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Ein Ehestands-Candidat oder Herr Fractin

Charles Paul de Kock: Ein Ehestands-Candidat oder Herr Fractin - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorPaul de Kock
titleEin Ehestands-Candidat oder Herr Fractin
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung
printrunDritte Auflage
year1862
translatorHeinrich Elsner
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081016
projectidc6652102
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Neuntes Kapitel.

Herr Fractin.

Girardière hatte die ganze Nacht von Fräulein Augustine geträumt. Ihr Bild kam ihm nicht aus dem Sinne.

Am folgenden Tage wollte er in der Vorstadt Saint-Jaques spazieren gehen. Er wollte zwar nicht wagen, bei Frau Gerbois seine Aufwartung zu machen, eine so große Aufdringlichkeit hätte lächerlich scheinen können; allein er wollte das Haus, welches die hübsche Näherin in sich schloß, betrachten, er wollte die Luft, welche sie einathmete, auch einathmen! Die Liebenden halten, wie Sie wissen, sehr viel auf so Etwas.

Das Haus, in welchem diese Damen wohnten, war weder schön noch neu, der Eingang lang und etwas dunkel, auch mangelte es an einem Portier, was für Jemand, der gerne Erkundigungen einziehen wollte, sehr widerlich war. Nachdem Girardière in dem untern Hausgang einige Zeit auf- und abgegangen war, ging er bis an die Treppe, deren Geländer, von massiven, plump geschnitzten Holzstäben, modernen Baumeistern keine Ehre gemacht hätte. Er wagte in die Höhe zu schauen und zog die Nase hinauf, als er einen Fuß auf den ersten Tritt setzte.

In diesem Augenblicke ließ eine alte Frau vom ersten Stockwerk, welche ihre Strohmatte über das Geländer der Treppe ausschüttelte, eine Staubwolke und eine Menge Strohhälmchen Girardière in die Augen fallen, was ihn zum Rückzug nöthigte, wobei er die Augen ausreibend zu sich sagte: »Ich habe mich für heute mit den Oertlichkeiten hinlänglich bekannt gemacht, morgen werde ich zurückkehren und der Frau Gerbois meine Aufwartung machen.«

Am folgenden Tage machte unser Hagestolz sorgfältig seine Toilette und begab sich sofort auf den Weg nach der Vorstadt Saint-Jaques.

Er kannte zwar das Wohnhaus der Damen, die er besuchen wollte, sehr gut, aber er wußte nicht, in welchem Stock sie logirten. Girardière stieg eine schwarze schmutzige Treppe hinauf und klopfte an eine Thüre im zweiten Stockwerk.

Eine alte Frau in einem Kamisol, den Kopf in wenigstens vier Halstücher eingewickelt, öffnete Girardière, welcher nach der Frau Rentnerin Gerbois, die eine Nichte habe, fragte. »Hier wohnt sie nicht.«– Doch, sie wohnt in diesem Haus. – »Was treibt denn diese Dame?« – Was sie treibt? ich denke, sie treibt nichts; sie hat aber eine Nichte, welche Näherin ist ... eine junge, sehr interessante, sehr hübsche Person. – »Ah! richtig ... demnach sind es wahrscheinlich meine Nachbarinnen im obern Stockwerk, die erst seit kurzer Zeit in Paris sind.« – Ganz richtig, sie sind vom Lande hierher gezogen. – »Das Zimmer der Nichte ist über dem meinigen, sie lärmt sogar ziemlich darin! ... ich weiß nicht, ob sie zu ihrem Vergnügen auf den Absätzen herumhüpft und tanzt, aber ich kann deßhalb oft nicht einschlafen. Uebrigens kann ich Ihnen nicht sagen, ob diese Damen liebenswürdig sind; ich habe sie bloß einmal um etwas Feuer gebeten, welches sie mir unter dem Vorwand, sie hätten keines, abschlugen. Man sieht wohl, daß sie das Pariser Leben nicht kennen, denn das war weder freundschaftlich, noch gefällig.«

Girardière bedankte sich und verließ die Nachbarin, welche zum Schwatzen sehr aufgelegt schien. Er ging die obere Stiege hinauf und klopfte an die Thüre. Man öffnete ihm nicht. Indessen hörte er ein Geräusch, als ob man einen Sessel von der Stelle rücke. In demselben Augenblick öffnete sich eine Thüre gegenüber und Frau Gerbois zeigte sich.

»Ich bitte sehr um Verzeihung,« sagte Girardière, »ich war der Meinung, ich klopfe bei Ihnen an. Man hatte mir diese Thüre bezeichnet.« – Nein, die Thüre an der Sie klopften, geht in das Zimmer meiner Nichte: wir sind durch den Hausgang getrennt, das ist sehr unangenehm, allein was ist in Paris anders zu thun; man richtet sich ein, wie man kann, wenn man die Mittel für eine theure Miethe nicht besitzt. Bemühen Sie sich doch, einzutreten.« Girardière folgte der alten Frau, welche ihn sehr gut empfing und in ihre Wohnung, bestehend in einem ziemlich schönen Zimmer und einer kleinen Küche, einführte.

»Da sehen Sie mein ganzes Gelaß; meine Nichte hat auch noch ein Zimmer, worin sie sich aber selten aufhält, weil sie mir fast immer Gesellschaft leistet. Wir sind nicht reich und wollen keine Schulden machen, müssen daher vorsichtig zu Werke gehen. Uebrigens kommen keine Besuche zu uns; höchstens einige Freundinnen meiner Nichte, die das Nähen lernen, und ein Kunsttischler, der in dieser Straße ansäßig ist, und sich manchmal Abends bei uns einfindet. Das ist unsere ganze Gesellschaft, die äußerst klein ist.«

Girardière sah sich überall nach Fräulein Augustine um, bemerkte sie aber nirgends.

»Meine Nichte ist ausgegangen,« sagte Frau Gerbois, »um bei einer Dame, welche sie sehr liebt, eine neue Kleidermode zu lernen; sie wird sich aber nicht lange aufhalten.« – Ich glaubte, sie sei in ihrem Zimmer,« entgegnete Girardière. – »Nein, sie ist ausgegangen.«

Girardière unterhielt sich unterdessen mit der Tante. Zudem kam ihm diese Gelegenheit sehr erwünscht, von sich und von seinem Vermögen zu reden. Aus Furcht, für einen Lügner gehalten zu werden, trug er immer seine Quittungen für Hauszins und seine Feuerversicherungspolice bei sich. Allein die Frau schien in seine Angaben durchaus keinen Zweifel zusetzen, und theilte selbst ihrem neuen Bekannten Näheres über ihre Familie und ihr Vermögen mit. Die Tante besaß bloß eintausendvierhundert Franken Einkünfte, von denen sie mit ihrer Nichte leben mußte, bis die letztere so viel Geschicklichkeit erlangt hatte, daß sie ihr Brod verdienen konnte.

»Oder bis sie sich verheirathet,« fügte Girardière lächelnd hinzu.

»O! heirathet man auch junge Mädchen ohne Vermögen? Das wäre ein glücklicher Zufall, wenn meine Nichte einem rechtschaffenen Mann begegnen würde, der ihr Glück begründen wollte.« Girardière wagte nicht, sich zu erklären, aus Furcht, er möchte zu weit gehen; er murmelte bloß: »Es wird sich einer zeigen, zweifeln Sie nicht daran.«

Fräulein Augustine kommt: sie lächelte liebenswürdig gegen Girardière, der darüber ganz entzückt war. Er schwatzte lange mit diesen Damen; endlich entfernte er sich, weil er beim ersten Besuch nicht unbescheiden sein wollte, bat jedoch Frau Gerbois um die Erlaubniß, manchmal den Abend bei ihnen zubringen zu dürfen. Die alte Tante versicherte ihn, daß sie und ihre Nichte über seinen Besuch immer erfreut sein würden.

Girardière entfernte sich äußerst vergnügt. Im Hausgang hielt er vor der Thüre der Nichte und sang: »Hier athmet Rosa!«

Indem glaubte er ein Geräusch in jenem Zimmer zu hören: er lauschte, es hörte auf; er dachte, er könne sich getäuscht haben, und ging die Treppe hinunter, indem er sich die Hände rieb und zu sich sagte: »Das geht gut ... das sind rechtschaffene Leute! darauf sehe ich vor Allem. Denn wenn ich ein armes Mädchen heirathe, so will ich wenigstens ihrer Tugend versichert sein! ... O! diesmal glaube ich, habe ich das rechte Frauenzimmer gefunden. Ich habe Mühe gehabt ... doch ist es mir am Ende gelungen!« Girardière kam freudetrunken nach Haus, umarmte seine alte Mutter und sagte zu ihr: »Freuen Sie sich: bald wird Ihnen eine Schwiegertochter Gesellschaft leisten! ... sie wird Ihnen die Pantoffeln hinrichten, das Feuer anblasen ... kurz, sie wird für Sie äußerst besorgt sein.«

»Wirklich, mein Söhnchen?« erwiderte das gute Mütterchen, welches bereits kindisch war; »aber Du bist, wie es mir scheint, zum Heirathen noch zu jung.«

Girardière hielt es nicht für nöthig, mit seiner Mutter über seine Volljährigkeit zu streiten, sondern stellte sich vor einen Spiegel und ärgerte sich ob seiner weißen Haare fast zu Tode.

Am folgenden Tage nach dem Mittagessen unterließ es Theophilus nicht, sich zu Frau Gerbois zu begeben. Ein junges Frauenzimmer und ein Herr saßen neben Fräulein Augustine.

Der Herr sah wie ein Gänserich aus. Er verlängerte die Nase und verzog den Mund, wenn er sprechen wollte, allein er begnügte sich fast immer mit Zuhören. Er war von mittlerem Alter, hieß Herr Trubert, und war, wie Girardière bald erfuhr, der Tischler, welcher in der Gegend wohnte, und von dem er schon gehört hatte.

Die Mamsell war jung, hübsch, und sah sehr aufgeweckt aus: es war eine Nähterin und Freundin der Fräulein Augustine.

Girardière wurde auf das Beste empfangen; seine Ankunft schien eben so sehr die Nichte, wie die Tante zu erfreuen, und da die Gewißheit, daß man angenehm ist, muthig und kühn macht, so fing Girardière an zu plaudern und zu erzählen, kurz, er führte das Wort, denn die Damen schienen ihn mit Bewunderung anzuhören, und der Tischler war zu schüchtern, als daß er ihn zu unterbrechen oder ihm sogar nur zu antworten sich erlaubt hätte.

Der Abend ging schnell vorüber. Er kam Girardière sehr kurz vor; man ist immer gerne in einem Hause, wo man wie ein Orakel angehört wird. Unser Hagestolz entfernte sich, über die Wirkung, welche er hervorgebracht hatte, äußerst entzückt. Der Tischler ging mit ihm fort und verließ ihn unterwegs, indem er sehr ehrfurchtsvoll zu ihm sagte: »Ich habe die Ehre, Ihnen gute Nacht zu wünschen.« Das war die längste Phrase, welche er während des ganzen Abends gesprochen hatte, und bei der er noch drei Mal absetzte.

Am nächsten Abend besuchte Girardière abermals Frau Gerbois, ebenso an dem darauf folgenden Tag. Vierzehn Tage lang kam er so alle Abende zu seinen neuen Bekannten, welche sich so sehr an ihn gewöhnt hatten, daß sie sich beunruhigten, wenn er um sieben Uhr Abends nicht schon da war.

Die Gesellschaft dieser Damen war fast immer dieselbe, und bestand nur aus der jungen Nähterin und dem Tischler; wenn der Letztere nach seinem Eintritt gegrüßt und sich nach der Gesundheit eines Jeden erkundigt hatte, öffnete er den Mund nicht mehr, bis er gute Nacht wünschte. Girardière sagte zu sich: »Wenn Herr Trubert Frau Gerbois besucht, um Mamsell Augustine zu sehen, so ist er gewiß kein gefährlicher Nebenbuhler. Er sieht dumm aus, und kommt mir auch sonst durchaus nicht verliebt vor.«

Girardière hatte bereits einige zweideutige Worte über seine Heirathsabsichten entwischen lassen; er hatte von Weitem darauf angespielt, daß er eine Frau suche und auf kein Vermögen sehe. Die Tante hatte ihm zärtlich zugelächelt, die Nichte ihn von der Seite angesehen und einen tiefen Seufzer ausgestoßen.

Girardière entfernte sich, immer die Hände reibend, und sagte zu sich: »Das geht sehr gut ... Ich gefalle; man gibt es mir hinlänglich zu verstehen ... endlich habe ich eine Frau gefunden! Gott Lob und Dank! Ich werde nun bestimmt heirathen.«

Aber an einem Abend hörte Girardière, während er mit der alten Tante plauderte, was hinter ihm Augustine und ihre Freundin zu einander sagten. Obwohl die jungen Mädchen leise sprachen, vernahm Girardière doch folgende Worte sehr gut:

»Ei, Augustine, wie benimmt sich Herr Fractin gegen Dich?« – O! sehr gut! Er ist sehr liebenswürdig! –»Nicht wahr, Du liebst ihn immer?« – Ob ich ihn liebe? O! bis zum Wahnsinn. – »Ich habe ihn schon lange nicht mehr gesehen.« – In meinem Zimmer kannst Du ihn sehen; er ist fast immer dort, weil ihn meine Tante nicht liebt.«

Weiter sprachen die jungen Mädchen nicht davon; allein das Gehörte hat Girardière schon den Kopf verrückt. Ein Schauder drang ihm vom Kopf bis zu den Füßen, das Blut schlug ihm ins Gesicht, er wurde puderroth, und wußte nicht mehr, was er sagte, so daß Frau Gerbois ihn fragte, ob er sich unwohl befinde, ab man Etwas holen solle?

»Nein, mir fehlt nichts, gar nichts,« erwiderte Girardière, indem er seine Verwirrung zu verbergen suchte; er warf einen Blick auf Augustine, allein das junge Mädchen sah auf ihre Arbeit, und schien bloß mit ihrem Nähen beschäftigt.

Den ganzen Abend war Girardière zerstreut, befangen, nichts weniger als gesprächig, belauerte die geringsten Bewegungen Augustinens, lauschte wenn sie mit ihrer Freundin sprach; kurz, er empfand schon alle Bangigkeiten der Eifersucht, und war äußerst unglücklich.

Er entfernte sich bälder als gewöhnlich, dachte, sobald er allein war, über das Gespräch, das er vernommen hatte, nach, und sagte: »Was ist denn das für ein Fractin? Augustine hat immer gesagt, sie liebe ihn, sie sei in ihn vernarrt! ... O, die Heimtückische! das hätte ich nie von diesem jungen Mädchen geglaubt, welches so naiv, so offenherzig aussieht! ... Wem darf man denn gegenwärtig noch trauen! Das Strafbare dieser Verbindung lassen mich ihre letzten Worte vermuthen: »Er kommt fast immer in mein Zimmer, weil ihn meine Tante nicht liebt! ...« das scheint wirklich der Fall. Die Tante liebt diesen Herrn nicht, sie wird ihm den Zutritt zu ihr verboten haben, und nun geht er zu ihrer Nichte! Dann in der That habe ich diesen Herrn Fractin nie bei Frau Gerbois getroffen! Das beunruhigt mich sehr ... man empfängt mich gut, man stellt sich entzückt, wenn ich vom Heirathen rede. Sollte irgend ein verbrecherischer Liebeshandel, irgend ein strafbares früheres Verhältniß vor mir verborgen bleiben! Im Augenblick möchte ich freilich eine Frau, allein ich will nicht betrogen werden ... O! ich werde das Wahre erfahren, ich werde all' dies aufklären!«

Girardière hatte eine sehr unruhigst Nacht; er erinnerte sich noch sehr lebhaft, wie Fräulein Augustine bei dem Speisewirth während des Lerchenessens einen Seufzer ausgestoßen und gesagt hatte: ,»Ach, wenn Herr Fractin da wäre! er, der die Lerchen so sehr liebt!«' ... Mit diesem Fractin beschäftigt sie sich also immer viel, an ihn denkt sie unaufhörlich. O treulose Augustine!«

Girardière wendete und drehte sich im Bett herum, und begann nach einem Augenblick auf's Neue: »Und der Lärm, den ich mehrmals in dem Zimmer der Nichte gehört habe, wenn die Tante glaubte sie sei ausgegangen, ohne Zweifel befand sie sich dann mit diesem Herr Fractin darin ... O die Frauen! o die jungen Mädchen! ... Meine liebe Mutter hat mich mit Recht ermahnt, ich solle mich nicht übereilen ... wenn ich meinem ersten Gefühle Gehör geschenkt hätte, so würde ich bereits um diese Kleine angehalten haben. Ich wäre nun ihr Gemahl ... und sie würde mich nicht lieben, sie würde mich verrathen ... doch will ich als heimlicher Beobachter mir noch Beweise von der Treulosigkeit Augustinens zu verschaffen suchen.«

Mit Anbruch des Abends kehrte Girardière in die Vorstadt Saint-Jaques zurück, mit dem festen Vorsatz, nichts merken zu lassen und seinen Argwohn zu verheimlichen.

Die gewöhnliche Gesellschaft war bei Frau Gerbois versammelt. Herr Trubert sprach nicht mehr als sonst, dagegen flüsterten die zwei jungen Mädchen sich öfters in's Ohr. Unglücklicher Weise konnte Theophilus ihre Worte nicht auffassen; doch der Name Fractin hatte abermals sein Ohr erschüttert, und Fräulein Augustine brach mehr als einmal in ein Gelächter aus, was unser Hagestolz für sehr unanständig hielt.

Frau Gerbois, welche neben Girardière saß, hatte das Gespräch auf das Heirathen geführt und mehrmals gesagt: »Ich würde sehr vergnügt sein, meine Nichte verheirathet zu sehen.«

Sofort hielt sie inne, sah Girardière an, als ob sie eine Antwort erwarte; dieser dagegen fing immer ein anderes Gespräch an, und that, als ob er es nicht verstehe, worüber die alte Frau sich sehr wunderte.

Es war Zeit, sich zurückzuziehen. Girardière sagte in einem etwas feierlichen Tone: »Gute Nacht, meine Damen!« und verließ mit den Andern, welche auf der Straße sich von ihm trennten, das Haus. Girardière stellte sich, als ob er seines Weges nach Hause fortgehe, blieb aber bald stehen und sprach zu sich: »Jedermann ist fortgegangen, Augustine muß sich nun von dem Zimmer ihrer Tante in das ihrige zurückgezogen haben; wer weiß, ob sie nicht diesen Augenblick zum Empfange ihres Herrn Fractin wählte! ... Wenn ich mich dessen versichern könnte ... Warum nicht? im Hause befindet sich kein Portier, die Thüre zum Hausflur kann man mittelst einer geheimen Feder, von der ich weiß, öffnen. Folglich kann ich mich zu jeder Stunde der Nacht, ohne daß man es merkt, in das Haus hineinschleichen. Wenn Alles sich schlafen gelegt hat, so werde ich in's Haus zurückkehren, die Stiege ganz still hinaufgehen und mein Ohr an die Thüre von Augustinens Zimmer hinhalten. Wenn Jemand bei ihr ist, so muß ich es gewiß hören.«

Girardière, vergnügt über seinen Einfall, ging drei Viertelstunden lang in der Straße auf und ab; als er dachte, er werde nun auf der Stiege Niemand mehr begegnen, näherte er sich der Wohnung der Frau Gerbois.

Alles war ruhig in der Straße, die Laternen warfen nur ein schwaches Licht (denn das Gas war noch nicht in dieses Viertel gedrungen). Girardière schlich sich an der Mauer fort, indem er immer hinter sich schaute; er erreichte die Hausthüre, drückte die Feder auf und trat stille in's Haus ein.

Das Herz schlug ihm, wie wenn er einen bösen Streich ausführen wollte, und er sagte zu sich: »Mit Recht vergleicht man einen Verliebten mit einem Dieb ... Wenn man mich in diesem Augenblick aufgriffe, so würde man mich gewiß für einen Dieb halten, sogar für einen schlimmen Dieb! Beim Teufel! wenn ein Hausbewohner auf der Stiege mir begegnete, mir abpaßte und mich fragte, was ich hier zu thun habe ... Und all' das wegen gar nichts ... ich sollte mich fortmachen ... doch nein! ich muß meinen Argwohn aufklären; ich muß wissen, ob ich Augustine heirathen kann. Wenn ich diese Nacht nichts höre, so werde ich von Morgen an sie wieder besuchen, und wenn ich nach vierzehn Tagen nichts Verdächtiges mehr vernommen, so werde ich ihr meine Liebe auf's Neue schenken.«

Girardière geht der Stiege zu, tritt sehr vorsichtig hinauf, um kein Geräusch zu machen, halt sogar den Athem zurück, so sehr fürchtet er, es mochte sich eine Thüre vor ihm öffnen.

Endlich kommt er im dritten Stock an; schon im Hinaufgehen betrachtet er von unten die Thüre von Augustinens Zimmer. Es ist kein Licht darin, sie ist also schon im Bett oder noch bei ihrer Tante; er nähert sich, halt sein Ohr an die Thüre, und da ihm Alles stille scheint, so will er sich zurückziehen, als auf einmal eine ihm sehr bekannte Stimme in seine Ohren dringt; es ist die Augustinens. Er unterscheidet folgende Worte sehr gut: »Nun, Herr Fractin, Du willst nicht zu mir kommen? ... wohlan ... komm doch Bösewicht! ... Muß ich Dich holen?«

»O! die Treulose! o! die Unwürdige!« murmelt Girardière, indem er seine Stirne an dem Schlüsselloche aufritzt, »sie will ihren Geliebten bei sich haben, er ist bei ihr, dieser Fractin, mein ehrloser Nebenbuhler, er ist Nachts in ihrem Zimmer!«

Girardière erstickt beinahe; indessen holt er Athem und paßt immer auf. Bald hört er etwas Neues, was sein Herz noch schmerzlicher zerreißt! er vernimmt zärtlich wiederholte Küsse; jetzt kann er sich nicht mehr halten, entfernt sich von der Thüre, tappt im Dunkeln nach dem Stiegengeländer und geht schnell hinunter, indem er zu sich sagt: »Ich habe genug ... übergenug ... ich will nichts weiter vernehmen ... Dank der Vorsehung für den Einfall, an der Thüre zu lauschen ... Ich hätte dieses junge Mädchen geheirathet! ... ich hätte sie mit dem innigsten Vertrauen genommen, wenn ich nicht gehört hätte, was sie ihrer Freundin gesagt ... Dank dem Himmel! ... Lebewohl, Vorstadt Saint-Jacques! man wird mich dort lange nicht mehr sehen.«

Girardière ging zum Hause hinaus, dessen Thüre er ziemlich stark und nicht ohne Geräusch wieder schloß. Mit großen Schritten durchlief er die Straßen und sprach auf dem ganzen Wege laut mit sich selbst. Er ließ seiner Wuth freien Lauf, verfluchte die Frauen, verfluchte die jungen Mädchen, und rannte in die Gosse hinein, obwohl er, da es sehr spät war, ganz wohl in der Mitte der Straße hätte bleiben können.

Einen ganzen Monat lang ging Girardière nicht aus dem Hause. Wenn seine alte Mutter ihn wegen des Frauenzimmers, das er heirathen wollte, fragte, verließ er sie schnell mit den Worten: »Reden Sie mir nicht mehr vom Heirathen, weder von Frauen, noch von Jungfrauen ... o die Frauen! ich kann sie nicht schmecken.«

Indessen dachte Girardière trotz seiner Aeußerung, er könne die Frauenzimmer nicht schmecken, Tag und Nacht an Augustinen, deren Treulosigkeit er verfluchte und sagte zu sich: »Wie schade! dieses junge Mädchen entsprach ganz meiner Anforderung ... arbeitsam, gar nicht gefallsüchtig, wenigstens ließ sie sich es nicht anmerken ... und, was ich noch für das Unwürdigste von ihrer Seite halte, ist, daß sie sich stellte, als ob sie mich liebe! Warum behandelte sie denn mich so liebreich, da sie doch insgeheim ihren Herrn Fractin anbetet!«

Nach Verfluß eines Monats konnte Girardière seinem Verlangen nicht mehr widerstehen, zu erfahren, was die Frau Gerbois und ihre Nichte von ihm dächten und was sie trieben, da sie jedenfalls sehr staunen müßten, ihn, der ihnen fast alle Abende Gesellschaft leistete, nicht mehr zu sehen.

»Was hindert mich, ihnen einen Besuch abzustatten,« sagte Girardière, »überdies ... was habe ich zu befürchten! da ich nun die Schliche Augustinens mit Herrn Fractin kenne, so wird mich dieses kleine Mädchen nicht mehr in ihre Schlinge ziehen, und da ich mich nie bestimmt erklärt habe, so kann man mir auch keinen Vorwurf machen. Wohlan, vorwärts, zu diesen Damen! Beim Henker! ich werde mich nicht wenig ergötzen an dem Aerger dieses Mädchens, dem ich den Hof nicht mehr machen werde. Ich werfe ihr einige anspielende Worte hin ... und werde mich an ihrer Verlegenheit ordentlich weiden.«

Girardière, erfreut überfeinen Einfall, machte seine Toilette und stieg in einen Wagen, der ihn nach der Vorstadt Saint-Jacques führte.

Um die Mittagsstunde tritt unser Ehestands-Candidat in das Haus, dem er ein ewiges Lebewohl gesagt hatte. Das Herz klopft ihm, als er die Stiege hinaufgeht, es klopft noch stärker im Vorbeigehen an jener Thüre, wo er Geheimnisse belauschte, welche alle seine Pläne geändert haben; endlich faßt er ein Herz und läutet bei der Frau Gerbois.

Augustine öffnet ihm. Sie ist zierlicher als gewöhnlich angekleidet. Die Nähterin, ihre Freundin, Herr Trubert der Tischler, so wie vier andere Personen sind anwesend. Die Herren sind schwarz gekleidet, die Damen in Gala.

Beim Anblick Girardière's ruft Augustine aus: »Ah! Sie sind es ... mein Gott! ... so lange haben Sie uns im Stiche gelassen ... welch' Wunder, Sie wieder zu sehen! ... meine Tante wird sogleich kommen, sie ist im anstoßenden Zimmer ... kommen Sie doch herein ...«

Girardière tritt ein und sucht den Beweggrund dieser Zusammenkunft bei der Frau Gerbois zu errathen. Während er sich verbeugt und einen Sessel nimmt, hebt Augustine eine dicke, röthliche Katze, die eben durch das Zimmer sprang, in ihre Arme auf, umarmt sie zärtlich und trägt sie zu Girardière hin mit den Worten: »Ich stelle Ihnen Herrn Fractin vor ... das ist der große Unverschämte ... Sie lernten ihn noch nicht kennen, denn er ist fast immer in meinem Zimmer, weil meine Tante keine große Liebhaberin von Katzen ist ... aber heute ... an diesem festlichen Tag, habe ich die Erlaubniß zu seinem Eintritt erhalten ... nun, Herr Fractin, mach' einen Purzelbaum!«

Während des Gesprächs des jungen Mädchens nimmt Herr Girardière alle Farben an, ein kalter Schweiß fließt von seiner Stirne, seine Brille fällt ihm von der Nase herunter; endlich stammelt er, den Blick auf Augustine heftend: »Wie, Fräulein ... diese Katze ... ist Herr Fractin! ... Herr Fractin ist eine Katze? ...« – Ja, gewiß, was ist daran Außerordentliches?«

Girardière schlägt sich vor die Stirne, steht auf, ohne daß er sich die Zeit nimmt, seine Brille wieder aufzusetzen; läuft mitten durch die Stube, stößt die Nase an einen Schrank, wirft zwei Sessel um, und kommt endlich in das Zimmer, wo Frau Gerbois ist, der er von Weitem, ehe er sie wahrnimmt, zuruft: »Frau Gerbois! ich komme, Sie um die Hand Ihrer Nichte zu bitten ... ich will mich verheirathen ... ich verzichte auf die Thorheiten des Hagestolzenlebens ... ich bete Fräulein Augustine an ... Verehelichen Sie uns gefälligst in aller Eile ... ich habe tausend Thaler Renten ... ich verlange kein Heirathsgut.«

Die ganze Gesellschaft staunt über das ungestüme Hinausstürzen dieses Herrn, welcher in der Absicht, um ein junges Mädchen anzuhalten, Alles durcheinanderwirft; allein Frau Gerbois antwortet Girardière ganz ruhig: »Ihr Antrag kann uns nur Ehre machen, und wenn Sie ihn früher gestellt hätten, so wären Sie jetzt der Gatte meiner Nichte; allein Sie haben plötzlich Ihre Besuche bei uns abgebrochen, ohne uns einen Grund Ihrer Abwesenheit mitzutheilen. Während dieser Zeit hat sich Herr Trubert erklärt und um Augustine angehalten. Herr Trubert ist ein braver, rechtschaffener Mann, und wir hatten keinen Grund, ihn abzuweisen ...«

Hier verbeugt sich Herr Trubert tief vor der ganzen Gesellschaft, worauf Frau Gerbois fortfährt: »Ich habe eingewilligt, und eben sind wir im Begriffe, auf das Rathhaus zu gehen ... Es ist Zeit aufzubrechen; wohlan, meine Herren und Damen, lassen Sie uns fortgehen, damit der Herr Maire nicht auf uns warten darf ... Auf Wiedersehen, Herr Girardière; meine Nichte wird sich in dieser Straße niederlassen. Wenn Sie eine Tabaksdose brauchen, schenken Sie uns Ihre Kundschaft.«

Girardière ist so niedergeschlagen, daß er außer Stand ist, nur ein einziges Wort zu antworten. Indessen geht die Gesellschaft hinaus, der er folgen muß; man verabschiedet sich von ihm, und er befindet sich bald allein im Hausgange.

In der Verzweiflung rennt er mit dem Kopf gegen die Wand, reißt seine paar Haare vollends heraus und kommt endlich mit einem Fieber nach Hause zurück. Als seine alte Mutter ihn fragt, was ihm fehle, erwidert er bloß mit einem äußerst sauren Gesicht: »Eine Katze war's ... Mutter! ... eine Katze! ... was ist das 'auch für ein Einfall, eine Katze Herrn Fractin zu nennen! ... ach! ich bin der unglücklichste Mensch auf der Welt! Einst war es ein Hund, wegen dessen ich die Hand des Fräuleins Grandvillain nicht erhielt, heute ist eine Katze an dem Verluste Augustinus Schuld. Diese Thiere haben mich zum ehelosen Leben verdammt!«

Girardière fiel in eine heftige Krankheit, während welcher er nur von Hunden und Katzen träumte. Er genas zwar wieder, blieb aber traurig, niedergeschlagen und untröstlich. Der Anblick eines Hundes oder einer Katze verursachte ihm jedesmal Krämpfe.

Er starb als Hagestolz in den Armen seiner alten Mutter, welche stets noch zu ihm sagte: »Sei ruhig, mein Söhnchen, du wirst mehr Frauen finden, als Dir nur lieb ist!«

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