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Ein Fest auf Haderslevhuus

Theodor Storm: Ein Fest auf Haderslevhuus - Kapitel 8
Quellenangabe
typenovelette
booktitleDie schönsten Novellen, zweiter Band
authorTheodor Storm
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft
addressBerlin
titleEin Fest auf Haderslevhuus
pages273-334
created20000802
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1885
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Am nächsten Tage, da schon die Abendschatten fielen, stand in einem Burggemache Gaspard der Rabe vor seinem Herrn; die Augen des klugen Gesichtleins blickten fast ermüdet. »Du siehst übel aus, was ist dir?« sprach der Ritter, der mit aufgestütztem Arm am Tische saß.

»Herr, für uns ist üble Zeit«, erwiderte der Schreiber und sah dem andern in die verwachten hohlen Augen. »Wenn Ihr's erlaubt, Ihr gleichet selber kaum einem Hochzeitsgast!«

Ein schweres Atmen war die einzige Antwort.

»Herr!« rief Gaspard plötzlich. »Gehet nicht, wohin man Euch geladen hat!«

Wie abwesend sah ihn der Ritter an: »Meinst du? Weshalb nicht, Gaspard?«

Verzeihet, wenn ich von Euren letzten Tagen mehr weiß, als Ihr denket« – und Gaspard ließ den Kopf auf die Seite sinken –, »Ihr seid doch unschuldig in Eurem Herzen! Herr, trauet nicht den Dänen!«

»Du weißt, mich hat kein Däne geladen!«

»Er ist des Königs Mann.«

Tonlos erwiderte der Ritter: »So sprich, wenn du Unholdes von ihm wahrgenommen hast!«

»Herr!« sprach Gaspard und legte die Hand auf seine schmale Brust; »soweit unsre Herrin nicht meinen Dienst begehrt, der er vorab gehöret, sind Kopf und Hand die Euren! Ich bin noch in der Nacht dem Boten nachgegangen und habe bis zum Morgenrot die Burg umschlichen, dann noch vom Vormittag bis Mittag: es ist, als sei sie zugemauert; kein Tor, kein Schlupfpförtlein hat sich aufgetan; ich hab' nichts vernommen. Doch – was soll Euch die Hochzeit? – Der Schloßhauptmann wird einen dänischen Junker sich geholet haben und mit dem das arme Kind zusammenschmieden lassen. Euch aber wird man aus den Hochzeitsbechern Hohn und Weh zu trinken geben! Wer weiß, Ihr trinket wohl den Tod daraus! Bleibt, geht nicht, lieber Herr!«

Er wollte ihm zu Füßen fallen; aber Rolf ergriff ihn bei den Schultern und sah mit blitzenden Augen in die seinen: »Da du es ehrlich meinst, so hör mich, Gaspard!« Er schrie es, daß es in dem weiten Raume von den Wänden hallte: »Und wenn auch in den Tod, ich muß! Dies Kind hat mir die Seele ausgetrunken!«

»Ruf mir den Junker!« fuhr er nach einer Weile fort. »Er soll mein schwarzes Gewand bringen; das ziemt mir bei dieser Hochzeit! Und auch – mein allerschärfstes Schwert! – Ihr beide, wenn' euch gelüstet, dürft mich begleiten!«

– – Um ein paar Stunden später ritten sie dahin, und schon trabten die Pferde in dem Sandweg und im Schutz des dunklen Waldes. Ein leichter Wind hatte sich aufgemacht, und Wolken zogen über den Mond; über ihnen rauschte es in den Wipfeln. Rolf Lembeck, der voranritt, hatte auf dem Weg kein Wort verloren; als sie der Burg sich nahten, drückte er die linke Faust auf seine Brust, als müsse er dem Blute wehren, sie zu sprengen. Auch Gaspard hatte genug an Sorg und Neubegier und ließ die Zunge ruhen; nur Junker Gehrt stieß mitunter seiner Stute die Sporen in die Weichen, daß sie wild emporstieg; er mußte seinem innern Jauchzen Luft geben, denn er dachte an den Reigentanz mit hold geschmückten Jungfräulein, dem er entgegenreite.

»Gaspard!« rief er. »Mir ist – hört Ihr die Flöten und Geigen von der Burg herunter?«

Doch Gaspard lachte verdrossen: »Euch Jungen ist leicht gepfiffen; ich hör die Wetterfahnen auf den kleinen Türmchen kreischen.«

»Ei was! Ihr habt doch feine Ohren!«

Aber er blieb ohne Antwort. Sie wandten die Pferde in den finsteren Baumgang und trabten den Anberg zu der Burg hinauf. Ein heller Schein drang durch zwei offene Tore und über der Ringmauer ihnen entgegen. »Joseph und Heilige Jungfrau!« rief der Junker. »Da brennt das Wachs von einem ganzen Sommer!«

»Ja, ja«, sagte Gaspard, »Eure Jugend wird nicht verborgen bleiben.«

So ritten sie über die Brücke durch die Torfahrt in den innern Hof, wo der gewaltige Bau vor ihnen aufstieg; aus seinen vielen kleinen Fensterhöhlen schoß eine Flut von Kerzenstrahlen auf sie zu; nur links am Flügel ragte der stumpfe Turm lichtlos in die Sternennacht. Ihren geblendeten Augen war der Hof bis an die Mauern voll von Menschen; aber ein hochzeitliches Treiben schien es nicht; es war, als ob sie nur die Köpfe wandten und leise zueinander raunten.

Als die Reiter von ihren Rossen gesprungen und Diener vorgetreten waren, die ihnen die Tiere fortführten, stand ein großer Mann mit todblassem Antlitz unter grauem Haupthaar vor dem Ritter; zwei Diener mit Windlichtern, deren Flammen im Nachtwind wehten, waren ihm zur Seite. Da die Herren sich im Fackelscheine sahen, stutzten sie einen Augenblick, ein jeder über des andern schwarze Tracht; dann sprach der graue Mann: »Nehmt Dank, Herr Ritter, von mir und für mein Kind! Ihr durftet hier heut nicht fehlen!«

»So dacht ich auch« erwiderte der andre beklommen. »Doch wollet mich nun führen, Herr Schloßhauptmann, auf daß ich Wunsch und Ehrerbietung der Braut zu Füßen lege!«

Der alte Ritter, der seinen Gast mit starrem Aug gemustert hatte, neigte das Haupt und faßte dessen Hand; die Diener mit den Lichtern schritten ihnen voran, durch die schweigenden Menschen dem Treppenturm im Hochbau zu. Als sie hineintraten, blickte Gaspard, der mit dem Junker folgte, durch eine offene Tür, die seitwärts in die untre Halle ging; es brannten viele Kerzen dort, sonst war es leer; nur mitten auf den Fliesen schlief ein großer Hund.

Aber der Hausherr führte sie die Wendelstiege zum oberen Stock hinan. Da sprach Rolf Lembeck im Emporsteigen: »Der Hof ist voll Menschen, Herr; was ist es so totenstille hier?«

Der Schloßhauptmann aber warf das Haupt zurück: »Mein Kind hat viel Leid gelitten«, sprach er; »es bedarf der Ruhe.«

Sie waren in eine große Halle eingetreten, an deren einer Seite sich viele Türen, im Grunde ein geschlossenes Doppeltor befand; vor diesem war ein niedriger Aufbau, mit weißem Samttuch behangen; an beiden Seiten der Halle standen Männer und Frauen, alle in feierlicher Ruhe und in schwarzen Gewändern; nur an dem Doppeltor stand ein Priester in weißem Maßkleid.

Dem jungen Ritter, da er sich umsah, ward der Atem schwer. »Herr Schloßhauptmann«, sprach er wieder, »wollet mir sagen: ich sah noch nimmer eine Hochzeit mit so dunklen Gästen!«

Der aber erwiderte: »Seit drei Tagen hat mein Kind sich Schwarz zur Leibfarbe angenommen; es ist wohl seltsam, doch es ist mein letztes – so muß ich ihr den Willen tun. Geduldet Euch, die Braut wird bald erscheinen!«

Rolf Lembeck schwieg, und unter all den Menschen war es wieder lautlos still.

Da nahte sich ein Rauschen hinter den geschlossenen Toren, ein Zug von langsamen Schritten wurde hörbar, und indem die Tore sich öffneten, scholl, von jungen Frauenstimmen gesungen, ein De profundis wie von den Sternen nieder.

Ein Schauer schlug Rolf Lembeck durch die Glieder; aber schon hatte der Zug der Jungfrauen die Schwelle überschritten. Er streckte sich und hob den Kopf; so stand er wie erstarrt, und nur sein Auge wurde wie das eines Raubvogels. Er sah die singenden Jungfrauen eine Totenlade von den Schultern heben und sie auf die Samtbühne niederlassen; er sah in weißen Sterbgewändern ein Weib – nein, nicht ein Weib; aus weißen Binden sah ein totes Kinderantlitz –, da ließ der Bann von ihm: ein furchtbarer Schrei scholl durch die Halle. Der Gesang riß ab, und mit erhobenen Armen brach Rolf Lembeck durch die Menschen; er stürzte sich über den Sarg und preßte seine Lippen auf das tote Antlitz seiner Liebe: »O Dagmar, das ist unsre Hochzeit!«

Da ging ein Rauschen durch die Menge, die Schwerter flogen aus den Scheiden, und Schrei und Rufe schollen durcheinander: »Wer ist's? Der Lembeck? Packt den Tollen, den Leichenschänder! Schlagt ihn nieder!« Der Priester aber streckte die Hände nach dem Kühnen und schrie: »Anathema!« Nur der jungen Sängerinnen eine, die der Blick von seinen blauen Augen gestreift hatte, sank in die Knie und betete: »O Gott der Liebe, erbarm dich ihrer beider!«

Rolf Lembeck regte sich nicht, sein scharfes Schwert hing ruhig in der Scheide. Plötzlich drang ihm die Stimme Gaspards in das Ohr: »Flieht! Flieht, Herr! Der Junker und ich versperren hier den Weg!«

Er riß das Haupt empor; er sah die Schwerter glitzern, und wie Gespenster drangen die schwarzen Gestalten auf ihn ein; schon fiel Gaspard neben ihm zu Boden; da fuhr es wie düsterer Wetterschein ihm durch das Hirn: noch eines Atemzuges Dauer, dann hob er mit jähem Griff die tote Liebste aus ihrer Lade und entfloh. Durch den tobenden Lärm, der sich erhob, klang die mächtige Stimme des Schloßhauptmanns: »Zurück! – Mein Kind – mein Fest – und auch der Verfluchte!«

Aber Rolf Lembeck war nicht mehr in der Halle. Die Tote an sich pressend, die Augen wie im Wahnsinn auf das süße, starre Antlitz heftend, war er durch den dahinterliegenden Saal geflohen; die Tür genüber warf er eben zu.

Der Saal war leer: die Kerzen flammten; Rolf aber floh, er wußte nicht wohin; nur irgendwo allein, in Sicherheit mit ihr! Nur eine, noch eine stille letzte Stunde mit der Toten! Ob jemand folge, daran dachte er nicht; er kam durch eine Tür in kleine düstere Gemächer, wo nur ein Mondstreif auf das stille Antlitz fiel; eine Treppe tiefer öffnete er eine große Tür, da schlug der Kerzenglanz aus einer weiten Halle ihm entgegen; von der Mitte des Fußbodens erhob sich ein gewaltiger Hund und rannte mit heiserem Knurren auf ihn zu. Rolf schloß die Tote fester an sich und hatte schon die Hand am Schwert, da sprang das große Tier mit zärtlichem Winseln an ihm auf. »Heudan, du bist es, Heudan!« rief er und stand einen Augenblick und legte die Hand liebkosend auf den Kopf des Tieres.

Aber drüben von der Turmtreppe aus trat die furchtbare Gestalt des Schloßhauptmanns ihm entgegen; ein Wutschrei flog zu ihm hinüber, da floh er durch dieselbe Tür zurück und warf sie hinter sich ins Schloß. Noch einen finsteren Raum, dann stieß sein Fuß an eine Treppenstiege; er klomm hinauf, da kam es hinter ihm – nein, es war nur der Hund. Die Treppe wand sich höher, nur hie und da ein Mauerloch, durch das die Nachtluft zog, dann ihm zu Häupten eine offene Luke. Er stieg hindurch und warf sie zu.

Es war die Platte des stumpfen Turmes, die er erklommen hatte; vom Hofe drunten kam kein Laut herauf, es schien dort alles leer geworden. Sanft rauschte der Lindenwipfel aus der Tiefe, denn der Abendwind war fast entschlafen; über ihm flammte der Himmel in seinen Millionen Sternen, und von Süden schimmerte die Bucht des Kleinen Beltes; über die Wasser hatte der Mondschein eine Brücke von Licht geworfen.

Rolf lag auf beiden Knien, die Liebste in seinem Schoß. »Weg mit den Totenbinden!« sprach er leise und löste die breiten weißen Bänder, die das zarte Haupt umschlossen hielten: wie traurige Freude flog es durch seine Augen, als jetzt das schwarze Seidenhaar hervorquoll: »Ja, du bist es, süße, heilige Dagmar!«

Da schollen Schritte von der Wendelstiege her; rasch und zornig kamen sie herauf. Er sprang empor; er lief zur Brüstung und hielt die Tote auf beiden Armen in den weiten Himmelsraum hinaus: da war noch Platz für sie und ihn; auf Erden nicht mehr! – Plötzlich wandte er den Kopf, die Falltür war aufgeschlagen, und mit halbem Leibe ragte die Gestalt des Schloßhauptmanns daraus hervor. Aber er stieg nicht weiter; mit entsetzten Augen streckte er die Arme aus und rief in bitterem Flehen: »Rolf! Rolf Lembeck, gib mir mein Kind! Was gilt dir noch der tote Leib?«

Der aber wandte seine Augen wieder zu dem bleichen Antlitz: »O Dagmar!« rief er; »Süße, Selige! Breit deine Flügel nun und nimm mich mit dir!« Er schlang die Arme fest um ihren Leib; da war mit einem Satz der greise Mann ihm in dem Rücken; er stürzte vor und griff nach ihm, doch seine Faust fuhr in das Leere. Ihm war, als flög ein Schatten ihm vorüber; er sah jenseit der Brüstung, wie in der Sternennacht die Sterbekleider seines Kindes wehten; dann nichts mehr, nur von unten auf der Nachhall eines schweren Falles. Der Abendhauch fuhr über die leere Turmdecke; der Hund stand mit den Vordertatzen auf den Zinnen und sah winselnd in die Tiefe.

Da war sein Zorn als wie ein Rauch verflogen; er fiel auf seine Knie und faltete die Hände: »Herrgott, so nimm sie beide gnädig in dein Reich!« Und über ihm flimmerten die Nachtgestirne in ihrer stummen, unerschütterlichen Ruhe.

– – So endeten zwei schöne Menschenblüten, und so endete diese Märe; es war, wie es in unserm alten Liede heißt: »Daß Liebe stets nur Leiden am letzten Ende gibt.«

*

»Und die andern?« fragt ihr. »Was ward aus denen?«

– Die andern? – Ich habe von ihnen weiter nichts erkunden können; es gab ja Klöster derzeit, in die hinein sich ein beraubtes, auch ein verpfuschtes Leben flüchten konnte! Was liegt daran? Die Geräusche, die ihre Schritte machten, sind seit Jahrhunderten verhallt und werden nimmermehr gehört werden.

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