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Ein Fest auf Haderslevhuus

Theodor Storm: Ein Fest auf Haderslevhuus - Kapitel 7
Quellenangabe
typenovelette
booktitleDie schönsten Novellen, zweiter Band
authorTheodor Storm
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft
addressBerlin
titleEin Fest auf Haderslevhuus
pages273-334
created20000802
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1885
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In der Kemenate der Base lag Dagmar; die Alte hatte ihrem Kinde den Platz geräumt und sich woanders eingebettet. Die Kranke war am Abend mit den Sterbesakramenten versehen worden; jetzt brachen die ersten Morgenlichter in das Zimmer.

»Mein Vater!« rief sie.

»Ich bin bei dir, Kind!« sprach der Schloßhauptmann, der die Nacht am Bette gewacht hatte.

»Hör!« sagte sie und hob einen Finger ihrer bleichen Hand. »Über uns, da oben auf der Hausfirst, sang eine Amsel!«

Er schüttelte den Kopf: »Du irrst dich, Dagmar, im Oktober singt keine Amsel; die Blätter fallen schon.«

»Ja, horch nur!« sagte sie wieder. »Ich hör's, sie singet mir den Tod an!« Und sie streckte sich auf ihrem Lager und faltete die Hände unter ihrer Brust.

»Mein Kind, du weißt, sie singt auch dem Leben; aber ich höre keine Amsel.«

Sie antwortete nicht; nur ihr Haupt, das mit geschlossenen Augen auf dem Kissen lag, bewegte sich wie verneinend.

Der Ritter sah auf sein Kind, und wie in schweren Zügen die kleine Brust sich hob und senkte; dann ward es stiller. Da streckte sie plötzlich wie in heftigem Gebet die Arme vor: »Nein, nein! Oh, noch nicht!« rief sie angstvoll. »Nur noch ein Weilchen!« Dann wandte sie das Haupt, und mit weit aufgerissenen Augen blickte sie auf ihren Vater.

Er fuhr zusammen, denn er kannte diesen flimmernden Schein; die Seele schien ihn nur mühsam festzuhalten. »Sprich, mein Kind!« sagte der Ritter sanft.

»Ich sterbe, noch heute!« sprach sie hart, und ihre kleine Hand erfaßte mit festem Griff des Vaters Arm. »Ich hab' noch einen Erdenwunsch: Rolf Lembeck – zürne nicht!« rief sie zagend.

Aber der verhaßte Name, den sie nimmer noch gesprochen hatte, war gleich eines giftigen Wurmes Stich ihm in das Herz gedrungen. »Nenn den Verruchten nicht! Die Minne, die dich betörte, verwest mit deinem Leib im Grabe!«

»Wer sagt das?« rief sie heftig.

»Nicht ich, mein Kind; die heiligen Bücher sagen es, die Kirche! Du weißt es ja!«

Ein Seufzer, wie ein Abschied von aller Erdenseligkeit, entrang sich ihrer Brust. Dann aber kam ein hastig Sinnen in ihre Augen, und ihre Hände strichen das wirre Haar sich von der Stirn. »Nein«, rief sie laut und richtete sich jäh empor, ein geisterhaftes Leuchten flog aus ihren Augen, »ich weiß es, Vater: die Minne ist stärker als der Tod!«

Ein Lachen voll Verzweiflung scholl aus des Ritters Kehle: »Gott wird euch scheiden!« rief er. »Dich wird er zu der Mutter seines Sohnes weisen; ihn, den Verfluchten, zum tiefsten Grund der Höllen. Tu dein Gebet, daß Gott sein Bild aus deiner Seele reiße!«

Da antwortete sie nicht mehr; aber ihre Hände hob sie betend auf, und flehend, daß kein Menschenherz ihr hätte widerstehen können, sprach sie: »Hilf du mir, lieber Herrgott! Nimm ihn mir nicht! Ich könnte sonst nicht in deinem Himmel leben!«

Der starke Mann fiel nieder auf seine Knie: »Sprich, Kind! – Alles, was du willst!«

Sie hatte sich mit beiden Armen aufgestemmt, mit aufgerissenen Augen sah sie ihren Vater an: »Rolf Lembeck!« flüsterte sie heiser. »Weiter nichts!« Sie hatte dem Tod die Worte abgerungen; nicht Dagmar war es, nur ein Gespenst von Dagmar saß an ihrer Stelle. »Lad ihn zu meiner Leiche, Vater! Sein Auge soll auf mir ruhen; noch einmal! Dann« – die Stimme brach ihr plötzlich – »laß ihn ziehn in Frieden!«

Ihr Mund war stumm; sie sank auf ihre Kissen.

Die Base war inzwischen leis hereingetreten und kniete neben ihr. »Oh, Kind, und in solcher Törnis willst du uns verlassen!« murmelten die alten Lippen; aber die Kranke regte sich nicht mehr. Der Ritter sprach zu sich: »Es ist alles aus, mein Leben mit dem deinen!« Er legte lind die Hand auf Dagmars Stirn und sagte: »Es soll geschehen, wie du es willst, mein Kind!« Und wie ein Lächeln flog es noch einmal über ihr Antlitz; sie lebte noch.

Aber da ihr Odem schwächer wurde und er sah, daß ihre Seele fliehen wollte, ging er zu einem Lädlein, darin geweihte Kerzen lagen, noch von dem großen Sterben her. Er nahm eine heraus und entzündete sie an dem Lämplein, das noch brannte. »Für mein Letztes!« sprach er und trat wieder zu seinem Kinde; dann faßte er ihre feinen Hände und schloß sie um die brennende Totenkerze und legte die seinen sorgsam noch darüber, daß nicht ein Tröpflein heißen Wachses sie von ihrem letzten Pfad zurückschreckte. Still harrend saß er auf der Kante des Bettes; die neben ihm kniende Base sprach: »Gott hat dir ein Lichtlein geben; das leucht' dir uns ewige Leben!« Und beide sahen, wie die Flamme von dem Odem der Sterbenden immer schwächer bewegt wurde. Da plötzlich flackerte die Kerze und erlosch; ein leichter blauer Qualm zog durchs Gemach. »Dagmar, mein Kind! O süße Dagmar!« rief der Mann; aber Dagmar hatte sanft ihr Haupt geneigt, und eine schöne Tote lag jetzt auf dem Kissen. Die Base sprach: »Auf Wiedersehn in Gottes Himmelreich!«

Der Schloßhauptmann, der die erloschene Kerze fortgelegt hatte, sah jetzt finster auf die Leiche seiner Tochter: »Sein Name war dein Letztes.« – Er ging zur Tür und schellte.

Eine alte Dienerin war eingetreten. »Meine Tochter Dagmar ist nicht mehr auf Erden«, sprach er und schwieg dann plötzlich; das Knochengespenst des Todes, der ihm sein Kind genommen hatte, stand vor seinem inneren Auge, aber statt des nackten Schädels trug es den schönen Kopf des jungen Ritters Lembeck auf den Schulterknochen. Und aus der lang verschlossenen Falte seines Herzens schoß der Jähzorn ihm ins Hirn und fegte es leer von Verzweiflung und Leid, die es erdrücken wollten. Und in ihm sprach es: »Es soll geschehen; ich hab' mein Wort gegeben; doch – umsonst, Rolf Lembeck, sei auch nicht der ärmste Tropfen deines Minneglücks!« Dann wandte er sich wieder zu der Dienerin: »Versteh mich, Stine, und künd es auch den andern: drei Tage lang, bis ich eure Zungen löse, geht über den Tod nicht Kunde aus unsern Mauern! Das Zügenglöcklein soll nicht läuten; bestelle mir sogleich Ambrosius, meinen alten Diener; laß den Priester in meinem Gemache unten mich erwarten!«

 

Im Hofe zu Dorning saß gegen Abend des nächsten Tages der Ritter Rolf Lembeck unter der Burglinde. – Er war allein; noch am Tage seiner Rückkunft, als vorher die Pappel und sein Glück gefällt worden, hatte Frau Wulfhild eilig nach ihrem Hof in Holstein müssen: zwischen Meier und Gesinde, so hatte sie gesagt, sei Unfriede ausgebrochen und die Gegenwart der Herrin nötig worden. Aber es lag wohl Tieferes am Grunde; im Augenblick der Abreise hatte Rolf einen Zug wie von versteinertem Entsetzen in ihrem Antlitz wahrgenommen; die Leidenschaft zu ihrem Eheherrn schien völlig ausgelöscht. Nach ihrer Abfahrt hatte der Junker Bookwald ihm geplaudert: es heiße, Hans Pogwisch, des Ritters Vorwirt, sei nicht durch seine Wunde, er sei durch Gift vom Leben in den Tod gekommen; so werde in der Gesindestub geredet; woher es komme, wisse er nicht; als aber die Schürzenmagd es an die Frau getragen, sei die zum Tod erschrocken worden und habe ihr zornig Schweigen auferlegt, was doch nicht habe helfen wollen.

Darüber grübelte der Ritter, und seine Augen folgten achtlos, wie der Abendschatten allmählich den Brunnen und den ganzen Hof bedeckte. »Darum auch!« sprach er leise. »Sie wollte keinen mit sich haben; nicht mich, nicht Gaspard – den am wenigsten!« – Dann flogen die Gedanken mit ihm nach dem Inseldorfe Borgsum; was er mit seinem Vater dort am Bau geredet hatte, kam ihm zurück: er hörte wieder das Lachen des alten Herrn bei der Geschichte von dem Orlamünder: »Geduld, mein Sohn! Was dies Weib dir wert ist, wirst du erst sehn, wenn dich der Däne überfällt! Und – mit den Schauenburgern muß man sachte gehen!« Als aber der Tod des Pogwisch dann zur Sprache kommen, war er still geworden; einen Stein hatte er vom Boden gehoben und in den Bau geworfen. »Herrin auf Dorning und eine Gifthexe?« hatte er überlaut gerufen. »Nein, Rolf, das soll sie nicht, und wenn sie es großen Carol Tochter wäre! Ich helfe dir, mein Sohn; aber – Geduld! Denn stumpfe Pfeile erlegen kein Wild!«

Er fühlte noch, wie ihm der Atem derzeit bei diesen Worten frei geworden, wie lind die Nachtluft durch sein Haar gestrichen, da er sie später und vergebens ihr entgegentrug. – Leis und in Qualen rief er ihren Namen.

Es dunkelte mehr und mehr, und der Ritter war aufgestanden, um in die Burg zurückzugehen; da drang ein dröhnender Ton vom Außentor herein, das schon geschlossen war; dort hingen Schalltafel und Hammer in Ketten an dem Pfosten; es hatte jemand angeschlagen, um Einlaß zu begehren. Dann knarrte das größere Tor, und bald schritt aus der Einfahrt einer der Wächter über den Hof und meldete: »Ein Bote vom Schloßhauptmann zu Haderslevhuus!«

»So spät?« Rolf Lembeck war es, als habe er unsichtbar einen Schlag erhalten. »Laß ihn hieherkommen!«

Es ritt dann einer in den Hof, und als er näher kam, erkannte der Ritter bei dem Mondlicht, das über den Seitenbau hereinschien, daß er bunt und lustig gekleidet war: von der Achsel hing ihm ein lichtrot Seidengeschnür, auch solche Feder von der Haubenkappe. Als er aber schwerfällig von seinem weißen Pferd gestiegen und, das Tier dem Knechte übergebend, mit entblößtem Haupte vor den Ritter getreten war, sah dieser, daß es ein alter Mann sei, dessen weißer Knebelbart über einem zahnlosen Munde hing.

Der verneigte sich und begann eine lange, kaum verständliche Ansprache; doch der Ritter fiel ihm in die Rede: »Ich hab' keine Lust am Überflüssigen; mach es dir bequem, sag's kurz, was dein Herr von mir begehrt! Mir klang's, als solltest du mich gar zur Hochzeit laden?«

»Ihr habet recht gehört, Herr Ritter«, sprach der Bote; »ich aber dank Euch für den Richtsteig.«

»Zur Hochzeit?« frug Lembeck sinnend. »Man pflegt sonst solche Ladung am hellen Morgen zu bestellen!«

»Verzeihet, Herr! Ich bin nur der älteste der Knechte und bin geritten, wie der Herr mich ausgesandt.«

»So sprich denn, wessen Hochzeit gilt es? Will Euer Herr der Witwenschaft Valet geben?«

Da schien der Bote sich mühsam aufzuraffen, und erst nach einer Weile sprach er: »Die Jungfrau Dagmar, des Herrn letztes Kind, ist es, zu deren Festtag ich Eure Gegenwart erbitten soll.«

Der Ritter schwieg, in seinem Hirn erstickte er den Schrei: »Du lügst!« Nur sein Antlitz wurde braun und wieder blaß; aber der Bote sah es nicht, denn der Ritter saß im tiefen Lindenschatten. Mit trockener Stimme sprach er endlich: »So sag mir, wie heißt der Mann, dem solch Glück gefallen ist?«

»Herr«, erwiderte der Alte, »ein schneller Freier ist es gewesen! Ich sah ihn nicht, und ward sein Name mir nicht genannt; doch soll er weit in der Welt bekannt sein. Es fehlt an ritterbürtigen Zeugen; drum wollet der Jungfrau die erbetene Ehre antun! Wenn Ihr mit Mondesaufgang kommet, wird es recht sein!«

Wieder schwieg der Ritter, und der Bote stand harrend vor ihm. Einzelne Knechte mit trüben Hornleuchten gingen über den Hof, und wenn im Flügel die Tür nach der Gesindestube aufging, flog ein Lichtschein durch die Mauerschatten; im Brunnen fielen die Tropfen von dem Eimer tönend in die Tiefe. Da kam ein junger Schritt vorüber. »Gehrt, bist du es?« rief der Ritter.

»Ich bin es, Herr!«

»So nimm den Boten mit dir und laß ihm einen guten Trunk geben!«

»Und was für Kunde«, frug dieser, »bring ich meinem Herrn?«

»Geh nur! Wo Jungfer Dagmar hochzeitet, darf ich nicht fehlen!«

Sie gingen, und der Ritter saß wieder auf der Lindenbank. Vergebens bohrte sein Verstand an diesen Rätseln; aber in seinem Innern kochte es vor Weh und Grimm.

 

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