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Ein Frauenhaar

Maurus Jókai: Ein Frauenhaar - Kapitel 12
Quellenangabe
authorMaurus Jókai
titleEin Frauenhaar
publisherVerlag von Heinrich Minden
year1883
translatorLudwig Wechsler
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20161006
modified20170628
projectid73fecffb
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Elftes Kapitel.

Die Königin hatte sich sehr in ihrem Gatten, dem Könige, getäuscht. – Sie war ja nicht hierhergekommen, einen Gemahl, sondern einen König zu suchen. – Ihre Träume sprachen ihr nicht von Liebe, sondern vom Herrschen über eine mächtige Nation. Sie hatte sich vorgenommen, die Vergangenheit gänzlich zu vergessen: die Sphäre, in der sie aufgewachsen, mit all' ihren feineren Genüssen, Aufregungen, Intriguen, und Teil zu nehmen an den Kämpfen einer wilden, aber edlen Nation; an der Seite eines Gatten, in dem sie das Ideal der Tamerlane, der Iwans fand.

In dieser Vorstellung fand sie sich denn aufs Bitterste getäuscht.

Nach dem Tode Radziwill's war die Stelle des Oberschatzmeisters frei geworden. Maria Luise wollte der Familie d'Arquien einige Entschädigung dafür bieten, daß das Herzogsbrevet aus Frankreich so lange säume, und wollte dies dadurch bewerkstelligen, daß sie Marquis Bethune, den sogenannten Gatten Leonore d'Arquien's, dem Könige als Schatzmeister empfahl.

Maria Luise suchte diese ihre Bitte mit der ganzen Zaubermacht ihrer weiblichen Liebenswürdigkeit einzuleiten, um Uladislaus in eine Stimmung zu versetzen, in welcher selbst Herodes fähig gewesen wäre, den Kopf Johannis des Täufers zu verschenken.

Der König hörte die Bitte seiner königlichen Gemahlin an, welche dieselbe schmeichelnd, sich an ihn schmiegend und ihm die Wangen streichelnd, vortrug, dann flüsterte er ihr mit ähnlicher Freundlichkeit ins Ohr:

»Was giebt der Marquis?«

Die Königin stutzte.

»Was der Marquis giebt? Wofür? Und wem?«

»Nun, für die große Stelle, Dir, Geld, wie viel?«

»Mir? Geld! Für das Amt?« Die Königin wollte ihn nicht verstehen.

»Nun natürlich. Dies ist das Geschäft der Königin. Meine erste Frau war eine Italienerin, die verstand es, während eines Jahres sechs Millionen aus der Aemterverteilung herauszuschlagen und die teilten wir dann. Den Frauen steht der Handel besser an.«

»Aber das ist ja Simonie!«

»Wovon sollen wir denn aber leben? Wovon sollen wir die ordentliche Leibwache, den Glanz und den Prunk des Hofes aufrechterhalten?«

»Hat der König keine Besitzungen? Keine Zölle und keine Regalien?«

»O ja. Aber die Einnahmen derselben schmelzen so sehr, bis sie hierher gelangen, wie wenn man im Sommer Eis nach Konstantinopel senden würde.«

»Werden hier denn keine Steuern gezahlt?«

»Von den Edelleuten nicht. Der Bauer zahlt Hufsteuer: achtzehn Groschen für jeden Huf. Diese kann nicht vermehrt werden, denn nicht einmal der Reichsrat vermag zu bestimmen, daß ein Pferd mehr als vier Füße haben solle. Neue Steuern können nicht eingeführt werden. Der Abgeordnete, welcher für neue Steuern stimmte, würde daheim im »Szejmiki« erschlagen werden. Von den Juden kann man nicht mehr »Donativen« erpressen. Die Kirchenschätze, der Kronschmuck sind bereits verpfändet. Seit einiger Zeit wollen sich auch keine neuen Glaubenssekten bilden, damit man wenigstens das Vermögen der Ketzer konfisziren könnte. Hier giebt es nichts weiter zu verkaufen, als die Aemter. Dafür finden sich Käufer genug, und die zahlen auch gut.«

»Und was macht die Nation, wenn Krieg ausbricht?«

»O, dann verändert sich Alles mit einem Schlag. – Der geizige Edelmann öffnet seinen Geldbeutel, die Reichsgranden rüsten ihre Banderien; wenn gekämpft werden muss, geizt der Pole weder mit Vermögen, noch mit seinem Blute, und auch der König hat es dann gut, denn wenn der Feind Kriegsentschädigungen oder der Verbündete Subsidien zahlt, ist das sein Eigentum. In Friedenszeiten verkauft er jedoch Aemter, dazu gehört seine Frau.«

Maria Luise entsetzte sich vor dieser Zumutung.

»Sire! Waren nicht Sie es, der dem deutschen Kaiser die Mantelkette zu dessen übrigen Schätzen hinwarf, als jener Ihnen Geld bot – im Tausche gegen mildere Friedensbedingungen?«

»Damals war ich ein Edelmann!«

»Und jetzt sind Sie kein Edelmann mehr?«

»Nein, Madame. In Polen ist der König der letzte Bauer, dem Jedermann befiehlt und der allein dem Staate Steuer zahlt. Als man mich zum Könige erwählte, kostete mich das vier Millionen Thaler. Ich kaufte die Waare en gros und verkaufe sie en détail. Dies war so und wird so sein. Das ist auch so in der Ordnung. Ergeben Sie sich also darein, daß der Marquis Bethune die Oberschatzmeisterstelle mit fünfzigtausend Dukaten zu kaufen hat. Sie ist den Preis wert. Radziwill erwarb dieselbe für achtzigtausend Dukaten. Dreißigtausend lasse ich ihm für Ihre schönen blauen Augen nach. Aber in Zukunft seien Sie sparsam mit diesen blauen Augen. Lassen Sie deren Zaubermacht lieber nur diejenigen fühlen, die etwas erbitten kommen, und nicht mich, der ich spenden soll.«

Noch einmal wallte in Maria Luise der Stolz des Weibes auf. (Derselbe währt länger, als der des Mannes.) »Sire!« sprach sie zum Könige, »wäre es nicht besser, Sie fingen mit einem Ihrer Nachbarn Krieg an und stellten während der Diktatur des Krieges die Ordnung im eigenen Lande her?«

»Zu spät, Madame. Als ich jung war, tat ich es. Ich kämpfte und siegte, gründete Schulen, schuf Gesetze. Heute ist mein Fuß zu schwach für den Steigbügel und meine Hand für den Zügel. Der Karren geht, wohin ihn die Pferde schleppen.«

Maria Luise verstand den bittern Sarkasmus und bemühte sich, ihren Stolz zu verbergen.

Was Marquis Bethune hernach gab, kommt hier nicht weiter in Frage; so viel ist sicher, daß er zum Schatzmeister ernannt wurde.

Wie in ihren königlichen Gemahl, so täuschte sich Maria Luise Gonzaga auch in ihrer Umgebung. In ihren Träumen hatte sie sich das warschauer Königsschloss von wilden, kampfbegierigen Helden bevölkert vorgestellt, die im Sturm Burgen und Frauenherzen erobern, und fand statt dessen eben solche schmeichelnde Höflinge, wie sie Versailles bis zum Ueberdruss anfüllten. Ja, die echten polnischen Ritter, die saßen daheim in dem Schloss ihrer Ahnen, und da der König zu keinem Kriege zu bewegen war, jagten und murrten sie; sie erschienen pünktlich in den sechswöchentlichen Reichsversammlungen, verweigerten ebenso pünktlich jedesmal die Steuern und kehrten wieder nach Hause zurück; dort beriefen sie die nationale Volksversammlung ein, verlasen dort das Sündenregister der Regierung und damit war jede Berührung mit dem Könige abgebrochen.

Von Tag zu Tag überzeugte sich die Königin mehr davon, daß Heinrich von Anjou Recht hatte, als er von den polnischen Königen behauptete, daß sie nicht mehr seien, als »gekrönte Dorfrichter«. Deshalb aber war der Hof voll edler Herren, denen man gar sehr die Jesuitenerziehung anmerkte. Zu schmeicheln versteht auch der schnurrbärtige Mund. Einzelne ausnehmend ritterliche Gestalten erweckten von neuem Maria Luisens Traumwelt: das Fremdartige besitzt Anziehungskraft, als sie jedoch in ihren Träumen dem auserwählten Helden bereits verstohlene Besuche gewährte, ergab es sich plötzlich, daß auch dieser nur aus dem Grunde so schmachtend in die schönen Augen der Königin geblickt hatte, weil er irgendwo eine »gebratene Taube« verspürt, die er um den Preis seiner heißen Liebesseufzer seinem eigenen Maule zuzuführen wünschte.

Die Courmacher Maria Luisens besaßen kein Herz, nur Magen und Taschen, die sich niemals füllen wollten.

Am Ende begann die Königin einzusehen, daß sie in der Tat nichts weiter als die Gattin jenes Krämers sei, der den gangbarsten Artikel in Stücken und Fässern eingekauft habe, und es Sache des Weibes sei, denselben ellen- und maßweise zu verkaufen.

Uladislaus war schlechter als Gatte und König, als jene Hilflosen, welche der Zufall unter diesen Namen zum Tragen einer Krone verurteilte, ohne daß sie die Fähigkeit für das eine oder das andere besaßen, denn er war eine erschöpfte Fähigkeit: bewusst unnütz. – Er hatte als Held, als Vaterlandssohn, als Gesetzgeber begonnen, dann war er erlahmt in der fruchtlosen Arbeit. Er hatte die Kosaken besiegt, deren Fürst ihm Bundestreue geschworen. Vereint hätten die Polen und Kosaken das ganze Polenreich gegen die Türken, die Russen, die Deutschen verteidigen können; statt dessen entstand Streit unter ihnen darüber, in welcher Reihenfolge sie in den Reichsversammlungen neben einander sitzen sollten. Und dann erhob sie eine solche Schlägerei unter einander, daß während dessen jeder Nachbar nach Belieben von dem Land an sich reißen konnte.

Der König hatte die Jesuiten ins Land gerufen, um Schulen gründen zu lassen; sie begannen damit, daß sie mit Feuer und Schwert die Protestanten und Socinianer aus dem Lande vertrieben. Er wollte das Heer nach europäischer Art einrichten, und die Stände des Reiches reduzirten das stehende Heer auf zwölfhundert Köpfe. Er wollte befehlen und Niemand gehorchte. Er wollte Ordnung schaffen und man widersetzte sich ihm. Er wollte sparen und ward bestohlen. Er war kein König, sondern ein Märtyrer mit vergoldeter Dornenkrone.

An ein solch' erschlafftes Herz hatte Maria Luise das ihrige gekettet.

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