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Ein Frauenhaar

Maurus Jókai: Ein Frauenhaar - Kapitel 13
Quellenangabe
authorMaurus Jókai
titleEin Frauenhaar
publisherVerlag von Heinrich Minden
year1883
translatorLudwig Wechsler
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20161006
modified20170628
projectid73fecffb
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Zwölftes Kapitel.

Von dieser Zeit ab verzeichnte Uladislaus nicht viel Erwähnenswertes in die Weltgeschichte. Er ließ die Kosaken in Empörung ausbrechen, die Tartaren das Land verwüsten, die Jesuiten herrschen und seine Frau sich langweilen.

Auf seinem Genick bildete sich ein kropfartiges Geschwür, welches ihn früher oder später mit Erstickung bedrohte.

Als die gelehrten Aerzte ihn nicht zu heilen vermochten, ließ er sich in das Radziminer Jagdschloss expediren, wohin er von seinem Hofstaate Niemanden als seine Gattin und Wawra mitnahm. Auf den Rat einer Zigeunerin warf er dort alle Mix- und Tinkturen weg und gebrauchte nichts weiter, als das krystallhelle Wasser einer in der Mitte seines Wildgartens einem Felsen entspringenden Quelle, die eine wundertätige Wirkung besitzen sollte. Und jene einfältige Zigeunerin hätte noch die Ungeschicklichkeit begangen, den König nur durch das Trinken von reinem Quellwasser zu heilen, wenn zufällig dasselbe Quellwasser die Königin nicht noch früher geheilt hätte.

Uladislaus trank jeden Tag viele Becher voll aus jener gebenedeiten Quelle; die Königin badete sich täglich zweimal in derselben.

Es war eine wunderbar ruhige, olympische Stelle jene Quelle, wo nur die Götter aus Purpurwolken hervorlauschen konnten. Im Uebrigen war der Wildgarten rings mit einer hohen Mauer umgeben, außerdem standen auf jedem zu der Quellengegend führenden Wege bewaffnete Wachtposten, so daß ein menschliches Wesen sich nicht leicht dahin verirren konnte.

Maria Luise betrachtete sich oft in dem dunkeln Spiegel, welchen ihr das von Tannen beschattete Wasserbecken entgegenhielt, und während der stille Wasserspiegel ihr ihre Feenreize vorhielt, dachte sie darüber nach, ob es wohl eine traurigere Gestalt auf der Welt gäbe, als die Gemahlin eines greisen Polenkönigs? Ein kleines Baumblatt, welches über dem Wasserspiegel flatterte und die Feengestalt, d. h. deren Spiegelbild zerstörte, sagte ihr, daß die Wittwe eines Polenkönigs eine noch traurigere Gestalt sei. Die sollte man eher begraben, als den todten Gatten.

An einem warmen Sommernachmittag, als sie in ihrer Feengrotte abermals sich mit dem eigenen Bilde in dem Wasserspiegel unterhielt, gesellte sich ein Zuschauer zu ihrem Genusse à la Diana – Akteon, nur bereits nach der Metamorphose: ein wundervoller Sechszehnender. – Nicht die Bewunderung hatte ihn hierhergeführt, sondern der Durst. Er blickte, während er das Wasser in vollen Zügen schlürfte, die göttliche Gestalt, dort inmitten des Wasserbeckens so ruhig und gleichmütig an, wie – der Gatte selbst. Als er seinen Durst gelöscht hatte, schritt er wieder hinweg. Sein Ideal ist die wilde Hirschin, nicht die Feenkönigin.

Nach einigen Minuten jedoch bricht das edle Wild mit erschrecktem Schnaufen abermals aus dem Walde hervor, und über das Wasserbecken hinwegsetzend, flieht es in das gegenüberliegende Dickicht. Ihm nach sprengt ein Ritter, dicht an dem Feenversteck der Königin vorbei.

Der ganze Auftritt wirkte zugleich überraschend und empörend auf die Königin. Es war eine unerhörte Verwegenheit, in dem Parke des Königs auf Hirsche zu jagen und das Tier bis an die mit Verbot belegte Quelle zu verfolgen; aber das Aeußere der das Verbot missachtenden Gestalt selbst war ein ungewöhnliches. Seine Tracht ist kein polnischer Nationalanzug, eher italienisch oder spanisch; auf dem Kopfe sitzt ein rotes Barett mit einer wehenden Feder; am Halse, an den Handgelenken Spitzenmanschetten; sein Anzug besteht aus schwarzem Sammet und ist um die Hüften mit einem goldgestickten Gürtel befestigt. Selbst seinem Gesichte fehlt jeder ergänzende Teil der polnischen Wangen; es ist bartlos, sein Haar ist nicht in Knoten geschlungen, sondern flattert frei im Winde. Und dennoch die polnischen Gesichtszüge, die starken Backenknochen, das eckige Kinn, die funkelnden dunkeln Augen – eine stolze ritterliche Gestalt.

Und um seine Verwegenheit noch zu krönen, reißt er, beim Bache angekommen, die Verfolgung aufgebend, mit starker Faust sein Pferd herum, als er die Königin erblickt, und während sich die überraschte Dame eilends in einen Mantel hüllt, versinkt er mit wonnevoller Bewunderung in der Betrachtung ihrer Gestalt.

Mit glühenden Wangen eilt die Königin, das gelöste Haar aufzustecken. Glaubt sie vielleicht, hiermit ihre Krone andeuten zu können?

Im bebenden Tone des Entzückens spricht der bewundernde Ritter:

»Ein wunderbares Weib!«

Dies ist Majestätsbeleidigung! Ein solches Wort vor der überraschten Königin auszusprechen.

»Entferne Dich von hier!« schreit die Dame. »Ich bin die Königin!«

Der Ritter lächelte, er erschrak nicht. Er antwortete:

»Wie bedaure ich es, nicht der König zu sein!«

Damit wandte er sein Roß, drückte ihm die Sporen in die Weichen und verschwand, von wo er gekommen.

Die Königin war empört. Sie wusste ihre Gemütsbewegung nicht einmal zu benennen. Ist es Zorn über die Verletzung des Stolzes der Königin und der Scham des Weibes? oder Bewunderung und Betroffenheit? – Eine solche Gestalt hatte sie noch nie gesehen, die sich ihr nicht deshalb nähert, um ein Stück Brot zu erbetteln, sondern um ihr ins Gesicht zu sagen, daß sie ein »schönes Weib« sei, die nicht aus dem Grunde kam, um ein Knecht der Königin zu sein, sondern die ihr »Herr« sein will.

Aber wo ist er? Woher kam er? Wohin verschwand er?

Maria Luise nahm sich vor, daß sie beim Anblick der ersten Gartenwache Lärm schlagen, den tollkühnen Frevler verfolgen und die nachlässigen Wachen, die ihn nicht zurückhielten, strenge bestrafen lassen werde. Als sie jedoch zur ersten Wache gelangte, hatte sie schon ihren Zorn vergessen, und als sie im Schlosse eintrat, war sie entschlossen, kein Wort von dem ganzen Abenteuer verlautbaren zu lassen.

Sie begegnete dem Hofnarren.

»Wie befindet sich Seine Majestät?«

»Es tut mir leid, keine bessere Nachricht bringen zu können; heute fühlt er sich wieder besser als gestern,« war die Antwort des Narren.

»Womit beschäftigt sich der König?«

»Wenn er schläft, träumt er, und wenn er wach ist, lässt er sich durch mich seine Träume erklären.«

»Die Beschäftigung von Narren.«

»Nicht so, Frau Königin, Träume erfüllen sich. Sieh mal, was Du als Braut in der ersten Nacht im warschauer Königsschlosse träumtest, nähert sich bereits seiner Erfüllung. Du träumtest, daß Du die Gattin eines Königs und eines Geistlichen geworden. Nun, des Königs Gattin wirst Du nicht mehr lange sein. Dann kommt der Geistliche. – Wisse, daß der Ritter, der Dich heute an der Quelle erblickte – ein Priester ist.«

Staunen, Entsetzen und Ueberraschung ließen die Königin verstummen. Hanswurst spielte mit ihr.

»Ja, der ist Priester, und zwar Kardinal. Ein so großer Herr, dem Alles erlaubt ist, selbst im Wildpark des Königs zu jagen; selbst die Königin im Bade zu belauschen ist ihm erlaubt. Dieser große Herr ist der Bruder des Königs, Johann Kasimir.«

»Der Bruder des Königs?«

»Ja wohl, und wenn Du willst, sein Nachfolger.«

»Hast Du den Verstand verloren?«

»Besitze keinen. Ich spreche nur Dummheiten. Das ist mein Beruf.«

»Woher ist Dir diese Begegnung bekannt?«

»Ich bin kein Vogel, um sie in der Luft zu sehen, ich bin kein Maulwurf, um sie unter der Erde belauscht zu haben. Rate 'mal, woher ich weiß, daß er Dir sagte: »Wunderbares Weib!« Du darauf: »Entferne Dich, ich bin die Königin!« und er Dir wieder: »Schade, daß ich nicht der König bin!«

»Er selbst sagte es Dir.«

»Er sagte mir, daß er Dich liebe.«

»So behalte das für Dich, Narr, was ich Dir sagen werde. Ich habe einen Herrn: den König; der Priester hat einen Herrn: den Altar. Wenn Du mir davon, wovon Du jetzt gesprochen, noch einmal zu sprechen wagst, so werden Peitschenschläge Deine Haut so bunt färben, so bunt wie jetzt Dein Anzug ist.«

»Ich bedanke mich schon heute. Aber ich sah bereits solche Könige, die das Reich mit dem Himmelreich vertauschten, und solche Priester, die das irdische Reich dem Himmelreich vorzogen. Ich sage gar nichts. – Du hast den König sehr lieb. Du fürchtest Dich, Wittwe zu werden. Wie kannst Du zugeben, daß er seinen Arzt sammt dessen ganzer heilkräftiger Apotheke von sich stößt, hierherkommt und sich von einer Quacksalberin von Zigeunerin quälen lässt? Klagt Dich Deine Seele nicht an hierfür?«

Das Antlitz der Königin brannte bei dem Gedanken, daß der Narr die geheimsten Gedanken in ihrer Seele lese, wie wenn er ein offenes Buch vor sich hätte.

»Ich würde, wenn Du es erlaubst,« fuhr Wawra mit einem untertänigen Bückling fort, »den gelehrten Quartesius hierher bringen lassen, damit er weiterhin die Behandlungsweise des Königs leite, die er bis heute so weise geleitet.«

»So tue das!« stammelte die Königin, aufgeregt vor dem spöttisch demütigen Blick des Narren fliehend.

Der gelehrte Doktor Quartesius kam also wieder zu seinem königlichen Kranken herangerückt, sammt seinen wundertätigen Pflastern, Salben, Lancetten und Schröpfköpfen und setzte das schon begonnene Werk lustig fort. Er führte den sich bereits auf dem Wege der Besserung befindenden Fürsten so schön zu seiner himmlischen Bestimmung zurück, daß, als mit dem Herbste auch die welken Blätter fielen, Seine Majestät Uladislaus IV. sein irdisches Reich mit dem Himmelreiche vertauschte, wo es keine Kosaken giebt, oder wenn es ja welche giebt, sie nicht zu erkennen sind, so verändert sind sie.

*

Schwerlich wurde jemals ein fürstlicher Todter mit mehr Trauergepränge in sein Grabgewölbe geleitet, als Uladislaus IV. – Vor Allem entstand vor dem Palaste zwischen den Banderien der Palatine von Spanduz und Lyubomir darüber heftiger Streit, wem der Vorrang bei dem Leichenbegängnisse gebühre, und wenig fehlte, so hätten sie mit ihren Fackeln das Schloss des Königs in Brand gesteckt. Dann überfiel in der Vorstadt Krakau das Volk die Juden, welche die Günstlinge des todten Königs gewesen, und errichtete aus den Möbelstücken derselben einen Scheiterhaufen am Markte und zündete diesen an; die halbnackten Frauen, Kinder, Greise flohen wehklagend durch die Dluga und Viedovastraße, durch welche eben die prächtige Prozession des königlichen Leichenzuges dahergewälzt kam; der aus der Vorstadt Praga sich fortwährend erhebende Rauch verkündete das große Schadenfeuer, welches die empörten Kosaken gelegt, die mit tartarischen Schaaren vereint, nun die Zeit gekommen glaubten, da sie laut die Gleichberechtigung in der Reichsversammlung für sich und den Sitz im Reichsrate für ihren Erzbischof fordern konnten. Jetzt waren sie im Vorteile über die Polen, denn ihr Fürst saß zu Pferde, während der der Letzteren auf der Bahre lag. In jeder Gasse wütete, zerstörte, brandschatzte eine andere Art Tumult, Empörung, Aufruhr, und unter das Glockengeläute des Trauerzuges mengten sich die erschreckenden Töne des in den Vorstädten erschallenden Sturmgeläutes und der Kanonendonner und das Flintengeknatter der Empörer.

Und inmitten dieses Aufruhrs sang der Chor in der Kirche des heiligen Johannes das Requiem für den verstorbenen König: »Lux perpetua luceat ei«. Der pontifizirende Kardinal war der Bruder des Königs selbst: Johann Kasimir.

Wenn die Gestalt des im Jagdmantel dahersprengenden Ritters Maria Luise betroffen machte, der sie in ihrer Einsamkeit überrascht, mit seinen dreisten, lüsternen Blicken beschämte und als Königin verletzte, als Weib eroberte, so erhob sie jetzt dieselbe Gestalt, die vor dem Altar in dem Purpurgewand des Kirchenfürsten stehend, auf dem Gesichte den Ausdruck eines überirdischen Seelenfriedens, bis in den Himmel. In dieser schweren Stunde des Umsturzes aller Dinge stand der Oberpriester da, wie das Musterbild eines altchristlichen Patriarchen, unerschütterlich, furchtlos, den krummen Hirtenstab in der Hand, der mächtiger war, als jede Waffe, als alles Recht der Welt. Das ruhige Lächeln auf seinem Angesichte inmitten dieser Gefahr verlieh demselben einen Glorienschein.

Als die Trauerzeremonie zu Ende und der Katafalk, von welchem man soeben den Sarg des Königs in das Grabgewölbe hinabgelassen hatte, noch nicht einmal hinweggeräumt worden war, da rief eine Stimme aus der »andächtigen« Versammlung:

»Halten wir eine Volksversammlung ab!«

Das war nichts Ungewöhnliches. Die Volksversammlungen in Polen konnten irgendwo abgehalten werden. Wenn es eine dringende Angelegenheit gab, wurde auf irgend einem freien Platze rasch eine geräumige Rotunde aus Brettern zusammengeschlagen, und das Abgeordnetenhaus war fertig: wenn die Widersetzlichen dann dort die Beratung verhinderten, verständigte sich die übereinstimmende Mehrheit, die sich nun in einer Kirche oder in einem Palaste versammelte; dann wurde verkündigt, daß »hier die Volksversammlung sei«, und bis die Dissidenten eine Spur der Ortsveränderung bekamen, hatten sie die Abstimmung vollzogen. Denn zu einer Beschlußfassung war Stimmeneinheit nötig, ein einziges »ich will nicht!« genügte, um die Volksversammlung zu zersprengen.

Diesmal war die Intrigue wohl angelegt. Der gewählte Präsident, Georg Lubomirsky, nahm den Sitz des Präsidenten auf der Todtenbahre ein. Heute war es der Präsident selbst, der die Wahl in Vorschlag brachte.

Er trug den edlen Herren Abgeordneten vor, die insgesammt Getreue der Königin-Wittwe waren, welche Gefahr dem Lande drohe: Kopflosigkeit unter den Getreuen und Drachenköpfigkeit unter den Empörern. In der Hauptstadt selbst wüte der Aufruhr nach sämmtlichen Richtungen. Die verbündeten Kosaken und Tartaren hätten sich plötzlich in Feinde verwandelt. Bogdan Chmielniczky und Murai Khan verwüsteten die Gegend mit Feuer und Schwert, und keiner sei vorhanden, der eine Gegenwehr versuche. Das Reich müsse einen König haben, sofort, augenblicklich. Einen König, der das Herz am rechten Fleck habe, der in den Stunden der größten Gefahr unter seinen Getreuen gegenwärtig und sie zu führen bereit sei, der den Segen des Himmels und die Einwilligung des Papstes schon im Vorhinein zu sichern vermöge. Es fehlte blos, daß er ganz direkt auf den Herzog Johann Kasimir wies.

Der Adel erwartete nicht das Ende seiner Rede, sondern brüllte mehr, als er schrie den Namen »König Johann Kasimir«. Keine Stimme erhob sich, die »ich will nicht!« gerufen hätte. Als dies in Ordnung gebracht war, trat Kardinal Bonzi, der Nuntius des Papstes, hervor und verlas das Brevet des Kirchenoberhauptes, wonach er den Kardinal Johann Kasimir seines Priesterschwures entband.

Man entkleidete den ehemaligen Kardinal seines Kirchengewandes, verwischte aus seiner Tonsur die Spuren des geheiligten Chrisma's, und dann salbten die Hände des Kardinals Bonzi seine Stirn, sie zum Tragen einer Königskrone fähig zu machen. Als Kardinal war Johann Kasimir in die Kirche getreten, als König verließ er sie. In dieser Stunde war er aber nur ein sehr bedrängter König. Er konnte von sich sagen, daß sein ganzes Reich nur aus dem Raum bestehe, den er mit der Spitze seines Schwertes zu berühren vermochte.

In den großen Städten seines Reiches brannten die Lagerfeuer der Feinde. Unter diesen waren die zwei Fremden die stärksten Gegner. Vor Allem musste man sich von diesen zu befreien suchen. Später konnte dann schon die Reihe an die feindlichen Mitbürger kommen. Aus zwölfhundert Soldaten bestand das ganze Kriegsheer des neuen Königs. Gestern war er noch Priester, heute musste er schon Feldherr sein. Auch das gehörte zu den Bräuchen der Zeit. Viele Bischöfe, die nicht schreiben konnten, hatten auf dem Schwertgriff ihre Nameninitialen eingravirt, die sie dann statt ihrer Unterschrift in Wachs unter das betreffende Pergament abdrückten.

Die Königin-Wittwe sagte zu dem neuen Könige:

»Du gehe mit Deiner Schaar gegen Bogdan vor, ich ziehe mit meiner Heeresmacht Izla Khan entgegen, und wo wir einander wieder die Hände reichen, dort wird die Verlobung sein.«

Johann Kasimir war überzeugt, daß auch die Königin ein Kriegsheer besitze, und es ist nichts Ungewöhnliches bei den Polen, daß die Frauen selbst ihre Schaaren in den Kampf führen.

Der König befolgte ihren Rat. Er zog mit seinen Getreuen gegen die Kosaken ins Feld, als er aber sah, wie zahlreich sie seien, beschloss er, anders vorzugehen.

Er schickte einen Gesandten zu Bogdan. Der Gesandte nahm den Königsstab und den Rossschweif, die Symbole der Regierung und des Oberbefehles, mit sich, zeigte sie im Namen des Königs dem Hetman und bot ihm für den Fall, daß der Hetman dem Könige beistehe, die Heiden zu vertreiben, friedliches Bündniss an. Der stolze eingebildete Kosake wies die fürstlichen Symbole zurück.

»Ich bin kein Kind, daß Ihr mir ein Holzschwert und eine Klapper zum Spielen schickt. Der Tartar ist mein Bundesgenosse und der Heide mir nicht feindlicher gesinnt, als die Jesuiten. Nicht ich frage Euren neugebackenen König, ob er mir gestattet, Hetman zu sein, sondern er erfahre von mir, um welchen Preis ich ihm erlaube, König zu sein!«

Damit ließ er eine Ochsenhaut herbeibringen, eine vollständige gegerbte Ochsenhaut, aus welcher man die Sohlen der gröbsten Wasserstiefel zu schneiden pflegt; darauf ließ er einen Popen, der sich auf die Kunst des Buchstabenmalens verstand, seine Forderungen hinschreiben, unter denen der letzte Punkt lautete, daß, um das pünktliche Einhalten der übrigen zu überwachen, die Abgeordneten der Kosaken Sitz in der Volksversammlung und ihre Metropoliten Armstühle und Stimme im Reichsrate erhalten sollten.

Bogdan meinte, wenn all' das auf die Ochsenhaut geschrieben sei, müsse es mehr Beständigkeit haben. Hierauf ließ er dieselbe sammt dem Königsstab und Rossschweif zusammenrollen und dem Gesandten auf den Rücken packen; der kehrte zu seinen Leuten zurück, wie ein ehrsamer Schuhmacher vom Markte.

Mit Entsetzen lasen Johann Kasimir und seine Stände die unerhört schweren Bedingungen, unter denen manche ganz unerfüllbar waren, zum Beispiel, daß der Herrschaft der Jesuiten ein Ende bereitet und den Juden die Steuern nachgelassen werden sollten. Aber Johann Kasimir kannte sehr wohl jene Jesuitenregel, die da sagt: »Wenn Du sehr bedrängt bist, so versprich Alles; Jerusalem ist weit von Rom entfernt, noch weiter der Himmel von der Erde; aber am weitesten steht das Erfüllen von Versprechen!«

Der König unterschrieb demnach die Ochsenhaut, ließ auch sein goldenes Siegel daran hängen und sandte sie dermaßen verstärkt dem Fürsten Bogdan Chmielniczky zurück, ihn zugleich höflich ersuchend, sich heimzuscheeren.

Bogdan erwiderte jedoch, daß er noch abwarten müsse, was sein Verbündeter, Izla Khan, zu diesem Ausgleich wohl zu sagen habe. Währenddessen zerbrach er sich den Kopf darüber, was er von dem Könige noch fordern könnte.

Mit dem zweiten Feinde, Izla Khan, wusste aber der zweite Anführer, die Königin, viel besser umzuspringen. Sie sandte ihm weder ein Kriegsheer entgegen, noch schickte sie Gesandte an ihn; sie selbst suchte ihn inmitten seines Feldlagers auf und nahm blos ihre Schätze mit sich – und vielleicht noch etwas. Der weibliche Feldherr gewann weder, noch schlug er den Feind, sondern kaufte ihn, denn der tartarische Anführer war bestechlich. Während Bogdan Chmielniczky sich darüber den Kopf zerbrach, was er neuerdings von dem Könige zu Gunsten seines tartarischen Bundesgenossen erpressen solle, überfiel ihn dieser meuchlings und ließ ihm mit den Streitkolben seiner Leute die Lehre einpauken, daß der Heide schlecht, der Jesuit aber noch schlechter sei. Triumphirend kam Maria Luise beim Könige an, mit dem einen Feinde den anderen jagend, und reichte auf dem Lagerfelde des Vertriebenen dem Befreiten die Hand; dies war in der Tat die rechte Verlobung.

Bogdan Chmielniczky nahm zwar die unterzeichnete Ochsenhaut mit sich, aber es war wirklich Schade, mit den vielen darauf gekritzelten Buchstaben das schöne Stück Leder so verdorben zu haben, denn zum Abschluss von Verträgen genügt nicht die bloße Unterschrift des Königs, da haben die Stände auch ein Wörtchen mitzureden. Als sich nun die Abgeordneten der Kosaken zu der Volksversammlung einfanden, wurden sie von den Edelleuten zu den Fenstern hinausgeworfen. Ihrem Metropoliten erging es schon besser: der wurde nicht einmal eingelassen; weshalb Krieg und Verwüstung von Neuem begannen.

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