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Ein Frauenhaar

Maurus Jókai: Ein Frauenhaar - Kapitel 10
Quellenangabe
authorMaurus Jókai
titleEin Frauenhaar
publisherVerlag von Heinrich Minden
year1883
translatorLudwig Wechsler
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20161006
modified20170628
projectid73fecffb
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Neuntes Kapitel.

Die Tür des Brautgemaches des königlichen Bräutigams war für Maria Luise die Tür eines Grabgewölbes. Das Mädchen, dessen Name Maria Luise gewesen, kehrt hier nicht mehr zurück; die Heraustretende ist schon eine Frau, Namens Hedwig. An den nördlich slavischen Höfen muss die fremdem Volke entstammende Königsbraut nicht nur die Parta, oder Zierde des Mädchens, mit der Haube tauschen, sondern auch den Taufnamen mit einem neuen Firmungsnamen, den sie als Königin tragen wird. Maria Luise war am andern Tage Hedwig und Uladislaus der glücklichste der Gatten. Dies war wenigstens unzweifelhaft.

Es war kein Grund vorhanden, sich wegen Leonore zu ängstigen, Bethune ist klug und in die Komödie eingeweiht. Er wird – den Gatten sehr gut spielen.

Aber Blanca?

Am anderen Tage erwartete eine Schaar Höflinge das Fürstenpaar im Speisesaal und empfing dasselbe mit brausenden Vivatrufen. Das Getöse pflanzte sich weiter in die Außensäle, und endigte in dem Donner der vor dem Palast aufgestellten Kanonen, die dann den freudevollen Schall weitergaben an die Altstadt und an das am jenseitigen Weichselufer liegende Prag.

Die Königin empfing mit einem bezaubernden Lächeln die Huldigungen ihres Hofstaates; aber durch dieses Lächeln flog ein scharfer, spähender Blick durch die riesigen Saalfenster auf die Stadt.

Das Königsschloss, der Zamek, war auf einem Hügel erbaut, so daß aus dessen Fenstern die sich terassenförmig über einander erhebende Stadt gänzlich zu überblicken war.

Der Radziwillpalast erhob sich ebenfalls in der Mitte der Altstadt (heute der Wohnort des Statthalters) und wandte sich mit seiner Frontseite gegen den Königspalast.

Damals war bei den Polen noch eine sehr schöne romantische Volkssitte im Gebrauch. Vor dem Hochzeitshaus wurde ein hoher Mastbaum aufgerichtet, auf dessen Spitze man in dem Moment, da die Braut anlangte, eine lange bis auf die Erde reichende weiße Flagge aufhisste. Diese weiße Flagge wurde nachher langsam mit einer bis auf die Erde reichenden roten Flagge vertauscht. Die Weiße war das Symbol der Braut, die rote das der Frau.

Die vor dem Radziwillpalast wehende weiße Flagge war weithin sichtbar, wie sie vom heftigen Nordwind erfasst und gezerrt ward, wie sie, zur Schlange geformt, in der Luft zuckte.

»Mein Gevatter scheint sehr süße Träume zu haben, daß ihn nicht einmal die zwölf Kanonenschüsse zu erwecken vermochten,« bemerkte der Hanswurst. Die Höflinge lächelten und flüsterten.

Nun begann aber die weiße Flagge langsam von der Mastspitze herabzugleiten, fortwährend sich heftig gegen ihren rohen Feind, den Nordwind, sträubend.

»Ah, man lässt die weiße Flagge herab!« jubelte der König, und auch die Königin musste tun, als ob sie lachte.

»Hanswurst! Wenn die rote Flagge heraufkommt, sei bereit: dann werde ich Deinem Rücken Algebra lehren!«

Aber der Rücken des Hofnarren lernte nicht Algebra, denn die rote Flagge kam nicht auf die Spitze des Mastes; statt dieser kam die – schwarze.

Für Blanca brachte die Brautnacht nicht die Haube, sondern den Witwenschleier. Radziwill mochte bei den dreifachen Vermählungsfeierlichkeiten zu viel von dem starken ungarischen Ausbruch getrunken haben und teilte in der Brautnacht Attila's Schicksal, dem sein Brautbette zum Sarge ward. Die Kanonenschüsse erweckten Blanca aus ihren Kinderträumen, aber ihr Gatte schlief so tief, daß er nimmer wieder erwachte.

Damit war das Geheimniss der Geheimnisse mit einem siebenfachen Siegel verschlossen. Der König war glücklich und verliebt; – Leonorens Gatte war der Getreue und Vertraute des Königs von Frankreich; – und Blanca endlich war Wittwe: die Wittwe des reichsten und vornehmsten Herzogs in Polen.

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