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Ein Fest auf Haderslevhuus

Theodor Storm: Ein Fest auf Haderslevhuus - Kapitel 6
Quellenangabe
typenovelette
booktitleDie schönsten Novellen, zweiter Band
authorTheodor Storm
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft
addressBerlin
titleEin Fest auf Haderslevhuus
pages273-334
created20000802
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1885
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Einige Tage nachdem der junge Ritter seine Fahrt nach Borgsum auf der Insel angetreten hatte, saß Frau Wulfhild in ihrem Gemache. Allerlei Schriften lagen vor ihr auf dem Tische; aber ihre Gedanken schienen nicht bei solcher Arbeit; ihr seiden Blondhaar hatte sie rückwärts über die Schulter geworfen, und es glänzte wie Gold gegen das dunkle Muster der Teppiche, die an den Wänden hingen. Inmitten der schönen Stirn des Weibes war eine Falte, die immer tiefer zu werden schien; sie drängte die Augen aneinander, als könne sie sicherer so das eine Ziel verfolgen, das vor ihren Sinnen stand.

Da wurde die schwere Tür aufgestoßen. Sie fuhr empor: »Wer ist da?«

»Der Herr Schloßhauptmann von Haderslevhuus!« erwiderte der junge Bookwald, der hereingetreten war. »Ihr, Herrin, hättet seinen Besuch erbeten.«

»Er ist willkommen! – Doch warte noch, Gehrt! Rück erst den Sessel hier zum Tische! Sie hatte sich in ihrer ganzen stattlichen Gestalt erhoben und begann im Gemache auf und ab zu schreiten, während der Knabe das Aufgetragene besorgte und sich dann entfernte.

Nach einigen Augenblicken war ein grauhaariger Mann in dunkler Tracht und von gewaltigem Körperbau hereingetreten. »Euer Gemahl, edle Frau«, sprach er, nachdem die Grüße gewechselt waren, »scheint nicht daheim zu sein; Ihr selbst wünschtet mich!«

»Mein Gemahl, Herr Schloßhauptmann«, erwiderte Frau Wulfhild, »würde zu Euch gekommen sein; Ihr müßt diesmal Euch an mir genügen lassen!«

»Wolltet mich nicht beschämen, edle Frau! Ich kam, um Euch zu hören!«

Sie setzte sich und lud ihn mit der Hand zum Niedersitzen; eine kurze Weile lagen ihre Augen auf seinem Antlitz, das er geduldig ihr entgegenhielt. »Mit Claus Lembeck«, hub sie an, »saß hier ein dänisch Weib; ich bin aus dem Geschlecht der Schauenburger; wir beide sind Landsleute –«

Er unterbrach sie: »Ein Schleswiger bin ich und jetzt des Königs Mann!«

»Ich weiß es, Ritter; Ihr waret auf Fünen in der Schar, von der mein seliger Gemahl von seinem Hengst gehauen wurde!«

»Er war mein Feind derzeit; ich aber habe ihn nicht gefällt«, erwiderte er ruhig.

Sie schwieg einen Augenblick. »Mag sein! Ich habe den Schaden ausgeheilet und bin itzt Herrin hier auf Dorning; wir sind Nachbarn, Ritter, und also...«

»Wollet Ihr mir etwa Nachbarrat erteilen?«

»Ei nun, wie Ihr es nehmen wollt!« und da er nickte: »Ihr wisset, hinter Eurem Garten, dort, wo es so jäh hinab zu Boden schießt, steht hart daran eine italische Pappel und streckt ihre Zweige an die Mauerzinnen, so dort den Garten abschließen. Man sagt, es soll dort fast achtzig Fuß in die Tiefe gehen! Was ich Euch sagen wollte... den Baum, Ihr müßt ihn fällen lassen!«

»Die Pappel?« rief der Schloßhauptmann. »Was wirret Euch, edle Frau! Die ist des Königs Liebling; sein Ahn Christoffer hat sie gepflanzt, da er Südjütland gegen Abels Söhne in Besitz genommen hatte!«

»So habet Ihr wohl keine Tauben oder sonstig edles Geflügel in der Feste«, fuhr sie achtlos fort, »und ist Euch desgleichen nicht zerrissen worden? Denn aus dem Wald genüber laufen Iltis oder Edelmarder an dem Baum hinauf und springen aus dessen Zweigen in den Garten!«

»Was wollet Ihr, edle Fraue«, sprach der Ritter; »ich verstehe Eure Rede nicht; ich hatte niemals kostbares Geflügel, und wäre solches mir zerrissen worden, ich würde darum doch nicht des Königs Baum versehren!«

Sie sah ihn an; aber da er ruhig mit der Hand auf seinem Schwerte dasaß, hob sie eine Glocke vom Tisch und schellte, und da der Knabe eintrat, bedeutete sie ihn: »Gaspard soll kommen!« Dann sah sie wieder auf ihren Gast und frug, als sei's nur, um die Minuten hinzubringen: »Ihr habt wohl schöne Frauen in der Feste?«

»Wie meint Ihr, edle Frau?«

»Nun, ich hörte auch nur so.«

Der Mund des ernsten Mannes lächelte fast: »Wer hat Euch so berichtet? Die Dienerinnen gehen alle an ein halb Jahrhundert, und unsre Base ist noch weit darüber. Ich hab' gelitten, Fraue; das Lachen der Jugend tut meinen Ohren weh!«

Die kräftigen Lippen des Weibes zuckten, als wisse sie doch besseren Bescheid in seinem Hause als er selber. Dann öffnete sich die Tür, und der braune Mann mit der Gugelkappe war leisen, aber sicheren Schrittes eingetreten und blieb nun an der Schwelle stehen.

»Wer ist der Mann?« frug der Ritter.

»Es ist mein Schreiber«, sprach sie; »er mag Euch selbst berichten, was er nachts gesehen hat, da ihn der Weg an Eurem Schloß vorüberführte.«

Der Schloßhauptmann wandte sich in seinem Sessel und blickte auf den Schreiber. »So sprich denn, Mann«, sagte er, »was du mir zu sagen hast!«

Gaspard der Rabe hatte von unten einen vorsichtigen Blick auf den finsteren Herrn geworfen. »Ich weiß nicht eben«, begann er, »ob es Euch gefallen mag! Wenn man die Füße seiner Worte nicht mehr hört – wer weiß, ob sie Dank oder Undank holen!«

Auf des Gastes Stirne furchten sich die Zeichen der Ungeduld: »Lasset Euren Mann seine Rede tun, edle Frau, um die Ihr mich eingeladen habt; mir ist nicht Zeit für andre Weisheit!«

»Sprich ohne Umschweif, Gaspard!« rief Frau Wulfhild.

»Ja, Herr«, hub dieser an, »es war eine helle Nacht, vor kaum acht Tagen, da ich von Haderslev den Weg zwischen Eurem Garten und dem Buchenwald herunterkam; da stob aus dem Baumschatten ein Gewild – es mochte ein Marder oder Iltis sein – mir vor den Füßen quer über den Weg der großen Pappel zu, und ich hörte, wie es zwischen den Zweigen in dem Baum hinaufklomm. Ich stand – ich sah hinauf und dachte: Itzt wird's bald oben sein und auf den Mauerzinnen tanzen!«

»Nun – und?«

»Ja, Herre, es kam weder ein Marder noch ein Iltis!«

Der Schloßhauptmann fuhr auf: »So sitzt es wohl noch heute in dem Baum!«

»Das wäre möglich«, sagte Gaspard; »auch möglich, daß ein Zauberspiel dabei gewesen ist. Ihr höret wohl schon sagen: es springt ein Wolf, auch eine rote Maus uns in den Weg, und faßt man's mit dem rechten Wort, so hat man ein altes Weib oder gar einen jungen Knecht in seiner Hand!«

Der Ritter warf einen forschenden Blick auf den Sprecher: »Was soll das hier? Deine Nas' und Augen sind mir zu scharf für solche Kunkelweisheit!«

Aber in Gaspards Augen, die ihm begegneten, war kein Arg zu lesen. »Herr«, sagte er, »der eine spricht's, der andre widerspricht's; doch so viel haben meine Augen selbst gesehen: ein Marder war unten in den Baum gesprungen, und oben schwang sich ein junger Fant aus seinen Zweigen auf die Mauerzinne; ich sah die goldnen Knöpfe auf seinem Leibrock funkeln, und der Nachtschein des Mondes leuchtete auf ein goldblondes Haar.

Der Schloßhauptmann hatte sich vorgebeugt: »Und dann?«

»Dann sprang er in den Garten.«

In der Brust des alten Ritters erhob sich eine Stimme, die sprach: »Einer der Diener war es, der sich beim lustigen Trunk verspätet hatte; du mußt dein Hausrecht brauchen, und es soll nicht mehr geschehen!«

Er sprach das dann auch laut; doch Gaspard erwiderte: »Ich weiß nicht, Herr, ob Ihr so fein Gesinde haltet; auch schien der Fant seine Lust noch vor sich zu haben, und seine Glieder waren sicherer, als ich nach dem Trunk es sonst gesehen habe. Vor allem: hinter der Mauer war ein Weib; noch kaum ein Weib! Ein schmächtig unschuldig Ding; denn ihr Gewand war weiß, gar ungeschickt zu geheimem Minnetreiben; der Mond blitzte auf einem Silberreif, der ihr dunkel Haar zusammenhielt!«

»Und weiter? – Was sahst du weiter?« stieß der Ritter wie in Angst hervor.

»Ich sah nichts weiter, Herr.«

Das Weib hielt den schönen Kopf in ihre Hand gestützt und sah des Ritters Antlitz sich unter seinem grauen Bart mit Todesfarbe decken. Da winkte sie dem Schreiber, und er verließ das Zimmer. »Nun, Herr Schloßhauptmann«, sprach sie leise; »werdet Ihr den Baum des Königs fällen lassen?«

Er wandte den Kopf, aber aus seinen Augen waren die Gedanken nach anderswo entflohen; er frug: »Was spracht Ihr, edle Frau?«

Und als sie ihre Worte noch einmal gesprochen hatte, frug er weiter: »Wißt Ihr von diesem Abenteuer mehr zu melden, als ich eben hörte?«

Doch sie erwiderte: »Nein, Herr; Ihr müsset nun so zufrieden sein!«

Er warf seine düsteren Augen auf sie und sprach zu sich selber: »Was will das Weib? Denn nicht deinetwegen hat sie dich geladen; sie weiß, um wen die Pappel fallen soll!« Laut aber sprach er und richtete in seiner mächtigen Gestalt sich auf: »Ihr drücktet ein Beil in meine Hand! Gott mög mir raten; und mög er auch bei Euch sein, edle Frau!«

Er hatte sich gewandt und war aus dem Gemach geschritten. Unten im Hofe führte ein Knecht sein Roß umher; er rief ihn und schwang sich in den Sattel; dann suchte das Tier durch Wald und Felder sich selber seinen Weg. Ob hoch am Himmel die Lerchen sangen, ob Falken und Elstern um ihn schrien, er hörte es nicht: gleich einem gebrochenen Manne hing er im Sattel; vor seinen Augen war immer nur sein schmächtiges Kind in eines Fremden Armen, dessen Antlitz er nicht erkennen konnte.

Erst als das Roß unter den Bäumen des Schloßberges hinantrabte, fuhr er empor und zog den Zügel an. Aber er wandte sein Tier und ritt zurück, er wußte selber nicht wohin; in seinem Kopfe war zu schmerzlich Wirrsal, das er weder schlichten noch zur Ruhe bringen konnte. Es dunkelte schon, da er zum zweitenmal heimkam und jetzt langsam in den Schloßhof einritt. – Nachts von seinem Bette, wo er mit gestütztem Kopf lag, trieb es ihn wieder auf: er fand sich plötzlich die Turmtreppe hinabsteigend; dann stand er hinten in dem Garten, den er seit Jahren nicht betreten hatte, und sah bald auf den Wipfel der großen Pappel, bald hinunter in die Tiefe. Ja, ja; sie drängte ihr mächtiges Gezweig hart an die Bergwand und oben an die Zinnen, er hatte sie lang darauf nicht angesehen; auch der König konnte dort den Baum nicht dulden!

Dann stieg er zurück in seine Kemenate und warf sich wieder auf sein Lager; als aber im Zwielicht der Ton des Wächterhorns an sein Ohr drang, sprang er auf und holte drunten selbst ein Dutzend Knechte aus den Betten. Und da die Sonne aufgestiegen war, hallten donnernde Schläge durch die Burg und rissen alle aus den Betten, die noch in Morgenträumen lagen. »Bas'! Bas'! Der Feind kommt!« rief Dagmar, jäh vom Kissen fahrend; und die alte Dame lallte, noch halb vom Schlaf befangen: »Bete, Kind! Bete! Wir sind arme Frauen!« Als aber Dagmar jetzt vor ihrer Bettstatt auf den Knien lag, richtete sie sich mühsam auf und strich mit ihrer sanften alten Hand das wirre Haar von der Stirn ihres Lieblings: »Ei, Kind«, sprach sie, während die Schläge immer lauter dröhnten, »das ist die Holzaxt, es ist ja nimmer Krieg!«

Ein Rauschen wie von hundert Adlerflügeln, der Donner eines furchtbaren Sturzes machte in diesem Augenblick die dicken Scheiben des Gemaches klirren Dagmar war totenbleich, und ihre Hand zitterte in der der Base; die aber lächelte: »Es ist ja nichts, Kind; sie haben einen Baum gefällt!«

Aber in Dagmars großen Augen stand der Schrecken: »Einen Baum? O Bas', ich dachte, der Himmel falle ein!«

Die Base schüttelte den Kopf: »Es kam ja von der Gartenseite; hörtest du das nicht?«

Dagmar griff plötzlich nach ihren Kleidern und begann sie über sich zu werfen. »Ja, Bas', ich glaub; ich will hinab!«

»Du töricht Ding!« rief die Base. »Was kümmert dich der Baum? Die Vögel sind ja kaum vom Nest geflogen.«

Aber das Kind, dem der Atem stockte, war selber schon hinabgeflogen; und die Alte faltete zum Morgengebet die Hände; durch das kleine Fenster fielen die ersten Morgenstrahlen.

– – Nicht lange danach trat der Schloßhauptmann in den Garten; die Dogge Heudan folgte ihm. Als sie bei den Zinnen hinaustraten, stand der Hund und schaute wie verwundert vor sich hin: die Pappel, wo war sie denn? Dann wandte er den Kopf und lief plötzlich in Sprüngen ein Stückchen seitwärts auf die Mauer zu.

»Dagmar?« rief der Ritter. »Du hier? So früh?«

Sein Kind stand reglos an den Zinnen und starrte in die Tiefe: sie schien ihn nicht zu hören; ihre Händchen hielt sie übereinander auf die Brust gedrückt, als müsse sie den Tod gefangenhalten.

»Dagmar!« rief er angstvoll. »Was ist dir? Bist du krank geworden?«

Da wandte sie sich und sah ihn an.

»Kennst du mich nicht? Ich bin's, dein Vater!« rief er und zog sie mit sanften Händen zu sich.

Ein Schrei entfuhr ihr: »Oh, er kommt nimmer wieder!« Dann brach sie in ihres Vaters Arm zusammen.

Ratlos blickte er auf das schmale Antlitz: die Wimpern der geschlossenen Augen lagen ruhig auf den blassen Wangen; aber das Herz schlug so gewaltsam, als wollte es die kleine Brust zersprengen. Leis neigte er sich an ihr Ohr: »Dagmar, mein Kind wer wird nicht wiederkommen?«

Ihre Lippen regten sich, aber ein Wort war nicht zu hören.

»Wer, mein vielliebes Kind?« wiederholte er. »Ich will ihn suchen helfen!«

Da flog ein selig Lächeln über das blasse Antlitz: »Rolf!« hauchte sie; und noch einmal wieder: »Rolf!«

»Weiter!« rief er hastig. »Wie weiter? Der Name läuft auf allen Gassen!«

Aber sie vermochte nur leis den Kopf zu wiegen, als sei das alles, was sie wisse.

»Rolf? Wer ist Rolf?« frug sich der Ritter. Zorn gegen den, der seinem Kinde das angetan hatte, brauste betäubend in ihm auf; aber er durfte jetzt nicht schelten, was sie liebte: ihr Leben hing daran. Des Schreibers Gaspard Nachricht tauchte in ihm auf: ein Junker, ein ritterlicher Mann doch mußte es gewesen sein! Da schlug ein furchtbarer Gedanke ihm durchs Hirn: »Dagmar«, sprach er bebend, »besinne dich! Nicht wahr, er trug einen Rock, einen Gürtel mit Stickereien? War kein Wappentier, zahm oder Gewild, darauf gestickt?«

Er starrte lange vergebens auf ihr Antlitz; dann bewegten sich ihre Augen unter den geschlossenen Lidern: »Ein Geier!« sprach sie leise.

Wie von jähem Stoß getroffen, fuhr der Ritter auf: »Rolf Lembeck!« schrie er. »Verfluchter! Das gilt dir deinen Tod!«

Das Kind aber schlang die Arme fest um seinen Hals: »Vater! Mein Vater!« schrie sie. »Oh, ich sterbe!«

Der Augenblick, den des Königs Arzt vorgesehen hatte, schien gekommen. Zwiefach gespitzt hatte der Pfeil ihr Herz getroffen; sie sprach nicht mehr; erbarmungslose Gichter warfen den jungen Körper in ihres Vaters Armen hin und wider.

Still trug der Ritter sein Kind ins Schloß zurück; Heudan, die Dogge, folgte mit gesenktem Haupt.

»Mariä Heimsuchung!« murmelte der Mann. »O heilige Mutter, nimm mein Kind in deinen Schutz!«

– – Aber die Mutter Gottes war nicht die Hüterin der Minne. – Ein Bote auf schnellstem Rosse ritt nach Schleswig, um einen sicheren Medikus zu holen; inzwischen legte die Base mit zitternder Hand kühlende Binden um das Herz des Kindes, und ein Chirurg aus Haderslev ging ihr dabei zu Hilfe; am Fuß des Bettes stand der Schloßhauptmann: »Die Tränen helfen nicht!« sprach er leis und biß die Zähne aufeinander.

– – Als aber die Dämmerung herabfiel, brachen jenseit des Gartens junge mutige Schritte aus dem Holz hervor; doch sie stockten plötzlich, da sie den Waldesrand erreichten. Es war lautlose Stille weit umher; nur eines war anders, als es sonst gewesen: im Wege vor des Anschreitenden Füßen lag der gestürzte Baum, und droben über der Mauerzinne, wo sonst die Pappelblätter flüsterten, stand die leere Luft.

Dem drunten mochte bald wohl alles anders erscheinen; denn statt des dunklen Köpfchens mit dem Silberreife sah er plötzlich die Gestalt eines starken Mannes dort oben an der Mauer. »Rolf Lembeck!« hörte er es wie im Traume herunterschallen; ihm war, als führe die Hand des Mannes nach dem Schwerte; es kümmerte ihn nicht, es war nur wie Gespensterspiel vor seinen Augen. Wie es geworden, wann er von dort gegangen sei, er wußte später nichts darüber.

– – An manchem Tage noch, im Mondlicht und im Sonnenscheine, stand Rolf Lembeck unten an dem Waldesrand. Die Tage wurden kürzer, der September begann das Laub zu färben, und nur Krähen und Falken schrien noch im Walde; aber fortan sah er droben nie ein andres als die kahlen Mauerzinnen, und kein Weg, keine Kunde war zwischen ihm und ihr.

Das waren Minnequalen, wie er noch nicht empfunden hatte, und sie gruben ihre Spuren in sein hoffnungsfrohes Antlitz und löschten den Glanz in seinen blauen Augen.

O Minneleid, o sehnende Not,
Euch will ich tragen
Sonder Klagen
Vom Morgen- bis zum Abendrot.
Nur nicht, wovon zu sagen:
Kein Leben und kein Tod!

So klagte er. Aber sie, die Eine, hörte es nicht; ein andrer war es, der ihre Hand zu fassen kam.

 

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