer Weise gelang, sich durchzuschlagen und zu entfliehen.

Nach sehr kurzer Zeit erfuhr Johann Kasimir, wohin Radziejowsky entflohen war.

Der Pole versteht zwei Sachen auf eine fabelhafte Weise: Lieben und hassen. Sein Vaterland zu lieben und den Fremden zu hassen. Aber was er noch besser versteht, ist, den eigenen Stamm zu hassen.

Wenn der Pole der eigenen Nation zürnt, ist er unversöhnlich. Sein Zorn schmilzt nicht in den Tränen seiner Mutter, wie der Coriolan's.

Jaromir Radziejowsky war zu Karl Gustav, dem König von Schweden, geflohen. Er hatte das Urteil mit sich genommen, welches Johann Kasimir gegen ihn erlassen, und verlangte nichts weiter von dem schwedischen König, als daß er den König von Polen mit Krieg überziehe.

Der König von Schweden durchlas das Urteil und fand es wohl sehr hart, aber wenn ein König »einen« Leibeigenen ungerecht verurteilt, so ist dies noch kein Grund, daß ihn der Nachbarkönig angreife.

»Lies es nur zu Ende,« sagte der polnische Edelmann. »Bis zur Namensunterschrift.«

Nach dem Namen Johann Kasimir's folgten die gewöhnlichen Titel, unter welchen auch dieser stand »König des Schwedenreiches«.

Dies genügte, um Johann Kasimir den Krieg zu erklären. Die schwedischen Schaaren warteten nicht einmal, bis die Neuvermählten ihre Honigwochen zu Ende brachten; mit dem Aufgebot aller Kräfte zogen sie von Pommern her gegen Polen. Dies war schon der dritte Feind und der furchtbarste.

Und der König von Polen hatte noch immer nicht mehr Soldaten, als jene aus zwölfhundert Mann bestehende Leibwache, auf welche die Volksversammlung die Stärke des stehenden Heeres herabgesetzt hatte.

In dieser Gefahr flammte in den polnischen Herzen neuerdings die Liebe zum Vaterland hoch auf, die zusammenberufene Volksversammlung tat Wunder der echten, edlen Opferwilligkeit. Die Stände führten ihre Banderien vor, die Bischöfe öffneten ihre Schatzkammern; es wurde bestimmt, daß jeder Adelige vom zwanzigsten bis zum fünfzigsten Lebensjahre das Pferd besteigen, die Städte Schützencorps aufbringen, die Feuerwehr Pferde erhalten, den Anführern der Sold angewiesen werden, die Bauern dem aufzubringenden Heere Lebensmittel liefern und der König selbst zum Oberbefehlshaber erwählt werden sollte. Wenn es wollte, brachte Polen ein solches Kriegsheer auf, daß ihm Russen, Kosaken, Schweden und Türken nicht Stand halten konnten. Wenn es wollte!

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