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Ein Fest auf Haderslevhuus

Theodor Storm: Ein Fest auf Haderslevhuus - Kapitel 3
Quellenangabe
typenovelette
booktitleDie schönsten Novellen, zweiter Band
authorTheodor Storm
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft
addressBerlin
titleEin Fest auf Haderslevhuus
pages273-334
created20000802
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1885
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Flitterwochen, in denen die Jungfrau sanft zum Weibe reift, hatte es auf Dorning nicht gegeben; die gehörten dem Toren, der mit zerhauenem Schädel in der Grube lag. Statt dessen war die Leidenschaft des Weibes; doch nur in den Stunden der Minne war Frau Wulfhild ihrem Manne untertan; zu andrer Zeit war ihr eigner Wille schwer zu beugen. Wie kampfgerüstet ging sie schon in der ersten Wochen zwischen Gewappneten über alle Teile der Feste; dann schritt sie zu ihrem Eheherrn: »Traust du dem Atterdag? Ich nicht!« Und verlangte hier ein Tor oder Fallgitter, dort einen weiteren Graben.

In manchem tat er ihr den Willen, in anderm blieb er hart und sprach dagegen: »Meinem Vater ist's so recht gewesen! Nimm deine Kunkel und sorg für Kinderhemde!« Dann ward sie zornig, und es gab üble Worte; kam es, daß es auch ihm wie Funken aus den Augen sprühte, dann konnte sie sich jäh in seine Arme werfen: »Halt, Rolf! Du bist zu schön! Da hast du mich; ich will nichts mehr!«

Dann ward wohl Friede; aber dem Ritter wurde nicht warm in seiner Ehe; es schien, als sei die Freude ihm verlorengegangen.

– – Es war zu Nachmittage im Anfang Juni, und die Luft war lieblich; stundenlang waren Frau Wulfhild und ihr Ehegemahl durch ihr Gebiet geritten; aber für ihn war es kein leichter Ritt, denn ihre raschen Augen flogen weit umher, und unter ihrer gewölbten Stirn arbeitete es dabei von neuen Plänen: wo Wald war, wollte sie Ackerfeld, und wo das Feld zu dürre schien, da wollte sie Kiefern- oder Tannenwälder. »Wir müssen Schatten säen!« rief sie, da sie eben in einen Waldbezirk hineinritten. »Fühl nur, wie wohl das tut!« Der Pfad war so schmal, daß die Pferde nur einzeln schreiten konnten; sie ritt voran, der Schreiber Gaspard, den sie als Berater mitgenommen hatte, war der letzte. Das Klopfen der Spechte oder unsichtbar über ihnen der Schrei eines Raubvogels war außer dem Tritt der eignen Rosse alles, was sie hörten; und über Mann und Weib kamen die Gedanken, die nicht laut werden; aber ihre Wege gingen nicht zusammen.

Der Wald hörte auf, und sie ritten aus dem beklommenen Bodendunst wieder in das Freie. Am Westhimmel war schon ein sanftes Rot erglommen; das Geißblatt, das voll Blüten an den Wällen hing, erfüllte die Luft mit Wohlgeruch, daß sie wie in ein wollüstig Meer von Duft hineinzogen. Rolf blickte nach seinem Weibe, das jetzt ein Stück zurückgeblieben war; dann wandte er wiederum den Kopf und sah ins Abendrot; da sprengte sie plötzlich an seine Seite und drängte ihren Schimmel hart an seinen Hengst; als aber Rolf die Schwere ihres Hauptes an seiner Brust fühlte, fuhr ein Sporenstich dem Hengste in die Weichen, daß er mit einem Satz zur Seite sprang. »Verzeih, Wulfhild!« rief der junge Reiter, indem er das Tier zusammendrückte, »der Hengst ist Menschenminne nicht gewohnt!« Das Weib ritt zu ihm und faßte mit ihrem kräftigen Arm um seine Hüfte, mir ihren funkelnden Augen nach den seinen suchend; vor ihm aber stieg die zierliche Gestalt eines böhmischen Schätzchens auf, deren Lippen er einst gestreift und das er kaum vergessen hatte, und grollend sprach er zu sich selber: Die du freitest, ist kein Weib zum Minnen; und wenn nicht dazu, wozu denn anders?

Hinter ihnen ritt schweigend Gaspard der Rabe; er sah mit seiner Schnabelnase schief zur Erden und spielte mit der Kugel seiner Mütze, als ob er an einer Schellenkappe läutete.

Die Pferde gingen jetzt ruhig, und wieder nordwärts lag ein Wald vor ihnen. Das Dunkel kam nicht nur von seinen Schatten; die Dämmerung war stark herabgesunken, und im Osten begann der Mond den letzten Tagschein zu besiegen. Da fuhr es vor ihnen von einer schwarzen Tanne mit einem Satz zu Boden, daß Rolf Lembeck sich jäh aus seinen Träumen aufhob. »Hallo! Was war das, Gaspard?« rief er und riß seine zierliche Armbrust von dem Rücken.

»Eine Wildkatz, Herr! Seht nur, am Stamme sitzt sie noch, der Breitschwanz, und faucht Euch mit ihren spitzen Zähnen an!«

»Ein edel und ein übel Wild!« sprach der Ritter leis und sprang von seinem Hengste. »Nimm ihn am Zügel, Gaspard!«

Frau Wulfhild griff nach seiner Hand: »Laß doch die Katze! Daheim ist besserer Zeitvertreib!«

Es trieb ihn dennoch fort: »Reitet nur heim!« rief er; »ich komme früh genug!« Damit entriß er seine Hand der ihren.

Als aber die Dame, rot vor Zorn, den Weg nach Dorning eingeschlagen hatte, sprengte Gaspard mit den beiden Rossen ihr zur Seite: »Ereifert Euch nicht, edle Herrin! Die Wildkatz ist nächtens nicht zu jagen; lasset den Ritter daheim ein edler Wild im Lager finden!«

– – Sie ritten fort. Rolf Lembeck aber drang in den dunklen Wald, aus den Tannen kam er in den Buchenforst; er stand an jedem starken Baum und lugte nach allen Ästen, ob nicht die Lichter des Raubtieres irgendwo herunterfunkelten, aber über ihm war so schwere Waldnacht, daß nur wie Tropfen das Mondlicht hie und da hindurchfiel; zu hören war nichts als nur das Knicken des Unterholzes, das er durchschritt, auch wohl das Zirpen einer Eulenbrut. Er blieb stehen und warf die Armbrust wieder auf den Rücken: »Du warst ein Narr; hier ist kein Jagen in der Finsternis!« Seine Gedanken flogen heim zu seinem Weibe; doch er schüttelte den Kopf: »Nein, nein, Frau Wulfhild« – er sprach es laut in die einsame Nacht hinaus –, »eine Schlachtjungfrau wärst du wohl eher; und hat auch schon ein wundgehauener toter Mann an deinem Leib gehangen!«

Fast erschrak er über die eignen Worte, die die Stille um ihn her durchbrachen; aber er kehrte nicht um, er schritt weiter auf seinem nächtlichen Irregang. Da, von unweit vor ihm drang es an sein Ohr, so süß, als wollt es alle Sehnsucht wecken, die in ihm schlief. »O Nachtigall, selige Singerin!« rief er, seine Arme in das Dunkel streckend.

»Schon flog der Mai
Vorbei, vorbei,
Und bracht nicht, was minnewert!
Willst du sie künden,
Soll ich sie finden,
Die Fraue, die mein Herz begehrt?«

Bald stand er, bald ging er vorsichtig weiter, und immer nur dem Schalle nach. »Was hätt' ich bessere Führerin!« sprach er zu sich selber.

Der Wald ging zu Ende, und durch die Stämme sah er auf einen Sandweg, auf den der Mond seinen Schein herabwarf. Jenseit, in gleicher Helle, stieg eine jähe Hügelwand empor, und eine Zinnenmauer streckte sich auf ihr entlang. Rolf Lembeck betrachtete das genau; als aber seine Augen hinter Baumwipfeln den Oberteil eines runden Turms gewahrten, da wußte er, das sei die Gartenseite von Haderslevhuus, auf dem der Schloßhauptmann des Königs sitze.

Der Ritter schaute starr hinauf, als müsse er ein Wunder hier erwarten; aber nur der Nachthauch rührte dann und wann das Laub der Bäume, und in kurzen Pausen schlug am Waldesrand die Nachtigall. Doch wie ein jäher Schreck durchfuhr es ihn: dort oben zwischen den Zinnen lehnte jetzt ein Weib; nein, nicht ein Weib; ein Kind – er wußte nicht, ob eines, ob das andre. Den Arm mit einem weißen Mäntelchen verhüllt, neigte sie sich tief hinab; denn der Kehle der Nachtbeleberin entquollen jetzt jene langgehaltenen Töne: sehnsüchtig, nicht endenwollend, wie ein heißer Liebeskuß.

Rolf Lembeck stand unten im Waldesschatten, unbeweglich, mit verhaltenem Atem. »O Stunde, bist du da!« Seine Lippen flüsterten es nur; das sanfte Rauschen weiblicher Gewänder berührte von oben her sein Ohr; ein Atmen, mehr ein Seufzer, kam herab; und nun hob sich ein Antlitz, schmal und blaß, und legte sich auf das gestützte Händchen; das Mondlicht schimmerte auf einem Silberreife, der das dunkle Haar umfing.

Da befiel den Mann am Waldesrand die sehnende Schwere, die allein nicht mehr zu ertragen war; es drängte ihn hinaus ins Helle, und, die Arme ihr entgegenstreckend, rief er: »O Schöne, Selige! Gott woll' ein süßes Leben so süßem Geschöpfe geben!«

Sie erschrak und bog sich von der Mauer weg; doch dann besann sie sich: die Worte waren ja aus Meister Gottfrieds Tristan, nur daß sie in Frankreichs Zunge geschrieben waren! Sie hatte sie eines Tages gelesen; aber die Base hatte ihr voll Angst das Bucht entrissen; so etwas sei noch nicht für ihre Jugend! Nun kam der Reiz, zu zeigen, was sie wisse: »Das ist kein Landfahrer, der ist nicht zu fürchten!« sprach es in ihrem Innern; und als sie wieder sich erhob, erblickte sie drunten den schönen Jungherrn in blitzendem Gewande und sah das Mondlicht auf seinem goldenen Blondhaar spielen; denn er hatte sein Haupt entblößt und hielt die Kappe mit der Reiherfeder in einer seiner Hände, die er wie anbetend ihr entgegenstreckte. Da faßte sie Mut und rief ihm aus demselben Buche die Antwort: »Dé te bénie! Gott segne dich! Et merci, gentil Sir!« Aber ihre Stimme zitterte und wehte nur wie ein Hauch hernieder.

Gleichwohl, da er seine Kappe wie zum Gegendanke schwenkte, fügte sie zaghaft noch hinzu: »Seid Ihr ein Sänger, Herr?«

»Ein wenig, selig Fräulein!« rief er ihr entgegen. Aber eine Antwort kam nicht mehr herab, denn zu den Füßen des Kindes regte es sich und hob sich auf; vergebens mühte sie sich, den Kopf der ungestümen Dogge niederzuhalten, die schlafend dort gelegen hatte. Zwar neigte Dagmar sich und drückte den Mund an das rauhe Ohr des Tieres: »Still, Heudan, still! Darfst auch zur Nacht vor meiner Kammer schlafen!« Es wollt nicht verschlagen; die Dogge drängte die kleinen Hände fort, dann sprang sie mit den Vorderbeinen auf die Mauer, und ein hallendes Gebell scholl in den Weg hinunter.

Als der Hund sich wieder knurrend zu ihren Füßen gestreckt hatte, wagte auch Dagmar hinabzuschauen; aber es war nichts da, als nur der lautlose Mondschein und in Pausen noch der Schlag der Nachtigall. – Trunken, als habe ein Zauber ihn berührt, schritt Rolf Lembeck indes am Waldesrande seinem Hause zu.

 

Es war auch Dorning schon nach Mitternacht. In de hochbelegenen, aber geräumigen Kemenate lagen die Seidendecken von Arras noch unaufgeschlagen auf dem Ehebette; unweit desselben aber auf einem Tischchen war ein lecker Mahl gerichtet; vor zwei Plätzen – nicht sich gegenüber, sondern Seite an Seite – stand je ein silberner Pokal; ein Kränzlein früher Rosen hing an jedem und erfüllte das Gemach mit Duft. Doch die Speisen waren kalt und unberührt, der eine der schmalen Sessel leer; auf dem andern saß Frau Wulfhild wie ein steinern Bild, den Kopf auf ihren vollen Arm gestützt. Sie wußte nicht, wie lange sie so gesessen hatte; so ruhig der Leib schien, die Ungeduld des Wartens zehrte in ihrem Innern, und ihre Augen glühten dunkel über den heißen Wangen; wie sonder Gedanken hob sie eine Silberkanne und schenkte roten Wein in die Pokale, und mit der andern Hand sich müde in ihr Goldhaar greifend, nahm sie den ihren und rührte klirrend an den Rand des andern. »Komm! Komm, Rolf! Verschmäh nicht deine Rosen!« rief sie leise.

Sie war emporgesprungen, sie stieß ein Fenster auf und bog sich weit hinaus, in der hellen Nacht über die Wipfel der absteigenden Wälder schauend; aber kein Menschentritt, kein Wächterruf erscholl; nur der Nachthauch wehte ihr kühl entgegen und trug von unten aus dem linken Flügel einen Schall vorüber: ein Waffenklirren, ein Stampfen wie mit vollen Krügen, dazwischen heisere Männerstimmen und dann und wann das Lachen eines Knaben. Ein sechzehnjähriger Junker, Gehrt Bookwald, war am Morgen angelangt, um bei dem kaiserlichen Ritter »Reiterei und Gottesfurcht« zu lernen; der Lärm kam unten aus der Gesindestube. Frau Wulfhild lauschte: »Die Knechte bringen ihm den Willkomm!« sprach sie, und das blonde Antlitz des Knaben, der nun ihr Diener war, zog an ihr vorüber. Es schien wüst herzugehen drunten, und eine Stimme klang ihr gleich der des ersten Ehegemahles, wenn er unter Zechbrüdern in seiner Freude saß; sie schauderte, und das Knabenbild erlosch.

Allmählich ging der Tumult zu Ende; es wurde totenstill, ein Kauz nur schrie von einem Turm herunter. Plötzlich warf sie jäh das Fenster zu und sah sich wild im Zimmer um: das Haupt des Toten, dem sie hatte sterben helfen, hatte aus der Nacht sie angestarrt. Doch es war nicht hereingekommen; die Kerzen brannten hell und ruhig.

Und wieder saß sie unbeweglich, und die Qual vergebenen Harrens war nicht mehr zu tragen. Da gedachte sie eines Wundergürtels, den eine uralte Muhme ihr zum ersten Ehefeste mitgegeben hatte. »Es ist derselbe«, hatte sie gesagt, »den einst der Ritter an Ginevra gab; so du ihn umlegst, kommt dir nimmer ein Leid!« Aber die stolze Braut hatte derzeit Zaubermittel nicht vonnöten und warf den Gürtel achtlos von sich. Doch nun war andre Stunde, sie kniete bald vor dieser, bald vor jener Truhe und warf um des verschmähten Kleinods willen ihre Kostbarkeiten durcheinander; da endlich hielt sie den goldgewebten Gürtel in der Hand, und dort saß der Rubin, vor dessen Schein alles Ungemach verschwinden sollte. Sie legte ihn über ihr weißes Nachtgewand, und der schmiegte sich leicht um ihre Hüften; aber vergebens sah sie auf den milden Glanz des Steines; der mußte gegen andre Schmerzen sein.

Noch eine Weile trug sie es; dann, wie in Scham ob ihrer Schwäche, riß sie das Zauberstück vom Leibe und warf es von sich, daß der Stein heraussprang. Zornig zog sie das Gewand von ihrem schönen Leibe und bestieg das Ehebett, aber auch die Seidendecke wollte ihr keine Ruhe bringen. »Komm nun! Du sollst! Du sollst!« rief sie, als könne sie durch ihren Willen den Ehegemahl in ihre Arme zwingen. Aber er kam nicht; und das Bild des schönen Mannes, der doch ihr eigen war, peinigte sie wie ein Gespenst; und die Kerzen, die noch auf der Tafel brannten, wurden ihr unheimlich, als sei es zum Begräbnis.

Zitternd stieg sie von ihrem Lager und löschte alle bis auf eine; dann nahm sie ein Stundenglas vom Kamingesimse und stellte es in den kargen Schein. »Nichts andres will ich sehen!« sprach sie zu sich selber; »nur wie das Leben rinnt!« Und so lag sie gestützten Armes auf ihrem Kissen und blickte unablässig auf den rieselnden Sand; und war das letzte Korn hindurchgefallen, so stand sie langsam auf, das Glas zu wenden. Erst als im Dämmerscheine draußen der Wald erwachte und unter ihrem Fenster der Trupp der Arbeiter auf das Feld hinausging, war der schöne Leib in Schlaf versunken.

– Der Mann, um den sie solches litt, war längst auf einem Schleichweg in die Burg gekommen; keine Brücke hatte sich um ihn gehoben, kein Tor geöffnet; aber zu seinem Weibe zu gehen, hatte er nicht vermocht. Im äußersten Winkel des einen Flügels war eine fast leere Kammer, die er als Haussohn einstmals innehatte; dort auf einem harten Faulbett lag er unausgekleidet, den blonden Kopf auf beiden Händen; das Baumrauschen vor seinem Fenster hatte ihn selig eingewiegt.

 

Die Zeit war fast um eine Tagfrist weitergerückt; es war wieder Abend. Frau Wulfhild saß in ihrem Wohngemache, wo dunkel gemusterte Teppiche an den Wänden hingen; auch hier waren kleine Glasscheiben in den beiden Fenstern, und das Mondlicht, das hindurchfiel, mischte sich mit dem Schein der Kerze, die auf dem Tische stand. Das schöne Weib saß unbeweglich mit gestütztem Haupte. Da öffnete sich die Tür, und Gaspard der Rabe trat herein. »So kommst du endlich?« sprach sie und warf ihre müden Augen auf ihn.

»Wohl, Herrin.«

»Dein Kopf hat sich verrechnet«, sprach sie wieder. »Dein Herr schlief unter einem Dache mit mir; doch fern, in einer Bodenkammer; er hat das Edelwild verschmäht, das seiner wartete.«

»Ich weiß das, Herrin«, antwortete der Schreiber; »er hat das Raubtier nicht erjagen können; es wird ihm nur die Wildkatz vor seinen Augen noch gesprungen sein.«

»Laß deine Narreteidung!« sprach Frau Wulfhild finster. »Ich sagte dir einstmals, ich sei keine Henne; nun willst du mich gar reuen lassen, daß ich keine Wildkatz sei! – Ich fürchte wohl, hier ist ein ander Tier im Spiel!«

»Was sagt Ihr, Herrin?« und Gaspard richtete seine spitzen Ohren auf.

»Sieh meine Hand, Gaspard – und fühl sie auch!« rief Frau Wulfhild und legte ihre weiße Hand auf seine gelbe Wange. – »Nun, schauderst du noch nicht?«

»Nein, Fraue, lasset sie nur immer liegen!«

Aber sie nahm sie fort. »Dann«, sprach sie, »stößt nicht meine Hand ihn fort; dann ist es eine andre, die ihn zu sich zieht!«

»Sprecht weiter, Herrin! Mein Witz ist nicht so fein wie Frauensinn.«

»Du sahst doch«, sprach sie, »wie er gestern auf dem Weg mir seine Hand entriß! Es tat nicht sanft; aber vorhin in der Dämmerung, er wollte fort, der Wildkatz wegen, als ich nach seiner Hand griff –«

Sie war aufgestanden und ging mit starken Schritten durch das Zimmer. »Sieh her!« rief sie und streckte ihm ihre linke Hand entgegen: »Der Blutriß ist von seinem Ehering! Ich hatte, mein' ich, genug der Wunden aus meinem ersten Ehebund!« Sie warf den Kopf zurück und begann mit geschlossenen Fäusten wieder auf und ab zu schreiten.

Gaspard sah dem eine Weile zu; dann sprach er: »Und, Herrin, wie dien ich Euch?«

Da stand sie still und sah auf ihn herab; sie mußte erst der Frage nachsinnen. »Er wird auch heut nicht zu mir kommen«, sprach sie heimlich, doch ihre Stimme bebte vor Zorn; »er wird auf seine Bodenkammer schleichen und im Traum mit seinem Luftbild buhlen; aber du weißt es, Gaspard, der Mann, so stolz und wild er ist – er ist ein Kind; nimm ihm sein Spielzeug, und er vergißt es! Und du – du sollst mir die Puppe suchen helfen!«

Gaspard blickte schief zu Boden und zog mit einem leisen Pfiff den Atem durch die Zähne. Dann hob er langsam seine Schnabelnase und sprach mit scharfem Lächeln: »Kopf und Hände sind nur meiner Herrin!«

 

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