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Ein Fest auf Haderslevhuus

Theodor Storm: Ein Fest auf Haderslevhuus - Kapitel 5
Quellenangabe
typenovelette
booktitleDie schönsten Novellen, zweiter Band
authorTheodor Storm
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft
addressBerlin
titleEin Fest auf Haderslevhuus
pages273-334
created20000802
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1885
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Durch alle Gefahren aber fand die Minne ihren Weg. Rolf, der Leichtlebende, wie das schuld- und truglose Kind, sie waren beide plötzlich klug geworden und reich an Plänen und an Listen; denn Minne schärfte ihre Sinne und gab ihnen zum Schild die träumerische Vorsicht. Und alles fügte sich, als ob es helfen sollte: die Base hatte bei dem Nachtgang ihren Fluß im Kopf verschlimmert; den Schloßhauptmann hielt der König noch in Wordingborg. Rolf Lembeck zwar erkaufte sich bei seinem Weibe nur durch erzwungene Zärtlichkeit die flüchtigen Stunden seines echten Minneglückes; und mitunter, wenn er sie umfangen wollte, setzte sie ihre schöne Faust gegen seine Brust und sah ihm prüfend in die Augen, ob seine Seele auch dabei sei; und so geschah es unterweilen, daß sie plötzlich seine Arme von sich warf und schweigend aus der Tür schritt. – Und als zu Haderslevhuus der Schloßhauptmann aus Wordingborg heimkam, da trug ihm wohl die Tochter ein schweres Herz entgegen, und als er ihr die Wangen strich und frug: »Was ist mit meiner Dagmar?«, da schüttelte sie nur den Kopf und sah zu Boden und nicht wie früher in das geliebte und gefurchte Antlitz über ihr; und zu sich selber sprach sie: »O brennend Leid! Wem soll ich reden, wem soll ich schweigen?« Doch es ward nicht laut; sie schwieg nur für den fremden Mann, und ein Weh durchflog sie wie einstmals in der Pestzeit, als sei sie nicht mehr ihres Vaters Kind; doch war es heute nicht ihres Vaters Schuld.

So schien die Heimlichkeit geborgen; aber ein Durchblick von eines Sandkorns Umfang konnte sie verraten. Schon mehrmals hatte Frau Wulfhild ihren Schreiber angehalten: »Nun, Gaspard, wo bleibt die Puppe?« Und er hatte geantwortet: »Verzeihet, Frauenwünsche sind schneller noch als Mannesarbeit!« Gleichwohl trug er schon etwas in seinen Sinnen; nur wollte er es unreif nicht herausgeben. Er hatte auch einmal vom Wege aus des Schloßhauptmanns Tochter über die Gartenmauer lehnen sehen; und auch zu ihm hatte die Dogge, die mit den Vordertatzen zwischen den Zinnen stand, das gewaltige Gebell hinabgesandt. »Hm, ein Kind noch!« hatte er bei sich gemurmelt; »ein Kind mit einem Hunde! Und doch – auch bald nicht mehr; wer weiß?«

Und eines Morgens sprach er zu dem Ritter: »Wisset, Herr, drunten in Haderslev hat ein junger Schmied, der eben aus dem Reich gekommen ist, ein neues Schießwerk heimgebracht; es ist ein eisern Rohr und wird mit einem Pulver draus geschossen! So's Euch gefällt, wir könnten einmal hinüberreiten!«

»Heiliger Hubertus!« rief Herr Rolf; »kümmert Gaspard der Rabe sich auch um Schießzeug?«

Der Schreiber warf von unten seine scharfen Blicke auf den Frager: »Wenn ich nur treffen könnte!« sagte er.

Da lachte Rolf Lembeck: »So komm! Ich kenne die Feuerröhre schon von Prag; wer weiß, ob nicht dein Treffer drin sitzt!«

»Vielleicht«, erwiderte Gaspard, und da der andre nach dem Reitstall schritt, sah er ihm nach, als sähe er auf seine Beute.

In kurzem ritten sie nach Haderslev. Es war zu Ende Juni; Rolf hatte sein Mäntelchen schon auf des Rappen Hals gelegt, denn die Sonne brannte; Gaspard warf die Gugelkappe in den Nacken. So ritten sie in dem goldnen Staub der Heerstraße durch das Kirchdorf Hammelef; die Bauernkinder lagen im Sande vor den Hütten und wiesen mit den Fingern auf den schmucken Reiter. Von da führte der Weg durch den Wald, und die Rosse traten vorsichtig zwischen die Eichen- und Buchenwurzeln. Der Ritter blies den Atem von sich: »Ah, Gaspard, das ging schier ums Gesottenwerden!«

Der Schreiber nickte nur; er hatte Gedankenarbeit. Der Wald hörte auf, und wieder kam der Sonnenbrand; nach einer Weile ein Hügel mit hohen Bäumen, an dem zur Linken sich eine andre Holzung hinzog; oben aus den Wipfeln sah die Krönung eines stumpfen Turmes. Wie eine Gabel teilte sich der Weg nach rechts und links; und Gaspard, als ob es sich von selbst verstehe, spornte seinen Fuchs zur Linken in den Waldweg, er wollte an der Gartenwand vorüber, um dort des Ritters Mienen und Gebaren zu erforschen; doch da er umblickte, sah er sich allein; der Ritter war schon nach Osten auf dem Wege durch die freie Landschaft.

Gaspard wandte sein Pferd und ritt bald wieder neben ihm. »Ei, Herr«, sprach er, »was meidet Ihr den Schatten und reitet den weiteren Weg hier in der Sonnenglut?«

Der Ritter sah lachend von seinem Hengst auf ihn herab: »Ich wußte nicht, Gaspard, daß du die Sonne fürchtetest!«

»Ich bin kein Ritter, Herr«, sprach Gaspard und zog sich seine Gugelkappe in die Stirn. »Ist in dem Schlosse droben etwas, das Euer Auge haßt?«

»Meinst du«, erwiderte Rolf Lembeck fröhlich, »daß man nur meidet, was man haßt?« Doch, als besänne er sich plötzlich, fügte er hinzu: »Wohl seh ich lieber das freie Land hier als auf des Dänenkönigs Burgen; mir ist, er spinne wieder Unheil!« Der Zusatz kam zu spät, denn als er auf den Schreiber blickte, sah er dessen Kopf sich seitwärts drehen und mit der Nase nach der Erde fahren, daß ihm der Kappenzipfel um die Schulter schwenkte. »Holla, Rabe!« rief er. »Wonach trachtest du?«

»Ihr wisset, Herr«, entgegnete der Braune, »ich sehe bisweilen Dinge, die nicht da sind.«

»Und was Beute sahst du denn dorten auf dem Sande?«

»So Ihr es wissen wollet – nur eines Fädleins Ende! Ich dachte töricht, es sei schier mitzunehmen; doch – Ihr habt recht, warum sollen wir die Königsburg betrachten!«

»Ei, Gaspard«, rief der Ritter, »wozu der Faden! Hier ist kein griechisch Labyrinth!« Doch plötzlich überkam es ihn, als stehe er mit Dagmar vor aller Welt auf offenem Markt, und aus dem Haufen glühten seines Weibes Augen auf das arme Kind.

Gaspard blinzelte mit verkniffenem Lachen auf den jungen Herrn und ließ dann seinen Fuchs nach hinten gehen. So ritten sie, jeder in eignen Gedanken, in die Stadt.

– Was mit dem Feuerrohr geworden, vermag ich nicht zu sagen; aber ein andres. In Holstein, in einer engen Gruft, mußten die Würmer sich durch einen Sarg gefressen und von dem gemunkelt haben, was sie in dem toten Manne gefunden hatten, der, als er oben ging, Hans Pogwisch hieß.

Am Nachmittage, da Rolf Lembeck mit dem Schreiber das Haus des Schmiedes verlassen hatte, saß in der Gaststube des »Schwarzen Stiers« zu Haderslev ein wüster Holstenkerl; er wollte zu König Waldemar, der wieder einmal Kriegsleute sammelte; ein paar Gesellen, die ihm nicht ungleich sahen, hielten ihn trunkfrei, denn er war ebenso maulfertig im Trinken wie im Reden. »Ihr habt das Weibsstück nun nahebei!« rief er; »die macht nicht viel Federlesens, und schmuck ist sie, daß sie den Teufel verführen könnte!« Er stützte den schweren Kopf in seine Hand und streckte die andre breithin auf den Tisch: »Die Königlichen hatten ihr den Mann, der seinem Weib die ganze Ehefröhlichkeit verdorben hatte, zu ihrer Freude so verhauen, daß schon der Gottseibeiuns am Bettrande saß, um mit der Seele abzufahren. Aber – das wissen wir selber! Unkraut und Disteln vergehen nicht so leicht; und eines Tages wurde seine Nasse wieder rot und kreuzfidel!«

Der Kerl lachte und nahm sein Glas: »Ein Satansweib! Möge der Teufel ihr weiterhelfen!« Und die Gläser der drei Halunken klirrten aneinander.

An einem andern Tische saß ein Herr, jung und im goldgestickten Rock; er war schon aufgesprungen und hatte die Hand am Schwertgriff, um die Kerle abzufuchteln; denn er wußte, es war sein Weib, das ihre schmutzigen Mäuler schändeten. Aber er setzte sich schweigend wieder: er mußte hören; das war besserer Gewinn.

Und mit heimlicherer Stimme begann auch schon wieder der Bettelgast am andern Tische; aber er hatte sich zuvor noch erst sein Stück gelacht: »Der wunde Ritter, ich sagt's euch schon, hub an, seine Fäuste wiederum zu fühlen; da« – und der Kerl stieß mit seinem Becher auf den Tisch – »da hatte sie auf einmal Ratten zu vergiften! – Ich glaub, es ist auch wohl eine Ratte mit krepiert; aber es glückte wunderbar: am andern Morgen war sie eine frohe Witwe!«

»Mordbrand!« rief einer von den andern. »Gar eine Ritterfrau und hier? Wie heißt sie denn?«

Aber der Kerl wischte sich den Mund und hob mit trunkener Feierlichkeit die flache Hand: »Das bleibt bei mir! Ich bin von ihrem Hof; ein Hundsfott, der seinen Herrn verrät! Möchte nur der Folgmann des armen Vorwirts nicht geworden sein!«

Er leerte sein neu gefülltes Glas und stand taumelnd auf; als er an Rolf Lembeck vorüberkam, sah er ihn mit verglasten Augen an und strebte taumelnd nach der Tür.

Gleichzeitig war Gaspard in das Gemach getreten, der auf Einkauf für seine Herrin in die Stadt gewesen war, und Rolf drängte zur Heimfahrt. Auf dem Rückweg ließ er den Schreiber vor sich herreiten: er wollte weder seine noch eines andern Menschen Rede hören; ihm war's, als wenn das Hirn ihn friere und gössen Eisstrahlen sich hinab durch seinen Rücken! Nicht seines Weibes dachte er zunächst; nein, Dagmars; und daß zu ihr ein furchtbarer Rettungsweg sich aufgetan.

Als er zu Dorning ins Gemach trat, kam Frau Wulfhild mit ausgestreckten Armen ihm entgegen; aber er griff sie an beiden Handgelenken und hielt sie von sich; mit entsetzten Augen sah er auf ihr Antlitz.

Sie erschrak. »Was ist dir?« rief sie auffahren; »bist du auch toll geworden?«

Da ließ er schweigend ihre Hände fahren und schritt in den Hof hinab. Das Weib aber stand plötzlich ohne Regung: »Was war das?« stammelte sie kaum hörbar.

 

Nach einigen Tagen stand der Schreiber in Frau Wulfhilds Kemenate.

»Hast du die Puppe?« frug sie hastig.

Er wiegte seinen kleinen Kopf: »Ich habe sie und habe sie auch nicht.«

»Das heißt?«

»Ich wette, es ist das Fräulein von des Königs Burg.«

»Des Schloßhauptmanns Tochter? – Ein Kind!«

Er spreizte seine Finger: »Erlaubt, das pflegt sich beim ersten Kuß zu wandeln; und überdies – das Neue ist ein Dämon!«

Sie war vom Sessel aufgesprungen und schritt mit funkelnden Augen auf und ab; ihre Finger griffen in ihr Sacktuch, als sei's ein lebend Wesen, das sie würgen müsse.

»Das Spielzeug könnt Ihr nicht nehmen«, sagte Gaspard wieder; »doch wenn das Spielzeug nicht vom Kinde kann, so muß das Kind vom Spielzeug!«

»Was heißt das? Rede deutlich!«

»Sind hier die Wände sicher?«

»Das weißt du selber«, erwiderte Frau Wulfhild und warf sich in den Sessel. »Nun rede!«

Und Gaspard setzte sich zu ihren Füßen auf den Schemel, den sie ihm gewiesen hatte. »Ihr habet, edle Herrin«, begann er leise, mit Fingerspiel sein Wort begleitend, »meine Maulwurfsarbeit nicht gesehen, aber ich habe sie getan. So leiht mir nun ein hörend Ohr! – Die unruhigen Herren in Holstein spinnen einmal wieder etwas gegen den König Atterdag« – er sah sich um; dann fuhr er fort: »Sie hatten Euren Schwäher auch zum Rat berufen; Ihr wisset, der gewaltige Herr hat etwas von der Fledermaus: beim Wolfe heut und morgen bei den Falken; und so wollten sie seiner diesmal sicher werden. Aber er bauet die Burg dort auf der Insel und kann nicht fort von dem wilden Bauvolk«, Gaspard senkte seine Nase: »Wollet nicht fragen, wie ich das erfahren habe; aber ich suchte einen klugen Boten und schrieb an Herrn Claus Lembeck, daß bei Euch ein treuer Mann entbehrlich sei, wenn anders Treue im nächsten Blute liege; ich schrieb auch, es kommen Eurem Wunsch entgegen, des Ehegemahls auf eine Weile zu entraten.«

»Mich will bedünken«, rief das Weib, »du bist noch eigenwilliger als klug! Und Claus Lembeck« – setzte sie hinzu –, »wie lautet seine Antwort?«

Der Schreiber nestelte an seinem Rock und reichte ihr zwei Papiere. »Solange«, sprach er, »der alte Ritter nicht des Königs ist, sind die Wünsche der Schauenburgerin ihm Befehl! Hier ist ein Brief für Euch, und nebenbei, wenn Ihr sie wollet, die Berufung für Herrn Rolf Lembeck!«

Die Frau griff nach den Briefen und las sie. »Du nimmst mir den Gemahl und sollst ihn mir doch wahren!« sprach sie seufzend.

»So lasset mich schreiben, daß Ihr ihn nicht missen könnt!«

Da war sie aufgestanden; den Kopf emporgeworfen, die eine Hand an ihren Lippen, stand sie da wie in die Weite schauend; dann reichte sie dem Schreiber ihre andre Hand: »Mein weiser Rabe! Ich bin zufrieden, schick mir deinen Boten; ich werde an Claus Lembeck schreiben, Rolf wird diesem Vater nicht zuwiderhandeln.«

»Ich wußte es, Herrin; Ihr seid nicht wie die andern.« Er küßte ihr Gewand; dann wurde er entlassen.

– – Am Abend dieses Tages schritt Rolf Lembeck nach der Gartenmauer zu Haderslevhuus, und Gaspard der Rabe schlich unmerklich hinterdrein; er wollte nähere Bestätigung für einen neuen Anschlag, den er im Kopfe trug.

Spärlicher Nachtschein zitterte durch die Buchenkronen; nur wenn der Ritter durch eine Lichtung ging, huschten wie blaue Funken die Johanniskäfer um ihn her, und die Nacht war lau und still. Sein Weib hatte nicht versucht, ihn zu halten; dennoch ging er langsam und in schwerem Sinnen, und er hörte nicht auf den Schritt, der in den seinen trat. Nicht nur was er im »Schwarzen Stier« erfahren hatte, ein andres noch war ihm gekommen! Ein Wort, das es als Knabe von seinem Vater vernommen hatte. Ein Graf von Orlamünde hatte derzeit von seinem Weibe wollen, um eine Schönere zu freien; aber kein Laie hatte zwischen den beiden Eheleuten den gemeinsamen Blutstropfen finden können, der fähig war, den Bund zu lösen. Da machte der Graf ein gut Teil seiner Habe zu Gold und zog nach Rom; und bald auch kam er mit heiterem Antlitz heim: zwar ohne Gold, aber mit dem Pergament des Heiligen Vaters in der Tasche, das wegen zu nahen Blutes die Ehe aufhob. »Beim heiligen Bart«, hatte Claus Lembeck da gerufen, »der Teufel konnte es nicht; der Papst hat es herausgefunden!«

Der Knabe Rolf hatte das Wort gehört und nicht geachtet; jetzt kam es aus der Tiefe, wo das Gedächtnis die Schätze für die Zukunft hütet. »Und wenn dem Orlamünder, warum nicht mir?« rief es in ihm. »War meiner Großmuhme Gemahl doch ein Vetter von den Schauenburgern!« Dann dachte er des andern: »Wenn ich es brauchen müßte, das bricht die Kette!« rief er laut, und mit kräftigeren Schritten ging er weiter.

Der Rabe Gaspard war auf seinen Fersen; und als nach einer Weile der Ritter sich droben aus den dichten Zweigen in die zarten Arme schwang, da war der Laurer an dem Waldrand u sah, was keines Menschen Auge hätte sehen sollen. Denn in dem Ritter war alle ungestüme Liebesnot und Hoffnung aufgesprüht; »Rolf, Rolf! Du tötest mich!« rief Dagmar, als er sie in seine Arme preßte.

Da ließ er sie plötzlich und starrte über die Mauer in den Grund hinab. »Hörtest du es, Dagmar? Da drunten lachte was!«

Sie aber wandte das süßeste Antlitz zu ihm: »Fürchtest du dich, Rolf?«

»Ja – Dagmar; wer dich im Arm hält, muß sich fürchten!«

»Doch nicht vor Ringeltauben! Ich hörte es auch, es kam dort aus der Bucht.«

Er warf noch einen Blick hinab, dann zog er sie auf die Bank, wo vom Weg herauf kein Auge sie erreichen konnte. Die Nachtigall hatte ausgesungen; fast keines Atemzuges Regung war in der Nacht; wie müde legte Dagmar den feinen Nacken auf seinen Arm, und ihre dunklen Augen wollten nichts als ihn. Dämmerung war es, denn der Mond war rund und wieder schmal geworden und stand mit seiner Sichel über den Bäumen in Südost. Rolf Lembeck sah grübelnd in die Nacht hinaus.

»Nimm! So nimm doch, liebster Mann!« hauchte das Kind und bot ihm ihre roten Lippen.

Aber er drückte wie in Angst ihren Kopf an seine Brust: »Nicht mehr, o Süße, Selige!«

Da lachte sie und riß das dunkle Köpfchen wieder gegen ihn auf: »Um was? So nimm doch, was dein ist!«

Aber der Mann stöhnte, in Wonne halb und halb in Schmerz: »O Dagmar, ein Feuer ist die Minne; es soll dich nicht verbrennen!«

Sie verstand ihn nicht; sie frug auch nicht, nur als seine Lippen jetzt flüchtig ihre Stirn berührten, klagte sie: »Das ist ja nicht der Weg zum Herzen! Zürnst du? Was hab' ich dir getan?«

»Du, Dagmar?« rief er, und seine Augen leuchteten wie blaue Sterne, »du fülltest mir das Herz mit Wonne; soll ich Todesnot in deines bringen? Hör mich an, du Schöne, Unirdische! Mir ist es oft ein Wunder, daß meine Hände dich berühren können; mir ist, als seiest du mein holder Schattengeist, von dem die alten Mären sagen, zwischen Lilien aus dem Mondscheinsee zu mir emporgestiegen; mir träumt zu Nacht, daß Flügel an deinen zarten Schultern sprießen, daß du mich fortträgst, weit aus dem Wirrsal meines jungen Lebens!«

»O nein, nicht so, nicht so!« Flehend bat sie ihn, und ihre Hände legten sich auf seinen Mund; »du täuschest dich; ich bin nur ein Erdenkind, o Rolf, die sterben vom Hauch der Luft! Ich weiß es!«

Anbetend sah der Mann sie an.

Da glitt sie ihm zu Füßen, ein gespenstischer Glanz brach aus ihren Augen. »O Liebster, kein Leben, kein Sterben ohne dich!«

Er zog sie sanft zu sich herauf: »Erst leben, Dagmar! Wir zusammen – möchtest du das nicht?«

Sie nickte nur; aber der Atem stand ihr still, als ob sie Wunder hören solle.

»So muß ich dich um Urlaub bitten!«

»Urlaub?« rief sie erschreckt. »Du willst fort?«

»Nur auf zehn Tage, Dagmar! Am Abend nach Mariä Heimsuchung bin ich wieder bei dir!«

»Zehn Tage! – Oh, das ist lange!«

Er strich ihr liebkosend das lose Haar unter ihren Silberreif: »Ja, Dagmar, lange! Aber ich muß zu meinem Vater!«

Sie blickte ihn plötzlich wie verwundert an: »Hast du auch einen Vater?« frug sie zaghaft.

»Hast du doch einen, Liebste!« sprach er. »Und meiner soll uns helfen, daß ich mit ihm durchs Schloßtor zu dem deinen trete und dich zum Ehegemahl begehre!«

Ein selig Lächeln überflog das Angesicht des Kindes: »O Rolf, welch ein Glück!«

Es fiel ein Regentropfen, ein langer Donner rollte über ihnen. »Gott hat's gehört!« sprach er.

»Sag noch einmal«, bat sie, »wann kommst du wieder?«

Er neigte sich und flüsterte es noch einmal in ihr Ohr.

»Gewiß?«

»Glaubst du, ich könnte den Weg vergessen?«

»Nein, nein!« – Sie waren aufgestanden, Dagmar hing an seinem Halse; aber die Donner rollten stärker, und die Blitze flammten, vom Turme herab scholl das Wächterhorn. Noch einen Kuß, noch einmal, als wie auf ewig, Brust an Brust; dann war nichts als Nacht und Wetterschein auf diesem Platze.

– – Bevor Rolf Lembeck sein Haus erreichte, war Gaspard heimgekommen, und Bericht und Anschlag waren zwischen der Herrin und ihrem Diener schon zu Ende; als der Ritter in das eheliche Gemach trat, lag Frau Wulfhild wie schlummernd auf ihrem Lager. Doch obschon sie in voller Weibesschöne dalag, ihres Mannes Augen sahen an ihr vorüber, und seine Hand griff nur nach einem Schreiben, das auf einem Tischchen lag, auf dem er seines Vaters Hand erkannt hatte. Als er es hastig aufgerissen, flog es wie Schrecken halb und halb wie Staunen über des Weibes Antlitz, und ihre Augensterne blinzelten heimlich durch die Lider, denn Rolf Lembeck hatte zufrieden vor sich hingenickt. Dann streckte er sich ruhig auf sein Lager.

 

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