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Ein Frauenhaar

Maurus Jókai: Ein Frauenhaar - Kapitel 14
Quellenangabe
authorMaurus Jókai
titleEin Frauenhaar
publisherVerlag von Heinrich Minden
year1883
translatorLudwig Wechsler
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20161006
modified20170628
projectid73fecffb
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Dreizehntes Kapitel.

All dies hinderte jedoch nicht, daß inmitten des größten Aufruhrs die Vorbereitungen zu der Vermählung Johann Kasimir's mit Maria Luise getroffen wurden.

Der neue König schuldete der Königin-Wittwe vielleicht auch seine Liebe, aber seinen Dank jedenfalls. Sie hatte ihn zum König gemacht. Marquis Bethune der Schatzmeister, konnte es bezeugen, wie viel Geldladen geleert werden mussten, um jene allgemeine Begeisterung zu erwecken, die zu Gunsten Johann Kasimir's aus dem Katafalke Uladislaus' eine Treppe zum Throne machte. Das musste zurückgezahlt werden.

Maria Luise meinte in Johann Kasimir endlich einen »Stern« gefunden zu haben, der jene endlose Finsterniss erhellen konnte, welche ein seiner Sonne beraubtes Herz erfüllt. Er war zwar nicht der vergötterte Held, aber doch ein Ritter und Edelmann.

Aber noch vor der Hochzeit geschah etwas, was selbst diesen bleichen Lichtstrahl auslöschte.

Als der König, seine Braut an der Hand führend, die Treppen zum Gotteshause emporstieg, versperrte ihm plötzlich ein Mann vor der Kirchentür den Weg. Die Halle vor dem Kircheneingang war wie gewöhnlich von Bettelvolk erfüllt, unter diesem fiel Niemandem eine finstere Männergestalt in einem abgeschabten Bauernkittel auf, sowie ein junges bleiches Weib in bloßem Hemde, welches mit dem lang herabwallenden Haar das sich in seinem Schooße bergende Kind zu verdecken suchte.

Als das königliche Brautpaar die Kirchenschwelle betritt, steht plötzlich jener Mann vor ihnen, die zitternde knieende Frauengestalt am Arme nach sich schleppend.

»Kennst Du mich, Johann Kasimir?« schreit der Tollkühne den König an. »Und kennst Du diese Frau da, sammt ihrer Brut? Ich bin Jaromir Radziejowsky und das ist mein Weib, Deine Geliebte, die Du verführtest; das ist Dein Kind, dessen Vater Du geworden. Kennst Du sie nicht?«

»Wahnsinniger!« sagte der König und wollte den Wütenden aus dem Wege schieben.

Aber der beleidigte Gatte erfasste die Schulter des Königs und schrie mit unbezähmbarer Wut:

»Du gehst nicht in das Gotteshaus, bis Du mir nicht Rede gestanden! So lange Du Kardinal gewesen, konnte ich mich nicht gegen Dich erheben, Du standest zu hoch; aber jetzt bist Du nur noch König, jetzt kann ich Dich erreichen. Ich stoße dieses Weib und sein Kind aus meinem Hause, nur mit einem Hemde bekleidet, barfuß. Hebe sie auf oder zertrete sie, sie gehören Dir. Diese mache zu Deiner Königin, jenes zu Deinem Thronfolger, denn sie sind Dein, ich schwöre es beim lebendigen Gott!«

Und damit stieß er die zitternde Frau sammt ihrem Kinde vor die Füße des königlichen Paares hin.

Staunend sah Maria Luise auf dem Antlitz ihres purpurgekleideten Bräutigams die den Mann schändende Blässe der Furcht, und was mit derselben abwechselte, war nicht die Röte des edlen Zornes, sondern die der feigen Scham, der in die Falle geratenen Lüge. Seine Augen blickten furchtsam um Hilfe, seine eiskalte Hand zitterte in der Hand seiner Braut, er hatte kein Wort für die Frau, die sich schluchzend zu seinen Füßen warf und mit dem langen Seidenhaar den kalten Marmor fegte, kein Wort für das Kind, das die gefalteten Händchen flehend zu ihm erhob; kein Wort für den Bettler, der den König richtete, wie wenn er dazu befugt und berechtigt wäre.

»Was Du als Priester gesündigt, mache es als König gut. Denn wenn Du als Priester vor mir die Tür des Heiles verschlossen, so schließe ich vor Dir die Tür des Gotteshauses!«

Und der Rasende hätte getan, womit er drohte, wenn ihn Lubomirsky und Bethune nicht erfasst und mit Hilfe der Leibwachen bei Seite geschleppt hätten, den Mann, das Weib und das Kind, deren Weinen und Fluchen dem Zug noch in die Kirche nachhallte und sich mit dem Chorgesang: »Domine salvum fac regem et reginam« mengte.

Und in solcher Gemütsstimmung konnte das verlobte Fürstenpaar vor den Altar treten und zum Zeugen ihres Liebesschwures den anrufen, der in den Herzen liest.

Auf den Lippen Johann Kasimir's zitterte der Schwur der Seligkeit, der Liebe, die Worte der ewigen Treue, während in seiner Seele die Dämonen der Scham, des Zornes und der Selbstanklage tobten; für die Herzenswelt der Braut war dies die letzte Sonnenfinsterniss; jenes verstoßene Weib mit dem kleinen betenden, weinenden Kinde stand zwischen dem Herzen der Gattin und des Gatten, wie wenn der Weltenherr in seinem Zorne die schwarze Fläche des Mondes einmal zwischen Erde und Sonne vergäße. Aller Glorienschein war auf ewig vom Angesichte des Gatten verschwunden. Nur ihre Hände wurden verbunden, ihre Herzen niemals.

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